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Das Haus von Doris Brockmann und Das Wetter im Weltraum von Elisabeth Kuttner

Text des Monats November 2014

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Zum ersten Mal in der Geschichte des Schreibwettbewerbs haben wir in einem Monat zwei Gewinner(innen). Die Texte von Doris Brockmann und Elisabeth Kuttner haben uns beide so begeistert, dass wir auf keinen der beiden verzichten wollten (da im Oktober kein Text prämiert wurde, bot sich diese Möglichkeit, ohne die 12 Texte pro Jahr zu überschreiten.)

Novemberwörter: Wischtuch – Gesetzmässigkeit – Gaumenzäpfchen – vorausahnend – mega…

Das Haus

Wir gingen nach Haus. Und das Haus war nicht mehr da. Kann doch nicht sein, sagten wir. Darf doch nicht wahr sein, sagten wir. Doch die Tür, die wir aufschliessen wollten, war nicht mehr da. Die Fenster, durch die wir hin­ein­schauen wollten, waren nur Luft, Luft ohne Rahmen. Ist doch wohl ein schlech­ter Scherz. Ein elend schlechter Scherz, nichts zum Lachen. Wir schüttel­ten die Köpfe und stellten uns auf das Grundstück – immer­hin war das noch da. Erst einmal abwarten, Zeit gewinnen, nachdenken.

Im Nachbarhaus stand jemand hinterm Fenster. Wir winkten hinüber. Der Jemand trat einen Schritt zurück. Wir schritten das Grund­stück ab, setzten Fuss vor Fuss, keinen Zentimeter auslassend. Wir hatten Boden unter den Füssen. Das war ja nicht nichts. Aber es war zu wenig. Wir irrten über das Grund­stück, stampften mit den Füssen auf und schrieen, rauften uns die Haare, krallten die Finger in den Boden, Speichel tropfte uns vom Kinn.

Der Briefträger kam vorbei, stellte das gelbe Fahrrad ab und übergab uns die Post. Er komme doch viel herum, da höre und sehe er doch eine Menge, sagten wir, ob er nicht wisse, was geschehen sei. Es werde erzählt, sagte er, jemand sei hier auf den Plan getreten, in der Hand ein graues Wischtuch, ein mega­grosses graues Wischtuch, und  habe alles restlos weggewischt. Wie kann das denn sein, sagten wir, das könne doch nicht angehen, einfach so, von jetzt auf gleich und überhaupt, das könne man doch nicht machen, so könne man doch nicht miteinander umgehen, das sei unzumutbar, unzumut­bar sei das. Er wisse es doch auch nicht, sagte der Briefträger, er sei doch nur der Überbringer der Nachricht, man dürfe ihm keinen Strick daraus drehen. Niemand wolle ihm einen Strick drehen, sagten wir, aber er müsse uns doch auch verstehen, wir befänden uns im Ausnahmezustand. Das sähe er, sagte der Briefträger und umklammerte die Griffe des Fahrrads. Im Aus­nahme­zustand. Jaja, er müsse nun weiter, er sei schon spät dran, einen schönen Tag noch.

Wie wir das hassten, dieses «Einen schönen Tag noch», das einem ständig hinterhergerufen wurde. Als wenn das etwas nützte. Floskeln helfen nicht, ins Universum gesendete Wünsche ebensowenig. Das ist eine Gesetz­mässig­keit. Ratlos standen wir auf unserem Grund und Boden. Von wo sollte Hilfe kommen? Im Dämmerlicht sahen wir drüben an der Bus­hal­t­e­stelle einen Mann, eingeknickt wie ein abgebrannter Feuerwerkskörper in einer leeren Wein­flasche. Ob warten sich lohnt, weiss keiner so genau. Die Sterne hielten Blick­kontakt, als sässen sie auf der anderen Seite eines Bewer­bungs­gesprächs, voraus­ahnend, dass das Ganze nicht gut ausgehen würde. Wir versuchten, uns von unserer besten Seite zu zeigen, richteten uns auf, redeten, schwadro­nierten, sangen Lieder, bis uns die Gaumen­zäpfchen am Rachen klebten, trocken und brechreizerregend. Da erst bemerkten wir, dass wir die ganze Zeit vergessen hatten, zu essen und zu trinken. Wir gingen hinüber zum Kiosk, kauften belegte Brote, Wasser und Wein und beeilten uns, zurück­zukehren zu unserem Haus, das nicht mehr da war.

