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Juli von Hanna Widmer

Text des Monats Juli 2017 (Thema: Erste Sätze)

Autor/in:

Erster Satz: «Ich packte meinen Koffer und nahm mit.» (Henriette Vásárhelyi, Seit ich fort bin, Dörlemann Verlag)

Juli

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.

Traubensaft. Sonnencrème. Lieblingsbluse. Etwas Sommerüberdruss.

Schon jetzt.

Ansonsten war alles da.

Nur Timo nicht.

Das letzte Mal hatte ich ihn draussen im Garten gesehen, als er versucht hatte, den Sonnenschirm aus dem Sockel zu ziehen.

Dann nicht mehr.

Wir hatten uns zuvor kurz gestritten, über die Ferien, darüber, ob wir die Strasse über den Pass nehmen sollten, an der sich ein Auto ans andere reihen würde.

Oder halt doch den anderen Weg, wohl mit weniger Verkehr, aber etwas länger.

Wir hatten uns nicht einigen können.

Ich versuchte, den Deckel des Koffers zu schliessen.

Es knackte.

Anscheinend war zu viel drin.

Ich wäre froh gewesen, hätte ich den Sommerüberdruss auspacken können, aber der klebte an mir wie die Sonnencrème von heute Morgen.

Am Teich war Timo nicht mehr.

Ich spülte die Kaffeetassen vom Frühstück und stellte sie zurück ins Regal, reihte sie so ein, dass die Henkel gegen links schauten; und dass der eine abgebrochen war, störte mich.

Ansonsten gab es nichts mehr zu tun in der Küche, die Handtücher hingen an ihren Haken, die Chromstahlplatte blitzte fast etwas zu stark.

Ich überlegte, ob ich durchs Haus rufen sollte, dass ich so weit wäre.

Aber das kam mir kindisch vor. Timo wusste, dass wir loswollten, um den schlimmsten Stau zu vermeiden. Dass ihn ein Streit wie der vorherige dermassen zu einem Trotzkind machen würde, schien mir dann doch unwahrscheinlich.

Ich summte, als wollte ich Timo damit anlocken. Ich summte Melodien, die sich vor Jahren in meinen Kopf geschlichen und sich dort eingenistet hatten. In Momenten der Verwirrung legten sie sich auf meine Zunge.

Im Bad roch ich Timos Parfum, Spuren, die sich normalerweise nach langen Minuten erst verzogen, also musste er sich vor nicht allzu langer Zeit darin aufgehalten haben.

  1. stellte mir vor, ein Indianer zu sein und nach den Spuren verschollener Artgenossen zu suchen.

Mein Blick fiel auf die Zahnbürste. Seine war nicht mehr da.

 

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.

Badekleid. Sandalen. Belegte Brote. Vorfreude.

Den Deckel brachte ich noch immer nicht zu.

Timo begann mir zu fehlen.

Ich musste auflachen.

Es schien mir absurd, einen Menschen zu vermissen, den ich eine halbe Stunde zuvor zum letzten Mal gesehen hatte.

Ich versuchte, unsere Diskussion zu rekonstruieren, wie jedes Mal.

Den Schuldigen zu suchen, die Worte nachträglich so zu drehen, dass es nicht hätte dazu kommen müssen. Die Gesten nachzustellen, die Gesichtsausdrücke vor dem inneren Auge zu finden. Vielleicht schon eine kleine Entschuldigung zu formulieren.

Unnötig war sie gewesen, die Diskussion.

Timo hatte mir vorgeworfen, zu emotional zu sein.

Wie jedes Mal.

Ich wollte diesmal nicht wissen, warum genau.

Dann hatte er sich weggedreht und war in den Garten gelaufen.

Die Situation erinnerte mich an früher, an das Wegfahren mit der ganzen Familie. Diskussionen, Drama, Geschrei.

Wenn alle im Auto waren, war die grösste Hürde geschafft.

Absurd, wie etwas so Freiwilliges wie Urlaub stets so begann.

