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Im Nachtzug von Roman Seifert

Text des Monats November 2016 (Thema: Musikstück)

Autor/in:

Musikstück: Frédéric Chopin, Nocturne in e-Moll, Op. 9, No. 2. Hier geht es zum Musikstück.

Im Nachtzug

Schon kurz nachdem der Nachtzug den Bahnhof verlassen hatte (es schneite allen Vorhersagen gemäss nur wenig), ging unter den Passagieren das Gerücht umher, wonach im hintersten Abteil ein Wal transportiert würde. Über die genauen Umstände und Gründe war weiter nichts bekannt, niemand hatte den Wal gesehen und das Gerücht schien keinen bestimmbaren Ursprung zu haben; es waberte auf den Gängen und zwischen den Abteilen, so als sei es schon vor der Abfahrt dagewesen, vermischt mit der stickigen, zeratmeten Luft, die alles ist, was im Zug von vorigen Reisenden zurückbleibt. Das Gerücht senkte sich in die Lungen der neuen Passagiere und wer sprach, sprach schweratmig nur vom Wal.

Derweil sass Winkler in seinem Abteil in einen Mantel gehüllt und hielt das Gerücht für äusserst unwahrscheinlich. Er schwieg, das Gerücht war ihm egal und er interessierte sich im Allgemeinen nicht für Wale. Er sah bloss peinlich berührt aus dem Fenster, weil er es für unangemessen hielt, dass der Mann ihm gegenüber nur ein Nachthemd trug, das überdies nicht zugeknöpft war und den fülligen Leib nur lose umflatterte. Allerdings war es draussen bereits dunkel und Winkler sah im Fenster nur die Reflexion des Abteils und dass der Mann ihn über die Spiegelung unverhohlen angrinste. Winkler fand dieses Betragen einigermassen unhöflich, liess sich aber davon nichts anmerken, um nicht seinerseits unhöflich zu sein und um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden. Wahrscheinlich wartete der Mann nur auf die kleinste Regung, die als Zeichen für Gesprächsbereitschaft verstanden werden konnte, um mit Winkler über das Gerücht zu reden, um mit ihm über den Wal zu spekulieren, um ihn in den stickigen Dunstkreis dieser Unwahrscheinlichkeit zu ziehen. Aber Winkler war das Gerücht vollkommen gleichgültig, er wollte nicht darüber sprechen, schon gar nicht mit einem beinahe Nackten. Es war ihm unbegreiflich, weshalb der Mann nicht fror. Die Heizung knisterte zwar bedenklich, aber weil sich das gekippte Fenster nicht völlig schliessen liess, verflog die heisse Luft sofort im Fahrtwind und verlor sich in der Nacht. Indessen wälzte der Luftstrom nur den verbrauchten kalten Muff in der Kabine um. Winkler versuchte, möglichst wenig zu atmen. Ein Windstoss liess das Fenster rattern (der Schneefall hatte wider alle Vorhersagen zugenommen), und ein kleiner Schwarm von Schneeflocken wurde ins Abteil getrieben. Winkler schloss die Augen und fröstelte.

Nach einigen Minuten trommelte es gegen Winklers Schienbein. Er öffnete die Augen. Der Mann gegenüber war auf seinem Sitz weit nach vorne gerutscht, hatte das entblösste Bein ganz ausgestreckt und klopfte mit den Zehen gegen Winklers Schienbein. Winkler ekelte es vor der Berührung und er wandte sich sofort zum Fenster ab, aber dort lauerte schon das gespiegelte Grinsen des Mannes und ihre Blicke trafen sich.

Ob er zufällig wisse, fragte der Mann bedächtig, in welche Richtung sie fahren würden, oder, besser gesagt, wer von ihnen beiden in Fahrtrichtung sitze, falls das überhaupt einen Unterschied mache.

Winkler senkte den Blick und sagte, es interessiere ihn nicht, er wolle nicht darüber reden, man befinde sich in einem Nachtzug und er wolle schlafen, nicht reden.

Der Mann immerhin liess das Trommeln mit den Zehen bleiben (dicke Flocken klatschten an die Scheibe und der Eiswind heulte) und er zog sein Bein unter das Nachthemd zurück und rutschte wieder aufrecht in seinen Sitz. Es sei ja so dunkel draussen, dass man nicht sehen könne, in welche Richtung man fahre, schon bei der Abfahrt sei es so dunkel gewesen oder jedenfalls sei es ihm sehr dunkel vorgekommen, und man wisse ja nie, ob man sich nun im ersten oder im letzten Abteil befinde, auf der Hinfahrt oder auf der Rückfahrt.

