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Ausbrüche von René Egger

Text des Monats Oktober 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

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Ausbrüche

Von der Zelle, wohin sie ihn verlegt hatten, damals, nach seinem dritten Ausbruchversuch, ging sein Blick gewohnheitsmässig die Zellenflucht hinunter. Die einzige Perspektive, die ihm, wenn er’s richtig betrachtete, geblieben war. Später fasste er auf grosse Entfernung einen Watcher ins Auge, den sie Duck nannten, und der jetzt den Gang hochkam. Als Duck nach links abbog, mit seinem Watschelgang, seinem speckigen Uniformhintern, zuckte er nicht mal mit der Wimper, obwohl er ihm in die Seitenkorridore hinein, wo angeblich die Küchen, die Wachstuben und Verhörräume lagen, mit den Augen ja nicht zu folgen vermochte.

Dieser Gang, in dem nie etwas vor sich ging, aber andauernd etwas im Gange war – auf einen zukam: die Watcher mit ihren Strompeitschen, ein neuer, noch zitternder Zellennachbar, auf kleinen gummibereiften Stosswagen die Vollzugs-Rationen und die abgelehnten Gesuche um Strafminderung oder Voltreduktion. Nicht weniger als hundertfünfzig, andere behaupteten: fünfhundert Zellen lagen an diesem Gang, der mit seiner gestreckten Helligkeit blendete und schon nach den ersten Stunden bohrende Kopfschmerzen verursachte. Wie viele es tatsächlich waren, wussten auch die Watcher nicht. Keiner von ihnen hatte diesen Gang in seiner ganzen Länge jemals abgeschritten – mit eigenen Augen gesehen, worauf das Ganze, ganz am Ende, hinauslief.

Dass seine Zelle nicht abgeschlossen wurde, bei Tag und bei Nacht offen stand, war nicht als Privileg, sondern als Folter gedacht. Indem sie ihm die Flucht so offensichtlich erleichterten, wollten sie ihm zweifellos vor Augen führen, wie aussichtslos das Unterfangen in Wirklichkeit war. Für die Watcher, die Wärter hier, war er «der Eskapist». Einer, der nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor der Wirklichkeit floh. Hatte er nicht allen Ernstes behauptet, dass es hier gar keine anderen Gefangenen geben würde? Und dass sie, die Watcher, selbst auch Gefangene – Gefangene ihres Systems seien? Womit er, wohl unbewusst, den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zitierte, der sich in einer Begrüssungsansprache für den neu gewählten tschechischen Staatspräsidenten Havel zum schweizerischen Überwachungs-Staat geäussert hatte – von Dichter zu Dichter sozusagen, aber völlig unpassend, wie die Landesregierung, aufs höchste befremdet, hinterher fand.


Dass er damals in einem Aufsehen erregenden Schauprozess nach Paragraph 56-2, Einbruch in die Privatsphäre, verurteilt worden war, wusste hier kaum noch einer – die Watcher eingeschlossen. Die lachten lieber über seine Fluchtversuche. Er hatte es einmal durch die Kanalisation, ein anderes Mal über den Wäscheschacht, zuletzt mit der Geiselnahme eines Watchers versucht. Dass sich dieser dann als verkleideter, ebenfalls auf der Flucht befindlicher Sträfling entpuppte, hatte, wie es hiess, zu Heiterkeitsausbrüchen selbst im Justizministerium geführt.

Die Pocken, pflegte der Anstaltsleiter bei Strafantritt zu sagen, seien die einzigen, die hier jemals mit Erfolg ausgebrochen seien. Und wies Neuzugänge auf die so genannten Blocktage hin, während denen man, wie er sich ausdrückte, ausreichend Gelegenheit erhalten würde, um sich die noch fehlende Konzentration sukzessive anzueignen, sich auf sich selbst zu besinnen. So ähnlich hatte damals auch der Staatsanwalt geredet mit seiner hohen Knabenstimme. Und er hörte sich entgegnen, dass diese Art von Justiz, dieser Paragraph 56-2, nicht dem Schutz des Privatlebens, sondern der Zerstörung des Zwischenmenschlichen diene. Eine unumschränkte Privatsphäre, hatte er bei seinem Schlusswort in den Saal gerufen, würde unweigerlich auf Isolation und Absonderung hinauslaufen! Worauf ihn das Gericht zu fünf Jahren Konzentration in einem der (noch zu erstellenden) Hochsicherheitstrakte verurteilte. Doch das Strafmass war im Grunde unerheblich: Ob zwei, fünf oder zehn Jahre – nach spätestens sieben Wochen, sagten die modernen Strafvollzieher, sei das Zeitgefühl ohnehin weg.

