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Das Gewicht einer jungen Frau von Imke Müller-Hellmann

Text des Monats Januar 2013

Autor/in:

Wörter des Monats Januar: Brandwunde, unempfindlich machen, Hügel, die, Bissigkeit

Das Gewicht einer jungen Frau

 

Die Schlange ist länger als letztes Jahr. Überhaupt. Es ist anders als letztes Jahr. Es regnet, seit du dich angestellt hast, ein feiner Nieselregen, und du hast die Kapuze über den Kopf gezogen, weil du nicht an einen Schirm gedacht hast. Um dich herum sind überall Schirme. Gespannte Stoffe in verschiedenen Farben im Gelb des Laternenlichts. Du kannst nicht viel sehen. Sie haben die Schirmstöcke auf den Schultern abgelegt, die Leute vor dir, sie haben die Schirme in die Luft gestreckt, die Menschen neben dir, und Regenwasser, nicht viel, aber doch etwas, läuft von den Schirmen hinunter, auf dich herab. Sich unempfindlich machen. Auch gegen die Nässe. Das würdest du gern. Aber wie? Du machst kleine Schritte zur Seite, du weichst dem Wasser aus. Gleichzeitig schiebst du dich mit allen nach vorn. Holzpalisaden sind aufgestellt, um die müsst ihr herum. Ein Zickzack. Seit Stunden. Manchmal siehst du über die schirmbespannten Köpfe hinweg die Laternen. Unter ihnen fallen dünne Tropfen des Regens, vom Licht angestrahlt. Und manchmal siehst du die Kolonnaden, imposant, die Säulengänge, die eingetaucht sind, wie alles andere auf diesem Platz, in ein helles, künstliches, mit der Nacht konkurrierendes Licht. Letztes Jahr hast du in der Schlange gestanden und niemand hat einen Schirm aufgespannt und du hast kein Herzklopfen gehabt. Du hattest eine Eintrittskarte auf deinen Namen bestellt, im Vorfeld, sie kam per Post, und dann hast du dich in den Zug gesetzt und hast am Bahnhof ein Taxi genommen. Du. In dieser Stadt. Zum ersten Mal. Die Stadt der sieben Hügel. So einfach war das. Letztes Jahr. Eine Idee. Ob es klappte oder nicht. Egal.

 

Jetzt ist das anders. Du ziehst die Kapuze ein wenig nach vorne. Du steckst deine Hände in die Taschen der Hose. Du sagst dir innerlich vor: Niemand wird dich erkennen. Und trotzdem. Du bist froh über die vielen Schirme. Du hast die Eintrittskarte in der Hosentasche, du hast sie in der lockeren Faust. Aber dein Name steht nicht darauf. Du hast einen anderen Namen gesagt, bei der Bestellung, denn hättest du deinen Namen gesagt, hättest du keine Karte bekommen. Das weißt du: Dich lassen sie nicht mehr herein. Die Schlange kommt in Bewegung, immer kommt sie schubweise in Bewegung. Sie lassen vorne eine größere Anzahl durch die offenen Tore gehen, und alle tausend anderen trippeln dann in kleinen Schritten über den Platz näher an den Eingang heran. Du bist schon ziemlich weit vorn. Viele Sprachen hörst du um dich herum. Zwischendurch waren sie verstummt. Jetzt reden die Menschen wieder. Du hast keine Ahnung, welche Sprache die Gruppe neben dir spricht. Es ist dir auch egal. Dein Herz klopft. Immer noch. Was könnte passieren? Nichts. Nun gut, du könntest den falschen Namen nennen. Also, den richtigen, deinen. Aber das wirst du nicht tun und es wird dich auch niemand fragen. Einer der Sicherheitsleute könnte sich dein Gesicht gemerkt haben. Denkst du. Vieles ist möglich auf dieser Welt. Das ist richtig. Aber es ist sehr unwahrscheinlich. Die Gruppe neben dir schließt ihre Regenschirme. Sie reden jetzt schnell miteinander. Sie schütteln das Wasser von den Schirmen ab. Ein älterer Mann wiederholt immer den gleichen Satz, zumindest klingt es so in deinen Ohren, und er strahlt über das ganze Gesicht. Die Frau neben dir stößt dich leicht in die Seite und zeigt auf den vor euch liegenden Eingang. Du nickst schnell und lächelst. Dann tust du so, als müsstest du etwas suchen, in den Taschen deines Pullovers, mit hoher Dringlichkeit, gerade jetzt. Du hältst den Kopf gesenkt. Dir fehlen die aufgespannten Schirmstoffe. Du betrachtest die Spitzen deiner nassen Turnschuhe. Sie sind dunkler als sonst.

