Partner: Stadt ZürichZKB

Für Immer von Isabel Flynn

Text des Monats Mai 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

Autor/in:

Für Immer


„Alles ist gut!“, sagte Analena. Aber sie sagte es nicht laut, sie dachte es nur. Obwohl unwahrscheinlich war, dass irgendjemand es hätte hören können, so früh am Morgen, in dieser hintersten Ecke von Zürich. Und selbst wenn.
Hannes hatte mit steinernem Gesicht gefragt: „Soll ich Dich nicht fahren? Egal wohin du willst, ich fahr dich…“ Was wohl heissen sollte, egal was gewesen war und jetzt noch übrig war, er fühlte sich für sie verantwortlich. Und Analena fragte sich, ob das immer so gewesen war, immer so gewesen wäre, ohne heute.
Sie hatte den Kopf geschüttelt, hatte die Tür ins Schloss gezogen, die Jacke um ihre Schulter gehängt, ohne mit den Armen in die Ärmel zu schlüpfen, und hatte sich mit ihrer Tasche auf den Weg gemacht.
Die Jacke war heute Mittag zu heiss gewesen, als sie die Frühsommersonne genossen hatten, unten am Letten, als sie die Limmat entlang geschlendert waren. Der Weisswein war kühl gewesen. Sie trank nur selten Wein, sie war eher der Biertyp. „Selten für eine Frau“, hatte Hannes gemeint und ihr verschiedene Weine nahe gebracht. Sie hatten sich an den Händen gehalten, ganz leicht nur, vibrierend, an den Fingerspitzen, dort in der Sonne, als sie beschwingt den Fluss entlang geschlendert waren.

Was gab es schon für Gründe, etwas zu ändern, sein Leben zu ändern, wenn es so gut lief? Aber Hannes musste welche gehabt haben, zehn oder fünfzehn oder zwanzig von ihnen, als er ihre Hände gefasst hatte, irgendwann heute Abend, sein Gesicht ganz nah an ihrem.
Und weil Analena sich auf ihre Schritte konzentrierte, darauf, sie in der Mitte der Strasse Schritt um Schritt voreinander zu setzen, war ihr Kopf frei und überlegte, was für eine Liste von Gründen das gewesen sein konnte, ihr Leben mit diesem Antrag zu ändern:
Weil Hannes sie liebte. Weil alle es taten, auch wenn ihr gerade niemand ein fiel. Um die Sache fix zu machen, bevor sie es sich noch anders überlegte, acht Jahre jünger, die sie war.
Oder einfach um der Änderung willen, auch wenn ihr selber vor Änderungen graute. Um es einmal besser zu haben vielleicht. Aber besser als wer? Noch besser? Und ginge das denn? Vielleicht auch weil Hannes nicht eines Tages dastehen wollte wie Ulli: Als Vater, ohne Kind und ohne Frau. Als ob man das, so es dann passierte, im Voraus verhindern könnte… Weil Hannes gefunden hatte, dass es an der Zeit war. Oder weil seine Eltern das fanden. Oder weil einer der unzähligen Onkel und Tanten ihn gefragt hatten. Und dann würden sie als nächstes fragen, wann es denn so weit sei, und dabei zwinkern…
Oder eventuell wollte Hannes wirklich. Wirklich und jetzt! Aus Überzeugung. Um wieder frei zu atmen, wenn die Zukunft garantiert wäre. Vielleicht wollte er sein ganzes Leben mit ihr verbringen. Die ganzen nächsten vierzig Jahre zumindest. Bis ins Jahr 2050 und länger. Nochmal so lange also und noch einmal so lange, wie sie jetzt alt war. Genau so lange also, wie man sich gerade, wenn auch nur fast, vorstellen konnte.
Vielleicht wollte er einer Leere entgehen, von der sie nichts ahnte.
Vielleicht wollte er auch nur, dass sie künftig seine Socken wusch.
Vielleicht hatte er etwas zu verbergen?
Vielleicht, weil sie es beide so wollten. Bis heute Mittag jedenfalls hätte sie geschworen, auf jede Frage und von jedermann, dass sie Hannes von Herzen liebte, dass sie ihre Zukunft gemeinsam sah, ihretwegen für immer, und hätte gelacht bei der Vorstellung, das Perfekte zu ändern. Und dann hatte sie es sich vorgestellt, Gesicht an Gesicht, so, wie sie heute Abend da gesessen waren, wie das wäre, in zehn, zwanzig oder vierzig Jahren. Und wie Hannes dann statt Wein ein Bier tränke, aus der Flasche, und sie vielleicht ein Radler, unvorstellbar, und er einen Bierbauch hätte, wie sein Vater, weniger Haare und einen Stiernacken, und sie schlaffe Oberarme oder Hängebusen, und, das konnte er doch nicht wirklich wollen.
Und vielleicht wollte Hannes es auch einfach tun, weil es ein so guter Anfang irgendeiner Geschichte wäre, wie irgendein anderer. Und jetzt der Anfang eines Endes…

Als Analena die Gasse jetzt im Dunkeln entlang ging, fröstelnd, die Arme um sich gelegt, da baumelte die Tasche gegen ihre Beine, und den Kiefer spannte sie an, damit ihre Zähne nicht lautstark klapperten, und da fragte sie sich, wie eine einzige Frage, ein kurzer Moment, ihr Leben so hatte ändern können. Wo doch eine Änderung das Letzte gewesen war, was sie noch in diesem Moment im Sinn gehabt hatte.

