Partner:   Stadt Zürich Kultur      Zürcher Kantonalbank

Distanzierter Besuch von Corinne Ammann

Text des Monats Mai 2020 (Thema: Klima- und andere Katastrophen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2020: «Klima- und andere Katastrophen», das Unterthema im Mai: Gebietsweise Aufhellungen

 

Distanzierter Besuch

 

Einmal pro Woche steht sie vor meiner Tür und bringt mir meinen Wocheneinkauf. Sie hat mir das angeboten, als sie von meiner Isolation gehört hat, und ich habe es dankbar angenommen, obwohl wir uns gar nicht so gut kennen. Wir telefonieren auch, zum Beispiel wenn ich ihr sage, was ich und meine drei Kinder alles brauchen, aber am liebsten ist es mir, wenn sie vor meiner Wohnungstür steht, sich in sicherem Abstand ans Treppengeländer lehnt und mir davon erzählt, was in meiner Abwesenheit so alles passiert.

Sie erzählt mir, dass sogar bei den Ansagen im Zug alles durcheinander geraten sei. Statt der automatisierten Durchsagen, die sonst so perfekt und im ganzen Land identisch aus dem Lautsprecher ertönen, machen nun wieder die Lokführer die Ansage, sie glaube jedenfalls, es wären die Lokführer, die Anschlüsse durchgeben und den Passagieren, fast ohne Ausnahme, einen schönen Tag wünschen. Einige würden auch sagen, bleiben Sie gesund, und diese Mischung von Wunsch und Aufforderung, die dieser Tage in aller Munde sei, komme ihr immer noch eigenartig vor, hätte dieser Satz bis vor Kurzem doch höchstens zum sprachlichen Inventar von älteren Menschen mit verschiedenen Gebrechen und Gebresten gehört, nun aber sei er allgegenwärtig und deshalb, das bemerke sie bereits, komme er ihr schon gar nicht mehr so eigenartig vor.

Ich höre ihr zu und denke, dass ich schon länger nicht mehr in einem Zug sass.

Sie erzählt mir von der Leere am Bahnhof, von den offenen Räumen, die da plötzlich sind, und nicht nur vorübergehend, sondern permanent, weil es statt einer Menschenmenge nur noch eine Menschenleere gäbe, wie sie sonst höchstens spätabends zu beobachten sei. Dass das jetzt auch mitten am Tag so sei, verwirre das Zeitgefühl und löse, so findet sie, etwas tief Beunruhigendes aus. Sie habe eine ganze Reihe Fotos gemacht, aber das Beunruhigende, so habe sie bemerkt, sei auf diese Weise nicht zu erfassen, weil die Zeitkomponente fehle, denn wir alle wissen ja, sinniert sie weiter, dass es normal sei, dass der Bahnhof manchmal leer ist und die Passanten per Definition immer nur vorüberziehend sind, ohne feste Präsenz wie ein Hinweisschild oder eine Sitzbank sie besitzen. Dass sie das Gefühl habe, der leere Bahnhof versinnbildliche die momentane Situation, und das habe sie wirklich, sei deshalb gar nicht so einfach zu erklären.

Ob ich gehört habe, fragt sie mich beim nächsten Besuch, dass die Luft in unserer Stadt viel sauberer sein soll und sei es nicht paradox, dass ausgerechnet jetzt, wo ich nicht aus dem Haus gehen solle, die Luft so sauber sei, dass es für mich völlig unproblematisch wäre, durch die Stadt zu laufen und tief einzuatmen, als sei es frische Bergluft.

Eine Woche später erzählt sie von der Karte mit den Abgaswolken, die ich natürlich auch gesehen habe, wobei es sich natürlich um zwei Bilder handle, fügt sie hinzu, denn erst aus dem Vergleich erschliesse sich ja die Aussage, dass die Luft in China jetzt viel sauberer sei als vorher. Wie ein Satellitenbild des Wetterdienstes wirke die Aufnahme, mit farbiger Bewölkung, die sich gebietsweise aufgelöst habe. Eine Freundin, erzählt mein Besuch weiter, habe ihr ebenfalls von der Karte erzählt, einige Tage nachdem sie erstmals in den Medien aufgetaucht sei, und diese Freundin habe gesagt, die Karte bilde Italien ab. Nach einem leichten Zögern habe sie der Freundin gesagt, erzählt meine Freundin, dass das eventuell nicht stimme, weil sie die Karte bisher immer als eine Luftaufnahme Chinas abgebildet gesehen habe. Trotzdem habe diese Freundin, fährt meine Freundin fort, wenige Tage später ihre Aussage, dass die Luftverschmutzung über Italien fast verschwunden sei, wiederholt und das habe sie nachdenklich gestimmt, denn sie selber habe in der Zwischenzeit das Internet nach Satellitenbildern von Italien abgesucht und sei zum Schluss gekommen, dass ihre Freundin etwas vermischt habe und sie habe sich überlegt, nicht ohne Sorge, obwohl es sich inhaltlich hier ja durchaus um eine Bagatelle handle, an wie viele Menschen sie diese Fehlinformation weitergegeben habe und wie weit sich diese in der Zwischenzeit ausgebreitet habe.

