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Jesus auf der Zunge von Dragica Rajcic

Text des Monats August 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

Jesus auf der Zunge

Die Haare wurden mit kaltem Wasser aus dem dunkelroten, mit schwarzen Einschlagwunden übersäten Zinkeimer nass gemacht. Die Mutter benutzte selbst gekochte Schweineschmalzseife, welche nach Vaters Strümpfen stank. Ana musste ihre Augen fest zudrücken und warten, bis Kopf und Haare völlig nass waren. Dann schrubbte Mutter ihren Kopf mit ausgeschnittenen Zuckersack-Tüchern, auf welchen «Tvornica secera Zupanja» stand. Das war Anas Lektüre. Die Haare waren zu kurz oder die Wickler zu breit, und so fielen sie immer wieder auf den Erdboden. Mutter badete in Schweiss, und Ana traute sich kaum zu atmen, obwohl ihre Augen Sterne erblickten vor Schmerz. Die von einem Steinwurf ihres Bruders herrührende Wunde erschwerte die Verschönerung erheblich. Das Pflaster würde dann unter der Haube mit ihrem weissen Kranz verschwinden, eine Leihgabe der heiligen Schwestern.
Ana stellte sich vor, dass die Gottesliebe noch zehnmal stärker war als ihre Liebe zu Juliana, wobei Julianas Gesicht sich ausbreitete wie ein Ei auf der Pfanne. Das Gelb und das Weiss gingen ineinander über, aber das Lächeln um ihren Mund, die grossen Augen, jede Kontur ihres weissen Gesichts und die kleine Haarsträhne - dieses Gesicht war das schönste Gesicht, das sich Ana vorstellen konnte, und jetzt war es soweit: Es gab eine Treppe zu allem. Die Gedanken überschlugen sich mit den Bildern der Bonbons, der Krokants, der Hochzeitstorte und den Bildern an den Wänden der Kirche, denen sie gerade entkommen waren. Es war nur die Reinigung der Seele, es musste etwa so gross sein wie das nasse Tuch und riechen nach Tante Nada, tief und flatterig. Ana war überzeugt: Je tiefer sie fiel, desto höher würde sie fliegen, weil der Leib Gottes endlich auf ihrer Zunge liegen würde. Ihre Zunge hatte die Süsse schon im Mund gehabt, den Schleim, der jetzt noch den Mund verschmutzte, aber sich natürlich dann umwandeln würde, wie sich alles nach diesem Augenblick umwandeln würde. Die schmutzigen Wörter würden verziehen, der Teufel ruhig gestellt sein, die Angst in der Nacht einem dann gar nichts mehr anhaben können, auch nicht die gelben Blumen der Zlatica auf dem Wasser und die dicksten Spargeln. Sie flog durch alle Gedanken, die sie hatte, wie der Wind durch die Bäume.
Ana beschloss, ihr Leben nach den Unschuldsgesetzen auszurichten wie Juliana und ins Kloster zu gehen und so ewig nah am Licht zu sein. Sie sah sich in der Küche der Klosterfrauen, die sie nur vom Korridor aus gesehen hatte, die blaue Kredenz und die Lilien mit betörendem Duft und ein vergoldetes Kreuz, als ob sie schon in einer anderen Welt lebten, so nah und geschützt.
Wenn das Gedicht sich eingravieren könnte, damit es nicht verschwindet aus dem Kopf! In der Ferne bellten die Hunde, das Schnarchen der Grossmutter kam durch die Türe, das Bein des Bruders unter dem Schaffellüberwurf tröstete Ana. Sie konnte sich also nicht auflösen und schon jetzt irgendwie verschwinden. Sie konnte nicht schlafen, die Dunkelheit im Zimmer wurde etwas durchsichtiger, und somit fingen die kleinen Vögel an der Wand damit an, sich zu zeigen. Dass es ausgerechnet ihr passierte, dieses Glück! Obwohl Ana nicht «Glück» dachte, sondern sich so fühlte, aber auch dies konnte nicht so gesagt werden, weil ihr das Wort «sich fühlen» fehlte. Es flog in ihr und stiess überall an, es bedrohte die Hände und die Augen. Alles musste bis morgen an ihr bleiben, das weisse Kleid, die weisse Strumpfhose, die schwarzen Lackschuhe und die Handschuhe.
Neben dem Waschbecken hing ein Spiegel, hell wie der hellste Spiegel der Sonne, die sich ausgewaschen hat. Mutters raue Hände, die Anas Haare verdammten, weil die Wickler keine einzige Locke hinterlassen hatten . Mutter redete etwas von Mausehaaren - aber welche Maus? Es war alles zu ertragen, weil Mutter es nicht mehr zu stoppen vermochte. Der Tag war gekommen, das Kleid hing über dem Fensterbrett. Das kalte Wasser unter Mutters Händen, die Seife, welche hinter dem Ohr bohrte, weil der Schmutz sich dort am liebsten einnistete - dies alles berührte Ana nicht mehr sonderlich.