Die damalige Zeit: Es war die Zeit, in der die Errichtung künstlicher Mauern von Staates wegen gefördert worden war. Inzwischen verliefen diese Mauern, schrankenartig, aber mehr oder weniger unsichtbar, quer durch alle Beziehungen und Gesellschaftsschichten. Und es war zunehmend zur Gewohnheit geworden, sich abzusondern und den anderen, wie es unnachsichtig hiess, die Grenzen aufzuzeigen. Die vordem engsten Beziehungen wurden jetzt aus den nichtigsten Gründen gelöst, während sich die Eigensucht zu einem gesellschaftlich akzeptierten Verhalten entwickelte. «Sei Du selbst!» lautete der Titel, der die Charts seit Monaten anführte. Und ein Bestseller, der inzwischen auch in der Gefängnisbibliothek greifbar war, handelte nicht zufällig «Vom uneingeschränkten Ich».
Das Wichtigste war, sich unter Kontrolle zu halten. Und «Kontrolle» war hier im Hochsicherheitstrakt auch die massgebliche Parole, die allgegenwärtige Devise. Die Watcher waren jedenfalls angewiesen, gegen Insassen, die ausser sich gerieten, ausfällig wurden oder gar unkontrollierte Ausbrüche hatten, mit bedachter Schärfe vorzugehen und in Fällen von Unkonzentriertheit gezielt auch vom Instrumentarium Gebrauch zu machen.
 
Im Rückblick erschienen ihm die Jahre, die er früher in den Kalksteinbrüchen verbracht hatte, geradezu idyllisch. Jetzt sassen sie in diesen Hochsicherheitstrakten, elektronisch angezapft und mit verkabelten Nervenenden, und spielten die Ausbrüche und das Scheitern ihrer Ausbruchversuche in den so genannten Flight-Games. Für drei geglückte Ausbrüche bzw. drei Escape-Points gab es einen Freigang mit Augenbinde auf dem Zellengang. Oder einen dreiminütigen Blickkontakt mit einem Watcher der Wahl.

So spannend und realitätsnah diese digitalen Fluchtspiele auch sein mochten – sie liessen ihnen kaum eine Chance, vereitelten jede Fluchtbewegung schon im Ansatz: All die Mega-Bytes gegen das kleine bisschen verkümmerten Fluchtinstinkt! Im Grunde war die Sache hoffnungslos – sie diente wohl nur dazu, die letzten Schwachstellen im Sicherheitsdispositiv noch gänzlich auszumerzen. Ob die Zellenwände bloss eingebildete waren, wie ein paar Altgesessene hartnäckig behauptet hatten, wusste er nicht zu sagen. Er jedenfalls sah die Wände, und er glaubte auch zu sehen, wie es von ihnen herabtropfte, unaufhörlich herabsickerte. Und dass sie im Lauf der Jahre Risse bekamen.

Dass er nicht zerbrach – aus Mangel an Verständigung, am fehlendem Gedankenaustausch nicht zugrunde ging, erstaunte ihn selbst am meisten. Zwar bekam auch er in der siebten Woche die hier üblichen Weinkrämpfe, doch dann würgte er das Weinen ab, besann sich stattdessen auf seine Flucht. Plante den ersten Ausbruch, danach minutiös den zweiten, unbeirrt auch den dritten. Immerhin war es ihm bisher gelungen, sich seine negative Energie, wie sie es nannten, zu bewahren. Nachts, wenn alle schliefen, nur noch die Stromstossanlage summte, machte er in die Dunkelheit hinein Sprechbewegungen, artikulierte mit harten Kiefern seinen Zorn, redete in seiner Wut die lange verbotenen Widerworte.

