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Aus dieser allzu großen Ferne von Andreas Lehmann

Text des Monats Oktober 2017 (Thema: Erste Sätze)

Autor/in:

Der erste Satz: «Wattenhofer kippt die Rückenlehne seines Bürostuhls nach hinten und legt den Kopf in den Nacken.» (Lorenz Langenegger, Dorffrieden, Jung & Jung Verlag)

 

Aus dieser allzu großen Ferne

Wattenhofer kippt die Rückenlehne seines Bürostuhls nach hinten und legt den Kopf in den Nacken. Er hat die Augen geschlossen, scheint nicht zu merken, dass Farnbach schon seit einer Weile in der offenen Tür steht. Wenn er jetzt nichts sagt, sich nicht bemerkbar macht, verpasst er den Zeitpunkt und muss sich davonschleichen; und wenn er dabei ertappt wird, muss er etwas erklären, das gar nicht geschehen ist. Er wird rot anlaufen, erst schweigen, dann stottern, sich in unausgesprochenen Widersprüchen verfangen und sichtbar ins Schwitzen geraten. Er wird–

«Herr Kollege?» Wattenhofer sitzt aufrecht da und lächelt Farnbach an. «Kann ich etwas für Sie tun?»

Farnbach tritt in das Büro, lächelt ebenfalls und sieht sich um, als suchte er nach Anneke. Seit fast einem halben Jahr ist sie schon nicht mehr hier, aber es hat erstaunlich lange gedauert, ihre Stelle neu zu besetzen, und erst seit Wattenhofer den Platz eingenommen hat, ist ihre Abwesenheit für ihn ganz real geworden. Entgegen seinen Beteuerungen hat er sich bislang kein einziges Mal bei ihr gemeldet. Er weiss nicht, ob sie etwas Neues gefunden hat, vielleicht schon umgezogen ist, fort, in eine ganz andere Gegend. In der Firma spricht niemand mehr über sie; seit Wattenhofer da ist, ist er das bestimmende Thema aller Gespräche. Er ist still, ohne schüchtern zu wirken, sieht sehr viel jünger aus, als er ist, jungenhaft sogar, und obwohl er angeblich lange arbeitslos war, ist er bei allem auf dem neuesten Stand. Digitaldruck, die aktuellen Papierpreise, individuelles Customizing, das bis vor wenigen Jahren noch undenkbar und das heisst: unbezahlbar gewesen wäre. Manche sagen, er habe eine schwerkranke Frau, dabei trägt er keinen Ehering.

«Herr Farnbach?»

«Aber ja, ich wollte nur … Vielleicht haben Sie Lust, etwas essen zu gehen. In der Pause gleich, ich würde mich freuen, wenn Sie–»

«Danke», unterbricht ihn Wattenhofer. «Das ist nett, aber ich muss in die Stadt. Ein paar Besorgungen machen. Vielen Dank nochmal.» Er wendet sich der Arbeit auf seinem Schreibtisch zu. Die Rückenlehne ist noch zurückgestellt und bildet mit dem durchgedrückten Rücken ein seltsam akkurates, nach oben offenes Dreieck.

«Alles klar. Na dann», sagt Farnbach, geht rückwärts bis zur Tür und rasch wieder in sein Büro. Huber meint, sie sollten enger zusammenarbeiten, sich mehr abstimmen oder jedenfalls austauschen über alles, das anfällt. Aber das ist gar nicht nötig. Sie arbeiten still und reibungslos nebeneinander her, ein jeder mit seinen Dingen beschäftigt, ohne den anderen zu behelligen. Im Grunde ist es die perfekte Harmonie: ein Duett aus zwei Schweigenden.

Bis zur Pause spielt er sich selbst nur noch vor, dass er arbeitet, dann nimmt er seine Jacke und geht hinaus. Er vertreibt sich die ewige Lust auf eine Zigarette mit einem Kaugummi; obwohl sein Magen knurrt, lässt ihn das stetige Kauen den Hunger nicht spüren. Doch er weiss, dass er etwas essen sollte, und geht in Richtung Supermarkt. Ein grosser Discounter, auf dessen Parkplatz meistens eine Bratwurst- oder Hähnchenbude steht. Aus dem ganzen Gewerbegebiet kommen die Leute mittags dorthin, stehen an den Plastiktischen, beissen in irgendetwas Fettiges, Überwürztes und schlürfen Kaffee aus Papp- oder Plastikbechern. Farnbach geht lustlos weiter, an dem Zaun eines Speditionsgeländes entlang, als er plötzlich Wattenhofer vor sich sieht. Sofort bleibt er stehen, hält auch im Kauen inne. Er weiss nicht, ob Wattenhofer ihn gesehen hat, aber wenn, dann gibt er das nicht zu erkennen. Er trägt sein Jackett, darüber einen leichten Mantel, hat beide Hände in den Hosentaschen. Er geht rasch, mit gesenktem Kopf, und wirkt zielstrebig; in die Stadt aber führt ihn dieser Weg bestimmt nicht.

