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Es war am ehesten ein Gefühl von Johannes Witek

Text des Monats August 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:

Es begann ganz harmlos mit einer Explosion. Folgendes passiert, wenn man vergisst, einen Wasserkocher auszuschalten, in dem kein Wasser mehr ist: Er wird heiß. Dann heißer. Er macht Geräusche. Er beginnt zu rauchen. Dann gibt es einen Knall und es sprengt ihn einen halben Meter in die Luft.<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

Als das geschah, war das Ehepaar Pittertschatscher gerade dabei, in ihrer Wohnküche der geschlechtlichen Vereinigung zu frönen. Die Pittertschatschers, Walter und Brigitte, waren seit einunddreißig Monaten ein Ehepaar. Sie hatten es sich zu einem Sport gemacht, in jedem Raum ihrer Wohnung der geschlechtlichen Vereinigung zu frönen, was bei vier Zimmern doch bald zur Routine wird. Eigentlich waren es fünf Zimmer, aber das Schlafzimmer ließen sie aus ? dort funktionierte es gelegentlich nicht. Einmal hatten sie es sogar in der Waschküche im Keller getan, was sich allerdings weniger aufregend und spontan anfühlte als es sich jetzt hier liest.  Kinder störten dabei nicht, denn es gab keine.

«JESUSMARIAUNDJOSEF!», schrie Walter.

«Was war das?»

«Der Wasserkocher.»

«Du hast ihn angelassen, du Idiot!»

«Ich hab ihn überhaupt nicht benutzt!»

«Natürlich, dein Kaffee!»

«Aber du hast noch Tee getrunken. Du hast ihn angelassen.»

«Du hast zweimal Kaffee gemacht!»

Die beiden starrten sich an. Dann zogen sie sich an und wieder aus und gingen zu Bett. Es war ein Sonntagabend und beide mussten Montags ins Büro.

 

Im Bett las Walter die Zeitung und Brigitte den neuen Roman von Paulo Coelho, der unglaublich schlecht war. Beide lasen mit einer Art verbissener Gleichgültigkeit, die Motor so vieler Eheabende ist. Nach einer Weile merkte Walter, dass Brigitte aufgehört hatte, die Seiten umzublättern. Sie hatte die Augen geschlossen. Am Rhythmus ihrs Atems erkannte er, dass sie wirklich schlief. Er warf sich im Bett herum und tastete nach dem Lichtschalter. Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn an.

«Schläfst du?», fragte er.

Sie nickte und wühlte in ihrem Haar. Walter setzte sich auf und sah sie an. Sie war  großgewachsen und ziemlich dürr und sah an diesem Abend sehr müde aus.

«Möchtest du noch einen Tee?», fragte er.

«Lass bloß den Wasserkocher in Ruhe.»

«Ich mach mir noch was.»

Er erhob sich, stöhnte ziemlich laut, kratzte sich den Bauch und ging in die Küche. Dort wartete er, bis der Wasserkocher blubberte, goss eine Tasse voll und hängte einen Teebeutel hinein. Dann schaltete er den Wasserkocher aus UND vergewisserte sich, dass er auch ausgesteckt war. Inzwischen hatte sie sich in die Decke gewickelt und zur Wand gedreht. Er stellte die Tasse auf den Nachttisch, wuchtete sich auf seine Seite des Bettes, stopfte sich ein Kissen zurecht und pustete ein, zweimal auf den heißen Tee. Dann trank er einen Schluck. Dann noch einen.

«Also hör mal!», sagte sie, ohne sich umzudrehen.

«Ich dachte, du schläfst.»

«Du weißt genau, dass mich das stört. Ich kann es nicht hören, wenn du trinkst.»

«Ach komm.»

Jetzt drehte sie sich um. «Dieses Schluckgeräusch macht mich wahnsinnig.»

«Na schön, dann geh ich raus.»

Sie sagte nichts. Er ging nicht raus, trank aber auch nicht mehr. Einige Zeit beobachtete er ihren Hinterkopf und die Spitze ihrer Schulter, die aus der Decke hervorragte. 

Dann sagte er: «Erinnerst du dich noch an die Parzelle am See, die meine Eltern hatten?»

Sie sagte nichts.

«Als wir damals dort übernachtet haben, in dem Doppelschlafsack von meinem Bruder? Wir haben ein Feuer gemacht und Kartoffeln gegrillt und nachts musstest du aufs Klo und hattest Angst, alleine an den Waldrand zu gehen, also bin ich mitgegangen und hab gewartet, bis du fertig warst. Du erinnerst dich doch, oder?»

Am Rhythmus ihres Atems erkannte er, dass sie wach war. Er stopfte sich noch einmal das Kissen zurecht und seufzte.

Dann sagte er: «Wir hatten uns gerade erst kennen gelernt.»

«Ich weiß», sagte sie.

 

Er drehte sich um und schaltete das Licht aus. Dann streckte er sich im Bett. Unter der Decke berührte sein Bein ihre Hüfte. Sie rückte nicht ab, aber auch nicht zu ihm hin.

Er sprach ihren Namen aus. Er tat es leise.

«Was hast du, Walter?»

«Ich fühle mich seltsam.»

«Wie, seltsam?»

«Kann man nicht sagen. Seltsam eben.»

«Hast du Schmerzen?»

«Auch.»

«Wo?»

«Meine Schulter tut wieder weh.»

«Nimm doch ein Aspirin.»

«Ja, wahrscheinlich mache ich das.»

Er bewegte sich im Bett, stand aber nicht auf.

«Wenn du nur endlich schlafen würdest.»

