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Die Katze von Romana Ganzoni

Text des Monats August 2014

Autor/in:

Augustwörter: Hochschulreife – Knacki – Option – ganz und gar – Konzentrationsausgleich

Die Katze

Er wird von Linsen leben müssen, denn ein Koch ist er nicht, und, klar, die Nische im Studio, die sie Küche nennen, hat nur eine Platte, eine mittelgrosse, damit muss er auskommen, und dann dieser mickrige Kühlschrank, zwei Joghurts, und der ist voll, das Quartier gefällt mir nicht, immer ist es laut, ob er genug schlafen wird, es stank, als ich ihm beim Umzug half, aber das Institut ist nah, praktisch, ich werde ihm zeigen, wie das geht, wie man die grünen Linsen über Nacht einlegen muss, einen Topf hat er, ich gebe ihm auch die Schüssel aus Steingut mit, die bemalte von meiner Grossmutter, sonst habe ich nichts genommen bei der Teilung, ich wollte nichts zu tun haben mit der Gier der anderen, die grünen Linsen sind die besten, dann am nächsten Tag in genügend Wasser kochen, einen Brühwürfel dazu und zwei, drei Tropfen Olivenöl, die Zehnerpackung Knacki von Herta kann er auch darin wärmen, wenn er mag, die schmecken ihm doch so gut, obwohl wir immer Bedenken hatten, er noch mehr als ich, woher kommt dieses unnatürlich Bissfeste, das nicht zu Würstchen passt, dieses Strotzende im Darm, das wohl kein Darm ist, sondern etwas Künstliches, das schnell platzt und das Fleisch entlässt, das nicht einfach Fleisch ist, sondern ein Mischung aus verschiedenen Zutaten, wir wollten es nicht so genau wissen, die Nahrungsmittelindustrie ist weit, sehr weit, egal, Hauptsache, er wird satt, Hauptsache, er ist zufrieden, ich werde ihm sagen, mach immer genug, mach zuviel, dann bist du tagelang versorgt, ganz und gar, und billig ist das Essen auch, billig und nahrhaft, und dann greife ich in sein Haar, er wird den Kopf schütteln, weil es ihm nicht unangenehm, aber peinlich ist, ein Freund könnte ihn sehen, die Freunde heissen heute Kollegen, ein Kollege könnte ihn sehen, und die Mütter heissen Barbara oder Mia und haben eine Karriere, sie haben eine Wahl, Optionen, ja, wie die jungen Leute mit ihrer Hochschulreife, die haben auch eine Wahl, die Wahl zu bleiben oder zu gehen, und dann gehen sie, eigentlich haben sie gar keine Wahl, sie müssen gehen, Matura heisst das in der Schweiz, wer in Deutschland das Reifezeugnis in der Hand hält, hat Abitur und kann abgehen, abgehen wie ein Rakete, weit weg, hoffentlich dreht er nicht durch in seinem Studio, so allein und beengt, vielleicht wäre eine Studenten-WG doch besser oder ein Studentenwohnheim, das klingt zwar schlimm, aber er wäre nicht allein, ich könnte ihm eine Katze schenken, eine kleine Katze, er wünscht sich einen roten Kater, und ich könnte mir auch eine Katze holen, eine getigerte, vom Bauern, da war ich mit ihm in den Ferien, als er noch nicht einmal im Kindergarten war, es war der schönste Sommer unseres Lebens, oder aber, wir hätten zusammen eine Katze, er hielte sie unter der Woche im kleinen Studio, ein weiches Geschöpf gegen die Einsamkeit, am Wochenende dürfte sie bei mir sein, er küsste sie in der Stadt, ich auf dem Dorf, er links, ich rechts, die glückliche Katze, wie ein flauschiges Membran läge sie zwischen uns, ihn machte sie älter, reifer, vorsichtiger, mich jünger oder nicht so alt, wie ich jetzt zu werden drohe ohne ihn am Tisch, wenn ich alleine Linsen esse, die grünen sind die besten, sehr nahrhaft, man muss einfach genug machen, lieber zuviel, dann ist man tagelang versorgt, ganz und gar, und billig ist das Essen auch, billig und nahrhaft, und dann greife ich in mein Haar, früher war es voller, eine Katze würde mir gut tun, eine Katze für uns zwei, die wir so sehr aufeinander konzentriert sind oder waren, ein Ausgleich, ein Konzentrationsausgleich würde uns gut tun, ihm in der Stadt, mir auf dem Dorf, die Katze zwischen uns, sie verbindet, Tiere verbinden die Menschen, sie liesse mich jede Woche ein wenig zu ihm durch und ihn zu mir.