Farnbach sagt sich, dass er nicht neugierig, sondern besorgt sei, und geht langsam weiter. Er behält Wattenhofer im Blick, versucht dabei selbst, unbemerkt zu bleiben. Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was die Kollegen vermuten, dann hat Wattenhofer schwer zu tragen: eine kranke Frau, vielleicht auch keine Frau, was bedeuten könnte, dass sie bereits gestorben ist. Jahre der Arbeitslosigkeit, die möglicherweise mit dem Schicksal seiner Frau zusammenhängen. Von zwei Kindern ist die Rede, manchmal sogar von dreien, wobei das eine irgendwo anders lebt; ob Wattenhofer noch Kontakt hat, ist unbekannt. Dass eines der Kinder schwer unter der Krankheit der Frau leidet, das andere sie aber gar nicht zur Kenntnis zu nehmen scheint, setzt Wattenhofer gleichermassen zu. Heisst es. Manche sagen, sie hätten schon einen eindeutigen Geruch wahrgenommen, wenn sie nach Wattenhofer auf der Toilette waren: Alkohol. Nicht Bier oder Wein, sondern reinen, entpersonalisierten Alkohol, wie nur schwere Trinker ihn ausdünsten. Farnbach denkt all diese Gedanken unwillig, so als zwinge man ihn, ein Dossier durchzublättern, das man ohne sein Wissen angelegt hat.

Wattenhofer biegt um die Ecke, will offenbar nicht zu dem Supermarkt. Er bückt sich, ohne anzuhalten, und schiebt seinen Körper geschickt zwischen zwei Sträuchern hindurch. Farnbach sieht ihn nicht mehr und beschleunigt seine Schritte; der Weg, den Wattenhofer eingeschlagen hat, führt zu den Bahngleisen. Er versucht sich an vorhin zu erinnern und fragt sich, ob er Alkoholgeruch wahrgenommen hat. Doch es gelingt ihm nicht, sich zurückzuversetzen; Benzingeruch und der Duft von Fritteusenfett vermischen sich miteinander, und sogar die Geräusche lenken Farnbach ab: das Quietschen irgendeiner schweren Metalltür, fernes Strassenrauschen und die Rufe eines auffliegenden Starenschwarms.

Wieder knurrt Farnbachs Magen, und er fragt sich, was zum Teufel er hier macht. Doch nach kurzem Zögern geht er weiter. Er schiebt die Büsche auseinander, steckt zuerst nur seinen Kopf hindurch und dann seinen ganzen Körper. In geringerer Entfernung, als er dachte, liegen die Gleise vor ihm, sofort blickt er nach links und nach rechts, um zu sehen, ob ein Zug kommt. Doch er sieht und hört nichts. Auch Wattenhofer ist nicht hier. Farnbach duckt sich und zieht den Kopf ein; er stellt sich plötzlich vor, er müsse erklären, was er hier zu suchen hat: Huber, den Kollegen, vielleicht sogar der Polizei. Er dreht sich um, will schon zurückgehen, da erspäht er eine Silhouette. Ein ganzes Stück die Gleise entlang, weiter weg, als Wattenhofer es in der kurzen Zeit geschafft haben kann, steht ein Mann. Er hat einen Mantel an, wendet Farnbach den Rücken zu – und er nimmt tiefe Züge aus einer Flasche. Farnbach wird übel, er spuckt den Kaugummi aus. Ein Beweisstück, denkt er; mit seinem Speichel, seiner DNA daran. Jetzt erst merkt er, wie hungrig er tatsächlich ist, doch bei dem Gedanken an eine Bratwurst wird ihm sofort wieder schlecht. Er schliesst die Augen, beisst sich auf die Lippen. Als er die Augen wieder öffnet, ist der Mann verschwunden. Farnbach sieht sich um, mit wachsender Hektik späht er in alle Richtungen. Ohne Erfolg.

