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Eine Chance von Cédric Weidmann

Text des Monats Mai 2013

Autor/in:

Wörter des Monats Mai: Quartär, unvermeidlich, assistieren, kratzen, anbaggern

 

Eine Chance

Die Mannschaft, oder das, was von ihr übrig blieb, hätte fast geheult, als sie das Spielfeld verließ. Mit gesenkten Schultern, Dreck auf den Lippen und einem hasserfüllten Blick zum Schiedsrichter humpelten die Spieler nacheinander in die Garderobe, wo sie sich auf die Flüche ihres Trainers gefasst machten. Doch er musterte die Spieler nur mit verschränkten Armen und schüttelte den Kopf, worin ihn die beiden Co-Trainer kräftig unterstützten. Die erste Halbzeit war gespielt und die Fußballmannschaft verwüstet. Die Gegner hatten mit Tacklings und wüsten Fouls fünf Spieler verletzt. Manuel, der große Stürmer, wimmerte zusammengekrümmt in einem Nebenzimmer, wo zwei Sanitäter seine Achillessehne zu retten versuchten.

»Das war kein Spielfeld. Das war ein Schlachtfeld«, rief der Captain aus. Es war das letzte Spiel der Saison und den Gegnern schienen alle Mittel recht, die Führung zu erlangen. Sobald man vorpreschte und die Lücke suchte, stürzte ein bestialisches Rudel Verteidiger auf einen los. Schürfwunden und Blutergüsse zeichneten sich auf den Beinen aller Spielern ab. Der Schiedsrichter ignorierte die groben Verstöße, und wie durch ein Wunder hatte er noch keinen Spieler vom Platz verwiesen. Stattdessen begnügte er sich mit Verwarnungen und Freistößen.

Der Coach kratzte sich am Kopf. Er brauchte einen neuen Stürmer und wollte gravierende Verletzungen vermeiden, denn die Trainingsphase bis zur nächsten Saison war unverzichtbar. Doch als er die Auswechselbank prüfte, bemerkte er, dass sie beschämend dürftig besetzt war. Er zeigte auf einen Spieler, der seine Hände abwehrend vor den Kopf hob. Obwohl Auswechselspieler sonst nach Einsätzen gierten, meinte er: »Nein, ich will heute lieber doch nicht spielen.« Die anderen Auswechselspieler, die sich ebensowenig Ruhm von diesem Spiel versprachen, reagierten kaum enthusiastischer.

»Was ist mit ihm?«, fragte jemand und zeigte ans andere Ende der Auswechselbank.

»Gwark?«, fragte der Trainer und zog die Augenbrauen nach oben. Die Spieler zögerten.

Gwark sah sie mit Knopfaugen an. Seine Beine berührten nicht einmal den Boden der Garderobe. Seine zertrümmerten Zähne schimmerten trübe und glichen quartären Gesteinsbrocken. Er lächelte sanft und fuhr sich mit der Tatze durch das borstige Büschel von Haaren, das auf seinem verbeulten Kopf wucherte. Seine Haut schimmerte grün und falb zugleich und der Körper war eingekrümmt, wie ein vertrockneter Regenwurm. Die Spieler warfen sich prüfende Blicke zu, und es war ihnen anzusehen, dass sie sich fragten, wer er war. Gwark war ihnen noch aus dem Training schwach in Erinnerung, aber sie waren sich nicht mehr sicher, ob er dort wirklich mit ihnen trainiert hatte. In der gelegentlichen Kneipentour war er einmal aufgefallen, weil er sich zu einigen von ihnen gesellt hatten, als sie eine Frau anbaggern wollten. Die Frau war weggelaufen und der unvermeidliche Frust hatte sich an Gwark entladen, den sie fortan nicht mehr vom Boden auf die Barsessel huben, weshalb er sich nicht bemerkbar machen konnte. Seither schienen sie ihn vergessen zu haben.