Wir hatten gehört, «Angst» stamme von «Enge» ab. Wenn das stimmte, mussten wir uns also keine Sorgen machen. Wir nahmen einen grossen Schluck aus der Weinflasche, warfen die Briefe in die Luft, sangen ein Lied nach dem anderen und gruben uns kleine Bettmulden in den Boden. Ja, wir liessen uns nichts anmerken. Der Mond schien dazu. Wir schmiegten uns in die Erdmulden, schauten zum sternklaren Himmel, deckten uns mit unseren Armen zu und warteten auf den Schlaf. Möglich, dass uns ein Hauch von Wohlig­keit überkam. Wir versuchten, uns etwas vorzustellen. Es misslang. Wir waren keine Strategen. Der Nachtwind fuhr sanft über unsere Wangen. Wir würden aufpassen müssen, nicht zu verwahrlosen.

 

Das Wetter im Weltraum

Unter meiner Haut spielt es sich ab, eine wahre Eruption an Sonnenwinden, die mich von innen wund reiben, mindestens Megavolt, so unruhig bin ich, wenn nicht sogar Myriadenvolt. In seiner Fachzeitschrift heisst es Protuberanzen, heisst es Ströme am Sonnenrand, die als matter Bogen durchs Weltall schimmern und fast denkt man sich, man hätte doch Physik studieren sollen. Jetzt liegt er rechts von mir und döst, die Zeitschrift quer übers Gesicht geklappt. Noch eins weiter rechts liegt die Kleine und geniesst, da spart sie sich nächste Woche das Geld für die Bräunungscreme, denkt sie sich wohl. Und links von mir? Links sitzt du, sitzt im Schneidersitz auf deinem Handtuch, in deinem Billigshirt aus der Männerabteilung, und starrst ins Leere, starrst,als würdest du nach etwas suchen, als wäre da draussen mehr als nur Luft und Wasser, als gäbe es am Horizont heute Freibier.

Noch einmal rauskommen, hast du gesagt, noch einmal weg mit der Familie, bevor der Stress wieder losgeht. Ich habe mich geärgert, weil sich mein Karussell schon längst wieder dreht und du das hättest merken müssen. Mir fehlt die Raumzeit dafür, zwischen euch zu liegen wie eine Sardine, die man gerade frisch aus der Büchse geklatscht hat, habe ich dir erklärt, aber du musstest unbedingt, noch einmal rauskommen, hast du gesagt, zum Baden ist es nicht mehr warm genug, aber trotzdem, noch einmal weg mit der Familie, hast du gesagt, vielleicht ein letztes Mal gemeinsam, wo wir doch schon so gross sind, die Kleine und ich, bevor der Stress wieder losgeht, hast du gesagt, bevor wir uns wieder verlieren.

Deine Zehen graben sich geräuschvoll in den Kies, schaufeln herum. Lange hast du nicht stillgehalten. Ich sage dir oft, dass die Hersteller von Ritalin viel Geld mit dir verdienen könnten, aber mit solchen Gemeinheiten kommst du klar, lächelst dann nur. Mein Blick wird zum Pendel: meine Aufzeichnungen und Notizen – du. Ich wusste es doch, würde ich dir gerne sagen, wusste doch, dass ich am Strand nicht lernen kann, vorausahnend, dass du mich ablenken, deine Sonnenwinde zu meinen machen würdest. Als meine Augen dich das nächste Mal fixieren, liegt ein einzelnes Kieselsteinchen in deiner Hand und du starrst es an, so, wie du vorher ins Leere gestarrt hast, nur kürzer, und schon schickst du es auf seinen Weg, in eine Flugbahn, die Einstein nicht schöner hätte ausrechnen können, schwerelos, bis die Gravitation das Raumschiff aus Kiesel einfängt und es landen lässt, in seinem Brusthaar, genau dort, wo sich schon ein paar graue Borsten eingeschlichen haben. Du denkst vielleicht, er bemerkt es nicht – und schon fliegt das nächste Steinchen – aber ich glaube, er tut nur so, damit du glücklich bist, damit du Spass hast.

Deine Augen strahlen und wollen, dass ich mitmache: Wer in den Bauchnabel trifft, kriegt hundert Punkte kommt es per Telepathie bei mir an, als wären dir Gaumenzäpfchen und Palatum miteinander verwachsen und Kommunikation per Augenaufschlag die einzige Möglichkeit. Ein Steinchen, denke ich mir, nur eines, und es verfängt sich im Pelz oberhalb seines Bauchnabels, da muss ich es einfach noch einmal probieren, so knapp, und jetzt fliegen die Kiesel auch von rechts, deine telepathische Nachricht hat die Kleine erreicht, wer hätte nicht gerne die hundert Punkte auf dem Konto, wer zuerst trifft, die Mulde in seinem Bauch als Zielscheibe, ein bisschen Bierbauch schon, aber nur vereinzelt graue Haare, und je mehr Steinchen in ihnen versinken, desto schöner, wie kleine Marssonden, kleine Orbiter, die unsichtbare Krater in seine Oberfläche schlagen, aber er döst weiter, lässt sich zumindest nichts anmerken, spielt mit, tausend Punkte hätte er dafür verdient, mindestens. Als eine der Marssonden schliesslich ihr Ziel erreicht, wischst du dir eine Lachträne von der Wange, ganz hysterisch bist du, weil unsere Sonde gelandet ist, irgendjemand muss diesem Houston Bescheid sagen.

