Partner:   Stadt Zürich Kultur      Zürcher Kantonalbank

Das leere Gewicht von Isabel Folie

Text des Monats September 2018 (Thema: Bilder)

Autor/in:

© Saskja Rosset

 

Das leere Gewicht

 

Heute nicht. Heute würde sie es nicht tun. Heute würde sie gesittet vorgehen, Messer, Gabel und Zeit bereitlegen, aufrecht sitzen und sich den Mund mit einer Serviette abtupfen.

 

Sie stand kerzengerade in ihrer Küche und nickte dem Kühlschrank zu, in dem unter anderem ein in fein foliiertes Butterpapier eingeschlagener Schinken, eine Packung Mozzarella, ein Becher Pudding, der ihr Nicken wackelnd erwiderte, und ein halbvoller Becher Joghurt waren. Ihr Blick glitt weiter, auch der Vorratsschrank war ihr heute gewiss wohlgesinnt – er schien sich weicher an die Wand zu schmiegen als sonst. Heute würde alles gut gehen. Sie nickte erneut.

 

Aus dem Obstkorb lächelten sie frische Orangen freundlich an und sie nahm eine davon behutsam, ja, achtsam, aus dem Korb, wog ihr Gewicht in den Händen, fuhr mit den Fingern die unebene Hülle entlang, setzte langsam Fuss vor Fuss und schliesslich sich selbst an den Küchentisch.

Ihre Finger durchbrachen die feine Schale, verletzten das schützende Häutchen, das Fruchtfleisch von Schale, von Welt trennte und das Orangenblut floss über ihre Finger. Sie riss die Schale Stück für Stück mit einem Ruck von den noch gerundeten Zehen, die weisse Haut musste sich zwischen Schale und Frucht entscheiden und ratschte verzweifelt.

Endlich lag die Frucht nackt und schutzlos vor ihr, war ihr ausgeliefert, sah sie aus einem runden Auge gross an und wurde von ihr zu zwei flachen Füssen zerteilt, denen sie Zeh um Zeh abnahm, an sich riss, ihren Zähnen vorwarf, jeden kleinen Fruchtkörper zermalmte, bis ihre Zunge mit einem See bedeckt war.

Schlucken.

Sie hatte die Kontrolle.

 

Sie nahm die Orangenschale, liess sie im Mülleimer verschwinden und blickte sich suchend um. Was nun? Sie wandte sich dem Kühlschrank zu, öffnete die Tür und das Innere schenkte ihr eine verheissungsvolle Kühle. Sie blickte lange in das buntgesprenkelte Weiss, versuchte, die aufmüpfige Gier, die sie beim Anblick der vielen leuchtenden Köstlichkeiten in sich aufsteigen fühlte, abkühlen zu lassen. Heute würde sie den Taktstock nicht aus der Hand geben.

In ihre Hand fiel ein Messer. Sie gehorchte, nahm die Mozzarellapackung, schnitt sie auf, überliess die trübe Milch dem Abfluss und noch während sie überlegte, ob sie diese weisse Kugel zu drapierbaren Scheiben umformen sollte, hatten sich ihre Zähne bereits in ihr versteckt und frassen sie von innen auf, bis es nichts Rundes mehr gab, das man hätte schneiden können.

 

Sie griff zum Brot, umschloss mit ihrer rechten Hand den Anfang des Laibs, hielt mit der linken dagegen, zog und drehte, aus ihrer Hand schienen Krokodilszähne zu wachsen, die sich in die Kruste krallten und dem wehrlosen Laib ein grosses Stück entrissen.

Wie herrlich weich das flaumige Innere war, kaum eine Spur hatte der Kampf dort hinterlassen. Sie öffnete den Kühlschrank, der in Butterpapier gekleidete Schinken musste her. Sie schlug die Verpackung auf, der Schinken lag nackt und schutzlos vor ihr, doch anstatt gesittet eine Scheibe abzutragen, bohrte sie sich in ihn hinein, riss aus ihm heraus, hielt zehn aneinanderklebende verstümmelte Scheiben in ihrer Hand, sie drückte Brot dagegen, wie um die Wunde zu versiegeln, und gierte nach Käse.

Brot, Schinken, Käse. Abendbrot. Millionen Menschen machten das.

Sie hatte die Kontrolle.

 

Der junge Gouda – alt wurde bei ihr nie was – war in der grünen Tupperdose. Deckel auf, Käseduft raus, her mit dem Messer, ein Schnitt, da, eine Scheibe, es ging ja doch. Wo war das Brot, das Brot, es versteckte sich unterm Butterpapier, aber nicht mit ihr, die Krokodilklaue kannte keine Gnade, ein Loch im Laib ergab ein Stück in der Hand und schon war es im Mund, sie rammte ein Stück Käse in den brösligen Widerstand, amputierte den Schinken ein zweites Mal, stopfte sich das Stück in den Mund und das Brot freute sich über die Gesellschaft.

