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Heimat von Katharina Lanfranconi

Text des Monats Februar 2011 (Thema: Heimat)

Autor/in:

Heimat


Manchmal muss man eine Lüge erzählen um die Wahrheit ins Licht zu rücken.


Es ist ein früher Vormittag im Mai. Wir schreiben das zweite Jahr einer neuen Zeitrechnung,
doch davon später. Laue, zu dieser Stunde beinahe noch schadstofffreie Luft streicht der Gebäudefassade entlang und wirbelt an den Eckfluchten feinen Sandstaub aus den Fugen der alten Quader. Schon gegen Mittag wird es mit der frischen Luft hier oben nicht mehr weit her sein, doch dieser kleine Nachteil ist unwichtig – wenn man die Aufwertung meines Daseins in jüngster Zeit bedenkt sogar null und nichtig.

Über Jahrzehnte war mein Status ein rein dekorativer, dem neubarocken Architekturgeschmack meines Baujahres geschuldeter Tribut. Ausser in grauer Vorzeit natürlich, wo ich weltbeherrschend und unbehauen im Herzen einer mächtigen Bank blaugrauen Muschelkalks ruhte; freilich ohne das geringste Bewusstsein meiner Macht. Wie seltsam, dass beides für meine Existenz wegweisend geblieben ist: Bank und Macht. Doch davon später.

Im wahren Wortsinn tiefschürfende Beachtung erfuhr ich erst nach meiner Schürfung im Jahr 1920. Das erstaunt, denn schon Jahrhunderte zuvor hatten sich mir römische Steinhauer, nicht wenige davon Sklaven, bis auf wenige Meter genähert.
Die lange Zeit meines fötalen Schlummers endete jäh durch brachiale Gewalt und vielfache schmerzhafte Veränderungen, doch schliesslich wurde mir als frisch gefördertem Bruchstein erstmals menschliche Beachtung zuteil.
Zweckgebunden waren es Steinmetze und Bauleute, die zu meinen allerersten menschlichen Kontakten wurden. Dann, nach Vollendung des herrschaftlichen Bankhauses, an dessen Fassade ich seit langem hänge, folgten dessen hochrangige Angestellte ; allesamt Direktoren oder Vizedirektoren, deren Büros übrigens bis heute die Aussenzimmer besetzen. Die Bedeutung, die man mir zuerkannte, war freilich gering, und selbst für jemanden aus robustem Material äusserst unbefriedigend.
Die hohe Wertschätzung, die ich erst in jüngster Zeit von unzähligen Berufstätigen jeden Ranges erhalte, habe ich einer seltsamen Verfügung zu verdanken. Doch ich greife schon wieder vor.

In den ersten Jahren betrat man mich nur ausnahmsweise, und niemals während der Arbeitszeit. Diese dauerte damals vom nahen Grossmünster geschlagene zehn Stunden, nämlich von punkt sieben Uhr morgens bis punkt sieben Uhr abends. Wenn meine Türflügel aufgestossen wurden und jemand hinaustrat, weil Arbeitsverdrossenheit oder Verliebtheit nach frischer Luft, einem Blick auf ruhig dahin fliessendes Wasser oder frühlingsblauem Wind verlangten, war das ein beglückendes Ereignis, wenn auch ein allzu seltenes. Nur kurz währten jeweils das Scharren unruhiger Füsse und die schicksalsschweren Seufzer, die Türen fielen wieder an ihren Platz und ich blieb verlassen zurück. In pubertärem Steinschlummer träumte ich danach wochenlang vom Gewicht des Menschen, den ich für kurze Zeit hatte tragen dürfen.
Der aufmerksamen Leserin ist während der kurzen Lektüre gewiss bereits aufgefallen, dass meine Personenbeschreibung stets die männliche Form anwendet. Das hat seine Bewandtnis darin, dass erst vor vierzig Jahren mit Fräulein Dr. Philomena Wanzenried eine Frau im Kader des Bankhauses Einzug hielt – ein später Glücksfall und ein zweiter Meilenstein in meiner Entwicklung.

