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Die Krähe von Jan Arn

Text des Monats April 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

Damals lebte ich eine Zeitlang bei Luc und seiner Mutter, Marcelline. Sie wohnten im Haus von Marcellines Vater. Luc und ich gingen noch in den Kindergarten. Das Haus seines Grossvaters war eine bescheidene, um 1900 herum erbaute Villa. Sie lag auf einer sich lange hinziehenden Erhebung, welche die Höhe eines mittleren Hügels hatte und sich zwischen dem See und der Flussebene erstreckte. Von der Anhöhe, auf der das Haus stand, fiel das Gelände eher steil ab. Das Anwesen erstreckte sich ein Stück weit den Abhang hinunter. Auf dem Abhang war eine Wiese mit einigen hohen Kieferbäumen darauf und manchen Büschen am unteren Ende des Grundstücks. Hinter dem Haus war ein kleiner Obstgarten.
Zu Beginn des Spätsommers kamen die ersten Krähen auf die Apfelbäume im Garten geflogen, pickten mit den Schnäbeln Stückchen aus den heranreifenden Äpfeln, und flogen mit den Stückchen in den Schnäbeln sogleich davon, um sie in einiger Entfernung zu fressen und, begierig nach weiteren Stückchen, alsbald wiederzukehren. Dem Grossvater missfiel dieses Unwesen sehr, und er versuchte dann und wann, die schwarzen Vögel mit Schüssen aus dem Luftgewehr zu vertreiben; was ihm mehr oder weniger gelang, wenn er knapp an den schwarzen Vögeln vorbeischoss, im Augenblick, da sie nach den Äpfeln pickten.

Es war vor fünfundzwanzig Jahren. Im Spätsommer 1980.
Eines Morgens fand ich auf dem Gartenweg eine junge Krähe. Sie sass auf dem gekiesten Weg und hatte sich erbrochen. Ich beugte mich zu ihr nieder und streichelte ihren Rücken. Das Gefieder fühlte sich zart an. Sie regte sich kaum. Sie zitterte. Allem Anschein nach war sie durch keinen Schuss aus dem Luftgewehr getroffen worden. Vielmehr schien sie durch irgendeine Krankheit geschwächt zu sein. Ich berührte sie noch einmal und noch einmal, und sie regte sich nur wenig. Als ich sie vom Boden aufhob, wehrte sie sich kaum. Ich barg sie in meinen Händen. Sie blieb ganz ruhig. Ich trug sie ins Haus und ins Zimmer hinauf. Luc kauerte am Boden und war daran, eine Burg aus Legosteinen zu bauen.
Als ich ihm den Vogel zeigte, staunte er. «Ist der schön ...», sagte er. «Wo hast du ihn gefunden?»
«Im Garten.»
«Was ist mit ihm?»
«Er hat sich erbrochen.»
«Er scheint ganz schwach», sagte Luc. «Der Arme.»
Lucs Grossvater kam und schaute sich den Vogel an. Als Tierarzt im Ruhestand wusste er in derartigen Dingen Bescheid.
«Der Vogel ist ernstlich krank», sagte er. «Er wird wahrscheinlich sterben.»
«Was ist das? ...» - Luc schaute besorgt - «'Sterben'? ...»
«Das wird mit ihm geschehen, wenn er vor lauter Kranksein so schwach wird, dass er endgültig zu atmen aufhört, und wenn sein Herz endgültig zu schlagen aufhört.»
Der Grossvater rieb sich mit dem Finger das bärtige Kinn.
«Vielleicht könnt ihr den armen Kerl ja gesundpflegen», sagte er, und streichelte mit dem Finger sachte den Rücken des Tieres. «Wenn ihr das wollt, müsst ihr aber meine Anweisungen genau befolgen.»
«Wir tun alles, wie du es sagst, Grossvater», sagte Luc.
«Eines müsst ihr mir allerdings versprechen.» Der Grossvater sah uns mit strengem Blick an.
«? ...»
«Ihr dürft den Vogel nur anfassen, wenn ihr euch anschliessend die Hände wascht», sagte er. «Und zwar gründlich.»
«Versprochen.»
«Und ihr dürft ihn nicht mit Apfelstückchen füttern. Sonst wird er später wie die anderen Krähen auf die Apfelbäume gehen und mir die Äpfel zerpicken.»
«Versprochen.»
Der Grossvater war zufrieden.
