Partner: Stadt ZürichZKB

Einen Platz für sich von Martina Feubli

Text des Monats Dezember 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

Zurück bleiben immer leere Tassen. Mit verklebtem Schaum in der Innenseite, körnigem Satz auf dem Boden, etwas braunem Pulver auf der Untertasse beim Cappuccino. Sonst nichts.

Michael, der Lehrling, beseitigte die Spuren jeweils eine halbe Stunde vor Schluss, gründlich für den nächsten Kunden, in Gedanken bei Celine, regelmässig. Celine, wie sie ein paar Strassen weiter die letzten gewaschenen Haare vom Boden aufhebt und in den dafür speziellen Sack tut. Einmal hat sie daraus die schönsten Haare Zürichs gefischt, wie sie ihm später erregt erzählte. Atemlos beschrieb sie das zwei Meter Haar, luftig und weich, während er von oben in ihr Gesicht schaute, sich im Takt bewegte, ohne hinzuhören, mit zusammengebissenen Zähnen. Als er verstand, eine blonde Perücke, schrie er und dann schrie sie.
Michaels Hände wurden routinierter, er kannte jede Wölbung und den von ihm verlangten Ablauf, dessen jähe Unterbrechung durch ein Klirren und eine plötzlich hilflos leere Hand anfangs verstörend, später egal war.
Als ein anderer ihn ablöste, war er froh. Er konnte sie nicht mehr sehen. Vielleicht eine Woche hatte es ihm Spass gemacht, die Tassen als eine Art Relikt in den Händen zu wiegen, sich vorzustellen, wer die abgereisten Menschen waren und wo.
Jetzt, da er direkt vor den Menschen sitzen und ihnen einen Kaffee hinstellen darf, zusammen mit einem Angebot für ein weiches Bett, eine Nacht mit Flug, schaut er ihnen nach, wenn sie gehen, sieht ihre Rücken und Hinterköpfe, wie die Drehtüre still steht aber nie. Denn er muss die Kataloge ins Regal einreihen, hinter dem Kundenschalter die Tassen ins Spülbecken stellen, das, bekannt und zugleich fremd, er lieber vergessen würde.
Die Gewinnbeteiligung überschlagend wartet er auf die Nächsten und ihre Reisen.
Und abends beim Heimgehen denkt er nicht mehr an sie.

Den Katalog vom Reisebüro hatte Hans lange neben dem Küchentisch auf der Bank liegen, bis Romy ihm sagte, Nadja sei in Venedig gewesen. Hans gefiel nicht, dass seine Frau ihm vorschlug dorthin zu fahren, wo die Tochter schon war. Ihm gefiel nicht, dass der mittlerweile so gut in seine Hand passende Katalog mit den rissigen dünnen Seiten plötzlich überflüssig war. Ihm gefiel aber das Bild von Venedig. Abends legte er seine Handfläche auf den Markusplatz, der leer und gross in einem Rechteck von roten Häusern zu schlafen schien, einzig von wenigen Tauben besucht.
Man buchte, packte und fuhr in einem überfüllten Zug nach Venedig. Erleichtert verliess man den stickigen Zug, atmete auf, und war schon Teil eines Menschenstromes in grosser Hitze. Man setzte sich um zu verschnaufen in ein Ristorante, trank Cappuccino und Espresso, ass Pizza, danach ein Gelato, wie die Personen am Nebentisch. Man kam aus der Schweiz.
Romy hatte geschwollene Füsse, schon nach fünf Minuten. Hans freute sich auf den Markusplatz.
Zehn Nächte schliefen sie in der «Pensione da Nino», fuhren tagsüber mit dem Gondoliere, kauften lederne Schuhe, freuten sich über die Preise, waren bei einem Stadtrundgang dabei, assen in der Sonne. Romy schrieb eine Karte an Nadja und fand alles schön. Hans fand den Markusplatz nicht. Nicht so wie auf dem Bild.
Die letzten Lire gaben sie auf dem Heimweg einem Mann mit einem Beinstumpf in schmutzigem Verband. Zwanzig Schritte weiter trafen sie auf einen Mann ohne Arme und mit einem Gesicht voller Eiterbeulen. Romy machte Zeichen, versuchte ohne Sprache zu sagen, dass sie kein Geld mehr hätten, und wie Leid ihr das täte. Hans hielt den Koffer, was aus seiner Hand eine Faust machte.
Wieder zu Hause erzählt Romy den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg, wie schön warm es war, und auch wie arm die dort seien, wie schmutzig alles. Hans stellt den Koffer in den Flur, behält aber dessen Schwere als Gefühl in der Hand. Geht damit in die Küche und wirft den Katalog weg.

Hanna reist um zu vergessen nach Australien, erhofft sich eine Veränderung. In 2000 Meter Höhe hält sie mit dem Fotoapparat ihre Füsse auf dem Boden fest.
Dann muss sie weinen. Wie daheim, laufen ihr die Tränen in den Mund, schmecken salzig, altbekannt.
Beim Abstieg folgt sie dem Pfad, der sichtbar als braune Spur die einzelnen Fussstapfen unkenntlich macht, ähnlich einem Bachbett die Richtung vorgibt. Von oben wie von unten gesehen, wird aus ihr ein Punkt auf einem schmalen Strich.
Am Abend sind ihre Augen rot. Der Kellner sagt, sie solle sich besser schützen beim nächsten Mal. Eine Sonnenbrille tragen, wegen dem Ozon. Es gäbe da dieses Loch. Man wisse ja. Hanna nickt und schaut in das Loch in ihrer Tasse, versucht darin ein Bild zu finden für den Ozon, den sie sich nicht vorstellen kann, merkt, dass sie Hunger hat, steht auf und geht.

Die Stühle im Grand Café bleiben selten lange leer. Meist gibt es jemand, der gerne darauf ausruht, eine Zeitung liest, sich unterhält und dabei in andere Augen schaut. Reisende blicken sich neugierig um beim ersten Besuch, tuscheln aufgeregt und andächtig. Andere langweilen sich aber genauso wie einige Wiener, warten, sitzen Zeit ab, und zögern den Moment des Aufbruchs heraus, beanspruchen das Polster auf der Bank etwas länger für sich.