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Haselborn von Isabel Flynn

Text des Monats Januar 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

Ich hatte Elmar versprochen, ihn dorthin mitzunehmen, nach Haselborn. Eines Tages, wenn ich dorthin führe, nähme ich ihn mit, hatte ich gesagt. Ich hatte nicht die Absicht, je dorthin zu fahren. Er aber schon, und manchmal schien es mir, als ob er mich belauere. Wenn ich aufblickte, sah ich sein erwartungsvolles Schweigen. Einen vielsagenden Blick von ihm, wenn das Gespräch auf das Ziel seiner Träume kam, darauf, dass man nach Haselborn gehen könne. Einfach zum Schauen. Dass andere dort gewesen waren.
Sein Blick hielt fest, dass uns etwas verband, dieses leichtfertig von mir gegebene Versprechen, an das ich mich kaum mehr entsinnen mochte, und das doch da war, wenn sich unsere Blicke unverhofft trafen. Immer diese Hoffnung in Elmars Blick, dass es einmal so weit wäre. Mir war nicht wohl.

Mir war nicht wohl mit dieser Verbindlichkeit, die er mit meinen wenigen Worten verknüpfte, auf die er mich jetzt behaftete. Gerade jetzt, da es aussah, als ob ich tatsächlich zum Ziel seiner Träume fahren würde. Bald sogar. Übermorgen. Mit Dominik. Elmar durfte das nicht wissen. Nein, Elmar würde stören.
Hatte ich nicht lange genug dafür gebraucht, Dominik überhaupt dafür zu interessieren? Am Eschelhüber Weiher hatte er kein Interesse. Die Erdbeerfelder interessierten ihn nicht. Aber das Flugfeld in Haselborn, das könnte es sein, hatte ich gedacht. Wenn sich mein Bruder Elmar für Flugzeuge begeistern konnte, warum nicht auch Dominik?
Gut, hatte er nach einigem Zögern gesagt. Gut, aber du bringst das Picknick mit.
Gut, hatte ich gemeint, und gedacht, dass ich alles mitbringen würde, was er wolle, solange er mitkomme, nur Elmar nicht, den würde ich auf keinen Fall mitbringen. Mochte es auch sein grösster Traum sein.
Wie aber sollte ich verhindern, dass er von unserem Vorhaben erfuhr? Würde Dominik es ihm gegenüber zufällig erwähnen - ganz unverfänglich mit der Frage, ob Elmar schon einmal dort gewesen sei, beim Flugzeug meines Patenonkels - so würde Elmar mich mit grossen Augen anschauen, in denen langsam das Bewusstsein des Verrats dämmern würde. Nicht dass ich ihn verraten hätte - schliesslich hatte ich ihm nicht wirklich etwas versprochen, aber doch würde er es so empfinden, doch würde ich wissen, dass er es so empfand.
Am besten also wäre es, dass er gar nie davon erführe, dass wir nach Haselborn fuhren, dass ich Dominik das Flugzeug zeigen würde, von aussen, denn rein konnten wir ja nicht.
Aber vielleicht würde Dominik Elmar sogar ganz direkt fragen, ob er mitkommen wolle, schliesslich mochten die beiden sich ganz gerne - und das wäre besonders schlimm, denn dann würde sich ein elender Nachmittag vor mir erstrecken, an dem ich, einer aussen stehenden Beobachterin gleich, das Wechselspiel ihrer Begeisterung verfolgen würde.

«Wir gehen doch», fragte ich Dominik am nächsten Tag, als ich ihn auf dem Heimweg abfing, immer über die Schulter blickend, ob Elmar irgendwo zu sehen wäre. Nicht, dass er etwas mitbekäme, nicht dass er Dominik fragen könnte was und wohin und mit wem.
«Ja, natürlich», sagte Dominik. Und wenn es mir so vorkam, als ob seine Antwort nebenbei sei, dann lag das wohl daran, dass er prüfend den Finger in den Wind hielt. Ob das ein gutes Vorzeichen für morgen war?
Und ob seine Blicke, die er über die Schulter warf, jemandem galten, den ich auch kannte, wusste ich nicht, und wollte es mich auch nicht fragen, Hauptsache wir gingen, Dominik und ich.
«Und wir gehen sicher?», hätte ich gerne noch einmal gefragt, am gleichen Tag, als wir uns im Vorbeigehen noch einmal begegneten. Aber das wäre wohl allzu, na, ... zu offensichtlich gewesen, und so warf ich ihm nur einen Blick zu, einen fragenden, bittenden, und wertete sein Blinzeln als Zustimmung.

Wir gingen am nächsten Tag tatsächlich, Dominik und ich. Mit dem Picknickkorb, den ich hinten auf den Gepäckträger geklemmt hatte, und mit Elmar. «Du passt doch dann auf Elmar auf», hatte Mutter noch gesagt, bevor sie das Haus verlassen hatte. Und Mutters Wort, das galt. Und ich konnte nun mal nicht auf Elmar Acht geben, wenn ich fort und er zu Hause war, also musste er mitkommen.
Und als Dominik mit dem Fahrrad vorfuhr, da trampelte ihm die rothaarige Annalina hinterher, die erst vor wenigen Wochen in der Nachbarschaft eingezogen war.
Sie sei, seit sie hier wohne, noch nie in Haselborn gewesen, und das gehe doch nicht an, habe er ihr gesagt, und dass ich sicher nichts dagegen habe, wenn sie mitkomme, sagte Dominik.
Er blickte Elmar an. Der sah mich an. Und ich starrte auf Annalina, diese Kuh, die gescheiter hätte lernen sollen oder Kisten ausräumen. Sie als Zugezogene hatte doch sicher noch vieles aufzuholen. Weil aber Elmar mitkommen musste, konnte ich nicht viel dagegen sagen, dass auch Annalina dabei war.

Wenn ich manchmal seitdem, viel später, mit Annalina über Dominik rede, über diesen Nachmittag am Flugplatz, den wir nach viel Suchen gefunden haben, und auf dem drei winzige Propellermaschinen weit weg hinterm Zaun im hohen Gras vor sich hin gewartet hatten, dann bin ich überzeugt, dass ich damals meinen ersten Kuss bekommen hätte, hätte sich Annalina nicht im entscheidenden Moment von Elmar und den Flugzeugen ab und uns zugewandt, mit der Bemerkung, dass wohl keines dieser Flugzeuge heute fliegen würde.
Dominiks Seufzen war sicher keines der Erleichterung gewesen. Auf den Kuss von Dominik warte ich heute noch.