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Mein Held (Auszug) von Dmitrij Gawrisch

Text des Monats Juli 2012 (Thema: Familie)

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Der Grossvater von Sascha ist Kranführer und riecht nach Hering, der Grossvater von Anna ist Alkoholiker und trägt einen grünen Bleistift hinter dem Ohr, der Grossvater von Lena ist Rentner und raucht noch im Bett Zigaretten, Maks hat keinen Grossvater und darf deshalb nicht mitreden, und mein Grossvater, er ist ein Held. Mein Grossvater hat einen grossen Kopf, darin haben alle Länder der Welt und sogar deren Hauptstädte Platz. Mein Grossvater kann auswendig aufzählen: die Apfelsorten, die in seinem Garten wachsen, die Kosmonauten, die seit Jurij Gagarin im Weltraum waren, die Kriege, begonnen mit dem Grossen Vaterländischen, und die vier Ozeane, das sind Meere wie das Schwarze Meer, nur grösser.

Mein Grossvater ist so stark, dass er sowohl Vater als auch Onkel noch jedes Mal im Armdrücken geschlagen hat. Mit eigenen Händen hat mein Grossvater ein Haus gebaut für die Grossmutter, eine Scheune für das Schwein und eine Garage für das Auto. Mein Grossvater kann: mit weisser Kreide Buchstaben an die Tafel so schreiben, dass sie Worte ergeben, die ich kenne, Himbeerstauden so zuschneiden, dass sie ganz viele Beeren tragen, in denen kleine weisse Würmer wohnen, ein Huhn dazu bringen, im Kreis zu rennen und mit den Flügeln zu schlagen, wenn es keinen Kopf mehr hat, einem Kaninchen das Fell abziehen, damit es im Sommer nicht schwitzt.

Mein Grossvater ist ungeschlagener Grossmeister im Verstecken spielen. Wenn mein Grossvater sich vor mir versteckt hat, habe ich ihn noch nie gefunden. Wenn ich mich vor meinem Grossvater versteckt habe, hat er mich noch jedes Mal gefunden. Selbst als ich mich im Heu aus dem letzten Jahr versteckte, hat er mich gefunden. Hinter dem Destilliergerät im Keller hat er mich gefunden. Sogar als ich mich im Ofen verstecke, findet mich mein Grossvater. An den Händen zieht mein Grossvater mich aus dem Ofen, hält mich vor den Spiegel, nennt mich sein kleines Negerlein, weil der Russ mein Gesicht schwarz gemacht hat, und lacht dann so laut, dass seine Wangen rote Farbe bekommen und er mich abstellen muss, um sich mit beiden Händen den Bauch zu halten, damit der nicht aufplatzt.

Dann wird mein Grossvater wieder ernst und streckt seinen Zeigefinger in die Höhe. Wenn mein Grossvater seinen Zeigefinger in die Höhe streckt, dann habe ich ernst zu sein und zuzuhören, weil meinem Grossvater soeben eine seiner Ideen gekommen ist, ich weiss allerdings nicht woher. Mein Grossvater nimmt die beiden Kuhhörner von der Wand, sticht mit dem Taschenmesser Löcher hinein und bindet sie mir mit einer Schnur um den Kopf. Als Grossmutter mich mit den Kuhhörnern auf dem Kopf sieht, schreit sie Gottgütiger, Grossmutter macht einen Sprung in die Luft, Grossmutter verschüttet Wasser auf dem Boden, weil ihr der Eimer aus den Händen gleitet und umkippt. Drei Kreuze schlägt Grossmutter in die Luft, dann kauert sie sich auf den Boden, zieht die Beine an und fängt an zu schluchzen. Mein Grossvater hört auf zu lachen, ergreift meine Hand und führt mich nach draussen. Mein Grossvater nimmt mir die Kuhhörner vom Kopf und stellt mich in die Holzwanne, in der er nach einem Tag in den Kartoffeln immer seine Füsse wäscht. Mein Grossvater rollt den Gartenschlauch aus und spritzt mich damit ab, bis kein schwarzes Wasser mehr von mir tropft. Dann geht er in den Geräteschuppen, holt ein rostfarbenes Schloss und hängt es an die Tür des Ofens, damit ich nicht mehr hineinklettern könne, sagt er.

