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Der Frühling neigt sich dem Sommer zu von Mirjam Kergl

Text des Monats August 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im August: Weltenbrand

 

Der Frühling neigt sich dem Sommer zu

 

Der Huber-Hof schmiegte sich wie ein Adlerhorst an den Hang, so weit oben, dass die weiss schäumende Gail nur noch ganz leise das Tal tiefer schnitt. Leise aber stetig. Weiter unten, wie den Berg hinuntergepurzelt und auf den bereits gemähten Wiesen liegen geblieben, standen die Heuschober. In diesen hölzernen Gefängnissen trocknete die Mahd. Der Wind trug den schweren Duft zu mir und weiter bis nach oben zum Steinadler. Sein langgezogener Ruf nahm ein paar meiner Herzschläge mit über die kahlgeschorenen Hänge. Im Autoradio spielte Dean Martin I´m sitting on top of the world. Passte.

Die Huberin begrüsste uns, bot meiner Mutter Kaffee und mir ein Kaltgetränk an, mein Vater mühte sich mit den Koffern die Treppen hinauf. Der Huber stand vor seiner Scheune, blickte mich durch das Fenster hindurch an, schien auf etwas zu warten. Hinter ihm sammelte sich das schwindende Licht und liess seine braune Haut noch dunkler erscheinen. Die Huber-Kinder trauten sich nicht zu uns in die Küche, zogen sich kichernd zurück und tauchten draussen vor dem Fenster wieder auf, verdeckten ihren Vater. Ich streckte ihnen die Zunge heraus. Hinter ihren lachenden Gesichtern bissen die Berggipfel Zacken in den Abendhimmel.

In meinem Kopf klang noch Dean Martins Gesang, gepaart mit dem sehnsuchtsvollen Ruf des Steinadlers wie der Soundtrack des ersten Urlaubstages, weithin über meine Berge.

 

Der gegenüberliegende Kollinkofel stand stolz in der Morgensonne und der Steinadler kreiste über den tobenden Huber-Kindern, wie bereit zum Angriff. Den Huber hörte man in seiner Werkstatt. Sein Hämmern bewegte die Sommerluft, jedes Klopfen war wie ein Schlag hinter meinen Rippen.

Ich ging hinunter und spielte mit den Huber-Kindern Nachlaufen bis uns zu heiss wurde und wir hineingingen.

„Wie heisst ihr eigentlich?“, fragte ich sie in das nun gedämpfte Pochen.

„Ich bin der Martin.“ Der Grosse plusterte sich vor mir auf, stolz auf den Mut seinen Namen ausgesprochen zu haben.

Ich grinste. „Und die anderen haben keine Namen? Oder keine Stimme?“

„Na…“, er lachte. „Die net.“

Seine kleine Schwester betastete mit ihrer Hand mein Gesicht. Die anderen schauten ihr interessiert zu und nach einer Weile machten sie mit. Lachten. Martin strich mir vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Auge. „Ich bin übrigens die Vicky…“, versuchte ich zu sagen, aber die Worte stolperten über die kleinen dreckigen Finger, die jetzt, da ich den Mund auftat, meine Zähne und Zahnfleisch untersuchten. So ernsthaft forschend, als ob sie noch nie etwas Vergleichbares berührt hätten. Und draussen begannen des Hubers sonnengebräunte Arme mit jedem weiteren Schlag mir einen Rhythmus vorzugeben.

Abends im Bett suchte ich nach der Quintessenz des Tages, dem Soundtrack. Diesmal bestand er aus Kichern mit dem lautlosen Ziehen von Spuckefäden. Und tief aus der Nacht drang das rhythmische Klopfen von Metall auf Metall.

 

Mein Fenster rahmte das gleiche Bild wie gestern und bereits alle Tage zuvor und alle, die da noch kommen würden: Kollinkofel, blauer Himmel, Wiesen. Die Stimme meines Vaters drang zerhackt durch die Scheiben, zwischendrin fehlten Stücke, waren wohl irgendwo hängen geblieben, als er zum Huber sagte: „… dass die Wiesen schon gemäht sind … der Duft der frischgemähten Wiesen, wunderbar … wann genau wird denn gemäht?“ Der Huber stand mit dem Rücken zu mir, trotzdem gelangten seine Worte unzerstört an mein Ohr. „Wenn der Frühling sich dem Sommer zuneigt …“, sagte er. Seine Stimme traf mich weich, umfing eher, als dass sie eindrang, „… dann ist´s der richtige Zeitpunkt.“ Ich war mir sicher, er hatte zuneigt gesagt. Bei der heutigen Wanderung vorbei an den mit geneigten Gräsern gefüllten Schobern ging mir dieses Wort nicht mehr aus dem Sinn.

