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Bienenelfe von Daniel Salzmann

Text des Monats Mai 2018 (Thema: Bilder)

Autor/in:

© Luca Zanetti

 

Bienenelfe

Ich sitze in meinem Büro. Die Revolution zu verteidigen, ist meine Aufgabe.

Aufmerksam lausche ich, ob sich etwas tut. Doch ich höre nur mein eigenes Ein- und Ausatmen des Zigarettenrauches und den gedämpften Strassenlärm. Nichts bewegt sich, es scheint alles festgewachsen. Ich an meinem Stuhl, der Stuhl in diesem Raum, genau an diesem Platz, dieser Raum in diesem Haus, das Haus in der Stadt, die Stadt auf der Insel.

An der Wand, auf einem Bild, in einem Sessel Genosse Che Guevara. Er hat den rechten Arm im Gips, liest und raucht Zigarre. Die Kalaschnikow lehnt griffbereit hinter ihm an der Wand. Ich lese nicht. Nicht mehr. Früher schon, doch jetzt, wo ich alles weiss, was ich wissen will, rauche ich nur noch. Che aber liest immer. Wenn ich meinen Blick von ihm abwende, fällt ihm manchmal die Zigarre aus dem Mund, doch sobald ich zu ihm hinschaue, hat er sie hastig wieder zwischen seine Lippen gestopft.

Che will noch etwas wissen, hat noch einiges vor. Er hat keine Zeit aufzustehen, die Zigarre wegzulegen und mich zu küssen. Es ist zu spät, viel zu spät. Er ist längst tot.

Meine Arbeitsschicht ist bald zu Ende. Carlos wird mich ablösen. Carlos mit seinem bleichen Mondgesicht. Seine Augen scheinen sich links und rechts aus seiner Miene stehlen zu wollen, genauso wie die zwei haarigen Raupen, die darüber die Brauen bilden. In seinen kleinen Mund würde niemals eine Zigarre passen und seine Lippen hat er wohl irgendwann verschluckt. Das Kinn sieht aus wie ein erloschener kleiner Vulkan, der, als er noch Feuer spie, das Haupthaar entzündet haben muss, denn Carlos‘ Frisur erinnert an ein Stück Wald nach der Brandrodung. Die kleinen Ohren scheinen gar nicht mit dem Kopf verwachsen zu sein, sondern wie Satelliten in der Luft zu schweben. Das Merkwürdigste aber ist Carlos‘ Nase, die wie eine Bienenelfe aussieht, wie diese kleinen Kolibris. Carlos ist von mittlerer Statur, dicke Beine, grosses Gesäss, eher schmächtiger Oberkörper. Erstaunlich ist, dass er trotz dieser vielen Nachteile schön ist. Nicht nur mir gefällt er gut.

Die Türe geht auf, Carlos kommt etwas schwerfällig rein und wendet sich langsam dem Bild an der Wand zu: "Na, Comandante, den Arm immer noch im Gips, immer noch am Lesen, am Studieren?", dann dreht er sich zu mir: "Guten Abend Rachel. Alles klar? Oder ist die Revolution ins Stocken geraten?"

Während er das sagt, pickt ihm die Bienenelfe wie verrückt in die Stirn, wo sie doch sonst einfach Blütennektar trinkt. Carlos scheint nichts davon zu merken, wischt sich mit der Hand ein paar Schweisstropfen von der Stirn.

"Alles gut", sage ich. "Das Einzige, woran man merkt, dass die Zeit vergeht, ist die zunehmende Leere in der Zigarettenschachtel und die stetig länger werdende Asche beim Rauchen. Ich glaube, dass ich nicht einmal gealtert bin heute."

"Du natürlich nicht, ewige Schönheit."

Ich stelle mir vor, wie ich mit meinen Lippen Carlos‘ Mund, den kleinen Krater im Mond, suche, um ihn zu küssen. Ich frage mich, wie sich dann die haarigen Raupen und die Bienenelfe verhalten würden. Ob die Raupen ihren Platz über Carlos Augen verlassen würden, um durch meine Nasenlöcher ins Hirn zu kriechen? Vielleicht. Doch dann bin ich mir sicher, dass dieser Kuss niemals möglich wäre, denn die Bienenelfe würde sich sofort umdrehen und als grosse, schwarze Grackel mir die Augen auspicken.

"Sag mal Rachel, denkst Du, dass der Che tatsächlich mit eingegipstem Arm hätte schiessen können?", fragt mich Carlos. "Keine Ahnung. Er hätte es versucht.  Wenn die Spinner aus Miami nochmals kämen, würde er die Knarre nehmen, aus dem Bild  steigen, um an unserer Seite zu kämpfen, mit gebrochenem Arm. Sicher", sage ich.

"Ach, Rachel. Aber natürlich, bis zum Sieg", sagt Carlos und die Bienenelfe pickt ihn dabei wieder in die Stirn und verbreitet eine unangenehme Hektik. Ich stehe auf, verrücke den Stuhl, gehe zur Tür, schaue Carlos an, der seine Schönheit verloren hat und wie ein Sack auf dem Stuhl Platz nimmt. Ich wünsche ihm einen schönen Abend und trete auf die Strasse.