War es die Unsicherheit, die Vorfreude, der Stress, das Herauspurzeln aus den Gewohnheiten, die uns damals explodieren liessen?

Unterdessen war ich im Garten. Mein Blick fiel auf die Blumen, die ich schon vor einigen Tagen hätte schneiden müssen, und für einen kurzen Moment war ich im Begriff zurück ins Haus laufen, um die Gartenschere zu holen.

Aber eigentlich musste ich Timo finden.

Aber eigentlich wollte ich Timo nicht finden.

Timo war alt genug, um zu realisieren, dass er sich benahm wie ein Fünfjähriger.

In zwei Wochen würden die Blumen verblüht sein.

Ich lief zurück ins Haus und holte die Gartenschere. Der Strauss sah schön aus, etwas üppig, und er roch gut. Ich überlegte, ob ich ihn der Nachbarin vorbeibringen sollte, aber dann beschloss ich, ihn mitzunehmen.

In der Küche wickelte ich Haushaltspapier um die Blumenstiele und befestigte den Plastikbeutel mit einem Gummiband. Vielleicht würden sie halten bis wir angekommen waren.

Kurz wollte ich Timos Namen rufen.

 

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.

Den Lieblingskaffee. Den Fingerring mit den farbigen Steinen. Einen Blumenstrauss.

Frisch geschnitten, ich legte ihn aufs Bett.

Etwas Ungeduld, die sich in meinem Körper breitmachte.

Es war elf Uhr, und wir hatten spätestens um zehn losfahren wollen, um nicht allzu spät anzukommen, immerhin waren es fast neun Stunden Fahrt.

Die Nachbarin hatte sich bereit erklärt, auf die Katze aufzupassen. Aus dem Fenster konnte ich auf das gelbe Haus schauen und stellte mir vor, wie sie darin miaute. Das tat sie immer, den ganzen ersten Tag, und ich war froh, dass ich nicht zuhören musste.

Ich setzte mich aufs Bett und zog die Schuhe wieder aus. Die Fotos an der Wand mit all den Menschen drauf verwirrten mich, aber Timo wollte unbedingt, dass sie dort hingen. Anfangs hatte ich voller Wut die Köpfe seiner Freunde aus den Bildern geschnitten, bis ich ein schlechtes Gewissen hatte. Dann holte ich die Negative aus der Schublade und liess sie ein zweites Mal entwickeln.

Timo war einer dieser Menschen, die niemals allein sein konnten. Ständig musste er sich umgeben mit Freunden, und auch wenn wir allein waren, wusste ich, dass er mit den Gedanken woanders war.

Ferien war ein heikles Thema.

Aber ich wusste, dass er diesmal nicht auf Ferien mit den Freunden verzichten musste.

 

 

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.

Zigarettenschachtel. Streichhölzer. Baldriantropfen. Etwas Verwirrung.

Vorsichtig löste ich ein Foto von der Wand.

Sommer vor drei Jahren, irgendwo am Meer.

Alles war noch neu damals und aufregend, und die Freunde waren nicht wichtig. Uneinigkeiten wurden überdeckt von dem Gefühl, dass alles einfach gut war.

Ich schob das Foto in die Aussentasche des Koffers.

In meiner Tasche vibrierte das Telefon.

Meine Mutter wünschte uns schöne Ferien und fragte, ob wir schon über der Grenze seien.

Ich klickte die Nachricht weg.

In der zweiten bat sie mich, Timo schöne Grüsse auszurichten.

Beinahe musste ich lachen. Sicher würde ich das tun. Wenn wir dann im Auto nebeneinandersassen, in den ersten paar Minuten, vielleicht auch Stunden schweigend sitzen würden, während abwechselnd einer von uns die Musik laut und leiser stellen würde. Bis dann schliesslich jemand auf den Streit zu sprechen käme.

Ich fragte mich, wann es mir zu blöd werden würde.

 

Ich packte meinen Koffer und nahm mit.