Dass ihm die Flucht diesmal gelingen würde, daran zweifelte er nicht im Mindesten. «Unseren Eskapisten» nannte ihn inzwischen auch die Anstaltsleitung, und er war entschlossen, seinem Nickname diesmal Ehre zu machen. Aus 372 Plastiklöffeln, die er von den Mittwochdesserts im Lauf der Jahre in seine Taschen hatte verschwinden lassen, sowie den ramponierten Sprungfedern seiner Matratze hatte er sich in monatelanger Arbeit zwei Flügel konstruiert, mit denen er den Sprung von der ungesicherten Plattform des Hochsicherheitstraktes abzufedern hoffte. Auch hatte er sich die eingehendsten Gedanken über die aerodynamisch günstigste Flughaltung beziehungsweise: eine die Fallgeschwindigkeit mindernde Position gemacht. Als er am Vorabend des Fluchttages das Fehlen des Linnens bemerkte, mit dem er den zweiten Flügel hatte bespannen wollen – vielleicht auch nur gewahr wurde, dass es in der Zelle gar nie ein Betttuch gegeben hatte – liess er sich davon nicht beirren. Statt des Betttuches mussten zwei baumwollene Unterhemden sowie eine schon ausgelotterte Plüschunterhose herhalten. Im Übrigen setzte er sein Vertrauen in seine Knieschützer aus nikotingelben Zigarettenfiltern sowie in die beiden Ellbogenschoner, die er sich seit dem Spätherbst aus Papiertaschentüchern gezielt zusammengeschnäuzt hatte.


Lange vor Anbruch des Tages, den er in Gedanken schon vor Wochen rot angekreuzt hatte auf seinem Pirelli-Kalender, seitdem er insgeheim den Escape-Day, den E-Day genannt hatte, wachte er auf; machte zuerst die gewohnten Kniebeugen, versuchte danach, Gelenke und Muskeln für den bevorstehenden Aufprall zu lockern. Übte ein allerletztes Mal das Überrollen, das Abrollen nach der (hoffentlich nicht allzu harten) Landung über die Schulter.

Dass die Fieberblasen gerade jetzt ausbrechen mussten! Er stand einige Sekunden vor der Zeit am Rand der ungesicherten Terrasse, leckte sich die angeschwollene Lippe und blickte nach unten – in die noch dämmrige Tiefe. Versuchte sich auf den Absprung zu konzentrieren, sich auf die in Gedanken eingeübte Fluglage zu besinnen. Seine Aufregung war wesentlich geringer, als er anfänglich befürchtet hatte. Trotzdem bemühte er sich den Puls möglichst niedrig zu halten – so wie er es in der Zelle seit Monaten autosuggestiv trainiert hatte. Er wusste, dass Herzrhythmus-Schwankungen auf der zentralen Signaltafel im Wachlokal automatisch angezeigt wurden – schon ein Puls über 110 löste akustischen Grossalarm im ganzen Trakt aus.

Er dachte noch daran, dass Edmond Dantès, Dumas’ Romanheld, lediglich aufs Wasser aufgeprallt war, in seinem Leichensack, befand sich da aber schon in der Luft, spürte, wie er (nicht ganz unerwartet) über den linken, bloss behelfsmässig bespannten Flügel abschmierte – in ein unkontrolliertes Trudeln geriet. Schlug im nächsten Augenblick auch schon auf, rammte hart in den Rasenboden hinein. Empfand dabei einen grellen Schmerz, den die Watcher auf ihren Monitoren zweifellos wahrnehmen würden. Wusste, dass es nun doch eine Bruchlandung geworden war. Was er ja unter allen Umständen und von allem Anfang an hatte vermeiden wollen.

