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Ein Brief von Maja Peter

Text des Monats Juli 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

Ich weiss nicht, wie ich Dich anreden soll. Dein Name ist mir fremd. Und so, wie ich Dich in meiner Kindheit nannte, kann ich Dich nicht anschreiben.
Als Kind war es mir manchmal unangenehm, dass Du nicht Papi geheissen hast, wie die anderen. Du warst nicht wie die anderen. Du hast nicht mit uns gerauft oder Velotouren unternommen. Du bist nicht mit Kollegen eins Trinken gegangen nach der Arbeit. Du warst immer im Büro oder zuhause. Jeden Abend sassest Du still vor dem Fernseher und gönntest Dir vom Fett frei getupfte Sardellen und ein Bier, während wir am Stubentisch Aufgaben machten oder etwas spielten und uns bemühten, Dich nicht zu stören. An die kleine silberne Gabel, mit der Du die Sardellen zerstückelt hast, kann ich mich sehr genau erinnern. Auch daran, dass Du nachts durchs Haus gegeistert bist. Ich habe gehört, wie Türen auf und zu gingen, manchmal klirrte etwas leise, und das Wasser der Toilette, die an mein Zimmer grenzte, rauschte immer wieder. Ganz selten bin ich Dir beim Gang ins Bad begegnet. Der Pyjama schlabberte um Deinen Körper und Du sahst durch mich hindurch. Ich tat, als würde ich Dich nicht bemerken. Am Morgen hat Mutter die leeren Bierflaschen gezählt und Dir vorgerechnet, was der Käse, das Brot und die Schokolade gekostet haben, die Du gekotzt hast.
Ich versuche, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie Dein Lachen ausgesehen und wie es geklungen hat. Es gelingt mir nicht. Ich frage mich, was Du gerne gemacht hast. Ich habe Dich nie leidenschaftlich etwas tun sehen. Manchmal hast Du erzählt, wofür Du Dich früher begeistert hattest. In Deiner Jugend. Zum Beispiel, wie aufregend Du das Zelten im Pfadilager fandest, oder wie lustig es war, wenn Dir der Hund das Glacé aus der Hand schnappte. Die Geschichten sind mir lebhafter in Erinnerung als das einzige Mal, als mein Bruder und ich mit Dir am Waldrand zelteten.
An den gemeinsamen Ausflügen am Sonntag bummeltest Du hinter uns her auf eine Burg, ins naturhistorische Museum oder zu einem Picknickplatz. Mutter erklärte uns das Knochengerüst eines Dinosauriers, dass man eine Wurst zum Braten über dem Feuer einschneiden muss oder was der Unterschied ist zwischen Lippenblütlern und Kreuzblütlern. Ich weiss nicht, ob Du auch etwas gesagt hast. Ob Du das Feuer entfacht hast. Vielleicht hast Du uns beigebracht, wie man einen Stecken anspitzt mit dem Taschenmesser. Mir war lieber, wenn wir mit Freunden unterwegs waren als zu viert.
Gespannte Ruhe lag über unseren Autofahrten, Ausflügen und Reisen. Du versankst in Schweigen und Mutter erzählte etwas oder liess ein Hörspiel laufen, damit mein Bruder und ich nicht zankten und Ihr nicht strittet. Die Anspannung wuchs, sobald es ums Essen ging. Es begann mit der Suche nach dem Lokal. Ewig, so schien mir, gingen wir in den Strassen herum, bis Du Dich für eines entschieden hattest. Sassen wir endlich, freute ich mich zwar, dass ich bestellen durfte, was ich wollte. Am liebsten Schinkenkäsetoast, Eisbergsalat mit Roquefortsauce, Salade Niçoise oder Spaghetti Bolognese. Mit Sinalco. Aber es kam regelmässig vor, dass wir das Restaurant vor dem Bestellen verlassen mussten, weil es Dir aus irgendeinem Grund doch nicht passte. Ich schämte mich jedes Mal, wenn wir vom Tisch aufstanden und hinausgingen. Hatten wir das Essen schliesslich vor uns, musste ich Dir fast immer zu Verstehen geben, dass ich es nicht mag, wenn Du in meinem Teller herumstochertest. Um Diskussionen zu vermeiden, tat ich das meist mit der Geste, mit der man eine Fliege verscheucht. Wir hockten alle aufs Maul ? so gut es ging. Unser Schweigen drehte sich darum, was Du nicht gegessen hast, wie viel Fleisch Du in Deinem Teller unter dem übrig gelassenen Reis versteckt hast. Oder es kam explosionsartig zur Sprache.