»Willst du spielen?«

Gwark wippte mit seinem riesigen Haupt und krächzte ein unverständliches Wort. Er sprach kaum, und was er sagte, klang, als ob er seinen Namen wiederholte.

»Gut«, rief der Coach, der sich darüber freute, nicht einen wertvollen Spieler opfern zu müssen. »Dann kannst du beweisen, was du drauf hast, Gwark.«

Die zweite Halbzeit begann und der Schiedsrichter änderte seine Einstellung nicht. Die Milde gegenüber den Berserkern war scheinbar grenzenlos, und das Spiel verlief weiter ohne Erfolg. Gwark bemühte sich um Bälle, da er aber den anderen Spielern nur bis zur Hüfte reichte, hatte er nur selten Erfolg. Mit Riesenfüssen watschelte er über das Spielfeld, während er die kurzen Arme schwang, um seinen Mitstreitern, die ihn nicht beachteten, Signale zu geben. Manchmal geriet ein Ball vor seine Pfoten, weil ein anderer Spieler sich zu sehr vor dem heftigen Einsteigen der Gegner fürchtete und spielte einen Pass. Gwark schien hingegen keine Angst vor der Brutalität der Gegenspieler zu haben. Er wirbelte durch die Luft und schlug hart im Dreck auf. Seine grüne Haut war an mehreren Stellen gerötet, was ihn braun erscheinen ließ. Das einzige Haarbüschel war von einem groben Verteidiger ausgerissen worden, außerdem humpelte er. Aufgrund seiner Größe musste er immer wieder Bälle köpfen und der unförmige Schädel schien stellenweise aufgeweicht von den Stößen. Doch Gwark rannte unermüdlich weiter. Zuweilen trieb es ihn mit bemerkenswerter Kampfeslust vors Tor, wo ein Gegner ihn zu Boden schmetterte. Der Schiedsrichter ließ weiterspielen.

Minute 86. Der Referee hatte ein grobes Foul, bei dem ein ausgestrecktes Bein im buckligen Rücken von Gwark versenkt worden war, pfeifen müssen. Es kam zum Freistoß. Aus einer Idealposition mit kurzer Distanz zum Tor, der Keeper unsicher, wo er sich aufzustellen hatte. Die Mannschaft besprach, wer den Ball treten würde. Viele winkten ab. Sie verzichteten auf jede weitere Möglichkeit, sich zu blamieren. Nicht einmal assistieren wollte man. Nur einer hüpfte auf und ab.

»Gwark, Gwark!«

Sie sahen sich unsicher an. Schließlich zuckten sie mit den Schultern. Es bildete sich eine Mauer vor dem Tor. Drei Riesen lächelten hämisch und hielten sich die Pranken vor die Weichteile. Jeder sah es sofort: Für den kleinen Schützen war es eine Unmöglichkeit, den Schuss auf sinnvolle Höhe über die Mauer zu heben, und ihn um sie zu zirkeln, hätte übernatürlicher Fähigkeiten bedurft. Gwark nahm Anlauf.

Das Treten des Balls ergab ein dumpfes Geräusch — darauf folgte ein zweites. Der Ball drehte sich für einen Moment im Gesicht des Riesen, während dieser völlig regungslos schien. Dann fiel er zu Boden, und der Ball sprang zurück. Blut rann aus der Nase des Riesen und verteilte sich auf seiner Brust. Gwark zögerte nicht und schoss ein zweites Mal und ein drittes und ein viertes Mal, begleitet von einem Regen aus dumpfen Schlaggeräuschen. Der Ball wirbelte schließlich im Netz. Die Mauer war gebrochen und alle drei Verteidiger lagen bewegungslos im Gras, wo sich eine kleine Blutlache bildete. Das Tor war geschossen. Es herrschte absolute Stille im Stadion. Der Schiedsrichter gab einen fast unhörbaren Pfiff ab. Dann brach das erste, einsame Jubelgeräusch los. Das Gwarken war noch auf den hintersten Plätzen zu hören.