«Nun», sagte er. «Zunächst einmal braucht das Tier eine Behausung, am besten im Garten draussen.»
«Oh ja!» Luc und ich hüpften einige Male auf und ab, jauchzten und klopften einer dem anderen mit den Händen auf die Schultern.
«He da, ihr beiden! Beruhigt euch, hört her!»
Nach je einem letzten Hüpfer standen wir still.
Der Grossvater sah uns mit festem Blick an.
«Ein Letztes müsst ihr mir noch versprechen», sagte er.
«Was denn?»
«Dass ihr mir den Vogel nicht noch einmal ins Haus bringt. Grossmutter wäre nicht erfreut.»
«Versprochen.»
«Na, dann los», sagte der Grossvater. Wir gingen sogleich die Stiegen hinunter in den Keller, wo der Bastelraum war. Den Vogel nahmen wir mit und legten ihn in eine offene, mit Stofflappen ausgelegte Kartonkiste.
Wir halfen dem Grossvater, mit Holzlatten und Maschendraht ein kleines Gehege zu bauen, um den Vogel darin unterzubringen - ein Gehege ungefähr in der Art und der Grösse, wie sie bei Meerschweinchen gebräuchlich sind. Wir stellten es in den Garten und schirmten es nach drei Seiten und nach oben mit Holzbrettern ab, die wir aneinander festmachten. Somit konnten die Katzen unseren Vogel nicht kriegen, und er war vor dem Regen geschützt. Wir machten ihm mit ein paar Stofflappen und genug Stroh ein Nest und legten ihn hinein, und danach versuchten wir ihn dazu zu bringen, ein paar der Samenkörner zu fressen, die wir besorgt hatten. Tags darauf gingen wir in den nahegelegenen Wald und holten für ihn Würmer. In jenem Sommer hätte man auf dem Gründstück vergeblich nach welchen gegraben. Es hatte zwei, drei Wochen lang nicht geregnet. Der Erdboden war trocken und hart geworden, und die Regenwürmer hatten sich tief in die Erde hinunter verkrochen.
Jeden Tag verbrachten wir zwei, drei Stunden vor dem Gehege und beobachteten Abra. So nannten wir ihn. Kamen wir morgens in den Garten gelaufen, lauerten die Katzen in äusserster Spannung hingeduckt vor dem Gehege und liessen kein Auge von ihm. Sie hatten gemerkt, dass Abra sich nicht hätte wehren können. Wir verjagten sie sogleich und legten uns danach bäuchlings vor das Gehege ins Gras, und bewunderten unseren Vogel. Er sah uns dabei oft und lange aus seinen dunklen Augen an und rührte sich kaum. Seine Augen waren immer etwas trüb und kamen mir ein wenig wie die schwarzen Beeren vor, die am Rand des Gartenweges wuchsen. Die Beeren waren während der trockenen, heissen Wochen immer mit dem Staub bedeckt, der vom Kies auf dem Gartenweg stammte und von dem beim Begehen des Wegs immer ein wenig aufgewirbelt wurde. Wir lagen vor dem Gehege und schauten Abra an und vergassen alles andere. Einmal geschah es, dass er ein schwaches «Krah» ausstiess. Wir wagten es ein paar Mal, ihn aus dem Gehege zu nehmen, hoben ihn so behutsam wie nur möglich aus dem Nest, und nahmen ihn heraus. Er lag in unseren Händen und zitterte ängstlich. Und wir legten ihn in sein Nest zurück.
Niemand ausser uns hatte eine Krähe.
Abra war unser Geheimnis. Wir gaben Acht, dass die anderen Kinder nicht von ihm erfuhren und dass keines ihn zu sehen bekam. Und so wusste niemand ausser uns, dass er da war. In Lucs Märchenbuch war ein Zauberer abgebildet, der eine Krähe auf der Schulter sitzen hatte. Und so träumten Luc und ich davon, eines Tages mit Abra auf der Schulter die Strasse hinunter in den Kindergarten zu gehen und unseren Vogel voller Stolz den anderen Kindern vorzuführen.