Schliesslich gibt er auf und macht sich auf den Rückweg. Auf halber Strecke hört er einen Zug. Er bleibt stehen, dreht sich um und lauscht – und ist sich sicher, dass er das Kreischen von Bremsen hört, Metall, das sich in schmerzhaften Lauten an Metall reibt. Farnbach duckt sich weg und hält sich die Ohren zu. Er spürt, wie ihm Schweiss auf die Stirn tritt, und beginnt zugleich zu frösteln. Sekunden verharrt er in dieser Stellung, dann geht er wieder los, in Richtung Druckerei. Er geht immer schneller, erreicht die Firma fast im Laufschritt, verschwitzt wie nach einem langen Dauerlauf. «Mahlzeit», sagen drei Kollegen unisono, und er antwortet dasselbe und geht schnell in sein Büro, bevor sie ihm irgendwelche Fragen stellen können. Er schliesst die Tür und setzt sich, atmet schwer; minutenlang rührt er sich nicht, bevor er langsam seinen Arm hebt, die Hand auf die Maus legt und sich zögerlich seiner Arbeit zuwendet.

Am Nachmittag erst geht er zu Wattenhofers Büro hinüber. Die Tür steht offen, schon vom Flur aus hört er das rhythmische Klappern der Tastatur. Die Schreibtischlampe brennt, neben dem Bildschirm türmen sich Unterlagen, die vorhin noch nicht dort lagen. Alles ist viel unordentlicher jetzt, ein Chaos, wie es in zwei, drei Stunden kaum herzustellen ist. «Herr Wattenhofer, Sie – wie geht es Ihnen?»

Wattenhofer lacht, es ist eher ein Kichern. Seine Augen sind klar, der Blick ist spöttisch. «Danke der Nachfrage, Herr Kollege.»

«Haben Sie … alles erledigen können. In der Stadt, meine ich. Ihre Besorgungen.»

Wattenhofer legt seinen Kopf schräg, er sieht für einen Moment aus wie ein kleiner Junge. «Alles», sagt er und zwinkert Farnbach zu. «Alles erledigt. Was gibt es denn? »

«Schon gut», sagt Farnbach und hebt abwehrend die Hände. «Ich wollte nur mal hören.» Mit halb erhobenen Händen geht er hinaus. Erst als er wieder an seinem Schreibtisch sitzt, wird ihm bewusst, dass er erneut versäumt hat, auf den Geruch in Wattenhofers Büro zu achten.

Ab 16 Uhr beginnen sich die Büros zu leeren. Lichter gehen aus, auf dem Flur hört man Abschiedsworte und gute Wünsche zum Feierabend. Farnbach wartet ab, bleibt sitzen, bis alle gegangen sind. Er war früh hier, wie immer als einer der Ersten, obwohl er von Mainz fast eine Stunde braucht, und er hat sich schon vor langer Zeit abgewöhnt, unsinnige Überstunden anzuhäufen. Wattenhofer ist der einzige, den er nicht hat gehen sehen, und als Farnbach auf den Flur tritt, sieht er tatsächlich noch Licht aus seinem Büro kommen. Die Tür ist angelehnt, Farnbach klopft und öffnet dann, ohne eine Antwort abzuwarten. Sofort geht er nahe an Wattenhofers Schreibtisch heran und atmet tief ein: ein Parfüm oder Aftershave, frisch aufgetragen offenbar, und der Geruch von Zigarillo- oder Pfeifentabak. Die Kunststoffausdünstungen von seit Stunden laufendem Rechner und Drucker und ein Hauch von Schweiss. Aber kein Alkohol, nicht mal die Ahnung davon.

«Entschuldigung?»

Jetzt erst nimmt Farnbach den Kollegen in den Blick. Er telefoniert, hält den Hörer in der linken Hand und hat die rechte auf die Sprechmuschel gelegt. «Kann ich Ihnen helfen?“

«Oh, sorry», sagt Farnbach, «schon okay», und geht hinaus. Die Tür lässt er offen stehen und bleibt selbst ganz in der Nähe, ausser Sichtweite von Wattenhofer.

Der wartet offenbar, denkt, dass Farnbach sich entfernt hat, und spricht dann weiter. «Es tut mir Leid», sagt er, seine Stimme ganz weich, «ich muss wieder länger bleiben. Eine Stunde noch, vielleicht sogar zwei. Das wird bestimmt bald besser. Nein», sagt er, Farnbach glaubt, er könne ihn lächeln hören: «Fangt ruhig schon an, ich komme dann dazu. Ja. Ja, ist okay, bis später dann. Natürlich, mach ich. Ja, ich dich auch», sagt er, seine Stimme ganz aus Watte, und legt auf.