Soviel er sah, war’s ein offener Schienbeinbruch, vielleicht sogar ein Trümmerbruch, nach dem grösser werdenden Blutfleck auf der Hose zu schliessen. Ein früherer Zellennachbar, ein ehemals erfolgreicher Sportchirurg, hatte ihm die mutmasslichen Sollbruchstellen genannt. Doch es brach, wie er nun aufprallte, nicht die dafür vorgesehene Ferse, es zersprang auch nicht das Sprunggelenk – es brach mit hellem Knirschen das Schienbein, das durch die langen Jahre der Haft und der Standhaftigkeit offensichtlich mürbe geworden und jetzt wohl irreparabel zu Bruch gegangen war. Immerhin: seine Ellbogen waren unbeschädigt geblieben unter den Zigarettenkippen. Die Knie, so wie's aussah, ebenfalls leidlich intakt, auch das rechte Knie unversehrt, was aber nicht viel half, wo er das dazugehörige Bein bestenfalls nachschleifen konnte auf der Flucht – dabei höchstwahrscheinlich eine Blutspur hinter sich herziehen würde.


Er war noch kaum eine halbe Stunde unterwegs gewesen, mit seinem Bein, da hatte er schon dreimal gegen die inzwischen noch verschärften Kontaktgesetze verstossen: Hatte sich unbedacht zu einem kleinen Mädchen hinabgebeugt, das sich beim Anblick seines Beines erschreckt haben musste, hatte dem Busfahrer, der ihm beim Einsteigen behilflich gewesen war, unwillkürlich zugenickt und daraufhin Hunde flattiert, die sein Blut, Blutgruppe B Rh-C-D-E, aufleckten. Zuletzt hatte er lange an einer fremden, ihm fremd gewordenen Haustüre geklingelt. Schliesslich den Blick einer Videokamera kaltblütig erwidert, bis die Türe mit einem distanzierten Summen dann aufgegangen war.


Die Anklage auf Notzucht und Nötigung war eine Willkür der Staatsanwaltschaft: Er hatte zwar auf der Frau gesessen, was er auch nie bestritten hatte, hatte sie aber, die um sich schlug, in einer ihm unbegreiflichen Panik, lediglich niederzuhalten versucht, ihre Arme dabei notgedrungen mit den Knien festgehalten. Auf gar keinen Fall aber war er, wie die Frau, seine Frau! seine frühere Frau! behauptet hatte, erregt gewesen – zumindest nicht sexuell erregt. Er hatte ihr nichts antun, sondern lediglich mit ihr reden, sich ihr erklären wollen. Was sich aber als schwierig herausstellte, weil sie ihr Gesicht, wie er auf sie einredete, andauernd von ihm wegkehrte, mit offensichtlicher, offensichtlich hysterischer Abscheu von ihm andauernd abgewendet habe. Er habe sich bloss aussprechen wollen, sagte er, beteuerte es mehrmals. Das Gericht nahm dies gerne als Geständnis und verurteilte ihn wegen verbotener Kontaktaufnahme und Einbruch in die Privatsphäre im Wiederholungsfall, in Tateinheit mit Gefühlsnötigung allenfalls Gefühlsaufdrängung nach Paragraph 47, 54, 56, 58-2 des neuen Strafgesetzbuches. Rechtskräftig, hiess es im Urteil, und ohne aufschiebende Wirkung.


Die Rückfallzelle, in die sie ihn brachten, war Resonanz frei, resorbtionsfähig und absolut kontaktresistent. Er realisierte sofort, dass die virtuellen Wände in der Zwischenzeit erneuert oder doch wenigstens ausgebessert worden waren. Statt der geweissten Backsteinstruktur gab es jetzt seditiven Beton mit Ausblick: Er hatte die Wahl zwischen einem Waldweiher, einer Steilküste in der Bretagne und einer schottischen Hochmoorlandschaft gehabt. Daran, dass das schottische Hochmoor eine norwegische Heide war, nahm er keinen Anstoss.

Als er nach fünfzehn Blocktagen die erste Zeitung in die Hand bekam, las er vom überraschenden Ausbruch eines Vulkans irgendwo in den
Anden. Er brach in lautes Gelächter aus. Verstummte erst wieder, als ihn der dritte Stromstoss traf. Es war eine mehr spielerische als erzieherische Dosis.