Der Grossvater sagte, Krähen seien sehr kluge Tiere. Wir wussten, dass die meisten von ihnen sich nicht täuschen liessen, wenn man so tat, als würfe man einen Stein nach ihnen. Meistens merkten sie, dass man gar keinen in der Hand hielt, und liessen sich durch die blosse Werfbewegung nur selten verscheuchen. Sie beobachteten einen höchst wachsam, wenn man sich ihnen in besagter Absicht näherte, und sie sahen genau, ob man einen Stein vom Boden aufhob oder nicht, und sie sahen blitzschnell, ob bei vollführter Werfbewegung einer aus der Hand geschossen und auf sie zugeflogen kam oder keiner. Ein andermal hatten wir beobachtet, wie einer der schwarzen Vögel so oft eine Wallnuss vom Dach auf die Strasse hinunterfallen liess, bis die Schale der Nuss aufbrach. Immer wieder holte das Tier die Wallnuss auf das Dach und schleuderte sie mit einer jähen Kopfbewegung aus dem Schnabel so oft auf den Asphalt hinunter, bis die Schale genug aufgebrochen war, so dass das Tier an den Nusskern herankommen konnte.
Wir versuchten, Abra gesundzupflegen. Aber trotz aller Pflege nach den Ratschlägen des Grossvaters wollte er nicht genesen. Er blieb schwach. Zwar frass er ab und an ein paar Samenkörner, und ein Mal auch einen Regenwurm. Aber er konnte das Gefressene nicht behalten und erbrach es neuerlich. Er wurde noch schwächer. Eines Morgens, als ich in den Garten gelaufen kam und vor das Gehege trat, lag er starr im Nest. Sein Schnabel war aufgesperrt. Er hatte einen Brei aus halbverdauten Körnern erbrochen. Der Brei klebte in zu Klümpchen erstarrten Tropfen an seinem Schnabel und im Stroh des Nests. Ich berührte unseren Vogel. Er war nicht mehr warm. Die Augen waren starr und trüb. Ich hatte noch nie ein Tier in so einem Zustand gesehen. Aber ich wusste, das war tot ...
Luc und ich wickelten ihn in ein Stofftuch und trugen das Bündel Stunden lang mit uns herum.
Als der Grossvater dahinter kam, was darin war, nahm er es uns sofort weg. Er schickte uns sofort die Hände waschen und kam schauen, dass wir sie mit Seife und gründlich wuschen. Danach legte er Abra in eine Plastiktüte und verschloss sie fest mit Klebeband, das er oben mehrere Male straff herumwickelte.
Die Grossmutter versuchte uns zu trösten. Sie sagte, alle Tiere müssten einmal sterben.
Der Grossvater erlaubte uns, Abra zuunterst auf dem Grundstück zu begraben. Wir trugen die Plastiktüte mit dem Vogel darin den Abhang hinunter. Unten bei den Büschen am Zaun gruben wir ein Erdloch. Vom Haus aus konnte man die Stelle wegen der Kieferbäume nicht einsehen. Luc nahm das Taschenmesser hervor und schnitt die Tüte auf, und befreite Abra. Wir hielten ihn jeder noch ein Mal in den Händen und schauten ihn Sekunden lang schweigend an. Dann legten wir ihn in die Erde, sagten ihm Lebwohl, und deckten ihn mit Erde zu.
Mir war elend zumute. Ich musste immerzu an Abra denken. Als ich am Abend in den spärlich beleuchteten Keller hinunterstieg, war ich nicht achtsam und strauchelte auf der Treppe und brach mein linkes Bein.
Ich war zweieinhalb Wochen im Krankenhaus.
Als ich endlich zurückkehrte, trug ich einen Gehgips. Ich konnte damit umherhumpeln. Mir war aber lieber, wenn Marcelline, Lucs Mutter, mich hochhob und mit sich umhertrug. Manchmal trug Luc mich auf seinem Rücken durch das Haus und durch den Garten. Wir spielten 'toter Mann'....
Ich war der tote Mann. Und er musste mich so lange tragen, wie er konnte ....
Nachdem wir ein paar Tage so verbracht hatten, fragten wir uns, ob Abra noch war, wo wir ihn begraben hatten. Oder ob er aus der Erde gekrochen und fortgeflogen war. Luc lud mich auf seinen Rücken und trug mich den Hang hinunter zu der Stelle, wo wir ihn begraben hatten. Wir hoben das Erdloch aus. Was zum Vorschein kam, sah entsetzlich aus, und stank scheusslich. Es war voller winziger Madenwürmer, von denen sich welche bewegten. Die Augen waren eingesunken und flüssig.
«Das ist nicht Abra ...», sagte Luc erschrocken. «Das ist nicht er ...»
Hastig deckten wir es mit Erde zu.