Es ist eine Woche später, als ich an unser Spiel am Meer zurückdenke, als mein Handy vibriert und deine Nummer auf dem Display steht und ich mir denke: Dieses Mal nicht, dieses Mal kannst du deine Sonnenwinde behalten, keine Spielchen mehr, Augen auf die Aufzeichnungen, Wischtuch über die Stirn, Myriadenvolt aus den Synapsen und es ist zwei weitere Stunden später, als ich zufrieden aus dem Hörsaal komme, weil ich noch einmal davongekommen bin mit deinem noch einmal rauskommen, weil dein noch einmal weg mit der Familie mich keine gute Note gekostet hat. Aber komisch, so viele verpasste Anrufe, dabei wolltest du mir vorhin doch nur Glück wünschen, das wolltest du doch, wolltest du das, ich rufe zurück und er hebt ab, aber warum, warum ist er es, der abhebt, ganz stark müssen wir jetzt sein, die Kleine und ich, sagt er, wir können nur noch abwarten, sagt er, vor zwei Stunden warst du noch wach, aber jetzt, nur noch abwarten, sagt er, und seine Worte pochen durch meine Gehirnwindungen und mein Körper löst sich auf, zerfällt in Sonnenwinde, Protuberanzen, meine Schädeldecke implodiert, implodiert wie meine Sonne, wie du, und die Mitte meines Universums verschwindet, wird zu Sonnenstaub, Asche zu Asche, und das schwarze Loch saugt mich ein und schluckt mich weg. Nur noch abwarten, warten zwischen zwei Paralleluniversen, zwei alternativen Leben, die meine Zukunft sein könnten, entweder mit dir oder –, kein Spielraum, ja oder nein, entweder oder, mit dir. Oder ohne dich.

Mega… eine Zahl, zweiunddreissig Billiarden Zentillionen als Ausgangswert, hochpotenziert bis zur Unendlichkeit, Mega, eine Zahl so gewaltig, dass sie in kein Wortkleid dieser Welt passt. Mega. So gross ist meine Angst, mein Wunsch, in ein Photon zu zerschmelzen und mich zu weigern, mich zu wehren gegen meine Gesetzmässigkeit, umzukehren und in die andere Richtung zu schwimmen, schnell genug – komm, Zeit, lass uns gemeinsam rückwärts laufen, ja, das geht, Einstein hat es ausgerechnet. Dann könnte ich es richtig machen. Du, er, die Kleine. Nicht nur davon reden, dass ihr das Wichtigste seid, sondern danach handeln. Eine Note schlechter, vielleicht ein Semester länger, dafür noch einmal dein Lächeln sehen, das wärmste Lächeln mit den schiefen Zähnen, noch einmal deine Hand drücken, deinen rauen Handrücken küssen, deine kleinen, weichen Hände. 

Sonnenwinde.

Hast du gewusst, dass es im Weltraum ein eigenes Wetter gibt? Weltraumwetter wird es genannt, verursacht durch Sonnenwinde und die galaktisch-kosmische Strahlung der Milchstrasse. Weltraumwetter – hast du gewusst, dass es schuld sein kann, wenn bei uns der Strom ausfällt oder ein Trafo in die Luft und die Taube im Kreis fliegt? Hast du gewusst, wie viel Einfluss es hat auf das, was wir Schicksal oder Zufall nennen, dass es auch unsere Gesundheit gefährden kann? Unser Leben?

Weltraumwetter – Ziel der Forschung ist es, jene Ereignisse, die unter Umständen mit dem Weltraumwetter in Zusammenhang stehen, vorhersagen oder zumindest früh genug erkennen zu können. Dadurch wäre es möglich, rechtzeitig Schutzmassnahmen einzuleiten oder wenigstens Vorkehrungen zu treffen, die den Schaden mildern sollen. (…) Tatsächlich ist eine solche Vorhersage des Weltraumwetters jedoch reine Utopie, nur Wunschdenken. Einstein hat es ausgerechnet.