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Im Schnee von Christoph Aistleitner

Text des Monats Oktober 2006 (Thema: Bildbeschreibung)

Autor/in:

Zu Gerhard Richter, «Landscapes»

Im Schnee

Müde stapft Marianne weiter. Ihre Füße schmerzen und sind wohl blutig geschunden, aber Marianne kann ihre Füße nicht sehen, während sie durch den kniehohen Schnee stapft. Nur wenn sie sich umdreht und zurückblickt, wenn sie ihre Spuren betrachtet, die nicht wie die eines Menschen, sondern wie solche eines verletzten Tieres anmuten; dann kann sie weit unten unförmige dunkle Flecken erkennen. Es könnte Blut sein, aber sie kann es nicht genau sagen, es ist schon lange dunkel geworden. Also stapft Marianne weiter durch Schnee und Nacht, mit blutigen Füßen oder eben nicht; es macht schließlich keinerlei Unterschied.

Frühmorgens hatte Mutter angerufen.
«geht's dir denn so?»
Marianne war verwirrt. Es war nicht Mutters Art, anzurufen, nur um zu fragen, «wie es denn so gehe».
«Wieso?» hatte Marianne nur geantwortet, zögernd, misstrauisch.
«Naja», sagte Mutter. «Weil ...» Sie hustete kurz. «Wegen ...»
«Was, Mutter?», rief Marianne.
«Naja, weil ...», erwiderte Mutter, «weil es heute zehn Jahre her ist, dass... dass...»
Danach war langes Schweigen eingetreten.
«Du bist doch darüber hinweg», sagte Mutter schließlich. Es war keine Frage.

Daran denkt Marianne, als sie durch Schnee und Nacht stapft. Zehn Jahre ist es her, zehn Jahre, eine lange Zeit. Marianne hatte gar nicht daran gedacht, manche Jubiläen begeht man besser nicht. Zehn Jahre, ausreichend Zeit, sollte man meinen, die Zeit heilt alle Wunden, das ist ja bekannt. Zehn Jahre. Mechanisch quält sich Marianne weiter vorwärts. Ihre Lippen zittern vor Kälte, und ihre Lungen brennen. Ich hätte eine Jacke anziehen sollen, denkt Marianne. Oder zumindest Schuhe. Sie bleibt kurz stehen und versucht sich eine Zigarette anzuzünden; es ist unmöglich, das Feuerzeug entgleitet ihren klammen Fingern und fällt auf den Schnee, ohne zu versinken. Marianne sieht zurück: dort irgendwo muss das Auto stehen, das Auto, wo es schön warm ist, wo sie ihre Jacke gelassen hat, ihren Pullover und ihre Schuhe. Unmöglich zu sagen, wie weit sie schon vom Auto entfernt ist, unmöglich zu sagen, wie lange sie schon geht, aber eines ist klar: zum Umkehren ist es zu spät. Marianne lächelt träge; sie hört auf, unbewegt ins Dunkel zu starren, sie reißt sich los und geht weiter. Weit oben leuchten die Sterne.

Mit ihren Arbeitskolleginnen war Marianne bei einer kleinen Weihnachtsfeier gesessen, bei Kaffee und Lebkuchen. Man hatte gesungen, nur ironischerweise, natürlich. Als es an der Türe klopfte, war der Gesang nicht verstummt; erst als zwei Polizisten den Raum betraten, schweigend, ohne Weihnachtsgruß. «Frau Hollerer?»
«Ihr Sohn ...», begann der eine Polizist.
«Kommen Sie bitte mit nach draußen», sagte der andere rasch.
«Was ist passiert?», wollte Marianne wissen, unruhig. Ob er etwas angestellt hatte? Schon wieder?
«Kommen Sie mit vor die Tür», sagte der Polizist.
Draußen auf dem Gang sagte einige Augenblicke lang niemand etwas.
«Ihr Sohn ... Frau Hollerer ... er ist ... es ... wie soll ich ... nun ... es ...»
Dann fasste sich der Polizist, er holte kurz Luft und sagte schnell: «Es tut uns sehr leid. Ihr Sohn ist tot.»
Marianne schlug sich die Hände vor das Gesicht, und die Polizisten erzählten Genaueres. Lastwagen, glatte Fahrbahn, Marianne hörte nicht hin. Zwei Arbeitskolleginnen brachten sie nach Hause.

An den Lebkuchenduft denkt Marianne, während sie weitergeht durch Schnee und Nacht. An ihren Mann denkt sie, der inzwischen längst zuhause sein muss. Was er wohl tut, alleine, ob er sich Sorgen macht? Bestimmt macht er sich Sorgen. Vielleicht hat er schon an ihrem Arbeitsplatz angerufen. Vielleicht die Polizei verständigt. Vielleicht ist ihr Auto bereits entdeckt worden, vielleicht kommt jemand hinter ihr her, mit Suppe und Decken. Sie blickt über die Schulter zurück, während einzelne Tränen über ihre Backen rinnen und auf Höhe der Mundwinkel festfrieren. Manchmal kann man nicht umkehren.
Zehn Jahre, denkt Marianne. Vielleicht wäre er tatsächlich Arzt geworden, wie es immer sein Wunsch gewesen war. Vielleicht hätte er schon selbst ein Kind und eine Frau, eine richtige kleine Familie. Daran denkt Marianne, während sie weinend im Schnee liegt, und Schneeflocken schweben hernieder und landen sanft auf ihrer Stirn, auf ihrem Mund und auf den geschlossenen Augenlieder, wo sie zerfließen und sich mit den Tränen vermischen.