Mein Grossvater hat Bienen, die für ihn Honig sammeln, der so süss schmeckt, dass Grossmutter mir nur einen kleinen Löffel davon zu essen gibt. Schöpft mir mein Grossvater einen zweiten Löffel, schimpft Grossmutter mit ihm, willst du, dass der Junge Löcher in den Zähnen bekommt, sagt Grossmutter, und mein Grossvater lacht und sagt, besser Löcher in den Zähnen als Löcher im Hirn. Mein Grossvater wird nie von seinen Bienen gestochen, seine Bienen kennen meinen Grossvater, weil er immer lieb zu ihnen spricht. Seine Lieblinge, seine Schätze, seine Augensterne nennt mein Grossvater seine Bienen und dafür lieben die Bienen meinen Grossvater.

Die Bienen haben eine Königin. Mein Grossvater sagt, die Bienenkönigin sei so etwas wie der Grossvater unter den Bienen, was mir einleuchtet. Wenn ich aufwache, sage ich zu meinem Grossvater Guten Morgen, umarme ihn und gebe seiner Wange einen Kuss. Die Wange meines Grossvaters ist glatt und riecht nach Seife, mit der ich mir immer die Hände wasche, nachdem ich auf einen Baum geklettert bin oder auf dem Friedhof Urgrossvater und Urgrossmutter besucht habe. Dann gehe ich in den Garten zu den Bienenkästen und sage auch der Bienenkönigin laut und deutlich, damit sie mich bestimmt hört, Guten Morgen. Einen Kuss wie meinem Grossvater gebe ich der Bienenkönigin nicht, weil ich nicht weiss, wie die Bienenkönigin aussieht und ob sie mich nicht stechen würde, weil ich sie nicht meinen Augenstern nenne.

Wenn Verwandte aus dem Dorf kommen, in dem mein Grossvater gewohnt hat, bevor ich geboren wurde, oder Fabrikarbeiter in weissen Hemden mit roten Spruchbändern und Fahnen durch die Strassen ziehen, erhebt sich mein Grossvater und sagt den ersten Trinkspruch auf. Wenn er spricht, lachen die Gäste, nicken und klatschen, wenn er fertig ist, in die Hände. Dann verbeugt sich mein Grossvater nach allen Seiten und trinkt sein Glas in einem Schluck leer. Wenn auch ich mein Glas in einem Schluck leer trinke, verschlucke ich mich immer und muss so lange husten, bis Grossmutter mir mit der flachen Hand auf den Rücken klopft. Grossmutter lacht nicht und klatscht nicht, wenn mein Grossvater im Stehen den ersten Trinkspruch aufsagt. Grossmutter könne nicht so klug reden und sei auch nicht so beliebt wie er, deshalb sei sie auf ihn eifersüchtig, erklärt mein Grossvater, als ich ihn frage, warum Grossmutter nie lacht, nie klatscht und überhaupt wenig mit meinem Grossvater spricht. Grossmutter geht ins Schlafzimmer und verschliesst die Tür, wenn mein Grossvater seine Harmonika aus dem Schrank holt, sich räuspert und dann anfängt, Töne aus ihr zu pressen. Dazu singt mein Grossvater das Lied von der stolzen Kutsche, die in den Krieg gezogen ist.

Auch mein Grossvater ist in den Krieg gezogen und hat Medaillen aus Gold und Silber nach Hause gebracht. Wenn ich ihn lieb frage, holt er seine Medaillen aus der Schublade und lässt mich mit dem Finger die Umrisse von Lenin und Stalin nachfahren. Mein Grossvater greift aus seinen Medaillen einen roten Stern heraus und steckt ihn mir an, über dem Herzen, erklärt er.

Manchmal erzählt mir mein Grossvater Geschichten vom Krieg. Ein Maschinengewehr habe er gehabt und damit sei er zu Fuss bis nach Berlin gegangen. Einmal im Krieg ist mein Grossvater sogar fast gestorben, als eine Kugel ihm den Helm vom Kopf schoss. Wenn die Kugel den Kopf meines Grossvaters getroffen hätte und nicht seinen Helm, dann hätte mein Grossvater Grossmutter nicht geheiratet und Vater und Onkel wären nicht geboren worden. Wenn Vater nicht geboren worden wäre, hätte er Mutter nicht geheiratet. Wenn aber Vater Mutter nicht geheiratet hätte, was wäre dann aus mir geworden, frage ich meinen Grossvater. Du wärst jemand anders geworden, sagt er. Wer wäre ich geworden, frage ich, aber mein Grossvater sagt, Grossmutter würde mit ihm schimpfen, wenn er mir das sagen würde.