Der Soundtrack dieses Tages war nicht für die Ohren bestimmt: das lautlose Verschieben der Luftmoleküle, als die schwer gewordenen Köpfchen der Gräser sich vor dem lauernden Sommer verneigten.

 

Der Kollinkofel dort wo er hingehörte, in der linken oberen Ecke des Fensters, der Himmel, die Heuschober und Wiesen in unaufdringlicher Perfektion um ihn herum drapiert. Vor dem Haus bot sich mir der gleiche Anblick und doch anders, nicht beschnitten, sondern seitlich in Unendlichkeit ausufernd. Der Huber reparierte seine Motorsense in der prallen Sonne. Sein Hemd war vorne aufgeknöpft, der Schweiss auf seinem Bauch glitzerte in der Nachmittagshitze. Mir war ebenfalls warm.

Martin liess sich neben mich plumpsen. „Was liest´ da?“

„Verstehst Du noch nicht, das ist für Grosse.“ Ich wuschelte ihm durch die Haare.

„I´ bin bald elf!“ Er strich sich entrüstet die Haare glatt.

„´Tschuldige“. Ich legte das Buch weg. „Hast Du ein Glas Wasser für mich?“

„Klar!“, Martin zog mich zur Tür.

Der Huber liess seinen Schraubenzieher fallen, wischte sich über die nasse Stirn und sah uns hinterher.

Martin kletterte schnell ins Küchenregal, um die Keksdose wieder zurückzustellen, als wir im Flur schwere Schritte hörten. Der Huber kam wortlos hinein, stellte Martin auf den Boden zurück, riss den Kühlschrank auf und trank laut gluckernd die kalte Milchflasche leer. Erst jetzt fiel mir das Loch in seinem Hemd am Ellenbogen auf.

Martin starrte auf die angebissenen Kekse auf dem Tisch. Draussen beklagte der Steinadler irgendetwas.

Wie es in den Fingern jucken kann, so juckte es mir im Hals, klopfte an meine Stimme, und dann brach sich das immer wieder eindringlich eingebläute Wissen meiner Eltern Bahn, zwischen den Kekskrümeln hindurch, die mir noch im Halse steckten.

„Das gibt Magenkrebs“, sagte ich. „Wenn man direkt aus dem Kühlschrank trinkt, ist das nicht gut für den Magen.“

Der Huber sah mich kurz an, spülte die leere Milchflasche aus und stellte sie neben den Kühlschrank. Meine Worte blieben unkommentiert. Bevor sie sich, wie die Wärme des Tages auf der kalten Milchflasche, auf alle Anwesenden niederschlagen konnten, ging der Huber nach draussen und zog sie mit sich. Sie verschwanden aus dem Tag. Ebenso wie die Sonne, die kurz darauf den ersten Schritt in die Nacht wagte.

Mein Soundtrack dieses Tages: eine eiskalte Sonne, die gluckernd in Milch ertrinkt.

 

Linke Ecke Kollinkofel vor Blau, untere Hälfte des Bildausschnitts mattes Grünbraun. Und der Huber. Mein Vater steckte seinen Kopf zur Tür hinein, „Bist Du fertig?“ Ich hatte den Rucksack bereit und die drückenden neuen Wanderschuhe an den Füssen. „Ja“, sagte ich.

Erst kurz vor dem Gipfel, ungefähr dort, wo die Welt umschlägt in graue Einöde, kehrten wir um. Der Berg bohrte sich unheilvoll in graue Wolkenbauschen, schien uns von hier vertreiben zu wollen und wir beugten uns seiner Allmacht. Auf dem Weg hinab stiessen meine Zehen mit jedem Schritt schmerzhaft an die harte Kappe der Schuhe. Nach einer Weile brauchte ich eine Pause und tauchte meine nackten Füsse in den eiskalten Bach, der uns schon die ganze Zeit über plätschernd aus seinem Leben berichtet hatte. „Herr im Himmel, Vicky!“, rief mein Vater, als mein Blut im Wasser zu rosa Schlieren wurde. Und tatsächlich fühlte es sich an, als ob der Herr im Himmel über mich hinweggefegt wäre, in Gestalt des Steinadlers über mir still kreisend gelauert hätte, um dann im Sinkflug herabzutauchen und mit seinem spitzen harten Schnabel meine Zehen zu zerhacken.

