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Flecken von Mirjam Nievergelt

Text des Monats Mai 2015 (Thema: Zitat)

Autor/in:

Das Zitat für die Monate April bis Juni ist: „Glotz(t) nicht so romantisch!“ (Bertolt Brecht).

 

Flecken

Albion wurde von einer seltsamen Wärme zwischen den Beinen geweckt. Erst verstand er nicht, woher die Wärme kam. Aber je länger er sich auf die Empfindung konzentrierte, desto genauer konnte er sie beschreiben. Sie war nicht trocken wie die Wärme rostroten Katzenfells, auch nicht warm wie die Hausmauer am Abend bei Sonnenuntergang. Diese Wärme war feucht und erinnerte ihn entfernt an die Wärme des Kinderplanschbeckens im Freibad. Und in diesem Moment zuckte das Sturmgewitter der Erkenntnis über sein schmales Gesicht: Er hatte sich im Schlaf in die Hosen gepinkelt.
Schon wieder. Vorsichtig hob er die Decke hoch und richtete seinen Oberkörper auf. Auf seiner hellgrauen Trainerhose zeichnete sich ein dunkler Fleck ab. Es roch unangenehm nach Urin.
Entschlossen kroch er von der Matratze und stand auf. Ohne den Fleck zu berühren, streifte er die Trainerhose ab und stopfte sie in eine herumliegende Plastiktüte. Mit nacktem Unterleib stand er fröstelnd im halbdunklen Zimmer und starrte auf die in glänzendes Material verhüllte Schande. Nach kurzem Nachdenken ging er zum Schrank, schob zielstrebig Jahirs Sporttasche zur Seite und versteckte die Tüte im Fusse des Kastens unter ein paar ungewaschenen Klamotten. Er ordnete überdurchschnittlich korrekt seine Schlafstätte und legte die zweimal gefaltete Decke über das feuchte Malheur. Dann stieg er auf einen Stuhl und öffnete vorsorglich das Fenster.
Als er aus seinem Zimmer kam, war es noch ganz still in der Wohnung. Aus dem Wohnzimmer flackerte das bläuliche Licht des Fernsehers. Albion war noch zu jung, um die Uhr lesen zu können, aber sein Gefühl für Zeit war schon sehr ausgeprägt. Er wusste, dass er noch eine ganze Weile fern schauen konnte, bis sich die ersten Familienmitglieder in der kleinen Wohnung regen würden. Die Nacht franste an ihren Rändern bereits aus, und langsam drang das fahle Licht eines Oktobermorgens in die Wohnung. Albion schlich in die Küche. Auf dem Küchentisch stand ein Teller, in dem noch ein Rest Salatsauce schwamm. Es roch nach Börek vom Vortag. Albion hatte Hunger. Er schob einen Hocker vor die Ablage und stieg auf die Sitzfläche. Im Küchenschrank stand eine Packung «Honey Wheat», deren restlichen Inhalt er in eine kleine Schale schüttete. Weil die Milch im Kühlschrank seltsam roch, setzte er sich mit den blossen Frühstücksflocken in der Schale an den Tisch. Er streckte die Zunge direkt ins Schüsselchen und versuchte so viele Flocken wie möglich in den Mund zu kriegen. Die Flocken waren ohne Milch sehr trocken und liessen ihn husten. Albion kümmerte sich nicht darum. Seine drei Schwestern schliefen noch fest. Jahir hatte wie die Mutter Schicht, und der Mann lag wohl noch wie betäubt vor dem Fernseher auf dem Sofa. Als Albion die Hälfte der Flocken gegessen hatte, rutschte er vom Stuhl und schlich ins Wohnzimmer. Im Fernseher lief ein Liebesfilm und davor lag, wie jeden Morgen, der Mann und rührte sich nicht. Albion kletterte aufs Sofa und rieb sich die Nasenspitze. Es roch nach Schnaps und abgestandenen Rülpsern. Albion schaute nur einmal kurz auf den Mann und versuchte ihn dann zu ignorieren. Nicht einmal mit der Fernbedienung, die neben den Schenkeln des Mannes lag, wollte er in Berührung kommen. Lieber wechselte er den Kanal direkt am Gerät. Er wollte den Mann keinesfalls anfassen. Albion ekelte sich vor ihm. Seine Haut war aufgedunsen, er roch immer schlimm, seine Haare waren strähnig und in seinem Blick lag etwas Öliges, Entrücktes. Ausser wenn er wütend war. Aber dann war sowieso alles anders.
Albion war froh, dass der Mann heute nicht schnarchte. Er hing einfach nur reglos auf dem Sofa, den Kopf nach hinten gekippt. Im Fernseher liefen die «Oktonauten». Noch bewegten die Figuren tonlos ihre Lippen. Sollte er die Lautstärke verändern? Er starrte auf die sich auf und ab bewegende Schnauze von Barnius auf dem Bildschirm, und dann auf den Mann. Dieser rührte sich nicht. Entschlossen erhob er sich noch einmal vom anderen Ende des Sofas und aktivierte die Lautstärke. Obwohl nun Kwasis Stimme deutlich hörbar war, bewegte sich der Mann nicht. Albion liess sich vom Geruch des Mannes nicht stören und starrte auf die flimmernde Mattscheibe. Draussen wurde es langsam hell, und das erste Licht des Morgens skizzierte in seinen Umrissen einen regnerischen Tag.
Albion konnte fast drei Folgen «Oktonauten» schauen, bis sich seine Geschwister erstmals regten. Wenige Minuten später kam seine Schwester Teuta ins Wohnzimmer und rügte ihn, dass er so früh schon vor dem Fernseher sass. Auch sie ignorierte den Mann auf dem Sofa. In wenigen Sätzen trieb sie ihren Bruder zur Eile an und scheuchte ihn von seinem Beobachtungsposten. Albion machte sich bereit für den Kindergarten.
Als Teuta, Mirza, Edona und Albion, bereit für Schule und Kindergarten, aus der Wohnung traten, kreuzten sie den grossen Bruder, der eben von der Arbeit nach Hause kam. Der abgekämpfte Jahir nahm die Worte seiner kleinen Schwester nur am Rande war, aber er verstand, dass der Mann immer noch auf dem Sofa lag. Verärgert nahm er zur Kenntnis, dass er den Typen nun hochzuhieven hatte und irgendwie nüchtern bekommen musste. Jeden Morgen nach der Arbeit dasselbe Spiel.
Albion bekam von all dem nicht sonderlich viel mit. Weil er so früh aufgestanden war, fühlte er sich nun, kurz vor Kindergartenbeginn, bereits sehr müde.
Was er am Morgen im kleinen Quartierskindergarten gespielt hatte, hätte er in der Retroperspektive nicht mehr erzählen können. Wohl aber, dass ein Krankenwagen und ein paar neugierige Nachbarn vor der Wohnung standen, als er nach Hause kam. Den Sinn der Worte einer interessierten und äusserst gesprächigen Nachbarin erfasste er nur am Rande. Saufen, Glotzen und Verrecken kamen in ihren gezischten Bemerkungen vor.
Nach diesem Tag war der Mann weg. Er kam auch nicht wieder. Was blieb war ein seltsamer, dunkler Fleck an der Stelle, an welcher der Mann immer auf dem Sofa gesessen hatte. Im Unterschied zu dem auf Albions Matratze ging dieser, trotz Bemühungen der Mutter, auch nicht raus.