 

Dann. Endlich. Es geht weiter. Du machst schnelle Schritte. Du gehörst zu dem Schwung, den sie einlassen. Du steigst die Stufen hinauf, jetzt wird doch gedrängelt. Es ist dir recht. Niemand wird dich erkennen. Du trittst ein und du stellst dich an der Schlange ganz außen an. Es gibt mehrere Sicherheitsschleusen. Es dauert alles sehr lang. Dann ist nur noch einer vor dir, einer, der allein unterwegs ist. So wie du. Eine Ausnahme, sieht man sich um, überall Gruppen, Familien und Paare. Es ist ein Mann und sie schauen sich seine Eintrittskarte ganz genau an. Das meinst du zumindest. Das bildest du dir jetzt ein. Dein Herz klopft. Du ziehst dir die Kapuze vom Kopf. Du nimmst die Hände aus den Taschen. Du gehst drei Schritte, du hältst dem Ordner die Karte hin und du schaffst es, ein Lächeln auf dein Gesicht zu bringen. Du traust dich: Du siehst ihm direkt in die Augen. Du hast diesen Mann noch nie gesehen. Es ist nicht der, der dich festgehalten, dir den Arm umgebogen und dich unsanft den Gang hinunter gezerrt hat. Auch nicht der, der dich befragt hat, mit Bissigkeit. Also, keiner von denen, die dich befragt haben. Der Ordner gibt dir die Karte zurück, du lächelst immer noch. Er hebt seinen Arm, wie er es seit Stunden schon tut. Eine Brandwunde zieht sich über den Ballen seiner Hand. Die Haut ist viel heller dort. Er zeigt dir den Weg, du gehst auf den Sicherheitsrahmen zu, du gehst hindurch. Nichts piept. Niemand sagt etwas oder ruft, und du lässt dich mit dem Menschenstrom in das Hauptschiff hineintreiben. Die anderen links und rechts, die Gruppen und die Familien, biegen ab zu den freien Bänken. Du gehst stoisch weiter, du gehst einfach weiter nach vorn. Du weißt: Alleine passt man immer noch irgendwo hin.

 

Der Raum ist hoch und er ist weit. Überall sitzen sehr viele Menschen. Gemurmel läuft an den Wänden entlang. Eine Orgel spielt. Alles ist angefüllt. Vibriert. Vor Erwartung. Vorfreude. Zusammengetragene Feierlichkeit. Dann siehst du das, was du suchst. Eine Bank. Zweite Reihe. Zum Gang hin aufgestellt. Neben einem massiven Pfeiler. Zu elft sitzen sie darauf. Du trittst näher, du lächelst. Du bittest höflich darum, dass ein wenig gerutscht werden möge. Die Menschen reagieren nicht freundlich. Aber sie rutschen. Du setzt dich und deine Hüfte berührt unsanft die Hüfte der Frau neben dir. Du murmelst eine Entschuldigung. Aber sie sagt nichts, sie rückt noch ein bisschen zur Seite. Dann atmest du aus. Sitzen. Endlich. Ein Mann in hellem Gewand tritt an ein Mikrophon, vorne, ganz klein, und bittet in mehreren Sprachen um Silencio, Stille. Das Gemurmel verebbt. Die Orgel wirkt lauter jetzt. Du sitzt gut. Du bist zufrieden. Der Raum ist größer als in deiner Erinnerung. Du kannst den großen Gang hinunter sehen, in beide Richtungen. Auf der einen Seite nicht ganz so weit, wegen des Pfeilers. Aber doch einige Meter. So, dass es reicht. Letztes Jahr saßest du nicht so gut. Du saßest weiter hinten. Es war schwierig, im richtigen Moment schnell nach vorne zu kommen. Letztes Jahr hattest du nicht darauf geachtet. Es war mehr ein Spiel. Also, es war schon ernst, die Idee. Empört warst du gewesen, aber du hast gedacht: Das wird eh nichts. Und wenn, dann ist es ein Hinweis, nur ein Symbol. Das war letztes Jahr. Sie haben dich abgefangen. Sie waren freundlich zu dir. Wie zu einem Kind. Sie haben dich ‚geisteskrank’ genannt. Und labil. Und da ist es passiert. Als ob die Empörung einsickern würde in deine innersten Schichten. Sich festkrampfen würde, dort drinnen, ganz tief. So, als würde sie jetzt für immer da bleiben. Das war neu. Sie haben dich gehen lassen. Aus einer kleinen Tür, hinten raus, wegen der Journalisten. Sie haben die Tür hinter dir zugemacht und du hast dich noch einmal umgedreht. Du hast einen Entschluss gefasst und bist nach Hause gefahren. Du warst nur fünf Tage weg. Aber zurück kamst du als eine andere.

