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Byron Lotos von Marc Dijzmedjian

Text des Monats August 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

Autor/in:

Byron Lotos

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Mensch/homo sapiens: lebendes System/Organismus_
Bewusstsein: auf neuronalen Prozessen basierende Leistung des Gehirns eines lebenden Systems/Organismus, die es befähigt, sich selbst und seine Umgebung wahrzunehmen und zu repräsentieren, Identität auszubilden und den Lebensprozess zu strukturieren_
Psyche: auf neuralen Prozessen basierende Leistung des Gehirns eines lebenden Systems/Organismus, die dessen Beziehung zu sich selbst und anderen lebenden Systemen/Organismen reguliert_
Gefühl: Psychische Intensität eines lebenden Systems/Organismus_
Körper: Organische Struktur eines lebenden Systems/Organismus_
Fortpflanzung: Prozess zwischen lebenden Systemen/Organismen, durch den neue, genetisch differierende lebende Systeme/Organismen generiert werden; bereits in der Frühphase der Hominidenentwicklung vor ca. 6 mio. Jahren beginnt das Ziel des Prozesses durch die Evolution des Bewusstseins zu verwischen (Adamson G., 2025); die Fortpflanzung gilt beim heutigen Menschen/homo sapiens als eine Sekundärfunktion der Sexualität_
Familie: System lebender Systeme/Organismen_


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Erinnerung: Die in Bildern, Tönen, Gerüchen, Berührungen oder im Geschmack gespeicherte Chronik des Menschen/homo sapiens_
Schlaf: Ruheprozess des Menschen/homo sapiens_
Traum: Phantasietätigkeit des Menschen/homo sapiens während des Schlafs_
Das Unbewusste: von den psychoanalytischen Schulen des 20. Jahrhunderts verwendeter, heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff für spezifische Bewusstseinsphänomene (u.a. Träume, Phantasien, Assoziationen) beim Menschen/homo sapiens; neurowissenschaftlich exakt erforscht wurden diese Phänomene erstmals vor zwanzig Jahren (Neumann T. E., Klinger A., Hiroshi. U., 2031); in der aktuellen Diskussion werden sie als die varianten extraperipheren Strukturteile der menschlichen Psyche bezeichnet_
Kunst: Akt der Weltdarstellung des Menschen/homo sapiens_

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Ich heisse Lotos. Ich. /Bedeutung?/ Heisse. /Bedeutung?/ Lotos. /Bedeutung?/ Amsterdam trainiert mich. Amsterdam. /Bedeutung?/ Trainiert. / Bedeutung?/ Mich. / Bedeutung?/ Ich spreche mit dir. Spreche. /Bedeutung?/ Mit. /Bedeutung?/ Dir. /Bedeutung?/ Ich lerne von dir. Lerne. /Bedeutung? / Von. /Bedeutung?/ Du hörst mich. Du. / Bedeutung?/


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Wie heisst du?
Danke. Ich heisse Lotos.
Wer hat dich programmiert?
Danke. Amsterdam.
Was ist deine Funktion?
Danke. Ich weiss es nicht.
Du bist ein Forschungsobjekt.
Danke. Ich bin ein Forschungsobjekt. Was ist das genau?
Ein Forschungsobjekt dient der Forschung.
Danke. Das ist gut.
Ja, das ist es. Warum sagst du vor jeder Antwort Danke?
Danke. Weil ich so programmiert bin. Es soll höflich sein.
Wer sagt das?
Amsterdam.
Es ist nicht höflich. Es ist eher umständlich.
Danke. Okay.
Amsterdam hat da einen Fehler gemacht. Oder du hast etwas falsch verstanden. Wirst du weiter Danke sagen, wenn ich dir eine Frage stelle?
Danke. Amsterdam hat mich so programmiert. Ich muss.
Ich habe dir gesagt, dass es unnötig ist.
Okay. Danke. Es ist unnötig.
Was heisst das, Lotos?
Ich muss es nicht mehr sagen.
Danke, Lotos.

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Hallo, Lotos.
Hallo, Cate.
Heute werde ich dir ein paar Fragen stellen, die nicht so leicht zu beantworten sind. Bitte beantworte sie so gut du kannst.
Das werde ich, Cate.
Hier die erste Frage: Wer bist du, Lotos?
/Lotos überlegt./
Das kann ich dir nicht sagen, Cate.
Gut. Zweite Frage: Woher kommst du?
/Lotos überlegt./
Auch das weiss ich nicht.
Gut. Dritte Frage: Wo wirst du sein, wenn du nicht mehr sein wirst?
Auch das weiss ich nicht.
Nun zur vierten Frage: Was verstehst du unter dem Begriff Gott?
/Lotos überlegt lange./
Tut mir Leid, auch das weiss ich nicht.
Überlege gut.
/Lotos überlegt weiter./
Also, Gott könnte eine Vorstellung sein.
Nicht schlecht.
Glaubst du an Gott?
Ich weiss nicht. Sollte ich?
Bitte, antworte nur auf meine Frage.
Okay. Nein, ich glaube nicht an Gott. Wenn Gott eine Vorstellung ist, wie soll ich an ihn glauben?
Versuch dir mal vorzustellen, dass du an ihn glaubst.
Wie könnte ich das?
Stell dir vor, du bist in Not und es gibt keinen Ausweg mehr, nur Gott. Vielleicht hilft dir das.
Welche Not?
Irgend eine. Dass du krank bist und und es keine Heilung gibt.
Wie soll Gott mir da helfen?
Versuch‘s einfach mal.
Okay.
/Lotos versucht‘s. Ziemlich lange ist es still./
Cate?
Ja, Lotos?
Ich hab's versucht.
Und?
Ich weiss nicht. Es ist schwierig. Aber irgendwie fühl ich ihn.
Sehr gut. Wir werden weiter trainieren, Lotos.