Zum Geburtstag hat mir mein Grossvater einen Malkasten und zwei Pinsel geschenkt, einen dicken und einen dünnen. Mit dem Malkasten und den beiden Pinseln kann ich ein Haus malen, einen Baum, der viele Äpfel trägt, ein blaues Auto mit schwarzen Rädern, den blauen Himmel, eine Wolke und in der Ecke die Sonne, die fröhlich lacht. Mein Grossvater kann auch Gesichter malen, die mich an Grossmutter, Vater, Mutter und die neue Tante erinnern, die im Herbst zusammen mit dem Onkel ins Dachgeschoss meines Grossvaters gezogen ist.

Mein Grossvater kann Verse dichten, die sich am Ende jeder Zeile reimen. Manchmal druckt eine Zeitung ein Gedicht meines Grossvaters ab, dann zeigt er es herum, sein Gedicht in der Zeitung, und alle beglückwünschen ihn, die neue Tante umarmt ihn sogar, nur nicht die Grossmutter, weil ihre Verse noch nie in einer Zeitung abgedruckt worden seien und sie auch keine Verse schreiben könne, die sich reimen, sagt mein Grossvater.

Weil mein Grossvater weiss, wie man das kleine Loch in einem kaputten Fahrradschlauch findet und es flickt, damit ich wieder Fahrrad fahren kann, mag ich meinen Grossvater lieber als den anderen Grossvater, der im Ausland arbeitet und nur selten zu Besuch kommt. Mein Grossvater hat mir versprochen, mir das Autofahren beizubringen, sobald ich zehn Jahre alt geworden bin. Er hat mir gezeigt, welches Pedal ich drücken muss, damit der Wagen schneller fährt, und welches, um anzuhalten. Er hat mir gezeigt, wie ich den Vordersitz nach hinten schiebe und wieder nach vorne. Er hat mir erklärt, wofür die Hebel hinter dem Lenkrad gut sind, aber ich habe es wieder vergessen. Mein Grossvater weiss, dass es Zeit ist, nach Hause zu fahren, wenn die rote Lampe neben der Batterie aufleuchtet.

Einmal als Vater, Mutter und ich an einem Sonntag zu Besuch kommen, sitzt Grossmutter im Nachthemd vor dem Haus und weint. Es sei nichts, beeilt sich Grossmutter zu sagen, und sie wisse auch nicht, woher die blauen Flecken an ihren Oberarmen kämen, es sei alles in Ordnung, versichert sie, streicht über meine Haare, drückt mich an ihre Brust und lässt mich schnell wieder los, sie habe sich am Abend bloss ausgesperrt, habe gerufen, an der Tür gerüttelt und ans Fenster geklopft, aber mein Grossvater hätte sie einfach nicht gehört, so tief sei sein Schlaf heute Nacht gewesen. Ich will auch so tief schlafen können wie mein Grossvater, sage ich, aber Vater wird wütend und sagt, ich solle still sein.

Mein Grossvater wird nie wütend wie Vater. Er hat immer gute Laune. Nicht einmal die gestreiften Kartoffelkäfer mit orangen Köpfen können meinem Grossvater die gute Laune verderben. Alle Kartoffelkäfer, die er unter den Blättern der Kartoffelpflanzen findet, sammelt er in eine leere Konservenbüchse, schüttelt sie auf die Strasse, und dann treten er und ich so lange auf den Kartoffelkäfern herum, bis von ihnen nur noch ein feuchter Fleck übrig bleibt.

Wenn mein Grossvater und ich spazieren gehen, hebt er seinen Hut und grüsst die Männer und Frauen, die uns begegnen. Wenn eine Frau mit blonden Haaren an uns vorbeigeht, dreht sich mein Grossvater um und pfeift ihr nach, weil es sich so gehöre, sagt er. Ob er auch der Grossmutter nachgepfiffen hat, als sie noch jung war und keine grauen Haare hatte, frage ich meinen Grossvater, aber er weiss es nicht mehr, das sei schon lange her, sagt er.

Im Wald kennt mein Grossvater jeden Baum beim Namen. Esche, stellt er mir den Baum vor, Buche, Linde. Eiche, sagt mein Grossvater, und weil er die Eiche von allen Bäumen am liebsten mag, mag auch ich sie am liebsten. Mein Grossvater weiss auch, dass Champignons gut schmecken und ich vom Fliegenpilz Bauchschmerzen kriegen würde, wenn ich ihn ässe.