Winkler machte diese Rücksichtslosigkeit ungehalten. Er wolle nicht darüber sprechen, natürlich wisse man nie, aber es sei Zeitverschwendung, sich mit solchen Unklarheiten zu befassen, die völlig gleichgültig seien.

Ihm werde auf Reisen sehr leicht übel, sagte der Mann, vor allem wenn er rückwärts fahre, dann helfe nur noch regelmässiges, tiefes Atmen, und selbst diese Massnahme versage oft genug und ihm werde trotzdem schlecht; im Scherz nenne er sein Leiden gerne Seekrankheit, obwohl er in seinem ganzen Leben noch nie ein Schiff betreten habe.

Winkler schnaubte und zog sich tiefer in den Mantel zurück. Man sei hier nicht auf hoher See, ihm sei egal, was man darüber redete, Unsinn sei es, grober Unfug, dass im Zug ein Wal transportiert würde, schon aus Platzgründen und aus allgemeiner Achtung vor dem Tier wäre so ein Transport eine unzeitgemässe Barbarei.

In Zügen, sagte der Mann, sei es meistens nicht so schlimm, nur in Autos, da werde ihm viel häufiger übel, weil sie ständig bremsten und wegen der vielen Kurven, aber in Zügen sei das besser; nur in Nachtzügen, wenn man nicht nach draussen sehen könne, trage das bisweilen zu seinem Unwohlsein bei.

Noch dazu in einem Nachtzug, sagte Winkler (der Schneesturm rüttelte am Fenster und blies die Nacht ins Abteil), wer habe je von einem Waltransport im Nachtzug gehört, das arme Tier müsse ja ersticken und furchtbar frieren, es müsse sich fürchten vor der Enge, vor der Dunkelheit und dem metallischen Geratter. Aber im Grunde sei es ihm egal und es gebe darüber weiter nichts zu sagen, als dass niemand, der bei Verstand sei, diesem Gerücht irgendwelchen Glauben schenken könne.

Der Mann seufzte (der ganze Wagen schlotterte im Sturm) und zog das Nachthemd bis über die Knie nach oben. Was helfe schon Verstand. Sein Leiden komme ja nicht vom Magen her, sondern vom Gleichgewichtssinn, vom Innenohr; mit Verstand sei gegen diese Übelkeit nicht anzukommen, selbst wenn man sich des Ursprungs des Defekts bewusst sei. Ob Winkler denn bestimmt nicht wisse, in welche Richtung man nun fahre oder wer von ihnen beiden in Fahrtrichtung sitze, er fühle sich nämlich flau im Magen, das heisst, sein Gleichgewichtsdefekt im Innenohr bewirke andernorts im Körper eine Flauheit.

Winkler zitterte. Der Wal wisse ja nicht einmal, wo er sei, so weit weg vom Meer und Salz, nur umgeben von der Stummheit und der Taubheit seiner Wächter und von Schnee und Schwärze.

Die Tür zum Abteil öffnete sich, der Wind pfiff und peitschte nun hinein, als wäre anderswo ein zweites Fenster offen, und auf dem Gang erklang ein Heulen wie aus grosser Tiefe. Es war unmöglich zu sagen, ob der Zug überhaupt noch fuhr oder ob er nur vom Sturm geschüttelt wurde. Ein Uniformierter trat ein, Winkler suchte in der Manteltasche nach dem Fahrschein, aber der Uniformierte winkte mit einer müden Geste ab, stemmte sich mit seinem ganzen Leib gegen das gekippte Fenster, der Wind bäumte sich noch einmal auf und spuckte Schneeflocken ins Abteil, bis mit einem Knall das Fenster einrastete und Stille eintrat. Der Uniformierte warf ein entschuldigendes Lächeln gegen die Scheibe und verliess das Abteil. Winkler, fest in seinen Mantel gewickelt, atmete flach, hob den Kopf und sah im Fenster die Reflexion des Mannes gegenüber. Die Seekrankheit, sagte der Mann, sei in Nachtzügen besonders schlimm.