Farnbach schleicht zurück in sein Büro und tippt sinnlose Sätze in das geöffnete Dokument. Er weiss von keinen Projekten, die Wattenhofer Probleme bereiten. Keine anspruchsvollen Kunden, keine Lieferanten, die schwer zu händeln sind.

Und tatsächlich dauert es keine zehn Minuten, bis Wattenhofer geht. Er schliesst lautstark seine Tür, die Schritte kommen näher. Vor Farnbachs Büro hält er inne, einen Moment nur, dann geht er, ohne sich zu verabschieden.

Farnbach sitzt reglos da, hat plötzlich Angst. Er legt beide Hände flach auf die Schreibtischplatte, so als müsste er sich festhalten oder jeden Moment aufspringen. Doch nichts geschieht. Farnbach atmet ruhig, gleichmässig, und steht langsam auf. Er sieht nach allen Seiten, lauscht, aber von nirgendwo kommt ein Geräusch. Einzig das Summen seines eigenen Computers ist zu hören. Trotzdem schiebt er lautlos einen Fuss vor den anderen, sich immer wieder umblickend, und drückt die Klinke von Wattenhofers Bürotür so vorsichtig herunter wie ein Einbrecher. Er lässt die Tür offen stehen, macht aber kein Licht. Er setzt sich auf den Bürostuhl, die Rückenlehne ist weit nach hinten geklappt. Farnbach legt sich zurück, fühlt sich für einen Moment ungeheuer schwach; als weiche alle Kraft aus ihm und er könne sich nicht wieder erheben, ohne eine Stunde geschlafen zu haben. Doch er fängt sich wieder und öffnet die Schreibtischschubladen. Nur Stifte in der obersten und ein Lineal, in der mittleren liegt Schmierpapier, auf manchen der Seiten erkennt Farnbach die Handschrift von Anneke. Er fährt mit dem Zeigefinger über das Papier, ertastet die glatte, nur vom Kugelschreiber aufgeraute Oberfläche. Ihm hat sie nichts hinterlassen, nicht das kleinste Andenken. Als er die unterste Schublade öffnet, hört er das Geräusch, bevor er dessen Ursache erkennt: Zwei Flaschen liegen darin, stossen sachte gegeneinander. Farnbach hält inne, sein Herz schlägt etwas schneller. Auf leeren Magen, denkt er. Er beisst seine Zähne aufeinander, als er die Flaschen herausnimmt, mit jeder Hand eine. Beides sind Ginflaschen, Marken, die Farnbach nicht kennt, jeweils zur Hälfte gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Wieder zögert Farnbach, obwohl er weiss, was er tun wird. Er schraubt beide Verschlüsse ab, setzt erst die eine Flasche an, dann gleich die andere. Er schluckt, stutzt, wiederholt das Procedere. Sein Erstaunen wird noch grösser, wieder beschleunigt sein Puls, und beim dritten Mal nippt er nicht nur, sondern nimmt, die Augen fest geschlossen, tiefe Schlucke. Er schmeckt nichts: In beiden Flaschen ist reines Leitungswasser. Er riecht an den Verschlüssen und nimmt keine Spur von Alkohol wahr.

Mit leicht zitternden Händen schraubt er die Flaschen zu und legt sie zurück in die Schublade. Beim Hinausgehen wirft er einen letzten Blick zurück, nichts wirkt verändert. Vielleicht hätte er Handschuhe tragen sollen, denkt er, merkt aber selbst, wie lächerlich sein Gedanke ist. Er geht zurück in sein Büro, räuspert sich laut und wählt im Stehen seine eigene Nummer. Sofort nimmt Tanja ab, es ist, als hätte sie neben dem Telefon gewartet.

«Es tut mir Leid», sagt er, «aber ich muss länger bleiben heute. Eine Stunde noch, hoffentlich nicht zwei. Wenn du Hunger hast, dann iss ruhig schon. Ich stosse dann dazu. Bis nachher», sagt er, versucht, ganz weich zu sprechen, und legt auf. Sofort fährt er seinen Rechner herunter, löscht das Licht und geht. Die Tür schlägt er so laut zu, als wollte er jemandem anzeigen, dass er noch da sei.

Draussen dämmert es schon, es ist kälter geworden. Farnbach zieht den Kopf ein, macht sich kleiner. Obwohl er den Bus schon an der Haltestelle sieht, beeilt er sich nicht. Er hat noch immer den Geschmack auf der Zunge, den Nichtgeschmack von klarem, zimmerwarmem Wasser. Beide Hände in den Jackentaschen, geht er weiter, irgendwohin; suchend, stolpernd, schwebend, so als wäre er schwer betrunken.