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Leo erwacht 2050 von Susanne Sourlier

Text des Monats Februar 2010 (Thema: Im Jahr 2050)

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LEO ERWACHT 2050


Als Leo erwachte, fühlte er sich steif und fröstelig. Wie eine Mumie, dachte er, Ramses der Zweite, ihn haben wir im Museum gesehen. Oder hatte ich einen Unfall und bin einbandagiert? Wo bin ich, ist das überhaupt mein Bett? Leo schlug die Augen auf. Durch ein kleines Fenster über seinem Kopf sah er an eine weisse Zimmerdecke. Von Weitem hörte er einen Alarm losgehen. Also doch ein Unfall, ich bin im Spital, wo nur ist die Klingel? Im weissen Rechteck des Fensterchens erschien ein Frauengesicht. Der Mund sprach, doch Leo hörte nichts. Das Gesicht verschwand kurz, und gleich darauf war da eine Lautsprecherstimme, und das sprechende Gesicht beugte sich wieder über ihn. Können Sie mich hören, Herr Klein? Nur einen Moment, der Meister kommt gleich. Etwas war sonderbar an dem Gesicht, Leo konnte sich nicht erklären, was ihn irritierte. Vorerst verschwand es wieder, und ein Männerkopf wurde sichtbar. Der Mann schien sich sehr zu freuen, Leo zu sehen. Eine Hand fuhr über das Fensterchen und öffnete es. Hocherfreut, Sie begrüssen zu dürfen, wir haben’s, und wir sind die Ersten! jubelte eine schnarrende Stimme. Leo verstand gar nichts. Was haben wir, wer sind 'wir', und wo bin ich überhaupt? Warum fiel es ihm so schwer, zu sprechen, seine Zunge war schwer und trocken, die Stimme hörte sich ungewohnt  und heiser an, die Worte kamen nur zögerlich. Ach so, rief der Mann, der aussah wie ein Arzt, wir sind im Langzeitforschungshochschulspital und sind soeben aus dem künstlichen Schlaf zurückgeholt worden, wir haben, Moment mal, wir haben 37 Jahre geschlafen. Mit Erfolg, wie Sie sehen werden, denn wir haben’s! Leos Worte kamen mühsam: Würden Sie mir sagen, was wir Besonderes haben, Herr Doktor? Seine Zunge war fast gefühllos. Na, alles vergessen? Sie hatten sich eine kleine Krankheit eingefangen, nichts Gravierendes, aber mit unangenehmen Spätfolgen. Und damals, also vor fast 40 Jahren, da steckte die Forschung noch in den Kinderschuhen. Immerhin war der künstliche Schlaf entwickelt worden, und Sie waren der Erste, der sich zur Verfügung gestellt hat für einen Langzeitversuch. Und nun haben wir das Mittel zur Heilung, wir werden Sie geheilt entlassen. Die Behandlung hat bereits begonnen, Sie haben es nur nicht gemerkt! Schallendes Gelächter folgte. Leo fror. Ja doch, erinnere mich, log er. Kann ich jetzt nach Hause? Der Arzt hob beschwichtigend seine schönen, gepflegten Hände. Momentchen noch, ein bisschen Geduld, erst kommen meine Mitarbeiter zur Lagebesprechung.

Wenig später wurde ihm von einer jungen Frau das Abendessen gebracht. Es war die gleiche Frau, die er als erstes  durch sein Fensterchen gesehen hatte. Irgendetwas stimmt da nicht, dachte er, und der Schreck fuhr ihm durch die Glieder: Die Nasenlöcher! Wie eine Steckdose, dachte er, oder wie bei diesem Tier, wie heisst es nur, ja, wie bei einem Schwein, kugelrunde Nasenlöcher auf einer Scheibe. Wie war das möglich! Ihm war leicht übel, vielleicht von diesem Anblick? Oder von den drei bunten Kapseln, welche man ihm zum Einnehmen gegeben hatte?

