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Lieber Rolf von Heidy Gasser

Text des Monats März 2005 (Thema: Brief)

Autor/in:

Lieber Rolf

Heute habe ich dich draussen im Schneetreiben gesehen, wie immer im roten Faserpelz, das blonde Haar verstrubbelt. Du hattest die Bewegungen eines wilden Tiers, einer Gämse. Nie habe ich jemanden so gehen sehen, so leicht und doch voller Kraft. Hast du gewusst, dass ich dir oft heimlich zugeschaut habe, wenn du gearbeitet hast? Da war eigentlich nichts Besonderes draussen im Hof: deine Traktoren, die Holzspaltmaschine, eine Motorsäge und du mittendrin in deiner Arbeit. Weisst du, es sah aus wie Tanzen, ganz schwerelos und voller Begeisterung. Ich holte mir eine heimliche Handvoll davon und rettete es in einen Tag, in dem nichts so war wie bei dir. Du warst dein eigener Herr und Meister. Ich musste Befehle befolgen, die nichts mit mir zu tun hatten. Jeden Tag verkaufte ich meine Seele im Büro. Dort schloss ich manchmal die Augen und dachte an dich, deinen Tanz, deine Freude.



Du gingst gerne eigene Wege. Auch ich war gerne allein. Doch wir besuchten uns immer wieder in der gegenseitigen Welt. Einmal sagtest du: «Es fühlt sich so gut an, wenn du da bist, drinnen im Haus. Ich spüre dich, wenn ich draussen bin.»



Es schneite so stark, dass ich dich kaum sehen konnte. Deine Gestalt wurde neblig, löschte fast aus. Doch ich hielt sie fest und suchte mir einen Weg durch den Schnee, in dem keine Spuren waren. Du gingst ganz schwerelos und es war nicht möglich, dich einzuholen. Ich erinnerte mich, dass du Schnee nicht mochtest. Er deckte deine Arbeit zu, die steilen Bergwälder wurden lebensgefährlich. Und du musstest warten. Das konntest du nicht. Ich ging lange hinter dir her. Doch du dachtest nicht daran dich umzudrehen. Ich rief nicht einmal, wusste, dass es zwecklos war. Nach einer Weile ging ich in den eigenen Spuren wieder heim.



Eigentlich hast du nie viel geredet, schon gar nicht über deine Probleme. Die gingen niemanden etwas an. Sie gingen auch mich nichts an, obwohl ich an deiner Seite lebte. Ich konnte nur zusehen, wie du in kurzer Zeit ein Fremder wurdest. Da war etwas in dir drin, das konstant den Menschen vernichtete, der du einmal gewesen warst. Zuerst verschwand dein Lachen, dein Übermut. Dann veränderte sich dein Gang, wurde schwerer, obwohl du immer magerer wurdest. Du wolltest nichts sagen, nichts wissen. Diese unheimliche Etwas ging nur dich etwas an, niemanden sonst. Und keiner durfte etwas sagen. Du konntest noch arbeiten. Solange du arbeiten konntest, war vieles noch gut. Am letzten Tag im Wald warst du kaum noch fähig den Masten nachzugehen, welche zu deiner Transportseilbahn gehörten. Du lehntest dich lange an einen Baum und hättest am liebsten geweint. Doch Weinen war nicht erlaubt. Als du am Abend heimkamst, bekam ich endlich die Erlaubnis, dich beim Arzt anzumelden. Es war viel zu spät. Doch auch hier hatten wir nicht die Erlaubnis die Wahrheit zu sagen. Du wolltest das nicht, sahst uns mit brennenden Augen an, die nichts sehen wollten. Wir schwiegen und wussten, dass du es wusstest.



Eigentlich hättest du nach der Operation innerhalb von ein paar Tagen sterben sollen. Doch du warst ein Kämpfer. Daheim war deine Werkstatt, die du mit eigenen Händen aufgebaut hattest. Du wolltest heim, fort aus diesem weissen Zimmer und fort von den bedrohlichen Geräten, die tropfenweise Morphium verabreichten, dich schweben liessen. Manchmal wusstest du nicht mehr, wer du warst. Ich musste dich an dich erinnern. Und auch ich erinnerte mich nicht immer, wer du gewesen warst. Es war nicht viel übrig geblieben. Selbst deine Stimme war fort, war nur noch ein heiseres Flüstern. Du wolltest heim. Ich konnte dich nicht mitnehmen, nicht mit deinem wunden Rücken, den Schmerzen. Unsere Gespräche brachen mehr und mehr ab. Du wolltest meinen Abschied nicht.



Der Tod sass geduldig in einer Zimmerecke und sah zu. Du wolltest nicht mit ihm reden, wolltest nichts sehen. Er wartete. Wochenlang sass ich neben dir, hielt deine unruhigen Hände. Sie waren auf einmal ganz weich, ganz ohne Schwielen. Keiner hatte Hände gehabt wie du, starke Hände mit dicker Hornhaut, rissig und wild. Eine Touristin hatte sie einmal fotografiert und sich gewundert.



Eines Morgens war auf einmal alles leicht. Das Zimmer platzte, die Wände brachen auf. Bäume wuchsen empor. Du begannst zu klettern, immer höher und höher, bis die Erde nicht mehr zu sehen war. Wenn das der Tod war, dann war es nicht nötig gewesen, über ihn zu reden. Er war ganz anders, irgendwie schwerelos und hell. Doch mich liess er zurück, am Fuss des Baums, neben dem Bett. Dein Körper sah verlassen aus, völlig unbewohnt. Und ich rätselte, wohin du gegangen warst.



Ich verliess dein Haus und überliess es den Erben, die unfreundlich waren, in Schubladen wühlten und mich misstrauisch beobachteten. Vielleicht hatte ich etwas mitgenommen, was ihnen gehörte. Ich ging zu Fuss fort. Es schneite und ich wanderte den Berg hinauf zu meinem kleinen Haus, in dem wir so oft gewesen waren. Deine Katze ist bei mir geblieben und eine Handvoll Fotografien. Auf denen lachst du, bist stark und fröhlich. Und du bleibst ewig jung. Manchmal spüre ich dich ganz nahe und doch weit weg, wie damals im Haus.



Deine Mia