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Brückengeschichten von Ruth B. Loosli

Text des Monats Januar 2006 (Thema: Bildbeschreibung)

Autor/in:

Zu Camille Corot, «Le pont de Nantes»


Wila ist geknickt

Und geschickt der Nachbarin auf die Füsse getreten, darunter musste ein Hühnerauge hausen, so dezidiert hatte die aufgeschrien! Wila ging nachher zum Fluss, um ihre Gedanken abzukühlen, sah sich die Brücke an, die sich über diesen Fluss spannte - oder waren es die Geleise, die unten glitzerten und surrten?
Jedenfalls war da eine Brücke, umlichtet, umnachtet von der Nacht.
Fast hätte sie gelacht: Da lag ein Schuh, ein roter Schuh am Zipfel einer ausgedienten Ruh.
Den Zipfel wollte sie berühren und berührte nun den Schuh, berührte die Brücke, beugte sich über das belichtete Geländer und hoppla - da hinderte sie ein Arm, den Schuh nach unten fallen zu lassen.
Der Arm hing an einem Herrn im Flanellmantel, der Flanellmantelärmel bewegte sich mit dem Arm, dieser gleichzeitig mit dem Mund und tat nun kund: He da, meine Dame, das dürfen Sie nicht tun!
Was denn, fragte die Dame.
Da unten ist ein Fluss, sagte der Herr und gab ihr einen Kuss.
Na nu! Sagte die Dame, der schmeckt aber gut, und mit dem roten Schuh schlug sie ihm eins über na ja - die Brücke war belichtet, umnachtet von der Nacht, und so hat sie's gemacht.


2)

Da gibt es keine Brücke!
Nur eine Gedächtnislücke!


3)

Aber an diesem Tage wollte sie alles tun, was der Arzt ihr verordnet hatte. Wollte spazieren gehen mit ihren bequemen Schuhen, die sie neu erhalten hatte, wollte Sorglosigkeit vorgeben, falls sie in ein Gespräch verwickelt werden sollte, wollte Kaffee trinken und sich dazu die weissen Handschuhe überstreifen.
Und natürlich wollte sie an den Fluss gehen.
Sie wollte sich zur Brücke begeben und die Verlassenheit eines Tages beäugen. Vielleicht wäre der Fluss ein Netz von gleissenden Geleisen, die in eine Stadt führen würden. Vielleicht war da aber wirklich ein richtiger Fluss mit richtigem Wasser darin und - obwohl die Spezies «Fisch» schon lange ausgestorben war -, vielleicht war da, zu ihrem reinen Vergnügen, ein vergessenes Wesen, das sich direkt vor ihren Augen tummelte.


4)

Der Mond hatte sie geweckt, der lückenhafte Mond, der durch eine lückenhafte Finsternis fiel - oder war es ihr Herz, das galoppierend jeder Sänfte den Atem raubte?
Wäre es vielleicht, so fragte sie galoppierend, sich von der Brücke zu stürzen, SICH fallen zu lassen statt den roten Schuh, der sie neckend aus der Zukunft begrüsst hatte und den sie. Nein, auch diesen hatte sie schlussendlich nicht fallengelassen, hatte ihn sorgsam geprüft, an ihm gerochen - ja, er roch nach neuem Leder - und ihn an denselben Platz gestellt, wo sie ihn vorgefunden hatte. Doch sie hatte gewusst, dass der Schuh einige Jahrzehnte später getragen würde - keine Fische, hatte der Schuh geflüstert, keine Fische wird es mehr geben, bald schon, bald, flüsterte er.
Nun also war die Frage, ob sie der Zukunft ein Schnippchen schlagen sollte und sich, warum auch nicht, mit dem roten Schuh in der Hand - triumphierend- vom Brückengeländer werfen.
Sie war sich aber nicht sicher, ob sie nicht sofort, unten angekommen, anfangen würde zu strampeln, zu prusten, zu kämpfen?
Oder würde sie auf die glänzenden Geleise fallen und ihren Körper dem Frass der Geschwindigkeit hingeben?
Oder war das Leben etwas, das sie schätzen könnte?
Diesen Hauch von Leben, den sie in sich fühlte. Galt es vielleicht, den zu beschützen, anzuschüren wie ein ausgehendes Feuer?
Dem galoppierenden Herzen eine neue Heiterkeit zukommen zu lassen, mit der sie auch den zweiten Schuh finden würde?
Sie liebte rote Schuhe. Und Brücken. Und Flüsse, die Getier beherbergten. Quellen, die nicht versiegten. Menschen mit Hühneraugen (na ja, sie würde sich bemühen), Jungs, mit dem Drang zu kiffen, schielende Kinder, die weder die Mutter noch die Sprache ihres jetzigen Landes beherrschten. Ja, vielleicht würde sie nochmals zu lieben anfangen, denn daran hing ja alles: Das Wort, das sich in pures spielendes Leben verwandeln wollte; das Wasser.

Sie würde also nochmals einen Tag in Angriff nehmen wollen; heute zumindest.