Draussen legte sich die Nacht vor das Fenster. Er wurde ins Bad gebracht. Leo sah sein Gesicht im Spiegel, sein vertrautes Gesicht; der Bartwuchs hatte schon wieder eingesetzt. «Kratzbärchen», fuhr ihm durch den Kopf, ein Frauengesicht drängte sich in seine Erinnerung, ein wunderschönes Gesicht, nur – der Name, der Name, Ge...Gu...Gisela! Was war mit Gisela, kam sie ihn nicht besuchen? Er klingelte nervös: Bitte, Schwester, kontaktieren Sie meine Frau, meinen Sohn, ich habe doch einen Sohn, kennen Sie ihn, kennen Sie Gisela, warum ist sie nicht bei mir! Das Gesicht mit den runden Nasenlöchern zeigte sich verunsichert. Ich muss den Meister fragen, hörte er noch, und schon war sie weg. Gisela, dachte er, sie wird mich nicht besuchen. Sie hat mich verlassen. Jetzt weiss ich es wieder. Sie wollte die Scheidung, als sie von der Sache mit dem Tiefschlaf hörte. Zudem wäre sie jetzt – wie alt – 37 Jahre mehr als damals. Leo wollte es gar nicht wissen. Aber die Erkenntnis, dass von seiner Generation kaum noch jemand am Leben sein konnte, traf ihn wie ein Faustschlag. Aber mein Sohn, wie heisst er nur, mein Sohn wird doch noch leben, mein Leben geht durch meinen Sohn weiter, ich will Simon sehen, schrie Leo, meinen Sohn! Eine weissgekleidete Gestalt stürzte ins Zimmer: Bitte, Herr Klein, beruhigen Sie sich, ich erkundige mich gleich. Leo sank erschöpft ins Kissen, kaum spürte er den kleinen Stich im Arm. Er schlief.
Kaum erwacht, glaubte er zu träumen. Wie konnte es sein, dass er nicht nur im Bett lag, sondern gleichzeitig neben seinem Bett sass? Paps, sagt der Mann, der dasselbe Gesicht hatte wie er. Hallo Paps, schön dich zu sehen, wie fühlst du dich? Simon, wie alt bist du denn? Wir sehen uns ähnlich, nicht? Ich bin, sagen wir mal, gleich alt wie du, nämlich 65. War wohl nicht meine beste Idee, das mit dem Tiefschlaf. Warum ist Gisela nicht da? Sie ist im Altenpflegeheim, Gedächtnisverlust, Altersschwäche. Alzheimerdemenz? fragte Leo. Wohl kaum, daran wäre sie schon längst gestorben. Meine Tochter besucht sie heute. Du hast Kinder! Ja, eine Tochter, sagte ich doch, sie ist 35 und...
Die Krankenpflegerin mit den runden Nasenlöchern brachte ein Tablett mit dem Mittagessen. Simons Augen weiteten sich. Du bekommst Lebensmittel! Na was denn sonst? Klar, du kannst es nicht wissen, wir ernähren uns jetzt vorwiegend von Tabletten. Zu viele Menschen, zu viel fruchtbares Land unter Wasser. Sie geben sich hier grosse Mühe, dir die Wirklichkeit in kleinen Happen näher zu bringen, sehr vernünftig. Die Wirklichkeit – was ist eigentlich mit diesen runden Nasenlöchern, sieht aus wie bei jungen, du weisst schon! Erinnerst du dich an die Schweinegrippe? Und dass du auf Impfung bestanden hast? Die Töchter der Geimpften haben diese Nasen. Leos Hand fuhr nervös in sein Gesicht. Alles in Ordnung. Deine Tochter, wie schrecklich! Paps, das ist noch das kleinere Übel. Aber zudem sind sie unfruchtbar. Keine Möglichkeit, Urgrossvater zu werden, du Ebenbild meiner selbst! Leo schob das Tablett zur Seite, das Glas kippte und der Inhalt ergoss sich grün auf die Bettdecke. Ich möchte deine Tochter sehen, kann ich zu dir nach Hause kommen? Der Frass ist ohnehin ungeniessbar! Ach ja? Darf ich fertig essen, was du übrig lässt? Simon machte sich gierig an das undefinierbare Essen. Wir gehen nach dem Essen zu mir nach Hause, sie werden dir das Plättchen einsetzten, das geht schnell. Plättchen? Kommt ans linke Handgelenk, wie früher die Uhr. Ein kleines Gerät ist damit verbunden, kannst es in die Hosentasche stecken. Es dient zu Ferngesprächen und du hast Zugang zum Weltnetz, zum Flughafen, zum Schnellband, zur Bücherei, zum Heiler, zur Heilmittelausgabe, einfach zu allem. Plättchen/ Weltnetz/ Heiler, das heisst doch Chips-Internet-Arzt, warum brauchst du so altertümliche Ausdrücke? Die VPS, du erinnerst dich, deine bevorzugte Meinungsgruppierung, ähh Partei, gewann eine Abstimmung, und alle Fremdwörter wurden verboten. Die VPS gibt es übrigens nicht mehr, es ging den Leuten dann doch zu weit, als sie das Frauenstimmrecht wieder ab - 

