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Kreuzstichordnung von Rita Roedel

Text des Monats Juni 2009 (Thema: Kindheit)

Autor/in:

Anna sitzt im Café, an ihrem Stammplatz in der Fensterecke mit Blick auf die reichste Strasse der Welt. Unter ihrem pinkfarbenen Kunstseidenkleid quält sich ihr Leib in geschnürten Rundungen. Den hochgerutschten Rocksaum zerrt sie unter dem Tisch über ihre geschwollenen Knie. Kein Tischtuch fällt gnädig darüber. Der Tisch steht nackt vor ihr. Daran wird sie sich nie gewöhnen.

Anna wartet, dass sie ihre Bestellung aufgeben kann: ihre tägliche Tasse Schokolade, ihr Stück Linzertorte, Porzellantasse, Porzellanteller, Silberlöffelchen, Silbergäbelchen.
Die Kellnerin schaut sie nicht einmal an, übersieht sie, übergeht sie, steuert direkt auf das gutsitzende altrosa Seidenkleid am Nebentisch zu.

Die Reihe wäre an ihr gewesen. Es sind Nadelstiche in Annas Kreuzstichseele, wenn sie übergangen wird. Heute wird sie zwei Tassen Schokolade trinken müssen und zwei Stück Linzertorte essen. Sie ist längst kein Faden mehr in der Landschaft. Ihre Mutter würde sich wundern.

Mittlerweile weiss sie auch, was «gut betucht» heisst, und kennt die Kreuzstichordnung der Welt: Wo zwei Fäden sich kreuzen, wird der eine zum Ober-, der andere zum Unterfaden.

Endlich wendet sich die Kellnerin ihr zu. «Dasselbe wie immer?» Anna nickt: «Dasselbe, wie immer!»

Das erste Kreuz hatte ihr damals die Mutter vorgestickt. «Auf das erste Kreuz kommt es an!» hatte sie gesagt. Dass damit nicht nur die Tischdecke gemeint war, ahnte sie noch nicht.

«Warum sticken die Leute in der Stadt ihre Tischtücher nicht selber, Mama?»
«Sie haben keine Zeit, Annina!»
«Warum nicht?»
Die Mutter hatte gelacht: «Sie müssen Schokolade trinken und Kuchen essen!»

Anna hebt mit dem Silberlöffelchen die schmelzenden Schokosplitterchen von der leicht schäumenden Oberfläche der Schokolade, seidenzart zergehen sie auf ihrer Zunge.

Schokolade gab es nur sonntags. Werktags gab es Milch, Schule und Kreuzstiche. Hundert Kreuzstiche pro Tag.

Annina hockt auf dem Schemel neben dem gedrechselten Holzbein. Die Mutter sitzt auf der Stabelle über ihr, den Kopf über den Stickrahmen gebeugt. Aus Mutters flinker Nadel wachsen Rosen und Nelken, die nie verwelken. Die Mutter seufzt. Das weisse Linnen, das ein Tischtuch werden soll, quillt aus dem Stickrahmen heraus, fällt in weichen Falten über das gedrechselte Holzbein hinunter, bedeckt Anninas eckige Mädchenknie. Ein kreisrundes, schneeweisses Saumstück hat die Mutter für Annina in einem Stickrähmchen gefangen, einen altrosa Garnfaden durch ein Nadelöhr gefädelt und das erste Kreuz vorgestickt. Annina hat die Hände mit Seife waschen müssen. «Schräg nach unten Unterfaden, schräg nach oben Oberfaden. Immer derselbe untendurch, derselbe obendrüber.»

«Immer derselbe, Mama?»
«Immer derselbe!» hatte die Mutter geantwortet.
«Warum?»
«Wegen der Ordnung!»
«Wer sagt das?»
«Die Leute, die die Tischdecken kaufen!»
«Was für Leute?»
«Die Leute in der Stadt!»

Anna starrt zur Reinseidenen am Nebentisch hinüber. Ihre Blicke kreuzen sich. Anna schlägt die Augen nieder. Unter dem Tisch zupft sie ihr Kunstseidenes über die Knie, sie vermisst das Tischtuch.

«Macht es dem Unterfaden nichts aus, Mama?»
«Was macht ihm nichts aus?»
«Immer Unterfaden zu sein?»
Die Muttert schüttelt den Kopf: «Dem Faden ist das völlig egal!»

Annina wäre es nicht egal, aber sie ist eben kein Faden, kein richtiger jedenfalls, nur ein Faden in der Landschaft, wie ihre Mutter sagt. In ihrem verwaschenen Baumwollfähnchen, das um ihren Leib flattert, wenn sie, den Kreuzstichen entronnen, davonrennt. Wenn sie einmal gross ist, wird sie die Kreuzstichordnung aufheben.

Anna schiebt mit dem Silbergäbelchen die letzten Linzertortenkrümel in die Tellermitte, pappt sie mit der Himbeerkonfitüre zusammen, leckt sie von der Gabel. Die Himbeerkonfitüre mischt sich mit dem Lippenstift, altrosa, wie bündner Kreuzstichgarn. Ein Bälklein oben, ein Bälklein unten.