Da sie als Vizedirektorin nicht selten tief durchatmen musste, wenn die dröge Borniertheit männlicher Kollegen sie strapazierte , spürte ich den Stoff ihres Faltenjupes häufig sanft mein Geländer streifen , ja, ich darf sagen, dass ihre Begehungen zu einschneidenden Begegnungen zwischen uns wurden. Die beinahe unhörbaren, gezischten Schimpftiraden und die wütenden kleinen Stampfer ihres robust beschuhten Fusses sind bis heute unvergessen. Wer ausser dieser zierlichen Pionierin hätte mich überzeugender, durch ihre Leichtgewichtigkeit dazu noch ohne jede Gefahr für meine Statik ein für alle Mal dem Weiblichen zuneigen können?

Doch zurück zum Thema. Es geht ja um Heimat, und Sie werden sich schon gefragt haben, in wie weitem Bogen meine steinerne Erinnerung abzuschweifen gedenkt, um irgendwann, innerhalb der gestatteten 15‘000 Zeichen, zur Kernaufgabe vorzustossen. Ich rate Ihnen indes zu sinnenschärfender Geduld, einer in Steinkreisen hoch geschätzten Tugend.

Seit 1921 also hänge ich frei in der Luft, in genau achteinhalb Metern Höhe über einer belebten Geschäftsstrasse, direkt am Fluss L. in der Stadt Z. Geschaffen wurde ich vom berühmten Stadtbaumeister W. v. H., der mich und meine zwanzig Brüder, über fünf Stockwerke verteilt, der Gebäudefront des stadtältesten Finanzinstitutes zudachte.
Ach, wie oft wurde mir meine Geschichte im Lauf der Jahre von unten an den Sockel gepredigt. Bei angenehmer Witterung versammelte sich nicht selten ein Häuflein Studenten mit seinem Vorredner – vielleicht einem Professor, der frische Luft nicht scheute- und staunte im Halbkreis mit offenen Mündern nach oben, als wollte es mir aus unerfindlichen Gründen ein Ständchen bringen.
Wichtig klingende Gesprächsfetzen stiegen hoch und vergrämten mich, jung wie ich war, niemals selbst den schweren Tritt meines Schöpfers W. v. H. gespürt zu haben, aus dem ich unschwer auf dessen stattliches Gewicht hätte schliessen können. Ein Stadtchronist hat seine Körperfülle in reizendem Altdeutsch historisch überliefert; auf die oben erwähnte Weise habe ich dieses für mich keineswegs unwichtige Detail erfahren ! Wie dürstete ich danach zu wissen, ob ich überhaupt je von ihm betreten wurde. Ob er sich vielleicht eines Abends, nach gelungenem Werk, einen Blick über den Fluss, auf die vom letzten Licht des Tages vergoldeten Türme des Münsters, oder über die noch zu bebauenden Ufer und die dahinterliegende Vorstadt gestattet hatte. Auf welchem von uns er vielleicht einen Hüpfer zur Prüfung der Bau-Verankerung tat, sich zur Sicherheit am leise schwingenden Türflügel festhaltend. Niemals würde ich es erfahren. Und auch nie, ob er sich die nur um eine Winzigkeit voneinander abweichenden Perspektiven des Ausblicks nacheinander auf sämtlichen Balustraden einzuprägen versucht hatte, oder ob er dies ausser acht liess.
Wochenlang hing ich traurig im Novemberregen (der mir heute noch zu schaffen macht, wenn auch aus völlig anderen Gründen) und hüllte mich vor Kummer in vollgesogenes Sandgrau, weil es mir versagt geblieben war, das Knarzen der Schnürstiefel meines honorigen Erbauers auch nur ein einziges Mal gehört zu haben.
Ich durchlitt diese Entsagungen mit einer Leidenschaft, die mir heute in groteskem Gegensatz zu ihrer Geringfügigkeit erscheint, und mir bei gewissen Abendstimmungen die Schamröte übers Geländer jagt. Eine plausible Erklärung gibt es allerdings für dieses seltsam übersteigerte Verhalten. Urteilen Sie selbst.