Eine ältere Dame mit normaler Nase holte das Tablett ab. Sie haben aber eine gesunde Essfreude, Herr Klein, freut mich! Und wollen Sie bitte die Liste ausfüllen für das Plättchen, möchten Sie mit Flugzeug oder ohne? Die Preise finden Sie am Schluss. Und wenn Sie mit ihrem Sohn ausgehen: bitte keine Aufregung. Ihr Herz ist noch ein wenig unzuverlässig. Nachtessen ist pünktlich um 18 Uhr. Auf Knopfdruck löste sich eine Art Bildschirm aus einer Nische. Dank Simons Gerät konnten sie das Gewünschte eingeben. Und wie heisst dieses Ding da? wollte Leo wissen. Nun, Bildschirm, wie denn sonst? Und die Tastatur? Schreibvorrichtung . Hör auf, ich finde es doch auch himmelschreiend!

Das Plättchen, unter die Epidermis (vermutlich «Überhaut») geschoben, löste von Zeit zu Zeit einen feinen Impuls aus. So weiss ich wenigstens, dass ich lebe, sagte sich Leo. Er zog die Kleider an, welche Simon mitgebracht hatte. Die Schuhe, aus einer Art Gummi, waren etwas zu gross, sonst passte alles. Leos Spannung stieg an, gleich würde er draussen ins tägliche Leben zurückkehren! Was hat sich nur alles verändert seit 2013! Bist du mit dem Auto da, also mit dem Wagen? Paps, nicht begriffen? Wir haben keine Wagen mehr. Sie erwärmten die Luft zu sehr, brauchten zu viel Treibstoff, zuviel Platz und forderten zu viele Todesopfer. Wir haben das Schnellband. Du wirst es gleich sehen, man stellt sich drauf, alle 100 Doppelschrittlängen hält es an, man steigt ein, aus, um, es ist überaus effektiv! Ein Fremdwort, korrigierte Leo schadenfroh, du bist überführt! Sie schritten durch lange Korridore und kamen schliesslich zum Ausgang. Dort erfasste ein Bildschirm, dass die beiden Herren Klein das Gebäude mit dem langen Namen verliessen. Vor dem Spital wuchsen Palmen und Kakteen. Wie heisst das stachlige Zeug? wollte Leo wissen. Südliche Stachelkugel, aber hör jetzt bitte auf, ich kann nichts dafür. Warum macht ihr den Unsinn nicht rückgängig, wenn es die Partei schon nicht mehr gibt? Simon seufzte. Die erste Umrüstung der Geräte und den Neudruck der Schulbücher unterstützte die VPS noch. Aber die Aufhebung natürlich nicht mehr, weil zu aufwändig, zu teuer. Leo bemerkte, dass sich die Leute nach ihnen umdrehten. Mama schau, Zwillinge, rief ein kleiner Junge. Leo brach ohnehin der Schweiss aus. Heiss heute, und warum sind so viele Leute unterwegs, ist heut’ ein Feiertag? Simon verdrehte die Augen. Du Unschuldsengel, wir sind 18 Millionen Menschen im Lande! Aber komm jetzt zum Schnellband. Wieviel beträgt das durchschnittliche Tempo? wollte Leo wissen. 8'000 Doppelschrittlängen in der Stunde, sagte Simon, doppelt so schnell wie man zu Fuss gehen kann. Ein feines Piepsen des Geräts mahnte Leo, dass er seine Medikamente einzunehmen hatte. Dann war da dieses gleitende Band, schon standen sie darauf. Es ging vorwärts, hielt an, man stieg aus und stieg um. Trotz der Hitze trugen die Menschen fast ausnahmslos langärmlige Kleider, ziemlich weit geschnitten, aus einem feinen, seidenähnlichen Material. Simon sah sein fragendes Gesicht. Die Schutzschicht der Lufthülle ist nur noch hauchdünn, viele sind an Hautkrebs gestorben. Sehr schmerzhaft übrigens! Noch einmal umsteigen, dann gingen sie zu Fuss weiter. Was hast du gesagt, 18 Millionen? Ich kann mich an 6 oder 7 erinnern. Die Meeresküstenstädte stehen weltweit im Wasser. Wir haben einen Grossteil der holländischen und der nordspanischen Bevölkerung aufgenommen. Es handelt sich um einen vorübergehenden Zustand, wie schon gesagt, die Frauen unfruchtbar, und viele Männer auch. Was, die Männer auch? Die ersten Handgerätübermittlungsmasten und die Kleinwellenheizgeräte haben gestrahlt. Die vielen Kritiker wurden nicht oder zu spät beachtet, aber seien wir froh, wir sind ja viel zu viele! Und von wegen heiss – das ist normal, die Wettererwärmung, weisst du das nicht mehr? Zudem hat deine Altersgruppe viel zu viel Benzin und Strom verbraucht, und die Lufthülle wurde zu warm. Kann mich erinnern, ja, ich wollte Gisela beibringen abends das Licht nur in dem Zimmer brennen zu lassen, in welchem sie sich gerade aufhielt, aber da war nichts zu machen, da waren jeweils alle Scheinwerfer an. Aber ich habe noch kein einziges Velo gesehen. Es galt früher als umweltschonend, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Velo, du meinst das gute alte Zweirad, ja sicher, aber in der Stadt brauchen auch sie zu viel Platz und würden zudem das Schnellband stören. Über Land darfst du es gebrauchen. Ich muss jetzt endlich mal anrufen. Er nahm sein Gerät aus der Tasche, berührte damit kurz das Plättchen und begann zu sprechen. An das Handy kann ich mich erinnern, dachte Leo. Wie heisst das jetzt? Handgerät!

