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Die Tant´ von Birgit Birnbacher

Text des Monats September 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

„Ist sie auch wieder hervorgegangen“, hat man im Vorstadl über die Resa Precht gesagt, als sie nach ihrer Niederkunft zum ersten Mal wieder den langen Weg ins Tal gewagt hat. Da war sie noch jung, die Resa Precht, die Paußmutter, wie man die Bäurin schon nannte, bevor sie alt wurde. Ob jung oder alt, schwer arbeiten hat sie auch im hohen Alter noch müssen. Ihr Hof war ja nur ein paar hundert Meter von unserem entfernt, ich hab sie gut gekannt. Achtzehn Stück Vieh und alle von der Resa gemolken vor Tagesanbruch. Wäre alles gewöhnlich verlaufen, hätte sie das längst nicht mehr tun müssen, die schwere Arbeit verrichten und das Schlafen bei den Dirnen in der Kammer. Unter normalen Umständen wäre sie längst ins Austraghaus gezogen. Jeder Hof hat eines. Das kleine Haus, das sich den Hang mit dem Stall und dem Hof teilt. Die Vorzüge, dass einem das Essen gebracht und die schwerere Arbeit ferngehalten wird, kamen der Paußmutter nicht zu Gute, denn das Austraghaus war besetzt, von der Tant´. Niemand hat das ahnen können, dass es einmal so ein schlimmes Ende mit ihr nimmt. Sie, die Schwester der Resa Precht, die von allen am Hof und auch von uns Nachbarn nur die Tant´ genannt wurde, war ja längst schon ausgezogen gewesen. Eine kräftige Dirn, schwer arbeiten hat sie können und beliebt war sie gewesen bei den Bauern. Zu Lichtmess musste sie keine Sorgen haben, eine weitere Anstellung zu bekommen, sie alleine. Aber vom Bauern ein Kind und das als Dirn, das hat es nicht geben dürfen. Und ein zweites Kostgeld hat sie sich nicht leisten können. Aber die Tant´ war erfinderisch und hat auch gelesen und den Possegger Lenz von der Apotheke gekannt. Sich selber ein Kind wegzumachen hat die Tant´ die Gesundheit am Körper und im Kopf gekostet. Danach hat sie nie mehr arbeiten können und vom Austraghaus aus hört man sie bis auf die Felder hinaus schreien. Austragen hätt sie es schon können, das Kind vom Bauern, aber still hätt sie sein müssen.

Aus dem Austraghaus ist die Tant´ nie mehr hervorgegangen. Manchmal, wenn sie wieder im Eck auf den Jutesäcken gelegen ist und geschrien und geschrien hat, hat man am Feld draußen geglaubt, es wird bald aus sein mit ihr, sie wird das nicht überleben. So wie die schreit, das hält kein Mensch lange aus. Aber weitere vierzehn Jahre hat sie schon noch geschrien. So alt sind damals wenige geworden.