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Fading von Sabine Haupt

Text des Monats August 2013

Autor/in:

Wörter des Monats August: schuldlos, Duplikat, vereinen, Herzrasen, Spalte

 

Wochenlang hatte der tote Hund auf den Steinen gelegen. Sein verkohltes Fell hatte schon nach wenigen Tagen begonnen, auf die Umgebung abzufärben, hatte den feinen Sand, die Disteln und Grasbüschel, die in den Spalten der Steine wuchsen, in eine schmutzig graue Wüste verwandelt. Zuletzt war sein aufgedunsener Leib geplatzt, man sah Teile des Skeletts und ein paar lederartige Schläuche, die dunkel unter der papierdünnen Haut glänzten. Es roch nach nichts, nur der Duft nasser Kiesel umfloss die Stelle, an die wir, wie unter Zwang, immer wieder zurückkehrten. Vor dem Einschlafen versuchten wir, den Anblick zu vergessen, doch schon am nächsten Morgen, noch auf dem Schulweg, sahen wir wieder nach dem Tier, machten den kleinen Umweg am Ufer entlang, standen scheu und mit Herzrasen vor dem Schauspiel der Verwesung. Auch am Nachmittag zog es uns wieder an den Ort, nie begannen wir ein Spiel, ohne zuvor dem Hund einen Besuch abgestattet zu haben. – Erinnerst du dich? Zu niemandem ein Wort, hatten wir uns geschworen, weder zuhause, noch in der Schule. Das heilige Wesen gehörte uns, uns ganz allein. Doch eines Tages war der Kadaver dann verschwunden – Nein, natürlich, du erinnerst dich nicht, denn du warst ja damals gar nicht dabei. Es war vor deiner Zeit. Irgendwo gab es dich schon, doch jenseits des Ufers, in einer Welt mit anderen Flüssen, anderen Kindern und anderen Toten.

Doch an jenem Tag, Ende Juli, von dem ich erzählen möchte, da kamst du dann wirklich auf mich zu, ich sehe noch ganz deutlich, wie du beim Gehen grösser und grösser wurdest. Du hattest am Ufer auf mich gewartet, mit der Kamera in der Hand. Als ich dann zu lange stehen blieb, weil ich meinte, die Stelle gefunden zu haben, an der der Hund gelegen hatte, gingst du mir ein paar Schritte entgegen. „Komm“, sagtest du mit einem Lächeln, „komm zu mir. Ich bin der Wassergeist.“ Ich lachte, nahm deine Hand und war froh, dass du dich nicht als „Vater Rhein“ vorgestellt hattest.

Dann hast du mich ins Licht gerückt, mir befohlen, die Schuhe auszuziehen und mit nackten Füssen durchs Wasser zu gehen. Ich durfte nicht in die Kamera blicken, du wolltest mich „erwischen“, von der Seite, von hinten, aus der Ferne. Als würdest du mir in den Rücken fallen, oder als hätte ich vergessen, dass du da warst. Wahrscheinlich aber wolltest du nur sehen, wie ich entschwinde, wie ich mich im Wasser verliere, ganz allmählich – kleiner und kleiner werde, um schliesslich den Moment einzufangen und sichtbar zu machen, in dem ich in die Vergangenheit tauche, wieder zum Kind werde. Das hättest du festgehalten und gerettet.

Doch ich konnte die Stelle, an der der Hund gelegen hatte, nicht finden. Die Wege hatten sich geändert, das Gebüsch und der kleine Wald waren verschwunden. Ich hatte ja schon Mühe gehabt, den Weg zu unserem alten Haus zu finden. Es war heruntergekommen, halb verdeckt von hohen Bäumen und zur Straßenseite hin eingekesselt von neuen Häuserblocks. Du gingst neben mir her, und ich redete auf dich ein, erzählte dir, wie alles gewesen war, wie damals die Strasse verlief, wo meine Schule gestanden, wie unsere Küche bei Hochwasser gerochen hatte. Wenn wir stehen blieben, legtest du den Arm um mich, liessest dir alles zeigen und erklären, geduldig, ganz als wären diese Dinge wirklich wichtig.

Ich weiss nicht, wie es kam, dass mir an diesem Tag alles so neu und so fremd erschien, warum ich meine Kinderwelt mit anderen Augen sah. Wahrscheinlich waren es deine Augen, deine wachen, dunklen Augen, deren Suchen mir fast weh tut, wenn es an mir hängen bleibt und mich hinein zieht. Diese Augen sahen alles neu. Und so fielen die alten Bilder, nach und nach, von mir ab wie zerlumpte Kleider. An ihre Stelle traten die anderen – deine Bilder: bunter, deutlicher, keine Duplikate der alten. Dein Blick hat alles neu belichtet, die alte Schicht überblendet, ja nahezu ausgelöscht.

