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Die Welt, so klein von Lena Hach

Text des Monats November 2011 (Thema: Heimat)

Autor/in:

Die Welt, so klein

Der erste, den Anton sah, war sein Großvater. Den ganzen Tag schon hatte er sich nicht richtig konzentrieren können, deshalb war er früher als sonst aus der Bibliothek aufgebrochen. Sobald Anton in der kühlen Luft stand, spürte er die Kopfschmerzen. Ein unruhiges Klopfen in den Schläfen, von dem er glaubte, es wäre leichter auszuhalten, wenn es wenigstens einem Takt folgen würde.
Einen Moment war er unschlüssig, er wäre gern durch die Altstadt gegangen; befürchtete aber, sich zu verlaufen. Die Häuser boten ihm kaum Orientierung, der Sandstein sah an jeder Fassade gleich aus, die Farbe von zu blass geratenen grünen Oliven. Anton hatte sich angewöhnt, die Marktgasse entlang zu gehen, die Spitalgasse zum Hauptbahnhof und von dort weiter zur Brücke, vorbei an der Anlaufstelle für die Fixer. Hier war es auch, dass er seinen Großvater sah, nur für einen Moment, er schien mit dem Fahrrad geradewegs auf Anton zuzufahren. Anton war, als blicke er ihn direkt an, die Augenbrauen mit ihren langen, drahtigen Haaren streckten sich wie Fühler nach vorne, die hohe Stirn glänzte feucht. Da war der Radfahrer auch schon vorbei. Als Anton sich umdrehte, sah er, wie das weiße Wattehaar am Hinterkopf vom Fahrtwind in die Länge gezogen wurde. Um das Bild wieder loszuwerden, schüttelte Anton seinen Kopf, wie eine dieser Zaubertafeln, mit denen er als Kind gespielt hatte.
Immer, wenn Anton über die Brücke ging, hielt er seinen Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Ging er zur Uni, hielt er sich meist an einer der weißen Bergkuppen fest; ging er nach Hause, musste ein Wolkenzipfel dafür genügen. Dabei hatte Anton keine Höhenangst, hatte er nie gehabt, das Unwohlsein kam allein von den Schildern mit den Notruftelefonnummern, die in beunruhigend regelmässigen Abständen an dem Brückengeländer angebracht waren, in beiden Richtungen. Anton konnte sich Zahlenfolgen schnell merken und als könnten sie Unglück bringen, wollte er diese hier auf keinen Fall in seinem Kopf haben.
Zu Hause angekommen, stellte Anton den Wasserkocher an. Er hatte sich angewöhnt, Hagebuttentee zu trinken. Er trank ihn aus einer Tasse aus Glas, weil er es mochte, wie der rote Tee in dem Glas leuchtete. Der Tee schmeckte nach Jugendherberge, Anton trank ihn in kleinen, schnellen Schlucken, dabei dachte er an Flaschendrehen auf dem Mädchenzimmer, an Ich-sitze-im-Grünen-und-Küsse, an Saskia Weinberger mit der Narbe am Kinn, die er für ein verrutschtes Grübchen gehalten hatte. Er dachte auch an das Gefühl, das ihn schon damals überkommen hatte, nachts im Stockbett. Heimweh oder Liebesweh, er wusste es auch jetzt nicht auseinander zu halten. Was er wusste, war, dass das Gefühl durch leises Onanieren schwächer geworden war. Das half längst nicht mehr, oder zumindest: nicht für lange Zeit.
Anton stellte die Tasse in die Spüle und setzte sich an den Laptop. Die einzige neue Mail war die eines Münchner Clubs; ein Newsletter, der wöchentlich kam, wertvollen Speicherplatz belegte und von dem Anton nicht wusste, wie er ihn abbestellen sollte. Als am Abend seine Mutter anrief, mit der gleichen Regelmäßigkeit und Unvermeidbarkeit des Newsletters, sagte Anton, Heute habe ich den Großvater gesehen. Er sang das Wort mehr als dass er es sagte, Großvater, es fühlte sich fremd an auf der Zunge. So lange war sein Großvater schon tot.
Aha, mehr sagte seine Mutter nicht. Die zwei Silben, bestehend aus nur drei Buchstaben, machten deutlich, dass sie sich längst mit den Spinnereien ihres Sohnes abgefunden hatte. Sie erzählte ihm, dass es so langsam an der Zeit war, den Garten winterfest zu machen. Anton schien das früh, es war erst Oktober und er stellte sich vor, wie seine Mutter selbstgestrickte Pudelmützen auf unwillige Buchsbaumköpfe setzte,  wie sie kratzige Fäustlinge prothesengleich über die Aststümpfe des Nussbaums zog.
Als sie den Hörer an Antons Vater weitergereicht hatte, wollte der wissen, wie es an der Universität so lief. Sein Vater sagte immer Universität, nie sagte er Uni, was merkwürdig war, da er durchaus eine Vorliebe für Abkürzungen hatte. Auf Familienfesten machten Anton und seine Schwester sich noch heute einen Spaß daraus, ihrem Vater möglichst viele z.B.s zu entlocken. Der Rekord lag bei 23, an nur einem Abend. Aber ein Uni hatten sie nie aus ihm herausgebracht. Auch nicht, als Anton sein Examen mit Eins gemacht hatte und zum Promovieren in die Schweiz gezogen war.
Es läuft gut, sagte Anton.
Schön, sagte sein Vater und, Deine Mutter küsst dich, dann legte er auf.

