Partner:   Stadt Zürich Kultur      Zürcher Kantonalbank

Der Gutachter von Viviane Ehrensberger

Text des Monats November 2018 (Thema: Bilder)

Autor/in:

© Anita Affentranger

 

Der Gutachter

Mit einem Ruck kam der Bus zum Stillstand und riss ihn aus seinem Halbschlaf. «Signore, Ihre Haltestelle». Er packte seine Aktentasche, murmelte ein «Grazie» in die Richtung des Buschauffeurs und stieg aus dem Fahrzeug. Er war der letzte Fahrgast gewesen. Zischend schlossen sich die Türen, der Bus wendete in einem aufwändigen Dreipunktmanöver auf der verlassenen Dorfpiazza und verschwand in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, sich nach dem Fahrplan für die Rückreise zu erkundigen.

Zwei Kirchen gab es in dem Bergdörfchen, vielleicht hundert Wohnhäuser. Jetzt im Herbst waren die meisten verlassen, die Fensterläden zugezogen. Eine Bar, ein Lebensmittelladen, beide geschlossen. Die Via la Mora war schnell gefunden. Hausnummern gab es nicht, es sei das Haus mit der dunkelgrünen Tür, meinte sein Chef. Die Enkelin würde ihm aufschliessen.

Das Haus war eines der letzten in der Strasse. Der Putz war bis auf einige Stellen abgeschlagen, die Natursteinfassade bröckelte. Zwei schiefe Stufen führten hoch zur Eingangstür. Er zog das Notizbuch aus seiner Tasche, schlug es auf der vorbereiteten Seite auf. Als er mit seinem Stift an der Fassade kratzte, rieselte trockener Sand auf den Boden. Er notierte: Umgebung benötigt Auffrischung. Zugangstreppe beschädigt. Putzschäden (80%) der Fassadenfläche. Setzungsrisse. Unprofessionelle Reparaturen.

«Sie sind der Gutachter?» Erschrocken drehte er sich um, er hatte nicht bemerkt, wie sie sich ihm genähert hatte. Langes braunes Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden, den Vespahelm in der Hand, Lederjacke. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. «Genau. Signora Fabbri?» Sie nickte. Ihr Blick war kalt. «Ich habe nicht viel Zeit.» Sie zog einen schweren Schlüsselbund aus der Jacke und schloss die Tür auf. Sie knarrte leicht, als sie sie aufdrückte.

Im Haus war es dunkel. Die Luft roch feucht und staubig. Die junge Frau verschwand durch eine Tür und stiess die Fensterläden im kleinen Wohnzimmer auf, das neben dem Eingang lag. Er blinzelte gegen das Herbstlicht an. «Sie wollen die Schlafzimmer wohl auch sehen?» Es war mehr Feststellung als Frage. Er bejahte, und sie verschwand hinter einem Perlenvorhang. Er hörte, wie sie im hinteren Teil des Hauses Fensterläden aufstiess, und spürte einen leichten Luftzug.

Das Haus war noch kleiner, als es von aussen gewirkt hatte. Die Sitzgruppe im Wohnzimmer war mit weissen Leintüchern abgedeckt. Ein Buffet aus schwerem, dunklem Holz stand in der Ecke. An der Decke hingen Spinnweben, entlang der Wände hatte sich der Staub gesammelt. Helle Rechtecke zeugten von Bildern, die jahrelang hier gehangen hatten. Er inspizierte die Fensterrahmen, Scharniere, Fensterbänke. Er notierte: Fenster im Wohnzimmer beschädigt. Rahmen und Flügel verwittert. Schliessung intakt.

Ein verblasstes Poster einer sizilianischen Landschaft hing neben dem Durchgang zur Küche. Wie das Wohnzimmer war die Küche staubig, aber aufgeräumt. Er testete Ofen, Herd, Armaturen. Der Warmwasserhahn drehte ins Leere, und als er den Kaltwasserhahn aufdrehte, ergoss sich ein Schwall rostrot gefärbtes Wasser ins Spülbecken. Er notierte: Leitungen korrodiert. Warmwasseraufbereitung prüfen. Kücheneinrichtungen und Apparate veraltet. Linoleumboden leicht beschädigt.

Als er zurück in den Gang trat, raschelte der Perlenvorhang. Ihr Haar war leicht zerzaust und sie putzte sich die staubigen Hände an ihrer Jeans ab. «Dieses Haus ist alles, was ihr von meinem Grossvater geblieben ist.»

«Signora, Sie müssen nicht...»

«Doch, ich möchte, dass Sie verstehen. Nonna wollte nicht ins Heim. Aber nach dem Sturz konnte sie nicht mehr hierbleiben, die Treppe machte ihr zu schaffen. Sie hatte immer die Absicht, zurückzukommen, wenn die Hüfte verheilt ist. Sie wollte ihre letzten Tage unbedingt hier verbringen, wo sie umgeben wäre von all den Jahren mit Ernesto. Jetzt sind fünf Jahre vergangen und sie kann überhaupt nicht mehr gehen.»

«Es tut mir leid...»

