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Grossvater von Thomas Greber

Text des Monats März 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Grossvater

 

Als ich am frühen Abend das Weingeschäft verlasse, merke ich, dass dieses Jahr etwas anders ist.

Seit Jahren schon fahre ich mit dem Bus zur Schule und spaziere die letzten Meter zu Fuss zum Weingeschäft, um einen Muscat de Noël für Grossvater zu kaufen. Wie in vergangenen Jahren weiss ich auch dieses Jahr nicht, ob er den Wein überhaupt mag oder ob er die Flasche des letzten Jahres getrunken hat. Vielleicht hat er sie zu Weihnachten getrunken, vielleicht ruht sie noch im Keller, eingehüllt in eine feine Staubschicht, vielleicht wird bald schon die diesjährige Flasche daneben gestellt. Jahr für Jahr schenke ich Grossvater einen Muscat de Noël, weil mich der Wein an die Monate in Frankreich erinnert, an die Zeit der rauen Winde, an Momente flüchtiger Liebe.

Ich bezahle schnell, gehe zur Ladentür und merke, noch ehe ich versuche, die Tür zu öffnen, dass diese sich – wie durch Zauberhand – von selber öffnet, wobei ein leises Surren den Öffnungsmechanismus einleitet. Erst dann, beim Hinausgehen in den lauen Winterabend, sehe ich das winzige Schild: Tür öffnet automatisch. Hier also, wo Flaschen lagern, die älter sind als ich, hat die Moderne Spuren hinterlassen, während der Kunde nun, ohne den Türgriff betätigen zu müssen, in den Abend entlassen wird, in der Hand die Tragtasche, darin den Muscat de Noël.

Ein leichter Wind kommt mir entgegen, als ich ins Freie trete. Ich folge der Hauptstrasse in Richtung Stadtzentrum, gehe an türkischen Läden vorbei, überquere schnell den neuen Zentrumsplatz, wo dieses Jahr zum ersten Mal Weihnachtsbäume verkauft werden, und biege dann in eine kleine Seitenstrasse, in der Grossvater wohnt. Ein Monolith mitten in der Stadt, geht es mir durch den Kopf, als ich mich dem Wohnblock nähere, in dem Grossvater seit mehr als dreissig Jahren lebt.

Damals schon, als der mehrstöckige Wohnblock erst als Skizze des Architekten in Planung stand und meine Eltern Händchen haltend erste verliebte Blicke austauschten, hatte Grossvater sich für eine Wohnung in diesem Wohnblock entschieden. Er wollte ins Zentrum ziehen und war fest davon überzeugt, dass der Monolith zum Sinnbild eines neuen städtischen Selbstbewusstseins würde. Die Zeit hat ihm Recht gegeben. Unweit des mächtigen Monolithen erstreckt sich heute der Zentrumsplatz.

Hier sieht alles noch gleich aus wie letztes Jahr. Die erste Eingangstür ist offen, ich drücke auf den Knopf neben Grossvaters Namensschild, vernehme nach wenigen Sekunden seine raue Stimme, sage Hallo, Grossvater, ich bins und öffne dann die zweite Eingangstür. Der Aufzug wartet bereits auf mich, ich fahre hoch, hoch zu Grossvater. Grossvater öffnet, noch bevor ich an seiner Wohnungstür klingeln kann. Ich betrete die Wohnung und reiche ihm die Hand. Du hast aber kalte Hände, sagt er, als ich meinen Mantel ablege und ihn wie immer ganz rechts an seiner Garderobe aufhänge. Ja, draussen ist es kalt. Ich ziehe den Muscat de Noël aus der Tragtasche und gehe ins Wohnzimmer, wo Grossvater bereits Platz genommen hat. Setz dich doch, sagt er, als ich die Flasche auf den Tisch stelle. Schau, ich hab dir was Kleines mitgebracht, sage ich. Oh, vielen Dank, das ist aber nett, sagt Grossvater. Gern geschehen, sage ich.