Es fällt mir schwer, mich an Dich zu erinnern. Ich weiss nicht, was schwerer wiegt, die Erinnerung an Deine körperlose Anwesenheit oder jene an die wenigen Momente, in denen Du am Leben teilgenommen hast. Einmal, da war ich ungefähr elf, versuchtest Du mir zu erklären, warum Mutter ausflippte. Sie schluchzte und klagte, ich hätte sie angelogen, sie sei zutiefst enttäuscht von mir. Dabei verschwieg ich ihr bloss, dass ich einen Liebesbrief bekommen hatte. Meinen ersten. Der Junge hatte mit rotem Farbstift ein grosses Herz auf das hellblaue Briefpapier gemalt. Ich war aufgewühlt und verlegen und antwortete Mutter, die wissen wollte, von wem der Brief sei, eine Freundin hätte mir geschrieben. Dummerweise hinterliess der Junge auf der Rückseite des Couverts seine Initialen. Nach Mutters Anfall fuhrst Du mit mir weg, ins Einkaufszentrum. Ich weiss nicht, was Du mir im Auto gesagt hast, aber getadelt hast Du mich nicht. Ich glaube, Du verstandest mich.
Eine der wenigen Beschäftigungen, von denen ich sicher bin, dass Du sie mochtest, war Skifahren. Du warst stolz auf Deine geschlossenen Schwünge und ich bewunderte Dich dafür, dass Du mit so langen Skiern wedeln konntest. Es war Dir wichtig, dass wir früh und gut Skifahren lernten. Deshalb besuchten wir die Skischule und waren kaum je mit Dir zusammen auf der Piste, wenn Du an den Wochenenden einmal in die Berge kamst.
Musik mochtest Du auch. Ganz selten legtest Du am Sonntagmorgen im Wohnzimmer eine Platte auf. Die Stimmen von Joan Baez und Frank Sinatra drangen bis in mein Zimmer. Das war so ungewöhnlich feierlich, dass es mich irritierte. Heute weiss ich, was Du damals gehört hast, ich habe den Song auf CD: Sinatras «My Way». Ich frage mich, was «Dein Weg» war. Karrieremachen und Geld verdienen für das Haus, meine Skiferien und den Musikunterricht? Hast Du das gewählt? Und die Krankheit? Hast Du Dich dafür entschieden? Es kommt mir so vor. Du hast jedenfalls nichts dagegen unternommen. Wenn es Grossmutter oder sonst jemand wagte, Dich auf das fleckige Gesicht und die mageren Glieder anzusprechen, sagtest Du, es gehe Dir gut. Suchtest Du doch einmal einen Arzt auf, meintest Du hinterher, der sei krank, nicht Du. Oder waren die Selbstmorddrohungen, die Du ab und zu im Streit mit Mutter ausstiesst, Versuche, Deinem Leben eine neue Richtung zu geben? Ich habe die Drohungen ernst genommen. Ich verkroch mich und wünschte mir, nichts gehört zu haben.
Ich blättere im Fotoalbum, um zu schauen, ob sich mein Bild von Dir verändert. Ein Foto vom Galaabend im Hotel in Rimini ruft die Erinnerung an den Abend wach, an dem Du mit mir getanzt hattest. Wir nahmen an einem Wettbewerb teil. Ich war das einzige Kind auf der Tanzfläche und so stolz. Dann haben wir erst noch gewonnen! Mutter war stinksauer, weil Du mit mir getanzt hast, statt mit ihr. Und ich enttäuscht, dass wir vom Hotel nur eine Flasche Wein bekommen haben. Auf dem Foto von der Preisverleihung hältst Du ein verschüchtertes Mädchen in einem langen Rock auf dem Arm. Auch Du lächelst nicht.
