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In der Wohnung von Katja Brunner

Text des Monats September 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

In der Wohnung

Lange, lange Zeit bevor er krank wurde, krank und schrecklich bettlägerig, bevor sein Lungenflügel gegen seinen Lebenswandel zu rebellieren anfing. Bevor ich die Aufgabe übernahm, mich um die Pflanzen und die Post und die Sauberkeit in seiner Wohnung zu kümmern, lange Zeit bevor die Post abbestellt wurde und lange Zeit, bevor er mir, wie heute, vom Klinikbett aus delegierte, seine Wohnung auszuräumen, sie per sofort zu entleeren und nach eigenem Gutdünken über die Zukunft seiner Gegenstände zu entscheiden. Lange bevor ich an seinem Esstisch stehe und entscheiden soll, wer ihn mitnehmen soll, wohin man den alten, vom Benutzen verwüsteten Tisch bringen soll.

Damals, wenn mein Vater uns beide holen kam, immer am Samstag in der Frühe klingelte es, mein Bruder mit den längeren, kräftigeren Beinen rannte mir voraus zur Türe, die er geschickt öffnete, hinter welcher im Gegenlicht mein Vater zum Vorschein kam. Mein Vater, der Kapitän, Räuberführer, Piratenchef, Feenkönig und Indianerhäuptling all unserer Spiele, mein Vater mit den eisblauen, schnellen Augen, mein Vater, der nach dem selben klebrigen Rasierwasser riecht wie heute noch, nach Holz und Rauch, nach etwas Fremden. Er umarmt meinen Bruder, der über ihn herfällt, ihm vor lauter Mitteilungsbedarf kaum Zeit gibt, hereinzukommen, über die dunkeln Kacheln zu schreiten, den Mantel abzuwerfen, mich anzusehen, sich schlagartig auf meine Höhe zu bücken, die Arme nach mir auszustrecken. Mein Bruder ist bestimmt immer zuerst an der Türe, er war schon immer als Erster da, er hat die Länge seiner Beine meist vollumfänglich ausgenutzt. Spätestens als mein Vater mir drei Mal über den Kopf oder die Wange gestrichen hat, kann ich die schlurfenden Schritte meiner Mutter hören, hinter mir, vorhin hat sie wohl in der Küche gestanden und mit den Pfannen vom Vorabend aufeinandergeschlagen oder den Wasserhahn laufen lassen, um die begeisterten Ausrufe bei der ersehnten Ankunft des Vaters nicht hören zu müssen. Dann steht sie wahrscheinlich hinter mir, gibt meinem Vater die Hand zum Gruss, an guten Tagen umarmen sie sich, meine Mutter gewiss mit ihrem maskenartigen Lächeln, das sie als tapferes bezeichnen würde und mein Vater mit seiner üblichen Miene von Unbeschwertheit, die er vor der Mutter mit Rücksicht auf seine Kleinen zur Schau stellt, aber doch eigentlich nur sich zuliebe. Eine Viertelstunde später, nach einigen Momenten, in denen Ungesagtes greifbar in der Luft hing, sitzen wir im Auto zu dritt. Ein beinahe schrottreifes Auto mit Löchern von heruntergefallenen Aschestücken in den Polstern, mit einer vom Nikotin gelb eingefärbten Decke, mit Fenstern auf die man mit den Fingerspitzen geheime Botschaften malen kann, da sie vor Dreck starren. Ich glaube, meistens fahren wir zu allererst in die winzige Wohnung meines Vaters, eine schuhschachtelgrosse Einzimmerwohnung, die in einem Meer von Gassen inmitten der Stadt liegt und aus deren Fenstern man auf eine breite Gasse sieht, weiter hinten kann man die Fenster der Predigerkirche erahnen, ausserdem sieht man emsige Menschen über die Gasse huschen, an schönen Tagen flanieren sie, lecken Eis aus Waffeln, an Wochentagen tragen sie ihren kleinen Tag geschäftig vor sich hin, in den Nächten hört man sie feiern, ihre Absätze über die Pflastersteine klappern, später einen Trunkenbold Unverständliches schreien. Mein Vater hat diese Wohnung immer als «Übergangswohnung» bezeichnet und ich vermute, er würde immer noch in ihr hausen, hätte nicht vor einigen Jahren mein Bruder Wohnungsanzeigen durchforstet und den Wohnzustand meines Vaters verbessert. Größtenteils schmeissen wir unsere Wochenendhabseligkeiten in eine Ecke, machen Frühstück, tischen alles auf den dreibeinigen Esstisch, was der Kühlschrank zu bieten hat, ich stelle eine Kerze darauf, notfalls wird mein Bruder zum Bäcker in einer der Nachbarsgassen geschickt, es riecht nach Spiegeleiern und Zopfbrot, nach Grossstadt und Lachen. Mein Vater kann zaubern, er gibt seine typischen Tricks zum Besten, er schält