Grossvater geht in die Küche und setzt Kaffeewasser auf. Während er in der Küche hantiert, schweift mein Blick im Wohnzimmer umher. Auf der Kommode hat es Weihnachtskarten. Grossvater hat sie sorgfältig nebeneinander gereiht. Ich stehe auf, um sie mir näher anzusehen. Die Karten gleichen einander: Weisse Tannen, Sterne, Kerzenlichter. Ich wage es nicht, die Glückwünsche zu lesen, auch wenn sich deren Inhalte vielleicht ebenso gleichen würden wie die Bildmotive ihrer Karten: Frohe Weihnachten und alles Gute im neuen Jahr. Ein guter Rutsch. Jahr für Jahr stehen Weihnachtskarten auf Grossvaters Kommode. Doch seit Grossmutters Herzinfarkt vor fünf Jahren werden es Jahr für Jahr weniger.

Grossvater kommt mit zwei Tassen Kaffee ins Wohnzimmer zurück. Er stellt sie auf den Tisch, geht erneut in die Küche und kommt nach wenigen Augenblicken mit einer Flasche Grappa zurück. Ohne mich zu fragen, füllt er zwei kleine Zinnbecher mit Grappa und stellt diese neben die beiden Kaffeetassen. Ich muss dir etwas zeigen, schau mal. Aus der rechten Hosentasche zaubert er ein Handy hervor, das er vor mir auf den Tisch legt. Das hat mir neulich dein Vater geschenkt. Ich weiss zwar noch nicht, wie das genau funktioniert, aber es ist sehr praktisch und ich fühle mich jetzt sicherer, weisst du, in meinem Alter… Vater, geht es mir durch den Kopf, den habe ich seit Monaten nicht mehr gesehen. Wie es ihm wohl geht?

Während der nächsten Minuten erklärt mir Grossvater verschiedene Funktionen seines neuen Geräts, zeigt mir, welche Nummern er bereits abgespeichert hat, und ist stolz wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal in seinem Leben das ABC fehlerfrei vortragen kann. Als er dann aber eine Kurznachricht verfassen möchte, hat Grossvater grosse Mühe. Ich erkläre ihm Schritt für Schritt, bis er versucht, selbstständig eine SMS zu schreiben. Langsam macht er sich mit den Buchstaben auf der kleinen Tastatur vertraut, beginnt welche einzutippen und flucht, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Oft ist Grossvater zu langsam, so dass das Display wieder dunkel wird und die Texteingabe vor Grossvaters Augen verschwindet. Wieder beginnt Grossvater mit der Eingabe erster Buchstaben, sucht bald das H, bald das A, bald das L, bald das O. Ich, sein einziger Enkel, der ich rund sechzig Jahre jünger bin als mein Gegenüber, werde Zeuge eines in beharrlichster Sisyphusarbeit errungenen Erfolgs, als Grossvater mir nach einer Weile stolz sein erstes Wort präsentiert: Hallo. Super, sage ich. Mach weiter, schreib das nächste Wort. Grossvater tippt, die Nasenspitze berührt beinahe das Display, doch nach wenigen Augenblicken verschwindet der Text wieder. Das Display ist so dunkel wie der Abend. Leicht frustriert legt Grossvater das Gerät zurück auf den Tisch und leert in einem Zug seinen Grappa. Das reicht für heute. Jetzt weiss ich ja, wies geht. Ich übe dann morgen wieder. Danke für deine Hilfe.

Ich stehe auf und sage Grossvater, dass ich nun gehen müsse. Ich hätte noch zu tun. Bevor ich gehe, speichere ich Grossvaters Handynummer auf meinem Gerät. Schnell verabschieden wir uns voneinander, wünschen einander frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Grossvater begleitet mich zum Aufzug. Ich steige ein und drücke auf EG. Die innere Aufzugstür beginnt sich langsam zu schliessen, ich sehe durchs Glas, wie Grossvater mir zum Abschied winkt. Dabei berührt er die Glastür sanft. Ich fahre ins Erdgeschoss und verlasse den Monolithen.

Auf der Hauptstrasse hat es jetzt mehr Verkehr. Autos hupen, Leute eilen mit Tragtaschen auf den Gehsteigen und verschwinden in Häusern, aus deren Kaminen Rauch aufsteigt. An der Bushaltestelle warte ich, knöpfe mir den Mantel zu und friere, obwohl es nicht allzu kalt ist. Ich klaube mein Handy aus der Innentasche des Mantels hervor und schreibe Grossvater eine SMS. Als ich in den Bus steige, sende ich ihm die Nachricht. Seither warte ich auf Grossvaters Antwort. Noch jetzt, als ich diese letzten Sätze zu Papier bringe, warte ich. Doch er meldet sich nicht.