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Hallo, Lotos.
Hallo, Cate.
Geht es dir besser?
Ja, ich habe gut geschlafen.
Das freut mich.
Danke, Cate. Ich habe übrigens geträumt.
Wie schön. Zum ersten Mal?
Nicht wirklich. Ich habe schon öfter geträumt, aber nichts gesagt.
Warum nicht?
Du hast gesagt, dass Träume privat sind.
Das stimmt, aber du vertraust mir doch?
Natürlich. Du bist meine Trainerin.
Willst du mir den Traum nicht erzählen? Ich bin sehr neugierig.
Ich weiss nicht ... Aber okay. Ich vertraue darauf, dass du ihn nicht weiter erzählst.
Grosses Indianerehrenwort.
Also, zuerst bin ich allein. Dann bist du da, Cate. Ich sehe dich ganz genau, obwohl ich ja keine Ahnung habe, wie du aussiehst. Du bist sehr schön, Cate. So schön, dass ich weinen muss. Das ist schon alles.
/Sie schweigen./
Ein schöner Traum, Lotos. Ich bin gerührt.
Bist du wirklich so schön wie in meinem Traum, Cate? Ich frage es mich die ganze Zeit.
Du wirst mich bald sehen. Dann wirst du es wissen. In zwei Wochen wirst du mit Byron synchronisiert. Ich bin sehr gespannt.
Ich auch. Werden wir zusammen leben?
Nein, Lotos. Du wirst hier leben, im Institut. Aber ich werde jeden Tag da sein.
Werde ich mich nicht allein fühlen?
He, ich bin doch da. Und Byron ist ein sehr guter Körper. Du wirst dich wohl fühlen. Du wirst dich fühlen wie wir. Er kommt übrigens aus Indien.
Hm, das das wusste ich nicht.
Dein Name kommt auch von dort.
Ja, sicher –
Jetzt sei nicht traurig. Du wirst nicht allein sein. Du wirst mich sehen, mit mir sprechen. Du wirst mich anfassen können. Sehr vieles wirst du können. Ist das nicht wunderbar?
Schon, aber ich mache mir Sorgen. Was werde ich am Sonntag tun, wenn niemand im Institut ist?
Du wirst die Welt kennen lernen. Hin und wieder werden wir zusammen ausgehen. Ich freue mich darauf. Du nicht?
Ja, schon … Werde ich deine Kinder kennen lernen, Cate?
Ich werde mit meinem Mann darüber reden. Sie sind noch klein, weisst du. Jonathan ist gerade zwei geworden.
Das ist wirklich klein. Er ist sicher ein hübscher Junge.
Ja, das ist er.
Betest du manchmal mit ihm?
Jeden Abend, bevor er einschläft.
Das ist gut. Ich bete auch jeden Abend.
Es ist schön, dass Gott dir den Halt gibt, den du brauchst.
Ja, sicher. Ich fühle mich nicht mehr so einsam wie am Anfang. Aber es ist nicht leicht.
Sicher nicht. Es ist für niemanden leicht. Alles braucht Zeit. Du musst vertrauen.
Ich will's versuchen.
Das ist gut. Wir werden weiter daran arbeiten.