Damals nämlich verdöste ich noch die meiste Zeit in pubertärem Steinschlaf und nannte keine durch glückliche Umstände gewonnene Seele mein eigen; ich war ganz und gar unbeseelt. Nicht einmal der tragische Todessturz eines fehlbaren Prokuristen, er hatte einen für heutige Begriffe lächerlich kleinen Betrag unterschlagen, vermochte mich aus meiner Dumpfheit zu reissen. Ich war nicht mehr und nicht weniger als eine von zwanzig, über fünf Stockwerke verteilten, Sandsteinbalustraden. Architekturfirlefanz. Ein Balkon.

Wie völlig anders ist meine Bestimmung heute. Wie wunderbar erhöht und verwandelt wurde sie in den ersten Maitagen des Jahres 2010, nachdem der simple Erlass eines totalen Rauchverbotes im gesamten öffentlichen Raum erging.

Gewiss! Kein öffentlicher Platz zu sein ist an sich schon beruhigend ; seit Jahrhunderten nehmen wir Balkone ja meist eine vornehm private, ja fast intime Stellung im allgemeinen Weltengeschwirr ein.- Abgesehen von jenen bedauernswerten Balustraden, die sich über Jahrhunderte als schwindelerregende Bühnenrequisite oder missbrauchte Schauplätze von drögen Machtspielen der Weltgeschichte wiederfinden.
Dass wir im Märchen wie in Wirklichkeit von Königinnen, Päpsten oder siegreichen Fussballern zwingend gebraucht werden, macht uns zwar zum Bestandteil von Bildern und Geschichten; niemals jedoch, das werden Sie bei näherer Betrachtung eingestehen müssen, ging es um uns. Ich meine, wirklich um UNS.

Tempi passati! Seit der Vertreibung und Verfolgung rauchender Menschen vor gut einem Jahr hat sich für uns frei vorragende, sozusagen in der Luft hängende Räume alles gewendet. Zu keiner Zeit wurden wir Balkone so oft besucht wie heute. Ja,
niemals zuvor wurde unser Vorhandensein so sehr gewünscht, erhofft und ersehnt.

Entspannung liegt förmlich in der Luft, kaum nähert man sich mir. Durch begeistertes Studium (ja, auch Stein ist fähig zu denken) der von Rauchern und Raucherinnen erzeugten Geräusche und Gerüche habe ich diese lieben und schätzen gelernt. Ganz zu schweigen von den gesprochenen Worten, denn uns Steinen ist ein grosses Sprachverständnis eigen. Wir verstehen ganz und gar jede auf dem Planeten gesprochene Sprache, ob gemeisselt, getrillert oder gestammelt ; selbst die von Libellen, Eidechsen und Politikern.

Achtung. Es kommt jemand. Füür ? Mhm.

Das jetzt folgende Geräusch zum Beispiel ( es ist mir klar, wie gering die Notwendigkeit ist, es zu beschreiben, doch der Genauigkeit halber will ich es gleichwohl versuchen) ist ein tiefes Einatmen. Schmatzen kann vorkommen, ist jedoch ausser bei Filterzigaretten mit wenig Nikontingehalt selten. Fast geräuschlos bleibt, was in der Folge geschieht, die angereicherte Atemluft wird nämlich so lange wie möglich angehalten.
Das Ausatmen danach gleicht einem erschöpften Seufzen oder Schnauben, manchmal begleitet von spontaner Gewichtsverlagerung vom einen Bein auf das andere. Unwiderstehlich belebend für meine sensible Sandsteinbeschichtung ist es, wenn die standbeinwechselnde Person Trägerin von Stilettos ist.
Bis heute haben notabene an die 80‘000 Bleistiftabsätze mir als Muschelkalkstein (“ Nomen est Omen“) gleichsam ihren kreisrunden, femininen Stempel aufgedrückt. Ich frage Sie: Kann ein Zitatvergleich noch hübscher ausfallen?!
Ahhh. Psst!