Tägliche Handgriffe! Das andere Kind wurde auch geschrubbt und wurde immer kleiner und trauriger und weinte zuweilen, was Mutter zu noch mehr Reiben veranlasste. Vater ging die Gäste abholen, weil sie mit dem Zug kommen würden, und darunter würde Anas Patentante sein, die ihr ein Geschenk aus Gold bringen würde, wie es auch alle anderen Kinder bekommen würden. Ana sah allem zu wie ausser sich, weil es jetzt wirklich war. Die Nacht war verschwunden.
Die Grossmutter ging mit den Tieren auf die Weide, wie jeden Tag. Sie schien unbeteiligt am Ganzen zu sein. Eher empfand sie es als eine unnötige Störung, als Einbruch des neumodischen Lebens, das alles auf den Kopf gestellt hat. Was das kosten würde! Ana sah Grossmutters Kleider, die wie immer dunkelblau an ihr hingen, und dachte: «Bei den Grossen gibt es eine Grenze, eine Grenze, an der sie stehen bleiben und für immer versteinern.» An diesem Tag verlor Ana Grossmutter für immer, weil sie sich feindselig verhielt wegen der gefüllten Paprika und überhaupt allem, was Mutter und Vater taten, ohne sie zu fragen. Obwohl Ana bis gestern ihr Kind war, ihr gegeben. Und war es nicht sie, die dieses Kind immer in ihren Händen trug, es fütterte und wusch, ihm Geschichten erzählte? Und jetzt war es eingeschult und ging zur Erstkommunion. Gross und weg! Wie sich unter dem Tag, der der glücklichste Tag ihres Lebens sein würde, eine schreckliche Trennung versteckt hatte! Sie konnte nicht ihr Kleid ausziehen und zurückgehen und bei der Grossmutter bleiben, in ihrem Schutz gegen die Welt! Sie musste durch diese Türe zu Gott! Ana schaute der Grossmutter nach, die die Ziegen trieb, und in ihrem Leid flossen die Tränen, weil die Grossmutter jetzt verschwand. Ana wollte nicht zurück, sie konnte nicht. Etwas wie Hass und Trauer mischte sich in ihre Tränen. Mutter merkte nichts, weil sie nur für das Äussere zuständig war und tausend Sachen zu tun hatte, die man eben tun musste am Sonnenmorgen des glücklichsten Tags in Anas Leben.
Alle waren fertig, die schwarzhaarige Patentante mit ihren schwarzen Wimpern, dazu die schrecklich schrägen Lippen ihres Mannes mit seinen geölten Haaren. Eigentlich war er ein Militärkamerad des Vaters. Sie erzählten etwas von einer Kaserne und von «Weisst-du-noch?» und waren an anderen Orten und in anderen Zeiten, Valjevo oder Nis Zajecar. Aber all diese Wörter waren wie Gepäck an dem Tag. Mutter verlor ihr strenges Gesicht und zeigte Zähne. Sie entschuldigte sich für die Unordnung und bot den Gästen Sirup und Schinken an, und immer wieder sagte sie: «Seht ihr, wie eng wir wohnen, alles ist bei uns klein, entschuldigt.» Und jetzt hatte Ana eine Kuma. Diese Kuma war fast schöner als die Juliana und hatte spitze Schuhe und ein Stadtkostüm mit kleinen lackierten Taschen. Mutter trug ihre Haarumrandung und ihre Brille und entschuldigte sich, dass ihre Haare so aussahen, weil die Wickler an Anas Kopf waren, die wegen deren Mausehaaren aber nichts genützt hätten. So blieb sie ohne Locken. Der Vater roch wie ein Bach aus kölnisch Wasser. Der andere Mann spritzte beim Sprechen Schleim aus dem Mund, weil seine Lippen irgendwie schräg eingebaut waren und sich nicht schliessen liessen. Der kleine Bruder sagte bis anhin kein Wort und schaute noch schlimmer um sich als Grossmutter, weil es niemandem eingefallen war, dass er auch da war, weil er jetzt wie ein notwendiges Übel mitgenommen wurde. Ana spürte, wie seine Traurigkeit ihn in einer anderen Welt beliess. Nur Ana allein würde zu Gott gehen und von allen hier getrennt werden. Das war nicht mehr aufzuhalten. Die Strasse, die sie schon auswendig kannte, jede Erhebung und jeder Rand, hatte sich verwandelt in eine Strasse zu Gott. Mit ihr, so dachte Ana, würde sich alles in eine andere, gute Gestalt verwandeln. Alles würde anders werden, weil sie anders würde, und die Angst, die sie in der Nacht auf dieser Strasse gespürt hatte, weil sie nichts sah und ihr jedes Gebüsch wie dunkle Schatten erschien, hinter denen Geister sein könnten, diese Angst würde jetzt bald vorbei sein. Heute Abend schon würde alles auf der Welt anders sein. Die Erwachsenen sprachen über ihre Jugend auf dem Dorf und lachten einander vielversprechend