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Die Sammlung von Demian Lienhard

Text des Monats Juni 2014

Autor/in:

Juniwörter: Vervollständigen – vererben – senden – Therapeutikum – phantasievoll

Die Sammlung

Hier entlang, kommen Sie… Und geben Sie auf die leeren Bierflaschen acht. Nicht, dass Sie darauf ausrutschen… Kommen Sie, beginnen wir hier vorne links. – Photos? Von den Exponaten gerne, so viele Sie möchten. Aber keine Gesichter! Weder von mir noch von einem anderen Genossen. Staatsschutz und so, Sie wissen schon... – Bitte sehr, treten Sie näher, der Herr. Schauen Sie sich dieses Modell an. Tlatelolco 1968. Gegen unten leicht verjüngt. Trapezförmige Seitenflächen. Messerscharfe Kanten. Feinster Basalt. Liegt vorzüglich in der Hand. Hohe Durchschlagskraft. Ein äusserst offensives Modell. Verwandelt jeden Plexiglasschild in einen Splitterteppich. Kurzum, der Grand Cru Classé unter den Pflastersteinen. Die Mexikaner sind gesegnet, glauben Sie mir. Nicht jede Landschaft gibt solches Material her. Sie sehen, über Erfolg oder Misserfolg entscheidet nicht selten die lokale Geologie. Der Klassenkampf ist ein kompliziertes Geschäft, das ist die Wahrheit. – Bitte, der Herr, bitte nicht anfassen. Das Exponat ist leider nur bedingt säureresistent. Witterungsanfälliger Kalkstein. Modell Paris 1871. Wird heute kaum mehr verwendet. Saurer Regen und so, Sie kennen die Geschichte… Bemerken Sie bitte auch den grossformatigen Schnitt. Schwierige Handhabung, um nicht zu sagen, benutzerunfreundlich. Ausserdem niedrige Dichte, zahlreiche Verunreinigungen im Gestein, schlechte Kohäsion. Hat deshalb eher defensive Stärken, kann allenfalls in vertikalen Gefechten als Projektil Verwendung finden. – Die dunklen Flecken? Blut. – Nein, in diesem Fall von einem Kommunarden. – Tatsächlich, das hat Seltenheitswert. Meist stammt es ja von Staatsorganen. Manchmal auch ein Kollateralschaden. Reporter. Kinder. Hunde. Sowas halt. Aber in diesem Fall kommen die Flecken tatsächlich von einem Revolutionär. Kein Wunder, das Exponat stammt doch direkt von der Place Clichy. Sie wissen schon, der 24. Mai 1871. Die Versailler Truppen überrennen die Barrikaden aus Pflastersteinen, schiessen die Kommunarden zusammen. Ein Soldat, der an dem Blutbad teilgenommen hat, hob einen Stein zum Andenken auf. Er wurde über Generationen vererbt und ist erst vor kurzem in unsere Sammlung gelangt. Eine wirklich grosszügige Spende, ein wahrer Glücks… – Das hier? Unser ganzer Stolz. Modell Zürich 1980. Gräulicher Kalkstein. Das vorliegende Exponat wurde dem Pflaster zwischen Bellevue und Seeufer entnommen. Als Zollikofener oder Herrliberger verkleidet hat sich der spätere Werfer am Opernhaus hinter die feindlichen Linien geschlichen. Wirklich ein phantasievoller junger Mann, nicht wahr? Von der Polizei nicht beachtet, kam er auf einmal aus einem vielversprechenden Winkel zum Wurf. Und dann, Volltreffer. Der Polizist ging sofort zu Boden. Gesichtsfraktur, Schädel-Hirn-Trauma, alles, was dazugehört. Hei, das war ein Fest! Der Pflasterstein, merken Sie sich das, mein Herr, ist immer noch das beste Therapeutikum gegen die Gebresten unserer Gesellschaft! – Festgenommen? Wo denken Sie hin! Der Werfer war in jeder Hinsicht ein Meister seines Faches. So lautlos und unbemerkt, wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder in der Menge. Aber damit nicht genug. Der Werfer legte eine bemerkenswerte Weitsicht an den Tag, als er das Geschoss vorgängig mit wasserfestem Filzstift markierte. Auf diese Weise nämlich war es möglich, den Stein am Folgetag wiederzufinden. Was denken Sie, wie viele Leute sich so viel überlegen, bevor Sie sich oder zumindest den Pflasterstein dem Feind entgegenwerfen? – Wie? Das war eine rhetorische Frage. Ich wollte damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass wir den Erhalt dieses ausserordentlichen Zeitdokumentes einzig und allein der Voraussicht und dem Edelmut des Werfers, der auch gleichzeitig der Spender des Objektes ist, zu verdanken haben. – Kommen Sie weiter, mein Herr, lassen Sie sich weitere Höhepunkte der Sammlung zeigen, hier zum Beispiel das Modell Santiago 2006 aus lokalem Basanit. Wurde nur kurzzeitig hergestellt, ein wirklicher Brecher, mit dem die Carabineros an der Alameda wortwörtlich zu kämpfen hatten. Man sagt ihm Rauscheffekte nach… ähnlich denen einer Muschel, wenn man sie sich ans Ohr hält… etwas ganz Besonderes, wirklich… – Sie glauben mir nicht? Sehen Sie diesen Basanit? Schauen Sie, nur kurz gegen die Schläfe geschlagen, und schon hören Sie das Rauschen des Wasserwerfers, hören das Säuseln der Sirenen in Ihren Ohren, das Zerplatzen und Klirren der Molotowcocktails, bis Sie endlich das Gehör verlieren, für einen kurzen Moment freilich nur. Seien Sie versichert, es befarf wirklich nur eines winzigen Schlages gegen die Schläfe, sehen Sie, in etwa so, und scho…

