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Das Zimmer von Karsten Redmann

Text des Monats Juli 2015 (Thema: Zitat)

Autor/in:

Das Zitat für die Monate Juli bis September ist: «Erst die Fremdheit bringt den Kern des Selbst zum Vibrieren.» (Martin R. Dean, "Verbeugung vor Spiegeln", Jung und Jung 2015)

 

Das Zimmer

Gestern Abend noch hatte ich mit Irma telefoniert. Es war ein sehr angenehmes Gespräch gewesen. Eine halbe Stunde lang hatten wir aus unser beider Leben erzählt. Wobei sie deutlich mehr zu erzählen hatte als ich. Das merkte ich schnell. Aber es war auch irgendwie komisch, na ja, eher vielleicht seltsam, denn ich hatte während unseres Gesprächs die ganze Zeit über das Gefühl, sie schon lange zu kennen. Ich weiss nicht wieso, aber es kam mir eben so vor. Vielleicht war es ja ihre Stimme, die ich von irgendwoher kannte? Oder ihre verbindliche Art? Keine Ahnung.

Wir hatten uns für heute, am späten Nachmittag verabredet. Ich solle einfach bei ihr vorbeikommen, hatte sie gesagt, die Adresse hätte ich ja, und nein, ich müsste nichts mitbringen. „Und Kerstin“, hatte sie mit etwas Strenge in ihrer Stimme klar gestellt, „bringen Sie um Gottes Willen kein Geschenk mit. Tun Sie mir den Gefallen. Keine Blumen und keine Schokolade! Okay?“ Ich musste es ihr hoch und heilig versprechen.

Also stand ich jetzt mit leeren Händen da, drückte den Klingelknopf, und fing an zu warten - was mir wieder einmal recht schwer fiel, denn auf etwas zu warten war nicht gerade eine meiner Stärken. Bei mir musste immer alles sehr schnell gehen: schnell mal um die Ecke einkaufen, kurz mal Dinge absprechen, gleich wieder da sein. Nach langen fünf Sekunden ging schliesslich die Tür auf, und Irma lächelte mir entgegen. Ich lächelte zurück, konnte aber sehen, dass sie mit einem schnellen, ja skeptischen Blick auf meine beiden Hände, prüfte, ob ich denn auch Wort gehalten hatte. „Fein“, sagte sie dann und bat mich einzutreten. „Ich habe Kuchen gebacken. Du isst doch sicher gerne Kuchen, oder?“

„Klar. Kuchen ist gut.“

Wir setzten uns an den Tisch, ich schaute mich um und war von der Einrichtung des Hauses begeistert. Überall standen ausgefallene Kunstobjekte herum. In einer dunklen Ecke erspähte ich einen lebensecht aussehenden rosa Flamingo. Ich hoffte, dass er aus Stoff war, begann es mir zumindest einzureden.

„Die Zimmer befinden sich oben im zweiten Stock. Ich kann sie dir gerne gleich mal zeigen. Aber vielleicht essen wir zuerst mal den Kuchen.“ Ich spürte, wie sie mich unsicher ansah, also nickte ich. Derweil begann sie den Kuchen, einen Marmorkuchen, anzuschneiden. Und während sie kleine Kuchenstücke auf mattschwarzen Tellern portionierte, musste ich kurz an meine im letzten Jahr verstorbene Grossmutter denken, die uns früher an den Wochenenden immer zum Tortenessen zu sich nach Hause eingeladen hatte. Jeden gottverdammten Sonntag hatte sie uns angerufen und eingeladen. Doch selten hatten wir Zeit. Irgendwann rief sie dann einfach nicht mehr an.

„Schmeckt vorzüglich“, lobte ich.