an. Der Bruder hielt sich an Mutters Hand fest, damit er nicht verloren ging. Ana war sich allein überlassen und wiederholte das seit einem Monat gelernte Gedicht, das immer an der gleichen Stelle ins Stocken geriet. Sie bewegte die Lippen und «tvoje...» - da fehlte ihr immer das Wort, das sich dann in äusserster Verzweiflung durch die Zähne anbahnte. Wo aber versteckte es sich, und von wo kam es jedes Mal wieder hervor? Natürlich waren Eva und Adam und alle Heiligen irgendwie unterwegs in Galilea oder Ägypten und auf dem Berg Sinai oder in der Wüste. Oder Moses und Marija und all diese Katechismusnamen, die sich an diesem Tag endlich mit Ana bewegten, die schon müde wurde vor Vergesslichkeit. Aber die Predigten des Don Jozo und sein Kopf mit den drei quer gelegten Haarsträhnen, die seinen Glatzkopf schützen sollten! Er war heute auch dabei. Aber heute würde der Bischof kommen! Er stand Gott unendlich näher, schon wegen des Stabes, und Ana stellte ihn sich vor in Gestalt des Hirten Gottes - bozji pastir - weil das ein schöner Name war. Das Bild in der Kirche, auf dem der Heilige Juraj mit Schlangen kämpfte - der Bischof hatte genau so auszusehen. Ana dachte an Juliana, die neben ihr gehen würde und die sie endlich in ihrer Gottesergebenheit vielleicht verstohlen am Kopf streicheln würde, fast gleich zu gleich. Ana fühlte, dass ihr Herz kaum noch weiter konnte, denn so viel Glück konnte doch nicht auf einmal durch sie hindurchgehen. Mit jedem Schritt waren sie näher am Dorf. Ana stellte sich vor, dass diese Familie um sie herum so etwas wie die Familie Jesu sei. Eigentlich war sie ihre Begleitung und die Herrlichkeit lag bei ihr. Sie wurde dorthin geführt, zu Gott, und Gott würde heute in sie kommen, und diese Familie würde, wie die Strasse, dadurch natürlich ganz anders werden. Weil Ana von heute an immer rein sein würde und jede Rückkehr ins Schmutzig-Sein, Schmutzig-Denken und Schmutzig-Reden gerade heute von ihr abfallen würde. Das «Führe uns nicht in die Versuchung! Ne uvedi nas u napast » würde nicht mehr auf sie zutreffen und der Teufel, dieser Verführer, ihr nichts mehr anhaben können. Niemand nahm Notiz von ihr, aber das störte sie nicht im Geringsten, weil jetzt die Kuma die Hauptrolle hatte. Wahrscheinlich war sie als Anas Stütze auf dem Weg ins Heiligsein ungeheuer wichtig. Aber sie sah schon, dass sie die Strasse zur Kirche erreicht hatten. Viele Kinder mit den Eltern und ihren Kumovi kamen ebenfalls diesen Weg, und die kleinen Kinderköpfe in weissen Kleidern sahen ganz fremd aus. Keines von ihnen traute sich, ein anderes Kind zu begrüssen, weil es ganz komisch war, dass man einander so ähnlich war und so fremd angezogen. Jedes Kind wusste, dass es jetzt nicht verraten durfte, dass es gestern noch auf dem Friedhof Blumen gestohlen oder schmutzige Wörter und Flüche gesagt hatte. Es waren ja auch die Erwachsenen da, die sich wie eine Schutzmauer zwischen die Kinder stellten. Schon vor der Kirche schien man halb im Paradies zu sein. Ana sah Julianas Kleid und wünschte sich, dass sie nicht zu ihnen kam, denn es könnte das Geheimnis aus ihrem Gesicht abzulesen sein, dass Ana ihr gehörte und nicht dieser Familie, die um sie herumstand. Langsam gingen alle in die Kirche hinein. Ana musste die Familie in den hinteren Reihen lassen und, weil sie es so geübt hatten, ihren Platz in der erste Reihe rechts neben den anderen Kommunionskindern einnehmen, wobei die Mädchen nebeneinander zu sitzen hatten und die Knaben auf der anderen Seite. Man hörte aus der Ferne die gedämpften Stimmen der Erwachsenen. Die dunklen Bilder der Heiligen sahen aus wie Totenbilder, weil die Kinder so voller Leben waren angesichts des bald kommenden Bischofs. Ana hatte mit ihnen jetzt nichts mehr zu tun, weil auch sie in wenigen Sekunden zu ihm gehören würde wie eine lebende Heilige, die endlich in Liebe zu Juliana strahlen durfte. Die Gedichtzeilen sprangen wie eine Feder unter dem Kranz in Anas Kopf herum und wechselten die Plätze. Die Hände waren seltsam feucht und die Nase schnappte nach Luft, aber alles wurde erstickt durch den Blumenduft und das Rasierwasser der Erwachsenen, das sich mit Mottenkugelngeruch vermischte.