„Mei. Schaut schlimm aus.“ Martin kam mir entgegen und hielt mir seine braune, dreckige Hand entgegen. Eigentlich war er gar nicht so viel kleiner als ich. Ich war mit seinen strubbligen Haaren auf Augenhöhe. Er führte mich zur Bank, legte dabei meinen Arm um seine Schultern und in mir drin war alles heil. Der Huber kam und besah sich meine blutenden  Wunden, die ich tapfer bis zu ihm getragen hatte. Seine nackten Schultern beschatteten mein Gesicht, als er sich mir zuneigte. Zuneigung sozusagen. Dann holte er einen Erste-Hilfe-Koffer und kniete sich vor mich ins Gras, welches sich ebenfalls noch vor kurzem geneigt hatte. Und zwar dem Sommer entgegen. Jetzt war Sommer. Und der sommergebräunte Huber begutachtete meine Zehen, hielt sie fest, die geschundenen, adlerschnabelzerhackten Füsse, die sich ihm zuneigten. Martin sass neben mir und hielt mit seiner kleinen, dreckigen, warmen, lieben Hand meine. Der Huber wusch meine Zehen ausgiebig mit kaltem Wasser. Martin drückte meine Hand so fest, dass ich sie wegzog. Er stand wortlos auf und ich konnte ihm nicht folgen, weil der Huber meinen Fuss auf seinem Knie hielt. Sein Hosenbein färbte sich dunkel und Martins schmächtige Gestalt verschwand hinter dem Haus. Die Wolken klammerten sich an den Kollinkofel und der Huber hatte die gleichen Haare wie Martin, sie befanden sich im Moment ebenfalls auf Höhe meiner Augen.

„Was passiert eigentlich mit dem ganzen Heu?“ Meine Stimme klang mir fremd.

„Des wird an die Viecher verfüttert. Im Winter.“

Wahrscheinlich wenn der Herbst sich dem Winter zuneigt, dachte ich. Wenn sich die Blätter so weit neigen, bis sie auf den Boden fallen. Der Huber setzte meinen Fuss vorsichtig ab.

„Kann man im Heu wirklich schlafen?“, fragte ich.

„Wenn´s in der Scheune ist …“ Er hockte immer noch vor mir, sah mich an. „Dann ja.“

„Aha.“ Ich wedelte mit den verbundenen Fussspitzen. „Danke dafür.“ Mein rechtes Fussgelenk knackte.

Der Huber erhob sich, warf einen Schatten wie ein Berg. „Gern.“

Ich wollte mal sehen wo Martin war. Er lag im Gras hinter dem Haus. Über ihm kreiste eine Fliege und noch weiter oben der Herr im Himmel.

Martin öffnete ein Auge. „Fertig?“

Ich wackelte mit meinen Fussspitzen. Es sah aus wie winken. Mir schien alles so anstrengend heute, ich musste mich setzen.

„Hast du schon mal im Heu geschlafen?“

„Freilich.“

„Wie ist das so?“

„Des pikst.“ Er setzte sich. Das Gras hinter ihm richtete sich langsamer auf. „Willst auch amoal?“ Seine Augen glänzten. Vor Freude nahm ich an.

„Ich denke, bis das Heu in der Scheune ist, sind wir schon wieder weg.“

Er seufzte und strich mir über die Schienbeine, über den Spann und stoppte dann kurz vor dem Verband. Kleine, dreckige, warme Finger. „Fangen spielen geht’s net, gell?“ Martins Lachen klang bis hinunter zur Gail.

In der Nacht erst schälte sich der Soundtrack des Tages aus dem Dunkel: Der spitzschnabelige Herr im Himmel, wie er sich mit einem Erste-Hilfe-Koffer auf mich stürzt, während bunte Blätter „willst auch amoal?“ auf dem Boden rascheln.

 

Vorhänge auf. Kollinkofel. Kein Huber.

Nach dem Frühstück winkte mich Martin nach draussen. Er kratzte verlegen an seinen Mückenstich am Hals, „kumm amoal“, und lief den Berg hinab. Als er merkte, dass ich nicht so schnell hinterherkam, verlangsamte er seinen Galopp und legte meinen Arm wieder um seine Schulter. Die Tür des Schobers knarrte laut, das Heu begrüsste uns mit dem Duft toten Lebens. In der Mitte des Raumes stand ein Korb, aus dem mich eine Limonadenflasche erwartungsfroh ansah und auf einem zusammengeschobenen Haufen Heu lag eine Decke. „Schön“, sagte ich und wuschelte Martin durch die Haare. Ich fragte mich, was der Huber gerade machte.

„Heut ist die kürzeste Nacht des Jahres. Als i´ no´ kleiner war, gab´s zur Sonnenwend´ immer Feuer überall auf den Bergen.“ Er liess sich auf die Decke fallen.

Das Sonnenlicht wurde vom Holzgitter des Schobers in schmale Streifen aufgespaltet, die sich auf sein Gesicht legten. Ich setzte mich neben ihn und roch an einem vertrockneten Halm, ein Duft nach Freiheit und heiler Welt.