Ich bin fast erleichtert, als ich im Internet keine Luftverschmutzungskarte von Italien finde.

Sie erzählt mir, dass sie zehn Minuten vor Ladenschluss vor dem Supermarkt beim Bahnhof gestanden habe, um etwas Gemüse fürs Wochenende zu kaufen. Sonst habe nichts mehr offen gehabt, alles sei zu gewesen, was sie nicht bedacht habe, weil es normalerweise ja kein Problem sei, bis spät abends noch etwas einzukaufen. So habe sie sich angestellt und angefangen die Menschen zu beobachten, die da mit sicherem Abstand vor und hinter ihr standen, viele alleine, einige zu zweit, andere seien vorbeigegangen und kurz darauf zurückgekommen, um sich hinten anzustellen, wobei sie nicht den Eindruck entstehen lassen wolle, dass da viele Leute unterwegs waren, denn das wäre nicht der Fall gewesen, aber vielleicht seien ihr gerade deshalb die einzelnen Menschen derart aufgefallen. Dabei sei in ihr ein Gefühl von Gemeinschaft aufgekommen, wie sie es nicht erwartet habe und das nicht vergleichbar mit einem grossen Konzert oder einer Demo sei, und doch ein Kollektiverlebnis, ein gelebtes und erlebtes, nicht nur das geteilte Erlebnis, dass wir alle alleine in den eigenen vier Wänden hocken, sondern ein physisches Gemeinsamkeitsgefühl, was doch etwas ganz anderes sei und für sie ein klarer Hinweis darauf, dass es psychologisch nicht unbedenklich sei, wenn Menschen wie ich auf dieses Erlebnis verzichten müssen.

Ich denke, das ist mein kleinstes Problem.

Bei ihrem nächsten Besuch erzählt sie mir, dass es nun auch Karten von Europa gebe, die die gebietsweise Auflösung der Luftverschmutzungswolken zeigen und nach wie vor, das müsse sie zugeben, würden diese Karten eine Faszination auf sie ausüben, auch wenn es unterdessen so viele gebe, dass es kaum mehr etwas Besonderes sei. Und neu sei die Aussage ja auch nicht mehr. Zudem seien viele der Karten derart nachbearbeitet, dass sie der Sache gar nicht mehr traue. Was genau die Faszination ausmache, könne sie schwer sagen, doch es komme ihr vor, als könnten diese Karten etwas erfassen und illustrieren, das ebenso symbolisch für diese Krise sei. Wie bei der Karte sei die momentane Situation nur im Bezug auf die vorherige Normalität zu erfassen und auch gar nicht als permanente Veränderung, es sei nur eine Veränderung, in die sie gestolpert seien ohne jeden Plan, ohne Überzeugung, ohne Aussicht. Ihrer Meinung nach sollten wir nicht von gebietsweisen, sondern von zeitweiligen Aufhellungen sprechen. Sie gehe davon aus, dass die Satellitenbilder sowie der Bahnhof bald wieder wie früher aussehen würden.

Als sie das nächste Mal mir gegenüber am Geländer steht, redet sie wieder von den Karten. Sie wollten ihr nicht aus dem Kopf, erzählt sie, und sie habe angefangen, eine Sammlung der verschiedenen Karten anzulegen. Dabei sei sie auf verschiedenste Online-Publikationen gestossen, von deren Existenz sie bisher nichts geahnt hätte und es hätte sich in ihr auch der Eindruck verstärkt, dass sehr viele Halbwahrheiten und Unwahrheiten herumgereicht würden. Mit einer zunehmenden Sorge beobachte sie, wie mehr Leute in ihrem Umfeld Dinge erzählten, die zumindest ansatzweise, teilweise auch ganz explizit in den Bereich der Verschwörungstheorien fallen würden, da sich, so interpretiere sie dies, doch ganz allgemein eine erhebliche Verunsicherung feststellen liesse. Sie beobachte sie auch an sich selbst, wenn sie zögere und weniger klare Stellungen beziehe als früher, teils aus Angst die Leute vor den Kopf zu stossen, was übrigens ihrer Meinung nach auch leichter und schneller passiere, da sich die Unsicherheit der Menschen auf ihre Kritikfähigkeit auswirke, doch gleichzeitig habe ihr Zögern auch einfach mit der eigenen Unsicherheit zu tun. Manchmal wisse sie selber kaum noch, was sie glauben solle, obwohl sie mehr Nachrichten gelesen habe als jemals zuvor. Sie wolle jetzt wieder mehr spazieren gehen, so habe sie sich vorgenommen und statt Satellitenbilder sammle sie ab sofort Porträts von Menschen am Fenster oder auf dem Balkon. Sie erhoffe sich, dass sie sich auf diese Weise eine eigene Sichtweise aneignen könne.

Und dann stelle ich mich ans Fenster und sie steht unten auf der Strasse, um mich und meine drei Kinder eng zusammengedrängt am Fenster stehend zu fotografieren. Dass ich mit Heimarbeit und Kinderbetreuung eine völlig andere Sichtweise habe, interessiert sie bis heute nicht.