«Das wünsch ich mir ja auch. Ich habe es so satt, wach neben dir zu liegen. Ich hasse es.»

Stille.

 

Dann, um sie nicht atmen hören zu müssen, sagte Walter: «Pass auf. Wenn du irgendwohin fahren könntest, jetzt in dieser Minute, wohin immer du willst, wohin würdest du fahren?»

«Oh Gott.»

«Geld würde keine Rolle spielen. Auch nicht, wie lange du dort bleiben könntest. Es wäre kein Urlaub oder Ferien. Es geht einfach um einen Ort oder ein Land, dass du immer schon mal sehen wolltest. Was wäre es?»

«Ich weiß es nicht.»

«Ach komm! Irgendein Ort.»

«Keine Ahnung.»

«Mach doch mit. Soll ich dir sagen, was mein Ort wäre?»

«Ja, ja.»

«Also, pass auf: Ich war schon in Paris, Rom, Zürich, Bratislava, Prag, Vaduz, Brüssel. Also, was europäische Städte angeht. Noch nicht war ich zum Beispiel in Spanien, also Madrid. Das reizt mich aber auch nicht so übermäßig. Als nächstes würde ich gerne in den Norden, also Norwegen, Schweden, Finnland. Auch in London war ich noch nicht, überhaupt England, Irland, Schottland, die ganze Runde. Wales. Der Osten interessiert mich nicht so sehr, als Kind war ich hauptsächlich in Italien mit meinen Eltern auf Urlaub. Ich glaube, wir waren dreizehn Jahre hintereinander in der Italien, jeden Sommer, immer im selben Dorf. Überhaupt kann ich keinen Strand mehr sehen. Strandurlaube und Meer, davon habe ich genug für drei Leben. Was mich aber schon als Kind irgendwie interessiert hat, ist Moskau. Da würde ich mal gerne hinfahren. Als Student war ich auch in Amsterdam, dreizehn Tage lang, da bin ich aus der Trance gar nicht mehr rausgekommen. Da müsste ich noch einmal hin, weil ich weiß kaum noch was davon. Außerhalb von Europa, mal sehen, also Amerika war ich auch, vier Tage New York, sehr interessante Stadt. Kanada stell ich mir irgendwie so vor wie ein Skigebiet in Osttirol. Südamerika interessiert mich auch wenig, immer diese Leute mit ihrem Südamerika-Fetisch: «Als ich damals in Venezuela war, dieser Typ, den ich in Buenos Aires kennengelernt habe ?», ich kann es nicht mehr hören. Das kommt gleich nach Grönland und Island. Zum Kotzen. Von Indien will ich gar nicht erst anfangen. Und nach Afrika will natürlich keiner. Dabei, Johannesburg soll einen Besuch wert sein, ich hab viele interessante Dinge darüber gelesen. Was ich auch gelesen habe, neulich im Wartezimmer beim Hautarzt, ist über Burning Man. Das ist ein Kunstfestival in der Wüste von Nevada, das einmal im Jahr stattfindet. Alle malen sich an und singen und tanzen und machen Sachen, eine Art psychedelischer Karneval, acht Tage lang. Am Ende wird eine überdimensionale menschliche Statue verbrannt, daher der Name.»

Stille.

Er sprach ihren Namen aus.

 

Sie schlief jetzt wirklich. Er lag im Dunkeln und versuchte, die Geräusche nicht zu hören, die jetzt überall waren. Es funktionierte nicht. Er versuchte selbst zu schlafen. Es funktionierte nicht. Dann, um sich die Zeit zu vertreiben, versuchte er, sich vorzustellen, welches Land sie genannt haben könnte, wenn sie noch wach wäre, und das funktionierte sofort: Griechenland. Er wusste auch weshalb - ihre Schwester hatte in Griechenland Urlaub gemacht und ihr einen Bildband geschenkt.

Als er daran dachte, begann sich langsam etwas in ihm zu drehen, dass vielleicht schon sehr lange da war: Es war am ehesten ein Gefühl und wenn Gefühle Farben haben, war dieses am ehesten grau mit Adern von Rot darin.

Irgendwo in der Wohnung knackte es. Hinter dem Fenster rauschte der Wind in den Bäumen. Das Geräusch eines Autos, das langsam lauter wurde, plötzlich furchtbar laut war und dann wieder verebbte. Er atmete tief durch, streckte sich bis in die Finger- und Zehenspitzen und machte die Augen zu und wieder auf. Er versuchte, sich an die Zeitungsartikel zu erinnern, die er heute abend gelesen hatte. Er erinnerte sich stattdessen, wie er als Kind manchmal, wenn er mit seinen Eltern im Auto gefahren war, aus dem Fenster geschaut und sich vorgestellt hatte, er würde neben dem Auto herlaufen: Über Zäune und Hecken springen, lange Wiesen und Feldwege entlanglaufen, Hügel hinauf und wieder hinunter, durch Baumreihen durch; sein jagender Schatten unter ihm. Aus irgendeinem Grund fiel ihm ein, dass er sich das immer nur bei schönem Wetter vorgestellt hatte.

 

Schließlich erhob er sich, sehr leise,  und ging aus dem Zimmer. Einen Moment lang stand er unschlüssig im dunklen Flur, dann fiel ihm auf, dass er, ohne es zu merken, die Teetasse mitgenommen hatte. Der Tee war jetzt kalt. Er ging in die Küche, machte das Licht an. Schüttete den kalten Tee in die Spüle, setzte sich an den Tisch und starrte ins Leere. Er wusste es nicht, aber sein Gesicht sah schrecklich aus. Es war das Gesicht eines Mannes, der einen Entschluss gefasst hatte.