Sie waren noch lange da gesessen, nachdem sie Hannes nicht hatte antworten können, ihn nicht mehr richtig angeschaut hatte und ihre Hände aus den seinen geglitten waren. Und als die ersten Minuten schweigend vorbei verflossen waren, war es irgendwie zu spät gewesen, irgendetwas zu sagen. Und zurück nehmen konnte man nichts, auch die Gedanken, Sehnsüchte und das Unausgesprochene nicht. Und die Kerzen hatten geflackert, der Weisswein war warm geworden und die Nacht tiefer. Und hätte wenigstens eine Uhr getickt, dann wäre es nicht so verdammt ruhig gewesen.

Was hätte sie auch sagen sollen, wenn eine innere Feder gespannt war, die sie, weg von ihrem Leben, irgendwohin davon schleudern wollte, bei der Vorstellung, morgen, nächstes Jahr oder in 40 Jahren noch immer hier zu sitzen, mit Hannes schlaff gewordener Hand in seinem Schoss und ihrer runzligen auf dem Tisch. Was waren schon acht Jahre? Was wären acht Jahre in zehn, zwanzig oder vierzig Jahren? Aber dass Hannes so viel älter war als sie, schien ihr mit einem Male zu viel.
Sie erinnerte sich nicht, wer geblinzelt hatte, aufgestanden war oder irgendwie und wann die Lähmung durchbrochen hatte. Aber ihre Hände hatten in wenigen Augenblicken den Rest ihres Lebens zusammengerafft und in die Tasche geworfen: Zahnbürste, Handy…

Als sie jetzt auf glatten, klappernden Sohlen die Gasse entlang lief und sich sagte, dass alles gut war, wenn auch völlig anders als heute morgen, da war es kühl um sie, das Kopfsteinpflaster war hart, und Analena wünschte, ihre Schuhe würden keine Lärmspur hinterlassen. Beinahe könnte man sie im Dunkeln sehen oder riechen.
Sie stellte sich vor, sie sei ein Hund, und ihr Gang wurde leichter und leiser, ihr Schnüffeln aufmerksam, beinahe war sie nachtsichtig und bemerkte trotz Dunkelheit, dass die Wände versprayt waren, in denjenigen Ecken, wo es nach Urin roch, und dass die Pflanzen über Nacht ihre Blätter zusammengerollt hatten, wie in einen Mantel, und sie spürte, wie rauh der Verputz war, wenn sie mit den Händen an ihm entlang strich oder sich dagegen lehnte zum Durchatmen.

Hannes musste gedacht haben, dass es jetzt richtig war. Dass es das Versprechen brauchte, damit es gut blieb. Und alles, was gut war, war plötzlich nicht mehr gut gewesen. Die Vorstellung, in 40 Jahren Hannes gegenüberzusitzen wie heute Abend – er hielte ihre Hände, wenn er das dann noch täte, und seine Schläfen hätten sich gelichtet und er würde seinen behaarten Arm um ihren schlaffen legen, stiernackig neben ihr auf dem Sofa, mit der Fernbedienung in der Hand…
Die immer wieder gleichen Bilder, bis sie aufgesprungen war, weil sie die Bilder und die Stille, selbst ohne Uhrenticken, nicht mehr ausgehalten hatte. „Versprich mir, dass Du niemals einen Bierbauch bekommst“, hätte sie gerne gerufen. Es war so gut gewesen.

Analena blickte die Gasse entlang. Dunkelheit und Urin tränkten die Nacht. Sie versuchte, in der Mitte der Gasse zu gehen, aber die Hauswände schienen sie fort von der Mitte zu saugen, nach rechts oder links, es könnte ein Spiel sein, wäre es nicht echt, und egal wie sehr sie versuchte in der Mitte der Gasse eine weisse, dünne Linie zu ziehen und ihr zu folgen, ständig wich sie von ihr ab. Fast ging sie jetzt auf Zehenspitzen, hastig, zielstrebig, nach vorne schauend, dort, wo die Strasse vielleicht einen Bogen machte, oder sich gabelte, oder bergab ging, dass sie nicht zu sehen war, sondern im Dunkeln verschwand.
Das Bellen eines Hundes und rennende Schritte pressten Analena an die nächste Hausmauer, dort wurde sie der Wand gleich zu Beton, starr und kalt und unbeweglich, sie wusste nicht wie lange, doch irgendwann merkte sie, dass ihr Herz noch wummerte, ihr Atem heftig ging und die Beine schmerzten. Und es roch, hier in dieser Ecke, ausser nach Urin, nach frischer Farbe. Analenas Knie schrammten über den Boden, im Dunkeln tasteten ihre Finger über Pflaster und Rillen nach dem Handy.
Und irgendwann atmete sie tief durch und lachte, und alle Gedanken schienen durcheinander zu wirbeln, mit jedem Pochen des Herzens aufs Neue, und dahin und davon… Sie müsste wegfahren, dachte sie. Irgendjemand würde sie schon mitnehmen. Dann lief sie, fast war es ein federndes Joggen, davon.