«Wissen Sie, was mich wütend macht? Dass Sie nicht warten konnten, bis sie stirbt. Dass Sie ihr die letzte Verbindung zu ihrem Leben nehmen.»

«Signora, ich bin nur der Gutachter, es ist nicht meine Entscheidung...»

«Feigling.»

Er räusperte sich, schaute zu Boden. Terrazzo, mit Abnutzungsspuren, aber insgesamt gut erhalten. Sie schnaubte, ging an ihm vorbei und durch die Hintertür in den Innenhof. Er teilte den Perlenvorhang und stieg die Holztreppe hinauf in den ersten Stock. Er notierte: Stufen abgenutzt. Treppenwangen und Geländer in gutem Zustand. Sein Chef hatte angedeutet, dass es schwierig werden konnte. Das Haus wurde zwangsversteigert, weil die Familie die Pflegekosten für die Grossmutter nicht mehr zahlen konnte.

Zwei Schlafzimmer, ein Bad. Im ersten Schlafzimmer ein Doppelbett, ebenfalls abgedeckt mit weissen Leintüchern. Zwei Nachttische. Ein grosser Wandschrank mit angelaufenem Spiegel. In der Ecke ein Stuhl, darunter ein vergessenes Paar Hausschuhe. Schwere, grüne Vorhänge rahmten das Fenster, das sich in den Innenhof öffnete. Durch die Staubschicht konnte er sie ausmachen. Sie telefonierte leise, ging dabei auf und ab und zog an einer Zigarette. Als sie zu ihm hochblickte, zog er seinen Kopf zurück. Er hoffte, dass sie ihn nicht gesehen hatte.

Im zweiten Zimmer standen zwei einzelne Betten an den Wänden. Ein Schreibtisch war vor das Fenster geschoben worden, das den Hauseingang überblickte. Er stellte sich vor, wie sie als kleines Mädchen hier am Boden gespielt hatte, als sie zu Besuch kam. Vielleicht gab es unter den Schreibtischschubladen eine, die mit Spielsachen gefüllt war. Vielleicht war sie immer erst hochgerannt, als sie ankam, um sich ihr Lieblingsspielzeug zu holen. Ob sie wohl Geschwister hatte, Cousinen und Cousins? Er schloss die Augen und versuchte, sich das Haus bewohnt vorzustellen, vibrierend vor Leben, erfüllt von Kinderlachen und den Gerüchen eines Festmahls. Er konnte es nicht. Als er die Augen öffnete, waren da nur die leeren Wände, die verhangenen Möbel, der Staub, der im Licht tanzte.

Nach einer kurzen Inspektion des Badezimmers stieg er die Treppe hinunter und trat zu ihr in den Innenhof, der von allen Seiten von mächtigen Mauern eingefasst war. Sie sass auf einem Liegestuhl, abgedeckt mit einer grünen Plastikblache, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ihr Mobiltelefon.

«Wieviel bekommen wir für das Haus?»

«Das kann ich Ihnen so nicht wirklich sagen, es kommt darauf an, die Nachfrage nach dieser Art Häuser ist gering, und dann ist das Dorf noch so schlecht angeschlossen an das Verkehrsnetz…»

«Wieviel?»

Er seufzte. «100'000, wenn Sie Glück haben. Bei dem Zustand wahrscheinlich eher 80'000.»

Sie lachte trocken auf. «Das deckt ja nicht einmal die Hälfte der Schulden.»

Er schaute sie ratlos an. «Signora, ich…»

Sie drückte die Zigarette unter ihrem Turnschuh aus und stand auf.

«Ich muss jetzt gehen. Bitte ziehen Sie die Tür hinter sich zu.»

«Natürlich.»

Er schaute ihr nach, wie sie in langen Schritten das Haus durchquerte, bis die Hintertür ins Schloss fiel. Wenig später hörte er den Vespamotor aufstarten. Erst jetzt bemerkte er, dass er den Atem angehalten hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Langsam liess er sich auf den abgedeckten Liegestuhl sinken, das Notizbuch in der Hand. Einige wie zufällig verstreute Spielsachen zeugten hier von der Vergangenheit des Hauses. Als hätte demjenigen, der das Haus geräumt hatte, die Energie gefehlt, dasselbe im Innenhof zu tun.

Er las seine Notizen durch, skizzierte den Grundriss des Hauses. Empfehlung: Kernsanierung. Er zögert, ergänzte dann: oder Abbruch. Langsam begann es einzudunkeln. Er stand auf, verstaute sein Notizbuch in der Jackentasche und trat ins Haus. Sie hatte vergessen, die Fensterläden zu schliessen. Langsam tastete er sich im Halbdunkel den Flur entlang, an der Küche vorbei, dem Wohnzimmer. In der Haustür drehte er sich nochmals um. Der Perlenvorhang bewegte sich sanft in der Abendluft und klirrte leise. Er meinte, in der Dunkelheit der Treppe eine Figur auszumachen, aber seine Augen spielten ihm wohl einen Streich. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, gingen gerade die Strassenlaternen an. Langsam ging er der Strasse entlang Richtung Dorfplatz. Die wenigen Fenster, die nicht hinter geschlossenen Läden verborgen waren, blieben dunkel.