Anton hatte die Sache mit seinem Großvater schon längst vergessen, als er an einem Montagmorgen den Zweiten sah. Es war in der Bäckerei auf dem Weg zur Uni, wo Anton einen Nussgipfel kaufen wollte. Vor ihm war ein Mann in einem grauen Wollmantel an der Reihe, und als dieser bezahlt hatte und sich umdrehte,  blickte Anton in die Augen seines alten Mathelehrers. Die Augen hatten sich tief in ihre Höhlen zurückgezogen; beleidigt, wie es Anton schien. Er fühlte ein spätes, aber umso schlechteres Gewissen für all die absichtlich vergessenen Hausaufgaben in sich aufsteigen und presste die Lippen aufeinander, um sich nicht zu entschuldigen.
Noch am gleichen Tag sah Anton den Dritten, der genau genommen eine Dritte war: Seine Cousine Amelie, die vor fünf Jahren nach Neuseeland ausgewandert war. Hier aber arbeitete sie in der Migros und räumte Müslipackungen und Trockenfrüchte in ein Regal. Anton schaute seine Cousine einen Moment zu lange an und sie lächelte ihm zu, dabei konnte er die vertraute Lücke zwischen ihren Schneidezähnen erahnen. Es war, als gebe sie ihm eine Art universelles Einverständnis. Anton wusste nur nicht, wofür.

Als sei sein Blick von nun an geschärft, geschah es immer häufiger, dass Anton Menschen begegnete, die er zu kennen glaubte.
Meistens sah Anton sie aus dem Augenwinkel, im Vorbeigehen, aber was dennoch blieb, war ein warmes Gefühl von Vertrautheit. Anders war es, wenn es Anton nicht gelang, einem vorbeigehuschten Gesicht einen Namen zuzuordnen. Dann lag er nachts wach, grübelte, dem unrhythmischen Klopfen in seinen Schläfen ausgeliefert. Die Tatsache, dass ihm nicht alle Namen einfielen, hatte damit zu tun, dass ihm immer häufiger Menschen über den Weg liefen, denen er nicht nahe gestanden hatte. Der Pförtner der LMU, die Frau seines Fussballtrainers, die Studienfreundin seiner Mutter, die alle zwei Jahre zu Besuch kam.
Du meinst die Ulla, sagte seine Mutter, als er endlich fragen konnte. Aber da hatte er schon zwei Nächte schlecht geschlafen.

Als die Tabletten nicht mehr halfen, vereinbarte Anton einen Termin beim Arzt. Es dämmerte schon, als Anton in die Tram stieg, um sich durch die Stadt schaukeln zu lassen. Die Häuser sahen aus wie selbst gebastelte Laternen, in die man ein Muster aus Rechtecken geschnitten hatte, um von innen gelbes und orangenes Transparentpapier dagegen zu kleben. Anton legte den Kopf gegen die kühle Scheibe und wünschte sich in Küchen und Wohnzimmer, die er von woanders her kannte.