Du lachst auf keinem der Bilder in meinem Album. Weder am Kindergeburtstag oder beim Eiersuchen, noch an meinem ersten Schultag oder an der Konfirmation. Überall diese schmale Figur mit ernstem Gesicht und abwesendem Blick. Nur auf einem sehr frühen Bild betrachtest Du das Mädchen mit Windelpack auf dem Schoss aufmerksam. Es zieht Dir mit sichtlichem Vergnügen an der Krawatte.
Es gibt wenige Wörter und Sätze, von denen ich weiss, dass Du sie verwendet hast: «Immer bin ich der Neger», sagtest Du zu Mutter. Es folgte die Klage, dass Du Dich opfertest für Frau und Kinder, Dich um Deine Mutter kümmertest und Dir doch immer anhören müsstest, dass ein anderer der bessere Vater, der erfolgreichere Sohn, der aufmerksamere Ehemann ist. «Mein Compagnon» sagtest Du, wenn es um Deinen Geschäftspartner ging. Als er bei einem Autounfall ums Leben kam, habe ich Dich zum ersten und einzigen Mal weinen sehen. Deine Sekretärin sei eine «Mimose» habe ich in Erinnerung und dass ich wissen wollte, was das ist.
Dein Brief schockiert mich. Du benutzt darin Wörter und Sätze, die meine sind. Meine. Du schreibst sogar Wörter und Sätze, die nur in meinen Gedanken existieren, die ich nicht ausspreche, weil sie mich beschämen. Ich habe sie Dir nie mitgeteilt. Ich will sie nicht teilen mit Dir. Woher hast Du sie?
Es ist beinahe zwanzig Jahre her, seit wir das letzte Mal miteinander geredet haben. Damals bist Du ohne mir etwas zu sagen aus Deiner Wohnung verschwunden, eine Adresse hast Du nicht hinterlassen. Ich hatte mich zuvor um Dich bemüht. Ich betrachtete es als meine Pflicht, Dich nach der Scheidung zu besuchen. Als ich an jenen Ostern vor der Haustüre mit dem leeren Namensschild stand, dachte ich «dann eben nicht». Vor dreizehn Jahren liess ich Dich vor der Tür stehen. Du tauchtest an einem Sonntagmorgen aus heiterem Himmel vor meiner Wohnung auf und sagtest, Du seiest zufällig in der Nähe gewesen. Fragtest, ob Du hineinkommen dürfest. «Nein», sagte ich und schloss die Türe.
Du schreibst, Du seist da für mich. Wen hast Du Dir beim Schreiben vorgestellt? Das Mädchen mit langem Rock? Die Zwanzigjährige? Eine mittelalterliche Frau, von der Du nicht weisst, wie sie aussieht, was sie denkt und tut? Vor zwanzig Jahren warst Du ein paar Jahre älter als ich heute, ein blonder Mann mit grauen Schläfen. Inzwischen bist Du ein alter Mann, wahrscheinlich pensioniert. Vor einem Jahr war ich mir einen Moment lang sicher, Dich auf einer Loipe gesehen zu haben. Du flitztest an mir vorbei, das Gesicht zur Hälfte von einer insektenhaften Sonnenbrille verdeckt, vital wie ich Dich nie erlebte. Ich weiss nicht, woran ich Dich zu erkennen glaubte. Ich nahm mir vor, auf der Rangliste des Marathons nachzuschauen, ob Dein Name auftaucht. Ich liess es bleiben. Es hätte nichts geändert.
Und nun ein Brief. Du schreibst, Du sorgst Dich um mich. Du bedauerst. Und begründest. Deine Mutter, die Krankheit, meine Mutter, die Scheidung. Ich weiss. Ich bin damit aufgewachsen. Warum glaubst Du, mich daran erinnern zu müssen?