Partner: Stadt ZürichZKB

Lieber Avi von Lea Gottheil

Text des Monats Juli 2005 (Thema: Brief)

Autor/in:

Lieber Avi

Diese Scheu Dir gegenüber habe ich immer empfunden. Nach all diesen Jahren ahne ich jetzt, woher sie rührt. Das Meer muss seinen wechselnden Gesang zu Dir auf den Hügel Carmel wehen. Von meinem aus Fenster kann ich den Üetliberg sehen, aber nicht dahinter.

Ich stand unbeholfen in Eurem Haus auf dem Gang, während Du abwechselnd den Hund gejagt oder eine Videokassette in den Rekorder geschoben hast. Avi, Avi, hallte die Stimme Deiner Mutter durchs Haus, Avi, wo steckst Du jetzt wieder und warum muss man Dir alles hundertmal sagen. Komme, hast Du gerufen, komme gleich, nur noch diese eine Szene muss ich mir angucken. Darf ich dir helfen, habe ich meine Tante gefragt und sie hat mir Schüsseln mit Huhn, Gurken, Tomaten in die Arme gedrückt. Dankbar, eine Aufgabe zu haben, war ich es, die das Abendessen vorbereitet hat. Kennst du Cat Stevens, was, kennst du nicht, warum denn nicht, bei euch in der Schweiz hört ihr doch auch so was. Natürlich hören wir so was. Aber ich höre eben eher andere Sachen, Liedermacher, Brassens zum Beispiel. Nie gehört, kommst du nachher ans Meer, ich lade dich zu einem Bier ein.

Du kannst nicht wissen, wie gross das alles für mich war. Das Haus mit den farbigen Federbildern Deiner Mutter, das Auto, mit dem wir hinunter zum Meer fuhren, und die Frauen, die mich mit ihren langen Beinen überragten. Ich griff in mein dünnes Haar, musste an die Ampeln in der Schweiz denken, meine überfüllte Agenda, meinen Theaterkurs, in dem ich mich einmal in der Woche ausschütteln konnte.

Auf der Strandpromenade hast Du mich in den Arm genommen, Cousin und Cousine, ich fühlte mich den lockigen Frauen mit den langen Gesichtern ähnlicher durch Deine Berührungen. Ich weiss, es war eine warme Luft, sie hatte Salz und Orangeblütenduft gesogen und machte uns kribbelig, noch bevor wir ein Bier getrunken hatten. Es war mir ein Rätsel, wie Du die stille Cousine aus dem ordentlichen Land so herzen konntest. Es fiel mir nie schwer, Dich zurückzuherzen, Avi, Du machst es einem leicht, Dich lieb zu haben.

Mutter sagt, der Avi ist jetzt im Militär, er bewacht die besetzten Gebiete. Avi, wie soll ich Deinen Kopf schützen? Woran denkst Du, wenn Du im Staub in der Sonne stehst? Denkst Du noch, oder verlernt man das im Militär, damit alles besser auszuhalten ist? Wie kannst Du mich schätzen, wenn Deine Freundinnen im heiligen Land mit einem Gewehr umgehen können, während ich über Büchern sitze, um mit meinem Wissen einmal Geld zu verdienen? Während Du die Minuten unter Deinen Stiefeln zertrittst, plane ich jede sorgfältig, dass mir keine übrig bleibt, um auf einen Berg zu fahren. Berge gibt es hier genug, aber wie viele Menschen haben Minuten, um auf welche zu fahren? Die Berge versperren mir die Sicht. Haifa und sein Meer. Du denkst bestimmt ans gleiche Meer, nicht wahr? Schütze Deinen Kopf, Cousin.

Hör mal, Avi, komm nach Deinem Militärdienst in die Schweiz, wenn Du möchtest! Vielleicht verliere ich meine Scheu. Dann zeige ich Dir den Zürichsee, den Walensee, und wir werden auf einen Berg klettern, weil wir gesund sein werden.

Lass von Dir hören, ich mache mir solch schreckliche Bilder von da, wo Du jetzt bist. Wenn Du mir davon erzählst, träume ich vielleicht schöner. Erzähle mir, dass Du wertvolle Freunde gefunden hast. Bekommt Ihr auch richtig gut zu essen? Du hast Dir den Ort nicht ausgesucht, das weiss ich. Wirst Du einmal versetzt? Beruhige mich, bitte. Schütze Deinen Kopf.

Ich umarme Dich

Deine kleine Cousine