Juno ist daheim, sagte Simon, willst du sie kennen lernen? Und ob ich will, ja klar! Schöner Name. Und denkst du, wir können mal deine Mutter besuchen? Ja, wart jetzt erst mal... Simon schien nervös, oder hiess das jetzt, angespannt? Du hattest doch eine Freundin, bevor ich – äh – einschlief. War ein nettes Mädchen. Ist sie die Mutter von Juno? Richtig, sagte Simon. Wohnt sie mit dir zusammen? Sie starb, als Juno noch klein war. Du erinnerst dich, wo sie aufgewachsen ist? In der Nähe des ältesten Atommeilers, sie war eines der frühen Opfer. Wie schrecklich, sagte Leo. Und dann? Nichts dann, Juno duldete niemanden an unserer Seite. Damit waren sie vor einem Gartentor angekommen, Simon nestelte sein Gerät aus der Tasche, ein leises «Klick» und das Tor öffnet sich geräuschlos. Leo erwartete einen lauschigen Garten, sah dann aber mehrere Wohncontainer und Zelte auf der Wiese stehen. Unter dem einzigen Baum sassen ein paar Dutzend Menschen, Leo hörte spanische Wortfetzen und stellte ausnahmsweise keine Fragen.

Sein Blick wurde gefesselt von der unter der Haustüre stehenden Frau. So etwa hatte Gisela ausgesehen, als Simon ein kleiner Junge war. Nur die Nase –

Guten Tag, Grossvater, sagte sie, wie geht es dir? Juno! Ich freue mich, dich kennen zu lernen, höchste römische Göttin! Sie lächelte ihn an und flüsterte dann Simon etwas ins Ohr, dieser blickte unsicher zu Leo. Wir haben einen Gast, bitte erschrick nicht. Es war keine Frage für Leo, wer da gemeint sein könnte. Und was nun folgte, spielte sich in wenigen Sekunden ab. Über Junos Schulter sah er in ein Zimmer, er sah ein rollstuhlähnliches Gebilde aus einem durchsichtigen Material, darin sass, fast ebenso durchsichtig, eine alte Frau mit schlohweissem Haar, die knochigen Hände zitterten und die trüben Augen sahen ins Nichts. Gisela! schrie er und stürzte in das Zimmer, verzeih mir! Übersah dabei jedoch die roboterartige Vorrichtung, welche den Rollstuhl steuerte und die Patientin betreute, stolperte darüber, sah im Fallen Giselas Augen sich auf ihn richten und hörte sie flüstern: Leo...Sein Kopf schlug hart auf das Fussgestell des Stuhls. Der Teppich unter ihm verfärbte sich dunkelrot.