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Die Prozession von Niklaus Epp

Text des Monats März 2009 (Thema: Kindheit)

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Die Prozession zog aus der Kirche. An der Spitze des Zuges ragten die beiden Kreuze gegen den Himmel, das eine silbern glänzend, das andere schwarz. Am schwarzen angenagelt ein abgemagerter Heiland mit schmerzverzerrtem Gesicht. Hinter den Kreuzträgern promenierte der Pfarrer und neben ihm der Kaplan. Wir Kinder schlossen uns in Zweierkolonne an. Klosterfrauen und Lehrer sorgten für Ordnung. Zuhinterst folgten die Erwachsenen. Der betende Tausendfüssler setzte sich in Bewegung.
Häuser und spärlich belaubte Bäume schälten sich nach und nach aus der Dunkelheit. Hauswände und Vordächer zerrissen die Worte und warfen sie als Echo zurück. In den Gassen überschlug sich die «Heilige Muttergottes» mit den «noch nicht Gebenedeiten unter den Weibern». Mir schien, die Betenden wollten sich im Abverdienen des Himmels übertreffen. Das konnte man damals noch, den Himmel mit Beten abverdienen.
An meinen Füssen hingen meine neuen, um mindestens drei Nummern zu grossen Schuhe. Ich haderte mit meinem Alten. Er hatte sie mir am Vortag gekauft. Cremefarbene Schuhe! Viel zu gross, versuchten sie bei jedem Schritt hartnäckig am Boden zu verharren, um kurz bevor ich sie verlor nach oben an den Fussballen zu klatschen.
Stand ein Baum am Strassenrand und streckte seine Äste über den Weg, so senkten sich die Kreuze. Das sah von hinten aus, als ziehe der Tausendfüssler aus Achtung vor dem Baum die Fühler ein. Scherte ein Schüler aus der Kolonne, so verschärfte eine der Nonnen ihr Tempo. Ihre Haube wie die Flügel einer Krähe auf- und abschlagend, fixierte sie mit stechendem Blick den Betroffenen und dann war wieder Ordnung.
Über Naturstrassen, vorbei an Feldern und Äckern, steuerten wir der Nachbargemeinde entgegen. Bauern unterbrachen die Feldarbeit und bekreuzigten sich.
Der Kiesel auf der Strasse machte mir immer mehr zu schaffen. Einzelne Steinchen drangen durch den dreifingerbreiten Spalt hinter der Ferse in meine Schuhe. Dort drückten sie mich. Ich war ständig daran, auf einem Bein hüpfend, die Steinchen aus meinen Schuhen zu entfernen. Anfangs betete ich noch. Als sich dann aber immer häufiger Kiesel unter meiner Fusssohle nach vorne zu den Zehenspitzen vorarbeiteten und mich schier zur Verzweiflung trieben, fing ich an zu fluchen.
Mein Hintermann wurde auf meine Misere aufmerksam und irgendwann muss er auf die Idee gekommen sein, eine zwischen uns noch unbereinigte Rechnung auf seine Weise zu begleichen. Er trat mir auf den Absatz. Ich stand neben dem Schuh. Natürlich fiel ich auf. Nach mehrmaligem Stolpern und Wiederanziehen und Kiesel-aus-den-Schuhen-Leeren, zupfte mich eine Klosterfrau an den Haaren vor dem Ohr, dort wo man es so giftig spürt.
Am liebsten hätte ich mich umgedreht und dem hinter mir meine Galoschen in die Visage geschlagen. Das konnte ich nicht, denn dann wäre es mit dem Himmelabverdienen ein für allemal aus gewesen. Meine Hilflosigkeit steigerte sich zu Wut. Zusammen mit dem Gebet stiegen meine Rachegelüste zum Himmel.
Ich verwünschte meinen Alten. Er hatte die Schuhe ausgewählt. Noch dazu mit meinem hartverdienten Taschengeld. Ich verwünschte den Schuhmacher. Nicht ein Wort hätte er für mich gegen den Alten eingebracht. Dabei hatte er doch gesehen, wie viel mir an diesen verfluchten Schuhen lag. Ein Dreckshandel war das. Ich verwünschte sie alle.
«Arschlöcher!», hätte ich am liebsten geschrien.
Immer mehr Leute säumten den Weg.
Meine Schuhe frassen weiterhin Kiesel und der hinter mir genoss sein Spiel. Die Gebete wurden lauter und weil weit und breit keine Sonne zu sehen war, sonnten sich der Pfarrer und der Kaplan in den ehrfürchtigen Blicken der Gläubigen.
Endlich, nach fast zweistündigem Marsch, hörten wir die Kirchenglocken. Unser Zug bewegte sich feierlich durch die Strassen des Nachbardorfes. Das Beten wurde noch lauter. Leute lehnten sich zwischen roten Geranien aus den Fenstern. Die Strasse war jetzt geteert. Meine Probleme nahmen ab. Die Wut blieb.
Vor dem Eingang zur Kirche staute sich die Prozession. Der Tausendfüssler wurde zu einem Haufen aus Beinen und Köpfen. Aus der Ordnung entstand ein Durcheinander. Schon lagen wir uns in den Haaren. Blitzschnell formte sich ein Ring um uns. Alle wollten es sehen. Er lag unter mir. Mit dem einen Schuh in der Hand, traktierte ich seinen Schädel. Meine Freunde feuerten mich an. Das Kreischen übertönte das Beten.
Plötzlich spürte ich einen eisernen Griff in meinem Nacken. Die Pratzen des Oberstufenlehrers packten zu. Er erwischte uns beide. Wie in einem Schraubstock hielt er unsere Hälse in seinen wurstigen Fingern und schlug unsere Schädel gegeneinander. Ein, zwei, dreimal, und er frönte mit Freude seiner üblichen Methode, zwei sich streitende Schüler zu bestrafen. Endlich hörte er auf. In meinem Kopf blieb ein Pfeifen zurück. Ich zog meine Schuhe an. Der Lehrer sagte etwas. Ich verstand ihn nicht. Das war mir egal.
Die Leute beteten wieder.
Ein Kreuz erschien aus dem Dunkel des Kircheneingangs. Die Obrigkeiten begrüssten sich. Wir zogen in die Kirche. Ich schloss mich an und verschwand im düsteren Schlund des Gotteshauses. Auf der Empore plagte einer die Orgel. Ich setzte mich in die Bank zu meinen Freunden, band meine Schuhe mit unlösbaren Knoten.
«Für immer und ewig!», murmelte ich.
Dann nahm ich einen Nagel aus meinem Hosensack und fing an, wie mein Nachbar, im Rausche des Orgelgeschmetters, Löcher in die Kirchenbank zu bohren.