 

 

…ne Sorgen zu machen. Das geht vorbei. Etwas Übelkeit wird noch bleiben, aber das ist normal. Aber kommen Sie, es geht weiter. Lassen Sie sich einen weiteren Höhepunkt zeigen. Das Modell Quartier Latin 1968. Auch das ein Rolls R… – Wie, Sie haben sich das anders vorgestellt? Was meinen Sie damit? – Sie hätten die Steine gerne im Ensemble gesehen? Wie bitte soll ich das verstehen? – Ach, der musivische Kontext! Nun gut, mein Herr, der geht verständlicherweise verloren, sobald man mit dem Herausreissen der Steine beginnt. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache. Aber das darf Sie nicht beirren. Im Gegenteil. In dem Moment, in dem die Steine ihres musivischen Kontextes beraubt werden, erlangen sie doch erst ihre herausragende sozialgeschichtliche, politische, ja militärhistorische Bedeutung! Oder etwa die Zusammenhänge von Lokalgeologie und dem Erfolg der Revolution. Wiederum ein hochinteressantes Thema! – Wie? Kunsthistorisch wertlos? Nun ja, vielleicht ist Ihr Urteil etwas hart, aber im Grund genommen… –  Bitte, keine Ursache. Und sollten Sie auf Ihren Forschungsreisen einen interessanten Pflasterstein finden, würden wir uns sehr darüber freuen, auch wenn uns leider keine Mittel zur Verfügung stehen, um einen allfälligen finanziellen Aufwand, der Ihnen dabei entsteht, angemessen zu entschädigen. Ja, so ist das nun einmal. Sie wissen ja, wir werden vom Staat in keinster Art und Weise unterstützt. Aber trotzdem, das soll Sie nicht von einer Spende abhalten, im Gegenteil. Bitte zögern Sie also nicht, uns interessante Objekte zukommen zu lassen, wir sind stets bemüht, unsere Sammlung zu vervollständigen. – Die Adresse? Nun… sie ändert sich ständig. Sie verstehen schon. Versuchen Sie also erst gar nicht, uns einen Stein per Post zu senden. Dafür… nun, dafür gibt es andere Wege.