Am Abend zuvor hattest du mir erklärt, wie man das Luminanzrauschen technisch in den Griff bekommt, was man während der Aufnahme und später dann am Computer tun konnte, um zu verhindern, dass digitale Bilder von Störungen überlagert werden. Ich hörte dir zu, lag dabei halb auf deiner Brust, folgte mehr dem Klang als dem Sinn deiner Worte, spürte, wie sich jeder Ton aus deinem Atem aufbaute, tief in deinem Brustkorb zündete, um dann irgendwo draussen im Zimmer zu verhallen. Ich schloss die Augen und sah uns am anderen Ufer.

Nein, du lieber Geist, es stört mich nicht, wenn du die alten Bilder verscheuchst, die unterste Schicht ist sowieso schon verblasst. Sollen sie ruhig verschwinden, all diese faden Eindrücke, verwischten Spuren – weg damit! Wir räumen jetzt auf. Seltsam, wie bunt deine Bilder sind, wie alles strahlt, als hätte eine unsichtbare Hand die Linse geputzt. Ich staune: wie gut sich das Neue mit dem Alten vereinen lässt! Es kann still werden in mir, solange du für mich schaust und zu mir sprichst.

Doch von meiner Angst erzähle ich nicht, von diesem Gefühl, im Wasser zu gehen, dir den Rücken zuzuwenden, immer weiter zu laufen – ja geh nur, geh! – immer tiefer hinein in den Fluss, mich mit nackten Füssen über glitschige Steine zu tasten, kleine Schwimmbewegungen auszuführen, fast schon die andere Seite des Flusses zu erreichen – und dann, plötzlich, deinen Blick nicht mehr zu spüren, mich umzudrehen und nur noch die leere Stelle am Ufer zu sehen.

Fading nennt Roland Barthes diese schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint. Das Fading des Anderen ängstigt, weil es grundlos und ohne absehbares Ende einzutreten scheint. Der Andere entfernt sich, verflüchtigt sich ins Unendliche wie ein trauriges Trugbild, und ich erschöpfe mich beim Versuch, ihn einzuholen. Ja, in der Tat, wie könnte ich dich je einholen, wenn du mich in meinen alten Bildern stehen liessest, mich „liquidiertest“ und nicht mitnähmst in deinen Text?  Der andere ist kein Text, er ist Bild, heisst es weiter bei Barthes. Ich verstehe diesen Satz nicht, den du mir vorliest, aber er fasziniert mich, wie deine lesende Stimme. Er fasziniert, und doch ist er vermutlich einfach falsch, denn du – du bist ja auch Text, Subjekt, einer, der von sich aus verschwinden kann, schuldlos und jederzeit, sobald er nicht mehr spricht und nicht mehr schreibt. Fading. Nicht bloß im Bild.

Wenn du dich entziehst, werde ich hilflos und wütend. Denn du bist keine leere Stelle am Ufer. Selbst da, wo du fehlst, spüre ich deine Nähe. Du hältst die Fäden in der Hand, auch aus der Ferne. Unmerklich schreibst du an unserem Text. Auch wenn ich nichts davon sehe. Diesen Faden verlieren wir nicht. Darauf gebe ich dir mein Wort.

Den ganzen Tag waren wir den Fluss entlang und durch die Siedlung gelaufen, auf der Suche nach verschwundenen Zeiten und geeigneten Motiven für deine Bilder. Unser Hotel lag am anderen Ende der Stadt. Wir öffneten die Fenster, schlossen die Läden und blieben im Zimmer. Der Fernseher lief, aber wir hatten kein Programm gefunden, das uns interessierte. Wären wir nicht so müde gewesen, hätten wir sofort abgeschaltet. Doch an diesem Tag war Michelangelo Antonioni gestorben, ganz knapp nach Ingmar Bergman, den er zwar um einige Stunden (bzw. um einige Jahre) überlebt hatte, ohne jedoch, so hiess es in den zahlreichen Doppelnachrufen – ich musste mir also gar keine eigene Meinung ausdenken – je dessen „psychologische Intensität“ erreicht zu haben. Da, wo Bergmann Augen, Ohren und Blende weit öffnete, seinen Scheinwerfer, wie unter Zwang, mitten in die blutigen Seelen seiner Figuren tauchte, zog es Antonioni in die Höhe oder in die Weite. Er liebte das Diffuse, die Abstraktion und das Mögliche.

