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Der Hund von Mara Meier

Text des Monats August 2017 (Thema: Erste Sätze)

Autor/in:

Der erste Satz: «Er hiess Rolf und war ein kräftiger Deutscher Schäferhund.» (Romana Ganzoni, Der Schäferhund, in: Granada Grischun, Edition Blau im Rotpunkt Verlag)

Der Hund

Er hiess Rolf und war ein kräftiger Deutscher Schäferhund. Rolf gehörte dem pensionierten Lehrer im gelben Haus an der Ecke. Joël musste jeden Tag auf dem Weg zur Haltestelle des Schulbusses am gelben Haus vorbeigehen, und dann sprang Rolf immer hinter dem Gartenzaun hoch und bellte laut.

Rolf, sei still, ruft der alte Mann aus dem gelben Haus, aber das nützt nichts. Rolf ereifert sich und bellt noch lauter. Mit den Vorderpfoten stemmt er sich gegen den Maschendraht und versucht, sich noch höher aufzurichten und sein Maul mit den vielen Zähnen noch weiter aufzureissen. Joël weiss ganz genau, dass der Zaun eines Tages unter dem Gewicht des Tieres nachgeben muss. Oder Rolf wird es fertigbringen, über den Zaun zu springen. Und zwar jetzt dann gleich! So schnell er kann, balanciert Joël auf dem äussersten Rand des Gehsteiges, zwischen vorbeibrausenden Autos und dem geifernden Hund, in Richtung Bushaltestelle. Zum Glück ist der Bus heute pünktlich und Joël kann einsteigen. Er ist in Sicherheit. Gerettet. Für diesmal. Langsam beruhigt sein Herz sich wieder.

Seine Mutter sagt ihm jeden Tag, dass er jetzt ein grosser Junge sei. Er sei schliesslich schon in der zweiten Klasse, da könne sie ihn nicht mehr zur Haltestelle begleiten, da würden ihn die anderen Kinder im Schulbus auslachen. Joël denkt, er möchte der beste Hochspringer der Welt sein und über das gelbe Haus hinüberspringen können, direkt auf die Bushaltestelle. Der alte Lehrer erklärt ihm, dass Rolf das Haus verteidigen müsse, da er ein Wachhund sei. Doch Joël habe nichts zu befürchten, Rolf könne nicht aus dem umzäunten Garten heraus. Joël denkt, dass er einen grossen starken Hund haben möchte, so gross, dass Rolf den Schwanz einziehen und sich ganz klein machen müsste. Sein Vater rät ihm, er solle nur ganz ruhig am gelben Haus vorbeigehen, keine hektischen Bewegungen machen, nicht rennen, dann passiere ihm nichts. Joël denkt, dass er eine Tarnkappe bräuchte, um unsichtbar zu sein. Seine Tante findet, Rolf sei bestimmt ein lieber Hund, sie hätten zuhause auch immer Schäferhunde gehabt, schöne Hunde seien das, und so kinderlieb. Joël denkt, er müsste einen Zaubertrank haben, um Rolf lieb und zahm zu machen. Sein Onkel redet davon, dass er keine Angst haben dürfe. Hunde haben eine feine Nase, die können Angstschweiss riechen, und dann werden sie erst recht aggressiv, sagt er.

Joël nimmt von Mutters Parfüm und schmiert sich damit Arme und Beine ein, und den Hals auch noch ein wenig. Nun kann ihn Rolf gewiss nicht mehr riechen. Doch der Schäferhund springt wie immer am Gitter hoch und bellt und hechelt und geifert. Joël muss ganz schnell davonrennen, mit knapper Not erreicht er den Bus. Gerade noch einmal geschafft.

Joël hat sich Farnblätter in die Schuhe getan. Davon wird man unsichtbar, das weiss er, von den Farnsporen. Er geht am gelben Haus vorbei, Rolf kann ihn nicht sehen. Doch im letzten Moment, gerade bevor Joël die Haltestelle erreicht, schiesst der Schäferhund aus einer Ecke hervor. Er bellt noch viel lauter als sonst und wirft sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Zaun. Der Schrecken fährt Joël wie ein scharfer Pfeil durch die Brust. Er stolpert, rennt, hastet, hetzt die letzten Meter zum Bus. In Sicherheit, für diesmal.

Joël legt sich einen Hund zu. Der Hund ist gross, viel grösser und stärker als Rolf. Er hat viel mehr Zähne als der Schäferhund, auch kann er sein Maul viel weiter aufreissen. Sein Fell ist schwarz, glatt und glänzend. Seine Augen sprühen Feuer. Joëls Hund bewegt sich unsichtbar, unhörbar, geschmeidig wie ein Puma. Die Menschen können ihn nicht sehen, aber bestimmt weiss Rolf, dass Joël nun einen Hund hat. Der kann ihn nämlich riechen, und Joëls Hund riecht wie ein Puma, wild und gefährlich. Joël geht mit seinem Hund am gelben Haus vorbei, auf leisen Sohlen gehen sie, der schwarze Hund und der Junge. Der Schäferhund zeigt sich nicht, er bellt nicht, niemand springt am Zaun hoch, niemand geifert, niemand keift. Joël ist fast ein bisschen enttäuscht.

Nun geht er jeden Tag mit seinem Hund zum Bus. Das riesige schwarze Tier trabt neben ihm her, unsichtbar, unhörbar, geschmeidig wie ein Puma. Der Schäferhund kommt nicht mehr an den Zaun. So ein Feigling, denkt Joël. Dann beginnt er ihn zu vermissen. Rolf, ruft er eines Tages leise. Am nächsten Tag etwas lauter: Rolf! Und am dritten Tag sehr laut: Rolf! Rolf! Rooolf!

Der Schäferhund kommt nicht, aber die Mutter hört ihn und schimpft mit Joël. Er solle sich nicht lustig machen, das sei herzlos, jetzt, wo der alte Mann ganz allein leben müsse in seinem gelben Haus. Der arme Hund, fügt sie noch hinzu. Joël sieht seinen Hund an, und der Hund sieht Joël an. Dann dreht er sich um und trottet davon. Unsichtbar, unhörbar. Nur etwas von seinem wilden Geruch liegt noch in der Luft.