Der Grossvater kam rasch dahinter, dass wir die verwesende Krähe ausgegraben hatten. Er schimpfte mit uns und mochte uns nicht glauben, dass wir den Vogel nicht mit den Händen angefasst hatten. «Tote Tiere ausgraben darf man niemals», schimpfte er, «davon kann man sehr krank werden.» Er schickte uns sofort die Hände waschen. Wieder stand er hinter uns und gab genauestens Acht, dass wir sie sorgfältig wuschen. Wir mussten die Hände und die Unterarme bis zu den Ellbogen hinauf einseifen und mit der Bürste kräftig schrubben und Minuten lang gründlich waschen.
Abends waren wir beim Grossvater in der Bibliothek. Wir sassen bei ihm auf dem Sofa und erzählten ihm, was wir gesehen hatten.
Danach fragte Luc:
«Was ist mit Abra geschehen, Grossvater? ...»
Lucs Stimme klang traurig, und verriet die Verstörung.
Der Grossvater zog die Stirn in Falten. Er fuhr jedem von uns mit einer seiner grossen Hände langsam über den Kopf und sagte leise:
«Er ist am Verwesen.»
«Und all die kleinen Madenwürmchen?»
«Die fressen nach und nach seinen Körper.»
«Bleibt denn nichts von ihm übrig?»
«Am Ende bleiben lediglich die Knöchelchen», sagte der Grossvater.
Luc und ich schauten ihn ungläubig an.
Der Grossvater atmete tief ein, und während er langsam ausamtete, fuhr er uns mit der grossen, faltigen Hand über den Kopf.
«Wisst ihr, Buben», sprach er mit in Falten gelegter Stirn, «manche Leute glauben, dass die Tiere, wenn sie gestorben sind, weiterleben; die Leute glauben, die Tiere gehen in den Himmel.»
«Wie ist das denn möglich?» fragte ich. «Die Tiere können sich doch nicht mehr bewegen .... Ein Vogel kann ja gar nicht mehr fliegen ...»
«Da hast du Recht.» Der Grossvater hob die Augenbrauen. «Wie sollen die Tiere das nur können ... Ich habe nicht die geringste Ahnung.»
Luc schaute mit seinen dunklen Augen zum Grossvater hinauf und fragte nach ein paar Sekunden des Nachsinnens:
«Müssen die Menschen auch sterben, Grossvater?»
Der alte Mann dachte einen Augenblick nach. Dann sagte er:
«Alles, was ein Leben hat, muss irgendwann sterben. Auch die Menschen.»
«Und wir, Grossvater?»
Der Grossvater schwieg eine Zeit lang. Luc sah ihn derweil unverwandt an.
«Mama, und du, und Grossmutter, und Matthias, und ich ...» - Luc schaute eindringlich - «müssen wir auch sterben? ...»
Der Grossvater zögerte. Doch dann nickte er langsam.
«Wir alle? ...» fragte ich. «Wirklich wir alle? ...»
Der alte Mann nickte.
Luc und ich seufzten leise.
«Und, Grossvater ...»
«?»
«Wird Abra nie mehr, wie ... er war? ...»
«Nein, mein Junge. Leider nicht.»
«Kommt er nie mehr zu uns?»
«Nein.»
Mir stockte ein, zwei Sekunden lang der Atem. Ich denke, Luc auch.
Der Grossvater legte uns je einen Arm auf den Rücken. Luc und ich schauten einander über seinen runden Bauch hinweg an. Wir sassen an dem Abend noch lange still bei dem Grossvater in der Bibliothek und waren traurig und aufgewühlt.

Drei Wochen später kam meine Mutter aus England zu Besuch. Ich erinnere mich, wie sie am Fenster stand und uns beim Spielen im Garten zuschaute. Luc und ich waren unten am Hang. Ich lud Luc auf den Rücken und trug ihn den steilen Hang hinauf. Mein gebrochenes Bein war verheilt. Es tat nur noch wenig weh. Ich trug ihn den Hang hoch. Marcelline, seine Mutter, stand neben meiner am Fenster und rief mir zu: «Sachte, Matthias ... gib Acht, dass dein Bein nicht nochmals bricht!» Aber ich war schon halbwegs oben. Ich war beinahe so stark wie vor dem Beinbruch.

In jenen Herbsttagen trug ich Luc immer umher.
Wir spielten 'toter Mann' ...
Ich trug ihn auf dem Rücken. Und er war der tote Mann -