Sonnenhut. Unterwäsche. Ferienbuch.

Ein Kribbeln im rechten Unterarm, wegen der Nervosität. Früher in der Schule beschwerten sich die Lehrer über meine zittrige Schrift in den Prüfungarbeiten. Ich hatte versucht, mit der linken Hand zu schreiben.

Ich versuchte ein paar Tanzschritte auf dem Teppich, um mich abzulenken.

Vergebens.

Im Nachbarsgarten das Klappern von Geschirr.

Es musste schon fast zwölf sein.

Sie assen jeden Mittag pünktlich um zwölf.

Also würde es neun Uhr werden, bis wir ankommen würden, wenn wir jetzt losfuhren.

Der Gedanke an neun Stunden im kleinen Auto bereitete mir Unbehagen. Das Kribbeln im Unterarm wurde stärker, und ich schlug mit der linken Faust darauf, um es zu vertreiben. Schon das Zimmer schien mir zu klein, und ich hatte Mühe zu atmen, auch wenn das Fenster offen war.

Diesmal stand ich mit dem Fuss auf den Koffer.

Es knackte wieder. Ich hätte mich fragen können, ob es die Sonnenbrille war, die ich neu gekauft hatte.

Es war mir egal.

Das Spiel wurde mir zu blöd.

Vielleicht war es gar kein Spiel mehr.

Ich schlug mit dem rechten Arm gegen die Wand, und das Kribbeln verschwand. Als ich aus dem Zimmer ging, liess ich die Tür laut in den Türrahmen fallen. Was auch kindisch war, wie mir auffiel, aber da hallte es schon durch das Haus.

Während ich in alle Zimmer schaute, rief ich seinen Namen.

Erst nicht so laut, weil ich nicht wollte, dass die Nachbarn etwas davon mitbekamen.

Irgendwann war es mir egal.

Je öfters ich seinen Namen rief, desto fremder kam er mir vor, desto weniger verband ich etwas damit, bis ich schliesslich nur noch die Umrisse seiner Gestalt rekonstruieren konnte. Ich versuchte, seine Stimme zu hören, aber da war nichts, nicht einmal ein gedämpfter Klang.

Als ich vor die Tür trat, war das Auto weg.

Ich rannte auf die Strasse, aber nichts bewegte sich.

Auf meinem Rücken spürte ich die Blicke der Nachbarn, aber ich wollte mich nicht umdrehen.

Ich lief zurück ins Haus, riss die Schranktüren auf, die Schublade in seinem Nachttisch.

Seine Sachen waren weg.

Je länger ich auf meinen Koffer starrte, desto wütender wurde ich.

Ich öffnete die Schnappverschlüsse und drehte den Koffer um.

Als er leer war, schloss ich ihn wieder.

Draussen auf der Strasse ging ich nach links. Die Mittagssonne brannte auf meiner Haut. Der Schweiss lief mir über den Nacken und über das Gesicht. Unter meinen nackten Fusssohlen spürte ich die Hitze des Betons und die Kieselsteine.

Der Koffer in meiner Hand war leicht.

Irgendwann spürte ich die Hitze nicht mehr.

Meine Füsse bewegten sich von selbst.

Als es dämmerte, blieb ich stehen und stellte den Koffer auf den Boden.

Ich war durstig.

Verzweifelt begann ich, die Reissverschlüsse zu öffnen und nach einer Wasserflasche zu suchen.

Das einzige, was ich fand, war ein Foto.

Das Foto zeigte zwei Menschen am Meer.

Die zwei Menschen schauten in die Kamera und lachten. Der Wind wehte durch ihre Haare. Sie hatten sich noch nicht gut gekannt, damals, als das Foto entstanden war. Aber trotzdem wirkten sie vertraut, wie sie Arm in Arm dastanden.

Und das einzige, was in dem Moment wichtig war, war, dass sie zusammen an diesem Ort waren.

Langsam zerriss ich das Foto.

Der Koffer war leer.