 

Du blickst dich um. So viele Menschen hier. Imposant. Aus allen möglichen Ländern. Auch Gruppen in Ordensgewändern. Schwarze, braune, weiße Gewänder. Du schaust den Gang entlang. Zum Baldachin. Schnitzwerk, Verzierungen, Bronze und Gold. Geschnitztes, in die Höhe gedrehtes Holz, ein Kreuz oben auf. Du schaust die mächtigen Säulen hinauf. Kapitelle, Kämpferplatten, bunte Reliefs. In die Kuppel hinein. Du siehst nur den Ansatz. Die großen Lettern, der Fries, Fenster, goldene Ziegel. Du betrachtest die glatt glänzenden Steine des Bodens, die Statuen in den Pfeilernischen, das halbkreisförmige Gewölbe, gelbweiße, verzierte Kassetten, mit riesigen Marmorfiguren auf halber Höhe in den Säulen um den Altar. Du kommst dir klein vor, plötzlich, du schiebst dir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Du legst die Hände zusammen und schaust auf die Betbank vor deinen Schuhen. Roter Bezug. Du fühlst deinen Magen jetzt deutlich, ein Ziehen an den Magenwänden. In deinem Kopf dreht es sich, er lässt dich im Stich. Sie hatten recht, sagt er dir, geisteskrank. Es ist geisteskrank. Sich dieser Macht entgegenstellen. Was hast du zu bieten? Für deine Idee wurden keine Paläste gebaut. Keine letzten, unumstößlichen Gründe genannt. Keine Hingabe verlangt. Hingabe. Um dich herum. Zum Greifen dick, in der Luft. Selige Gesichter. Betende. Kniende. Murmelnde. Lesende. Hingabe. Alles. Das Gebäude. Der Prunk. Die Leute in den Gewändern. Unerschütterlich. Durch Hingabe. Du schiebst den Gedanken beiseite. Geisteskrank. Wer ist hier geisteskrank. Natürlich. Sie werden dich nicht verstehen. Sie alle hier. Die zig Tausend. Aber da draußen. Die vielen. Die werden verstehen. Mit einem Mal. Was du offenbarst, wird ein Riss sein, der nicht mehr zu flicken ist. Ein Brechen des Steins. Endlich. Mitten hindurch. Durch den Fels dieser Idee, auf dem alles gebaut ist. So denkst du. So sprichst du dir zu. Und bist doch berührt, von diesem Moment. Die Menge der Menschen. Das, was sie mitgebracht haben. An Innerstem. Und die Musik. Orgelstücke, von denen du viele kennst.

 

Du ziehst dir die Kapuze über. Du ziehst sie wieder ab. Du schiebst die Ärmel des Pullovers hinauf. Du schiebst sie wieder hinunter. Du suchst ein Taschentuch. Du schnäuzt in das Taschentuch. Der Weißgewandte tritt an das Mikrophon. Silencio, bitte. Noch einmal sagt er es: Silencio. Das Gemurmel verebbt erneut. Die Orgel setzt wieder ein und sie braust. Du schiebst das Taschentuch zurück in die Hosentasche. Der Chor zieht ein. Stellt sich im Altarbereich auf. Der ganze Raum scheint zu vibrieren. Die Menschen vor dir auf der Bank holen Fotoapparate heraus. Andere haben die Augen geschlossen. Einige knien. Die Orgel verstummt. Dann setzt der Chor ein. Niemand redet mehr. Niemand atmet mehr. Scheint es. Der Raum hat die Luft angehalten. Die Töne steigen auf. Dann, erneut die Orgel. Alle stehen auf. Du auch. Du schluckst. Du krampfst innerlich zusammen. Äußerlich bleibst du ganz ruhig. Die ersten Männer in weißen Gewändern ziehen an dir vorbei. Der erste trägt ein Kreuz. Die anderen tragen Kerzen. Dann kommen Männer, deren Überwürfe rot sind, und golden. Und dann kommen viele. Mit Hüten auf dem Kopf und Stäben in ihren Händen. Alle gehen langsam, setzen die Füße gemächlich auf. Die Orgel spielt. Die Menschen fotografieren. Du hältst dich an der Bank vor dir fest. Du starrst auf den Zug vorbeischreitender Männer. Du weißt: Gleich. Gleich. Nur noch ein paar Sekunden. Der richtige Moment. Du hast jeden Muskel deines Körpers gespannt. Jeden Moment. Nicht zu früh. Nicht zu spät. Du atmest kaum. Dann siehst du ihn. Die Menschen beugen sich vor. Halten Kameras in die Luft. Du wartest noch. Du siehst ihn noch näher kommen. Dein Herz rast. Jetzt. Er ist auf deiner Höhe. Du duckst dich. Du springst. Du bist schnell. Alle deine Kraft und deine Spannung entladen sich in der Bewegung nach vorn. Mitten rein in die Menge. Mitten. Ein Ordner springt dich an. Dein Körper wird durch seine Wucht zur Seite gedreht. Doch du fällst nicht. Du hast den Blick unverwandt auf deinem Ziel. Du strauchelst nur den Bruchteil einer Sekunde. Du fällst nicht. Du bist mitten drin. Du greifst zu. Mit beiden Händen. Du bekommst viel Stoff zu fassen. Mit deinem ganzen Gewicht. Dem Gewicht einer jungen Frau. Ziehst du nach vorne. Er ist überrascht. Er ist alt. Er kippt. Sofort. Er fällt um. Wie ein Baum. Es ist Zeit. Es ist genug. Es ist schon längst mehr als genug. Er stürzt. Du stürzt. Andere stürzen auch. Du liegst auf dem Boden. Er liegt neben dir. Du hast es geschafft. Du hast den Papst gestürzt.

 

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