«Wird es dem Faden nicht langweilig, Mama?»
Die Mutter lacht: «Frag ihn doch!»
Annina fragt das Musterblatt.
Auf dem Musterblatt gibt es kein oben und unten.
«Dann könnte man ja?.!»
«Nein, Annina, könnte man nicht!»
«Warum?»
«Warum, warum, weil ich dann meine Heimarbeit los wäre, darum!»

Annina wäre sie gerne los. Heimarbeit ist etwas für Frauen. Nicht für Kinder.
«Aber du bist eine Frau! Mädchen sind Frauen!»
Die Mutter ignoriert die traurigen Zöpfchen, die über dem kleinen Stickrahmen baumeln. Ihr Bruder hat Glück, er hat keine Zöpfe.

Anna winkt die Kellnerin heran. Bestellt eine zweite Tasse Schokolade, ein zweites Stück Linzertorte. Mit dem Silbergäbelchen hebt sie von einem Kreuzpunkt des Gebäckgitters das obere Bälklein ab, schiebt es in den Mund, braun, fest und knusprig, danach das untere, blass, eingedellt, teigig.

«Stick, Annina, stick, Fäden sind zum Sticken da, nicht zum Studieren.»
Die Sonnenflecken eilen über das weisse Tuch von Rahmenrand zu Rahmenrand, ihre Kreuzlein kriechen hinterher.

«Und für Hexenstrick, Mama?»
«Meinetwegen!»
«Schenkst du mir einen Faden?»
«Erst die Kreuzstiche!»

Die kinderzappeligen Beine unter dem fremden Tischtuch gefangen, erstickt sich Annina ihre Hexenzeit. Noch kann sie den Kreuzstichfaden zum Hexenring schliessen und diesen mit flinken Kinderfingern in einen Hexenbesen verwandeln, um aus der Kreuzstichenge davonzufliegen.

Aber so eine Tischdecke ist gross, und eine Kindheit viele Decken lang.
Warum, warum? Die Mutter hat mit einem Seufzer geantwortet.
Und Annina hat aufgehört zu fragen.

Fraglos hat sie kreuzweise herabhängende Tischtuchsäume gestickt, ist vom Schemel auf eine Stabelle aufgerückt, hat mit der Nadel Tulpen und Nelken gesät, den Stickrahmen höher als jenen der Mutter geschraubt, und wechselnde Jahreszahlen in Tischtuchecken versteckt. Hat der Mutter die Nadeln eingefädelt, für ?der Mensch denkt und Gott lenkt?. Immer derselbe Faden untendurch, derselbe obendrüber. Endlich hat sie den letzten Faden ordentlich gekreuzt, das Ende vernäht und die letzte Decke und sich selber aus Stickrahmen und Heimarbeit befreit.
Die Kreuzstichordnung ist Anna in die Seele gestickt.

Die Kellnerin schaut auf Anna hinunter und wartet. Ihr Blick dreht eine Runde in der von Anna säuberlich mit dem Finger ausgeschleckten Schokoladetasse, während Anna den klein gefalteten Geldschein aus dem Portemonnaie klaubt und die Münzen abzählt. Heute überlässt es Anna der Kellnerin, den Schein auseinanderzufalten und glattzustreichen, auch Trinkgeld gibt es keines.

Anna geht zu Fuss in ihr Appartementzimmer zurück. Den Blick hält sie gesenkt, sie mag keine entgegenkommenden Blicke kreuzen, noch von ihnen gekreuzt werden. Irgendwo hat sie einmal gelesen, dass Kreuzpunkte von Strassen früher Richtplätze waren, wo der Galgen stand, das einarmige Kreuz, bevor er durch das zweiarmige Christenkreuz abgelöst worden war.

In ihrem Zimmer ruckt Anna Mutters Stabelle ans Fenster, sinkt darauf nieder, zieht das gedrechselte Holzbein des Stickrahmens zu sich heran, entfernt das Staubtuch vom weissen Linnen, zieht die zu stickende Stelle zwischen den Holzringen straff und dreht die Messingmutter im Gewinde bis zum Anschlag. Die Nadel mit dem altrosa Kreuzstickgarn steckt im Tuch, immer bereit, für Tage wie heute.

Anna muss sticken, ein Bälklein quer, ein Bälklein kreuz darüber, mal der eine unten, mal der andere, mal der eine oben, mal der andere. Anna stickt gegen die Kreuzstichordnung an, lässt den Faden wie einen Rosenkranz durch ihre Finger gleiten, stickt Kreuz um Kreuz für ihren Seelenfrieden.
Anna schaut zum Fenster hinaus. Zwischen den Häusern eingespannt der graue Himmel. Zwei Kondensstreifen von Flugzeugen kreuzen sich, einer oben, einer unten, Kreuzstichordnung am Himmel.

«Und im Himmel, Mutter?
Gibt es dort auch eine Kreuzstichordnung?
Ein Oben und Unten?
Eine Kreuzstichhierarchie des lieben Gottes?»

Wenn sie einmal dort oben sein wird...

Annas Schrank ist voller Tischdecken, kreuzstichordnungslose Tischdecken, die niemand kaufen wird. Heute kauft ohnehin niemand mehr Tischtücher mit Kreuzstichmuster. Schon gar nicht die Leute in der Stadt.