Ana traute sich kaum, ihre Augen zu bewegen, weil schon das sie zum Umkippen bringen könnte. So kurz von dem Ereignis galt es, sich nicht zu bewegen. Die Blase schwoll an unter dem dünnen weissen Kleid, aber das spürte Ana kaum, weil jetzt ? wie einst Jesus am Kreuz ?alles leicht zu ertragen war. Das schnelle Rennen der Bilder in ihrem Kopf: Sie wollte sich in Julianas Kleidern verstecken, sich unter ihrer Schürze ausweinen, weil sie nicht würdig war, weil sie bei der Beichte gelogen und eben doch alles verbrochen hatte. Gott wusste das. Wenn sie nun noch das Gedicht vergass, das Gedicht, das sie seit einem Monat auswendig gelernt hatte! Endlich trat der verwandelte Alltagspriester Don Jozo, umhüllt von Nebel, an den Altar und bekreuzigte die Gemeinde, die sich plötzlich beruhigte und kaum mehr ein Wort sprach. Ausser, dass ein Kind etwas zu seiner Mutter sagte, was in dieser Stille einem Vergehen glich. Der Priester segnete alle und besonders die Erstkommunikanten. Juliana stand am Anfang der Reihe, um die Kinder zu beaufsichtigen und alles, was sie ein Jahr lang im Katechismusunterricht geübt hatten wegen dieses einen Augenblicks.
Ana wurde langsam von einem schwebenden Gefühl zur Kirchendecke hingezogen. Sie wurde unberührbar, weil es kein Entkommen gab. Jetzt. Jetzt. Es wurde ihr fast schwarz vor den Augen, weil sie zum Altar musste, um das Gedicht für Jesus aufzusagen. Das Gedicht, das völlig aus ihrem Körper entschwunden war! Kein einziges Wort war mehr zu finden, aber vorne lief die Heilige Messe mit den auswendig gelernten Texten, die die Lippen ohne Anstrengung wiederholten. Alle anderen Kinder sahen genauso verloren aus wie Ana, aber weil sie sich nicht anschauten, wussten sie nichts vom Ernst ihrer Lage. Plötzlich kam Julianas Hand zu Anas Kopf, ihre Lippen waren an ihrem Ohr und sie fragte etwas. «Das Gedicht kommt nach diesem Gebet, viel Glück», sagte sie und versuchte wie immer, Anas Kopf zu streicheln. Aber ihre Hand musste dabei ihre Krone berühren, und so sah Ana ihre dünnen weissen Finger und Fingernägel, die genauso spitz waren wie ihre Lippen. Die Hand lag jetzt an Anas Schultern, beschützend. An dieser Stelle konnte Ana nichts mehr passieren, aber alles andere an ihrem Körper fühlte sich an wie ein Zuckersack, so ganz ohne Kraft. Ana trat an den Altar, die Köpfe wie ein Meer vor ihr. Plötzlich verliessen die Wörter die Kehle ganz laut, ohne sich um Ana zu kümmern. Sie riefen Jesus, und Ana richtete ihre ganze Kraft aufs Feiern der Worte. Sie trugen, sie zogen sie mit sich, sie konnte weder ihre Eltern noch Juliana anschauen. Die alte Frau vorne hatte Tränen in den Augen, Ana sagte sogar das Wort an der Stelle, an der es immer verschwunden war. Es war jetzt an seinem Platz, und nachdem es über die Lippen war, trugen Ana andere Wörter nach vorne, zogen ihre Stimme zu Gottes Ohr und zur Decke. Das konnte nicht sie sein! Es war, als ob ein anderes Kind in ihr steckte, so sicher war ihre Stimme, und jedes Wort war deutlich rezitiert. So nannte es Juliana. Ana tat es für sie, und eigentlich tat sie es gar nicht, sondern stand versteinert vor Angst vor dem Altar und beobachtete, wie ihre Stimme alle Wörter aus ihr herausbrachte, deutlich und nie so gehört. Ihre Stimme brachte die Kirche zum Zittern. Jesus sog Ana in sich. Es war vorbei.