 

Mit schinkenglänzenden Fingern riss sie die Kühlschranktür auf, fand Ideen für später und auch das grüne Gurkenglas, öffnete den Deckel, tauchte in den Sud aus Essig, angelte ein prächtiges Exemplar, schob es sich noch triefnass in den Mund, das Brot badete im Essigwasser, der Schinken ersoff, armes Schwein, und da fiel ihr ein, dass sie den Kren vergessen hatte. Immerhin, es war ihr eingefallen!

Sie hatte noch immer die Kontrolle.

 

Den Kühlschrank musste sie diesmal nicht mehr öffnen, er stand bereits einladend offen, in der Tür lagerte der Kren, der mit Apfel, nicht mit Sahne, nicht zu scharf und dazu geeignet, in grossen Portionen verzehrt zu werden.

Der Rest des Brotlaibs schien wie leblos auf der Anrichte aufgebahrt, sie würde ihm den Gnadenbiss erteilen und nahm ihn im ausgelöcherten Ganzen, verarztete ihn mit dem Kren, klatschte die letzten zehn zerfledderten Schinkenscheiben drauf, versiegelte alles mit einem zentimeterdicken Käsegebilde und biss mit ihren Zähnen durch all die Schichten, weich, fettig, fasrig, knusprig.

Hatte sie noch die Kontrolle?

 

Das Butterpapier taumelte kraftlos zu Boden. Egal. Alles egal.

Sie kletterte auf die Küchenanrichte, Krümelsand zu ihren Füssen, stellte sich auf die Zehen und tastete durch das oberste Regal. Ihre Hand bekam die blaue Plastikbox zu greifen, sie verhakte ihre Finger in den Löchern der Gitterfront und zog die Box zu sich heran. Dahinter harrte die schwarze Schokolade. Sie würde sie befreien. Die runden Nougatpralinen, die herben Schokoladentrüffel, die Champagnerkugeln und die kandierten Ingwerstäbchen ebenso. Es war Fütterungszeit.

Den ersten kakaobestäubten Trüffel warf sie sich noch im Stehen ein und während die Schokolade schmolz, bückte sie sich, liess die Box auf die Anrichte fallen und hechtete ihr nach.

Sicher auf dem Butterpapier gelandet, steckte sie sich eine Nusskugel in den Mund, die Haselnusssplitter fanden nicht einmal Zeit, sich in den Zähnen zu verfangen, schon übernahm das Ingwerstäbchen die Regie, die Schärfe glich der nächste Trüffel wieder aus. Glitzerndes Pralinenpapier stob in alle Richtungen, klebrige Schokoladenhitze, ihr ganzer Körper schmeckte süss und sie saugte an ihren braunen Fingern, ihr ganzes Gesicht von Pralinen geküsst, und für einen kurzen Moment lächelte sie.

 

Die Stanniolverpackungen der Schokolade piksten an ihren nackten Füssen. Noch immer stand sie mitten auf dem Butterpapier, rotes, blaues und gelbes Pralinenpapier leuchtete ringsum wie eine schadenfrohe Blumenwiese.

„Die einzigen Blumen, die ich je bekommen werde“, schoss ihr durch den Kopf und erlegte das Glück.

Sie bückte sich, pflückte die Pralinenblumenwiese und warf sie in den Müll.

Jetzt hatte sie die Kontrolle.

Sie griff den Müllbeutel und schnürte ihm die Luft ab. Nur weg damit!

 

Der Müllraum befand sich im Innenhof. Sie lauschte ins Treppenhaus … Die Luft schien rein. Sie huschte durch den Gang, glitt die Treppen hinab und warf dabei einen Blick durch die hohen Fenster.

Auf der Strasse ging eine Frau vorbei, ihr rotes Kopftuch leuchtete wie ein Stecknadelknopf. Sie war ins Leere gepinnt, niemand sonst war zu sehen.

Sie beobachtete die Frau, die ihre Einkäufe nach Hause trug, und der Müll wog schwer in ihrer Hand. Konnten leere Verpackungen mehr wiegen als volle?

Lange sah sie dem roten Knopfkopf nach und vergass dabei fast, dass ja jederzeit ein Nachbar vorbeikommen und sie ertappen könnte. Erst als die Frau abbog und nicht mehr zu sehen war, setzte sie ihren langen Weg zum Müllraum fort.

Es würde besser werden.

Morgen. Vielleicht morgen.