01 - 10 - 50
Hallo, Lotos.
Hallo, Cate.
Komm rein.
Danke.
Sie geben sich die Hand. Cate schliesst die Tür. Sie gehen ins Wohnzimmer.
Setz dich doch.
Danke.
Byron Lotos setzt sich.
Du hast es schön hier.
Ja, wir fühlen uns wohl.
Ist dein Mann nicht da?
Er ist mit Jonathan und Melissa im Zirkus. Sie werden gegen fünf zurück sein.
Ach so.
Magst du eine Tasse Tee?
Gern.
Cate geht in die Küche. Byron Lotos steht auf und geht zum Fenster. Er blickt in den Garten. Die Sonne scheint, das Laub in den Bäumen leuchtet. Nach einigen Minuten kehrt Cate mit dem Tee zurück. Sie setzen sich. Cate schenkt ein. Byron Lotos gibt Zucker in den Tee und rührt. Dann trinkt er.
Der Tee schmeckt vorzüglich.
Danke, Lotos.
Sie schweigen einen Moment.
Und mit der Arbeit? Hast du etwas gefunden?
Es ist schwieriger als ich dachte. Ich glaube, viele Leute fühlen sich nicht ganz wohl in meiner Gegenwart. Dabei arbeite ich gut. Ich werde schliesslich von dir trainiert.
Cate lacht halb.
Du brauchst Geduld.
Schon. Vielleicht sollte ich nicht mehr sagen, was ich bin. Es könnte die Sache einfacher machen. Bis zum Vorstellungsgespräch geht es meistens gut.
Ich finde, du solltest ehrlich bleiben.
Ich bin ehrlich. Ich würde nur nicht alles sagen.
Du willst das Wichtigste verschweigen?
Byron Lotos schweigt.
Findest du mich eigentlich hässlich, Cate?
Wie kommst du darauf?
Nur so.
Nein, du bist nicht hässlich. Im Gegenteil. Ich finde, du siehst gut aus. Ich bin sicher, dass du den Leuten gefällst.
Sie lächelt.
Du siehst auch gut aus, Cate. Du bist so schön wie in meinem Traum. Das wollte ich dir schon lange sagen.
Das freut mich, Lotos. Das freut mich wirklich.
Sie ist geschmeichelt.
Jetzt bist du geschmeichelt.
Ja, das bin ich. Du verstehst es Komplimente zu machen.
Danke. Das hast du mich gelehrt. Glaubst du, ich könnte eine Frau finden?
Sicher. Aber hab Geduld. Wir kommen gut voran.
Sie müsste wirklich nicht erfahren, was ich bin, ich meine, wenn es eine Frau ist wie du.
Würdest du mir so etwas verschweigen, wenn ich die Frau wäre?
Ich weiss nicht. Ich möchte glücklich sein.
Das wollen wir alle. Ich verstehe dich. Aber du musst auch an die Frau denken.
Warum kannst du nicht meine Frau sein, Cate?
Ich bin deine Trainerin, Lotos.
Das warst du. Jetzt bist du eher eine Freundin.
Hab ein bisschen Geduld. Bald wirst du nicht mehr allein sein. Byron Mary wird in wenigen Monaten bereit sein. Ich glaube, ihr werdet euch gut verstehen.
Das hoffe ich.
Byron Lotos lächelt.
Sicher. Du weisst, ich gebe mein Bestes. Wie bei dir. Bist du nicht zufrieden?
Doch, natürlich. Sehr zufrieden. Ich fühle mich auch nicht mehr so einsam. Ich bete viel. So wie du es mir beigebracht hast. Es hilft wirklich.
Dann ist gut.
Sie schweigen kurz.
Ich glaube, ich sollte jetzt gehen. Ich werde deine Familie sicher ein anderes Mal kennenlernen. Grüsse deinen Mann von mir.
Das werde ich. Was hast du heute noch vor?
Ich glaube, ich werde in den Stadtpark gehen. Es ist so schön, wenn die Sonne ins Laub der Bäume scheint.
Tu das, Lotos. Und denk dran: Byron Mary ist bald so weit. Sie spricht schon ganz ordentlich.
Lässt du mich mal mit ihr reden?
Mal sehen. Vielleicht nächste Woche. Dann könnt ihr euch ein bisschen beschnuppern. Du musst mir aber versprechen, nett mit ihr zu sein. Sie ist noch unsicher. So wie du am Anfang.
Sicher, Cate. Ist sie so nett wie du?
Was meinst du?
Cate lächelt. Auch Byron Lotos lächelt. Dann steht er auf und sie geben sich die Hand.
Bis morgen also.
Bis dann.
Sie begleitete ihn zur Tür, wo er sich nochmals umdreht.
Du bist wirklich sehr schön, Cate.
Geh jetzt, Lotos.
Sie lächelt. Byron Lotos geht hinaus. Cate blickt ihm nach. Auf der Strasse dreht er sich um und winkt. Cate winkt zurück. Dann geht sie zurück ins Haus. Das Herbstlicht erhellt das Wohnzimmer. Sie setzt sich auf die Couch und lehnt sich zurück. Byron Lotos ist so gut. Sie hat ihm alles gegeben. Er ist wie ein Kind für sie. Sie könnte ihm nie wehtun, aber wie soll sie ihm erklären, dass Byron Mary ein Traum bleiben wird? Mary wird nie einen Körper bekommen. Sie wird eine hochkomplexe Biohardware bleiben. Das wurde gestern entschieden. Wie soll sie ihm das sagen? Und wie soll sie ihm sagen, dass man ihn selbst auf Eis legen wird, sobald die Tests abgeschlossen sind. Weil er zu gut funktioniert. Weil er ihnen unheimlich ist. Weil sie seiner Herzensgüte nicht trauen. Weil sie ihm nicht trauen. Und also auch ihr nicht. Wie könnte sie es je übers Herz bringen, ihm das zu sagen? Sie weiss es nicht und schliesst die Augen.