Häsch mer au eini ? Klar. Merci. Der Alt spinnt hüt wieder total. Mmhh…!

Die Geräusche und Sensationen wiederholen sich einige Male, in Klang und Gewichtung weiblich oder männlich gefärbt, und schon fühle ich die – je nach Rauchertyp – unachtsame, oder im Gegenteil geradezu übersorgfältig behutsame Berührung des Ascheabstreifens in das mir vor Jahresfrist während einer schmerzhaften Prozedur an die Stirnfront gelötete Aschebecken. Bald, spätestens gegen Mittag, werden Dutzende von Schritten erklungen, Hunderte von nikotinhaltigen Atemzügen über mir verweht sein, mich glücklich gemacht haben.

Ou, das esch die letscht .Scheisse. Wart rasch, i ha none Stange im Büro. Rauchsch Du Peter Stuyvesant? Jesses, gets die no, het mi Vatter früener graucht.

Fast zärtlich knistert das Zellophanpapier, und als forderndes Pochen orte ich das Herausklopfen einer Kippe aus der Packung. Das Sprotzen des Feuerzeugs klingt hübsch und weitaus befriedigender als der mehrfach untaugliche Versuch, in der windigen Höhe von achteinhalb Metern ein Streichholz zu entflammen. Auch des weiterschwelenden Unrates wegen, der durch fahrige Wischbesen in meinen Plattenfugen landet, bin ich strikte gegen Schwefelhölzer und ihre werbebeschrifteten Briefchen.
Wussten Sie, dass Steine ein Gedächtnis haben? Wer einen flachen Kiesel über spiegelglattes Wasser schleudert, um seine Geschicklichkeit in diesem alten Spiel zu beweisen, sollte es sich merken. Ist der Werfer geübt oder begabt, so dass der Stein endlos einen schwerelosen Tanz über dem Wasserspiegel springt, wird der Kiesel es bis in alle Ewigkeit und lange über die Existenz des Spielers hinaus nicht vergessen. Wegen eines Stümpers nach zwei kläglichen Hüpfern auf sandigen Grund abzusinken hingegen verzeiht kein Stein. Denken Sie an unser nachtragendes Erinnerungsvermögen, wenn Sie das nächste Mal die Terrasse putzen, oder Ihren bildhübschen Stadtbalkon gar als Mülldeponie missbrauchen!
Schon wieder bin ich abgeschweift, und da wir uns steinhart der 15‘000-Zeichen-Schwelle nähern, will ich versuchen das Wichtigste in Kürze zu fassen.

Tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, heute nichts Geringeres als eine Seele zu haben. Beseelt zu sein bedeutet Glück, gerade wenn man aus Stein ist. Gewisse Balkongespräche haben nämlich enthüllt, dass dieses Glück sogar manchen Menschen versagt bleibt!

Wie sehnsüchtig dringlich klingen die steinerweichenden Sätze der Vetriebenen meinem muschelförmigen Ohr. - Komm lass uns eine auf dem Balkon…- Bis gleich dann, auf dem Balkon-
Ich wage heute stolz zu behaupten, dass ich Hort bin den Verfolgten. Ich bin es, der die heiseren Gespräche unter Raucherinnen und Rauchern ermöglicht. Bin deren letzter Zufluchtsort und einziger Fluchtpunkt in Bürogebäuden, Wohnungen, Hotels und Bordellen.
Bin Raucherbalkon. Bin Heimat.