Wir lagen auf dem Bett, plauderten schläfrig – so wie jetzt – ziellos hin und her, bemerkten schliesslich, dass der Sender kurzfristig eine Programmänderung vorgenommen hatte. Statt „Secretary“ zeigte man Antonionis „Blowup“ – für Bergmanns „Szenen einer Ehe“, die zur selben Zeit auf einem anderen Kanal liefen, fehlte uns an diesem Abend der Mut.

Es gibt Filme, bei denen man nicht auf die Handlung zu achten braucht, weil sie nebensächlich oder sowieso kaum vorhanden ist. Da verläuft jede Spur irgendwann im Sand. – Schön sind in Antonionis „Blowup“ die weissen Hosen von David Hemmings, die schläfrigen Bewegungen der Gräfin Lehndorff – man nennt so etwas wohl „lasziv“ – und natürlich der hölzerne Flugzeugpropeller, den der Fotograf wie eine riesenhafte Geliebte auf dem Beifahrersitz seines Sportwagens transportiert. Doch auch dieser Fetisch verschwindet irgendwann auf unerklärliche Weise, wie fast alles in diesem Film. Und schön auch das Dämmerlicht im Park, die diesige Strassenbeleuchtung, oder die Rotlichtlampe, die über dem Entwicklerbad pendelt, während sich dort unter leisem Plätschern allmählich ein Bild abzeichnet und schliesslich aus dem Wasser erhebt. All diese Szenen sind rätselhaft und schön, wie beiläufig dahingetuscht, und fliessen so schnell vorüber, dass sich Bedeutungen nur unterschwellig, nur zufällig und provisorisch, aufschnappen lassen.

Es war schwül, und du hattest die Bettdecke zur Seite geschoben. Ich hatte meinen Kopf wieder an deine Brust gelehnt, deine linke Hand lag auf meinem Bauch, kühl und wachsam, die andere spazierte zwischen unseren Körpern hin und her. Du hattest die Augen geschlossen. Fading. Der Film war ja bekannt. Fades Zeug im Vergleich zu deinen eigenen Bildern. Gewiss.

Blowup bedeutet „Vergrösserung“, weiter nichts. Ich verstehe zwar nicht, wie hier im Englischen die Luft ins Bild kommt, warum da hinein geblasen wird, aber die Engländer sagen ja auch „Rattenrennen“ statt „Tretmühle“ oder verwechseln, wie die Franzosen, den Liebesknochen mit einem Blitz, und den „Liebhaber“ nennen sie „faddest“ – ausgerechnet! Doch Luft ist gut für die Haut, und was gut für die Haut ist, ist auch gut für die Sprache.

Deine Hand machte es mir leicht. Sie fuhr mir durchs Haar, umfasste Nacken und Hals, strich über die Brüste, verlor sich in meiner Achselhöhle und zwischen den Schenkeln. Blowup. Du hättest sie jederzeit zurückziehen können, ohne dass etwas geschehen wäre, zurück auf deine, die andere Seite. Ich hätte nur die Augen schliessen und mir vorstellen müssen, an deiner Stelle zu sein.

Beim Fading entfernt sich etwas, verblasst, rückt dabei aber innerlich ganz nah, wird zwingend, fast bedrohlich wie ein Ort, den man nicht verlassen kann. Beim Blowup hingegen rückt etwas dem Betrachter so dicht vor die Augen, dass es nicht mehr zu fassen ist. Es überwältigt. Hier wird der Betrachter selbst ergriffen und begehrt. Das Ding wird grösser und grösser, schwillt an, neigt sich fast aus dem Bild, schnappt nach den Augen, übergross und doch kaum zu erkennen – bis es kippt und den Betrachter frei gibt. Im Film ist dieses Ding eine von unbekannter Hand gehaltene Pistole.

Ich versuchte, mich auf die Handlung zu konzentrieren. Warum die Leiche am Ende verschwindet, habe ich nicht verstanden. Dem Mann im Film geht es genauso. Er scheint sich allerdings damit abzufinden. – Vielleicht würde es sich lohnen, das eigene Leben einmal unter solch dramaturgischen Gesichtspunkten zu prüfen. Würde ich mich, wenn ich mein eigener Autor wäre, am Leben lassen oder lieber in den Tod schicken, weil ich als Figur abgenützt bin oder mich mit meinem Gerede selbst erledigt habe? – Bei Antonio ist am Ende alles nur Schein. Bei uns nicht.

Tote können ruhig verschwinden. Von mir aus. – Bilder kommen und gehen, werden grösser und kleiner, klarer oder verschwommener – tagein, tagaus schwirren sie als Teilchen in der Luft herum. Von mir aus. – Für uns gelten andere Naturgesetze. Den Erzählfaden kann ich verlieren. – Dich nicht.