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Die Gewissheit von Romana Ganzoni

Text des Monats Oktober 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Die Gewissheit

Sie sah, wie ihr Kind kippte und langsam in den Fluss fiel. Sie stand am Fenster im ersten Stock und sah, wie ihr Kind in den Fluss fiel, wie es strampelte, es wirkte zuerst vergnügt. Sie sah zu. Sie stand da. Ihr Kind fiel in den Fluss. Es kippte langsam. Sie sah es. Sie sah, wie es kippte. Sie sah, wie das Kind strampelte, wie es vergnügt wirkte und dann unterging. Der kleine Körper trat langsam seine Reise an. Er trieb wie ein Stück Holz flussabwärts und blieb am Brückenpfeiler hängen.

Sie wusste schon lange, dass das passieren würde. Sie wusste, dass sie nichts dagegen unternehmen, dass sie nichts ausrichten würde.

Es roch nach Zigarre im Haus. Ihr Mann stand im Badezimmer und putzte seine Zähne. Er hatte nicht geraucht, aber er hatte daran gedacht. Er hatte sich gewünscht, eine Zigarre zu rauchen. Sie konnte Wünsche riechen. Sie sah Wünsche, sie empfand Respekt vor Wünschen. Wünsche waren zu respektieren.

Sie hatte es gerochen, ihr Kind war nicht traurig gewesen, als es in den Fluss fiel. Es hatte insgeheim den Wunsch gehabt, in den Fluss zu fallen und die Kälte des Wassers zu spüren, es wollte im Fluss liegen als Teil von ihm und sich treiben lassen. Sie kannte diesen Wunsch.

Deshalb liess sie es fallen und griff nicht ein. Sie stand am Fenster, die Kaffeetasse in der Hand, als das Kind kippte. Sie wusste, dass es zu spät war. Sie wusste längst, dass es passieren würde und dass es richtig war. Sie hatte es am Herbstmarkt gerochen, als sie dem Kind die neuen Wollsocken für den Winter anprobierte, sie hatte gerochen, dass sie ungetragen im Caritas-Sack landen würden. Sie kaufte die Wollsocken, obwohl sie die Farbe hässlich fand, zu hässlich für ihr hübsches Kind. Aber da sie wusste, dass das Kind die Socken nie tragen würde, griff sie zu und steckte die Socken, zusammen mit dem Salsiz vom Nachbarstand, in ihre grosse Handtasche.

Sie konnte es nicht erklären.

Die Pfarrerin leerte die Papiertränen aus dem tönernen Krug in den Fluss, gleich unter der Brücke. Die Gemeinde stand da und schaute den Papiertränen nach. Sie waren beschrieben mit guten Wünschen für das Kind,    mit Wünschen für den Vater und für die Schwester und für die Mutter. Die Mutter stand am Fluss und sah den Fetzen nach, die ins Schwarze Meer getragen wurden. Sie würden viele Städte sehen und viele Kinder, die am Fluss spielten und nicht kippten. Aber diese Kinder hatten den Wunsch nicht, sich mit dem Fluss zu vereinen, das war bei ihrem Sohn ganz anders gewesen. Sie konnte nicht darüber sprechen, aber sie wusste, dass sie das Richtige getan hatte.

Die Pfarrerin betete und die Gemeinde stand betreten da. Die Papiertränen schwammen davon.

Der Mann sprach nicht mehr mit ihr. Die Tochter schaute sie mit grossen Augen an, wenn sie das Foto des Sohnes wieder wegstellte. Warum ein Foto aufstellen? Sie sah ihn doch jeden Tag beim Fluss. Sie sah, wie er spielte, wie er das Iglu baute und der Katze nachrannte. Er hatte tüchtig zu Mittag gegessen, er hatte nach Himbeersirup gefragt an diesem Festtag, an dem er ins Wasser kippen würde. Sie mischte den Sirup und schenkte ein. Ausnahmsweise. Seine Wünsche sollten in Erfüllung gehen.

Der Arzt hatte ihr erklärt, weshalb sie sich nicht bewegt hatte. Der Schock, eine Paralyse. Das könne vorkommen. Sie dürfe sich nicht den Kopf zermartern deshalb, der Körper habe den Dienst versagt. Und sie dachte daran, wie sie sich an der Kaffeetasse festgehalten, wie sie auf das braune Getränk gestarrt hatte. Sie hatte Lust auf Kaffee gehabt, als ihr Kind ins Wasser fiel, aber der Kaffee war kalt und es war ihr bewusst, dass es nicht statthaft gewesen wäre, sich einen heissen Kaffee zu machen, während ihr Kind ertrank.

Sie spazierte über die Wiese und entlang des Flusses, es war ein schöner Weg, es war ein schöner Tag. Sie warf Steine ins Wasser, sie sprang den Steinen nach. Das Wasser war eiskalt. Sie hatte nichts gerochen, sie hatte ihren Wunsch, an diesem Tag im Wasser zu liegen, nicht erkannt.