Auf dem weißen Kittel des Arztes, über seiner Brust, war ein kleines Schild befestigt: Dr. B. Widmer stand darauf. Anton gefiel der Name. Ihm gefiel auch, dass Dr. Widmer ihm gleich die Manschette des Blutdruckmessgeräts um seinen Oberarm legte. Noch besser fühlte es sich an, als sich die Manschette wie von selbst enger zog. Viel zu schnell war es wieder vorbei und Dr. Widmer öffnete den Klettverschluss. 120 zu 140, sagte er und Anton nickte, ohne zu wissen, was das bedeutete. Dann sollte er seinen Pullover ausziehen und sich auf den Rücken auf die Liege legen. Mit warmen Händen tastete Dr. Widmer ihn ab, zuerst die Brust, dann den Bauch. Er bat Anton, Kopf und Knie zusammenzubringen.  Zwischendurch fragte er immer wieder, Schmerzt das? Bald fand Anton heraus, dass Zögern dazu führte, dass er noch einmal das gleiche spüren durfte. Da ließ er sich Zeit mit seiner Antwort.
Als Dr. Widmer plötzlich von ihm ließ, Sie können sich anziehen, war Anton, der damit gerechnet hatte, sich noch auf den Bauch legen zu dürfen, beinahe enttäuscht.
Sie müssen mehr trinken, sagte Dr. Widmer. Dann fragte er, Wohnen Sie allein? Anton schüttelte den Kopf, In einer WG, in der Lorraine.
Da sind Sie sicher oft im Botanischen Garten, sagte Dr. Widmer. Dass Anton den Kopf schüttelte, bemerkte er nicht, er sah auf das Papier vor sich.
Anton war schon an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte, um zu sagen, Ich sehe überall Menschen, die ich kenne.
Dr. Widmer lächelte, die Haut um seine Mundwinkel kräuselte sich. 
Wie schön, sagte er.
Nein, sagte Anton, Denn eigentlich kenne ich die Menschen ja gar nicht. Es sind Fremde.
Ach so, sagte Dr. Widmer und jetzt kräuselte sich auch die Haut um seine Augen, Ich denke, Sie sollten sie trotzdem grüßen.

Als Anton bald darauf zum ersten Mal ohne Kopfschmerzen aufwachte, beschloss er, in den Botanischen Garten zu gehen. Die Anlage seitlich der Brücke hatte ihn nie interessiert, doch plötzlich war da diese Ungeduld in ihm, die ihn in die Turnschuhe seines Mitbewohners schlüpfen ließ, da er seine eigenen nicht gleich finden konnte. Aber als er auf den schmalen Wegen zwischen den Beeten mit den geduckten Heilpflanzen entlang lief, fehlte ihm die Lust, sich zu bücken, um Unterschiede zwischen ihnen auszumachen. An einem Getränkeautomaten zog er sich für zwei Franken eine Cola, dann setzte er sich neben das Farnhaus in die Sonne und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er seinen Großvater.
Er sah ihn nur von hinten, eine braune Jacke hing auf den knochigen Schultern wie auf einem Kleiderbügel, die Taschen links und rechts waren ausgebeult. Das weiße Wattehaar ließ Anton an eine Wolke denken, eine Cumuluswolke, die sich verirrt hatte und sich nun beeilte, weiterzuziehen.
Die Wolke schwebte die Treppen herunter und am Teich vorbei, in dem tellergroße Blätter wie Fettaugen auf einer Suppe schwammen.  Anton stand auf, um seinem Großvater zu folgen, durch den Garten, zwischen den Alpengewächsen hindurch, bis zum Ausgang und weiter, über den Zebrastreifen, den das Gelb der herabfallenden Blätter verwischt hatte. Bald ging es bergauf, den Nordring hoch, über die Breitenrainstraße. Anton gab sich keine Mühe, die Orientierung noch länger zu behalten. Er wusste, dass es zwecklos war; fremde Städte waren die größten Städte. Vor einem Haus mit blauen Fensterläden blieb sein Großvater schließlich unerwartet stehen. Schon hatte er einen Schlüssel aus der Hosentasche gezogen, er öffnete die Tür und trat über die Schwelle.

Das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür kam Anton selbstgefällig vor. Ihm war, als mache die Tür sich über ihn lustig. Er wollte gerade zurückgehen, als der Vorhang hinter einem der Fenster beiseitegeschoben wurde. Anton erkannte die Wolke, die er durch die Stadt verfolgt hatte. Aber das Gesicht darunter war nicht das Gesicht seines Großvaters. Es war das Gesicht einer Frau, klein und runzlig wie eine Rosine. Für einen Moment vergaß Anton zu atmen. Dafür erinnerte er sich an das, was Dr. Widmer gesagt hatte. Also hob er seine Hand und streckte alle Finger, die er hatte, von sich, wie ein Pantomime, der auf eine unsichtbare Wand stößt. Und die Frau hinter dem Fenster nickte, sie grüßte Anton zurück, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Kurz darauf ließ sie die Tür für ihn summen.

Der Flur war dunkel, aber die Küche war noch dunkler. Auf dem Tisch, der an die Wand geschoben war, klebte eine leuchtend rote Plastiktischdecke. Die Frau deutete auf einen Holzstuhl und Anton setzte sich. Dann zog sie eine Birne aus ihrer Jackentasche. Die braunen Flecken verrieten, das die Frucht längst reif war, und süß. Die Frau schnitt sie in vier gleiche Teile, zwei davon schob sie Anton hinüber. Das Stück zerfiel noch auf seiner Zunge. Als Saft über sein Kinn floss, wischte Anton ihn nicht weg.