„Dann durften mir Kinder lang aufbleibe´“. Er machte eine ausufernde Handbewegung. „Es sah aus, als ob´s Tal in Flamme g´stande hätt.“

Ich versuchte es mir vorzustellen, aber der Moment gab es nicht her, er benutzte den Schober als Sonnenuhr. „Lass mich raten, dieses Jahr ist es abgesagt worden, wegen der Trockenheit.“

„Ja, letzt´s Jahr auch und davor scho´.“

Die ganzen Jahre schienen sich also dem Sommer zu beugen. So tief, dass der Frühling schon lange umgefallen war. Der Huber hatte es nur noch nicht bemerkt. Irgendwie schien alles zu fallen, den Hang hinunterzupurzeln, sich den schweren Kopf aufschlagend, und in der kalten, schäumenden Gail zu ertrinken. Wir schwiegen, während der zerteilte Tag unaufhaltsam über Martins Gesicht kroch.

 

Der Huber hing mit seinem Traktor schief am Hang, wie eine Fliege an der Wand. Er hob die Hand zum Gruss. Ich winkte zurück. Martin schnaubte verächtlich. „I´ geh essen“, und seine Hand löste sich aus meiner, ganz langsam, ich hätte sie gerne behalten, diese warme Unschuld. Der Traktor blieb stehen und der Huber sah auf mich herab.

„Willst´ mitfahren?“, wühlten seine Worte in meinem Magen.

Hinter dem Huber streckte der Kollinkofel seine kahle Spitze ins Abendblau, der Steinadler rief mir etwas zu, das ich nicht verstand. Martin war im Haus verschwunden, jetzt musste ich allein und mal eben so zwischen Haus und Kollinkofel diese weitreichende Entscheidung treffen. Der Traktor neigte sich dem Hang zu, der Huber mir und ich, ich neigte mich dem Sommer zu. Die Entscheidung war gefallen, meine Antwort war kurz, sie bestand lediglich aus zwei Buchstaben: ja. Das Gegenteil wäre doppelt so lang gewesen, zu viele Buchstaben für einen Sommer. Als ich oben im Fahrerhäuschen sass fiel mir wieder Dean Martin ein, I´m sitting on top of the world. Passte. Über uns war nur der Herr im Himmel. „Cool“, sagte ich. Die nackten Schultern vom Huber schimmerten feucht und darauf legte ich meine Hand, sie hob sich hell von seiner dunklen Haut ab. Dann hielt der Moment den Atem an. Mein Frühling fand kaum Zeit sich dem Sommer zuzuneigen, sondern wurde, wie Gräser kurz vor der vollen Blüte von Hubers frisch reparierter Motorsense, erbarmungslos niedergemäht.

Als ich den weiten Weg vom Fahrerhaus zurück zum gemähten Boden machte, sah ich Martin. Stocksteif stand er da, die Augen ungläubig aufgerissen. Der Motor neben mir lief tuckernd an und der Huber fuhr sein Ungetüm weiter den Berg hinab. Ich drehte mich um und lief, bis mich das gestreifte Licht des Schobers umfing und mit süssem Duft in Sicherheit wiegte. Die Tür knarrte, ich zuckte zusammen, es war Martin. Er wickelte vorsichtig die Verbände von meinen Zehen.

„Siehst? Wieder heil. Jetzt gehören´s wieder dir.“

Seine kleine, dreckige, klebrige, liebe Hand hielt meine, bis sich das Licht zurückzog. Dann kramte er etwas aus seiner Hosentasche.

„Jetzt is´ Sonnenwend´“, sagte er und legte eine Schachtel Zündhölzer in meine Hand. „Mir mache´ unser eig´nes Feuer.“

Ich war Martin dankbar, der Moment hatte schon ganz blaue Lippen vom Luftanhalten bekommen, aber jetzt sog er scharf und schnell den Sauerstoff ein. Der Heuschober erwachte unter zartem Knistern, die leckende Hitze spiegelte sich in Martins Augen und umtanzte ihn. Mir war, als sähe ich darin weitere Kinder Feuer entzünden. Deren Flammen vereinten sich mit unserem verzweifelten Lachen über den trockenen Wiesen und machten sich wie eine unzähmbare Gewalt die Nordseite des Tals zu eigen, bis hinunter zur Gail, die zum tobenden Jordan wurde, welcher das Tal in eine lebende und eine tote Seite schnitt.

Der Soundtrack meines hinter mir liegenden Frühlings formte sich aus dem heissen Orange und verhiess trotz der tosenden Feuersbrunst seltsame Stille.