„Tee? Ich habe uns schwarzen Tee gemacht. Möchtest du?“

„Ach ja, gerne.“

Vorgestern hielt ich zum ersten Mal den Zettel mit Irmas Telefonnummer in der Hand. Ich hatte den gelben Zettel von einem der Schwarzen Bretter abgenommen und den kurzen Text wieder und wieder gelesen. Ihr Angebot klang vielversprechend: „Biete freies Wohnen in ruhiger Lage. Erwarte im Gegenzug Hilfe im Haushalt und kleinere Gefälligkeiten wie Einkaufen etc.“ Auch die Strasse war angegeben. Eine Strasse in einem der teuren Bezirke der Stadt. Direkt neben dem Park und der Uni.

„So“, sagte sie. Wollen wir?“ Ich folgte ihr die Treppe nach oben und staunte nicht schlecht, als ich das erste der beiden Zimmer sah. Es war sehr geräumig und hell. Mit einer riesigen Fensterfront.

„Wow“, sagte ich.

„Gefällt es dir?“

„Ja klar. Das ist fantastisch. Hier könnte ich ...“ Ich hörte nicht auf zu schwärmen, redete wie ein Wasserfall, und hatte plötzlich das Gefühl, mich irgendwie heimisch zu fühlen. Das Zimmer sah so einladend aus. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon auf dem bequemen Sofa sitzen, einen Kaffeebecher in der Hand, das Fenster zum Garten weithin geöffnet.

„Und die Möbel?“, fragte ich.

„Also wenn du willst, bleibt das alles hier so stehen. Du kannst gerne alles nutzen.“ Und nach einer kurzen Pause: „Möchtest du jetzt das andere Zimmer sehen?“

„Klar!“

„Dann bitte hier entlang.“ Irma öffnete die Tür des daneben liegenden Zimmers und bat mich einzutreten, dabei sah sie mich seltsam verträumt von der Seite an, einen Ausdruck im Gesicht, den ich auf die Schnelle nicht deuten konnte … Ich ging hastig hinein und blieb dann in der Mitte des Zimmers stehen, schaute mich um. Auch hier war alles sehr ordentlich und sauber, vielleicht sogar ein wenig zu sauber … An einer Wand hingen viele bunte Fotos. Wahrscheinlich Familienfotos – ich sah aber nicht genau hin. Zu persönlich, dachte ich. Auf dem Schreibtisch lag ein dicker Stapel Bücher, eher Romane als Sachbücher, zumindest vermutete ich das, denn die Umschläge waren allesamt bunt und hübsch gestaltet. Kleine Kunstwerke waren das. Neben den Büchern lagen einzelne Stifte und neben den Stiften persönliche Dinge wie Armreifen, Ringe und Ketten. Unmittelbar neben dem Bett, auf einem kleinen weissen Nachttisch, entdeckte ich eine blaue Vase, darin eine Blume. Sie sah verblüffend echt aus, die Blume. Etwas in mir verspürte plötzlich den Drang an ihr zu riechen, obwohl ich mir sicher war, dass sie vollends aus Plastik bestand.

„Es steht alles noch an seinem Platz“, sagte Irma. Sie sagte es leise, betonte jedes einzelne Wort - und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ihre Stimme jetzt anders klang, ein wenig so, als käme sie von sehr weit her. Ich drehte mich zu ihr um, sah sie an, und bemerkte, wie sie an mir vorbei sah. Ja, sie sah mich nicht an.

„Ich habe alles aufgehoben“, ergänzte sie. „Das Bett habe ich heute Morgen noch frisch bezogen. Und dein Kopfkissen … ja, das habe ich heute Mittag extra mit Lavendel eingesprüht, so wie du es gerne hast …“ Irma setzte sich jetzt aufs Bett, sah mich unverhohlen an. „Komm“, sagte sie, „setz` dich zu mir, Marie.“

Sie wies auf den freien Platz neben sich. Kurz zögerte ich, setzte mich dann aber doch neben sie auf das schmale Bett, atmete den schweren Lavendelduft ein und wieder aus, und sagte dann lange nichts ...

Wir sagten lange nichts. Sassen einfach nur da.

Irma und ich.