eine Orange in einem Stück und bevor ich ein ganzes Lied zu Ende singen kann, er wendet Pfannkuchen in der Luft, er wackelt mit den Ohren ohne fremde Hilfe. An dem Tisch neben der Kochnische, an dem wir sitzen, sind wir eigentlich alles, was wir sein wollen. Manchmal sind wir Zigeuner, die eben in einer neuen Stadt angekommen sind, gekommen, um ihr Programm aufzuführen, um möglichst viele Zuschauer anzulocken, deshalb tanze ich um die Stühle herum, werbe Publikum an, preise unsere musikalischen Darbietungen aus vollem Halse an, trage goldene Armreife und habe schon alle grossen Städte gesehen, die mein Bruder benennen kann und ich nicht. Grosse Städte, wie «Nuujork» oder «Wenedig» , wo man in kleinen farbigen Booten wohnt. Deshalb fahren wir in einem Wohnwagen herum und mein Vater ist Fahrer und Chef unserer Truppe und das Finale unserer Vorführung. Manchmal ist mein Bruder aber Astronaut und bereitet sich auf den grossen Flug bis zum Mond vor, wo er verspricht, Sterne für uns zu pflücken, drei, für jeden von uns einen. Oder aber der Esstisch ist kein Raumschiff, sondern ein hundsgewöhnliches Schiff, wie es auf den sieben Weltmeeren tausende geben muss, aber genau unser Schiff birgt in den Tiefen seines Bauches Schätze von unvergleichlichem Wert, aber es ist nicht unser Schiff, nein, wir sind eine Piratenfamilie, wir kapern Schiffe und werfen alle Matrosen von Bord, zu den Haien, den Krokodilen. Einmal ist mein Bruder ein Hilfsmatrose auf dem Schiff der ägyptischen Prinzessin, die ich bin und mein Vater ist ein feindlicher Pirat. Der Hilfsmatrose und die Prinzessin schliessen sich hilflos zusammen, kämpfen erbittert gegen den Furcht einflössenden Piratenkapitän, werden in die Ecke gedrängt, aber in ihrem kämpferischen Mut sind sie so berührend, dass es der Piratenkapitän nicht übers Herz bringt, die beiden zu Opfern der Wellen zu machen. Oder mein Bruder und ich sind Schiffspassagiere der Titanic, die auf Wellen gemacht aus Daunendecken treiben und ihren Tod erwarten, aber dann von einem Wal gerettet werden, der sie in Sicherheit bringt, aus dem eisigen Wasser auf einen Steinfelsen in der Nähe der Küste. Unsere Spiele, unsere Samstage und Sonntage bestehend aus Fantasien, die harmlos begannen und immer dramatischer und zerstörerischer und enthemmter wurden, umgab der Geschmack von Freiheit. Der Geschmack, das Abbild, den Entwurf zur Möglichkeit einer kompletten Freiheit, die uns umgab, meinen Vater, meinen Bruder, mich umgab, uns, in diesem scheinbar fast hermetisch abgeriegelten Raum, in den niemand eindringen konnte. Anspannung und Beklemmung blieben draussen, auf der Türschwelle, ihnen war der Zutritt verwehrt. Selten bin ich ermahnt worden, mich zu mässigen oder jetzt endlich still zu sein, ich durfte schlafen gehen, wann es mir beliebte und aufstehen, wenn zum Beispiel Sonnenstrahlen durch die halb geöffneten Jalousien fielen und mein Gesicht spürbar attackierten. Kein, sei still du, leg dich schlafen, jetzt wasch dir aber sofort die Hände, da kleben Essensresten, keine sich verdrehenden Erwachsenenaugen, keine Ohrfeigen. Nur vielleicht Gekeife ab und zu, oder ein Bruder, der ohne mich auf der Milchstrasse spazieren geht, oder vielleicht plötzlich ein Vater, der seine Nase lieber in graues Zeitungspapier steckt und seine Augen über Buchstabenreihen flitzen lässt. Samstage und Sonntage, die mir Freude am Spiel beibrachten, Freude an der Maskierung und der Demaskierung. Samstage und Sonntage aus Wärme zwischen uns dreien, uns in allen erdenklichen Kostümen, uns in allen Formen. Samstage und Sonntage, die mir beibrachten, was Freude an dem Verkleiden, die Möglichkeit einer erzeugten Echtheit, der Elan, der mit dem Behaupten einhergeht, bedeuten.

Ich nehme ihn nicht mit, ich bringe ihn nirgendwo hin, ich streiche bloss über die Schwielen und Dellen in der Tischplatte mit einer sakralen Andacht, ich entscheide nichts, ich entscheide nichts in der Gewissheit, dass ich deshalb nicht davor gefeit bin, bald zu entscheiden, ich entscheide nichts in der Gewissheit, jetzt bloss aufzuschieben. Und dann gehe ich, weg vom Tisch, durch die Türe, über die Schwelle, raus aus diesem Gefäss zurückliegender Tage, die Treppe runter, raus.