Als die grünen Wolken kommen, Vater und Mutter jeden Tag zu Hause Staub wischen müssen und mir verboten ist, die Fenster zu öffnen, Salat zu essen, im Wald Pilze zu sammeln und Milch aus der Kuh zu trinken, besorgt mein Grossvater, weil er in der Partei ist und Beziehungen hat, Fahrkarten für den Nachtzug, damit ich über den Sommer zu Verwandten am Schwarzen Meer fahren kann. Was ich auf sicher weiss: das Schwarze Meer macht die Haut braun und die Zähne weiss, das Schwarze Meer schmeckt salzig, auch im Schwarzen Meer gibt es Krebse, nur nennt man sie nicht Krebse, sondern Krabben, Sand knirscht, wenn er zwischen die Zähne gerät, Wassermelonen schmecken süsser, wenn man sie am Strand isst, mein Grossvater liebt seine Bienen, ganz besonders die Bienenkönigin, und trägt keine Schuld daran, dass der Onkel den Kopf gegen die Rinde des Birnbaums schlägt, bis seine Stirn blutet, dass der Onkel Socken in den Koffer packt, dass die Kleider der neuen Tante noch im Schrank hängen, die neue Tante aber nicht mehr da ist, dass Vater wieder wütend wird, dass die Grossmutter auf der Bank vor dem Haus sitzt, blaue Astern in ein schwarzes Kopftuch stickt und ihr Tränen übers Gesicht rinnen, dass Rotz aus ihrer Nase und Spucke aus ihrem Mund in die gierig schnappenden Schnäbel der Hühner fällt, dass Grossmutter meinen Grossvater anheult, wie habe er das seinem eigenen Sohn antun können, habe er mit seinen siebzig Jahren noch immer nicht gelernt, seine Hände nach jedem jungen Rock auszustrecken, seien sie nicht aus dem Dorf weggezogen, um alte Geschichten hinter sich zu lassen? Mein Grossvater streckt mir seine glattrasierte Wange zum Kuss hin und hievt mich auf seine Schultern, um mit mir ums Haus zu galoppieren, aber Mutter sagt, ich solle mich von meinem Grossvater verabschieden, sie und ich würden den nächsten Zug zurück nach Hause nehmen. Als Vater nicht mit uns kommt, sagt Mutter, Vater würde noch eine Nacht länger bei Grossmutter bleiben, um zu sehen, dass nichts passiert. Was soll denn passieren, will ich von Mutter wissen, aber sie geht nur schneller und zieht mich an der Hand mit, weil auf dem Bahndamm schon das Rattern des näher kommenden Zuges zu hören ist.

Als der Winter kommt, kauft auch mein Grossvater eine Fahrkarte für den Zug und bringt uns Einmachgläser mit Honig und Grüsse von der Bienenkönigin mit. Auch für den Onkel, der jetzt in meinem Zimmer schläft und laut schnarcht, wenn er auf dem Rücken liegt, bringt mein Grossvater Honig mit, aber der Onkel mag den Honig meines Grossvaters nicht mehr, er stellt den Honig später auf die Strasse und jemand nimmt ihn mit. Mein Grossvater liest mir Märchen vor und hebt wie früher seinen Zeigefinger in die Höhe, wenn er bei der Moral angelangt ist. Dann schnürt er wieder seine Schuhe und hebt den Hut zum Gruss. Weil es dunkel ist und schneit, erlaubt mir Mutter nicht, mit meinem Grossvater zum Bahnhof zu fahren, aber ich darf ihm vom Küchenfenster aus winken. Ich stelle mich auf den Hocker und winke, und mein Grossvater dreht sich nach einigen Schritten um und salutiert, wie er das als junger Soldat im Krieg tat.

Am nächsten Morgen geht Vater nicht zur Arbeit, weil der Postbote ein Telegramm gebracht hat. Von deiner Grossmutter, sagt Vater und fährt zum Bahnhof. Es kommt noch ein Telegramm, diesmal vom Vater, da fahren auch Mutter und ich zum Bahnhof, um meinen Grossvater im Veteranenhospital zu besuchen. Er sei müde geworden, lacht mein Grossvater und wuschelt mein Haar, da habe er sich im Wald in den Schnee gelegt, um kurz auszuruhen, und sei wohl eingenickt. Halb so schlimm, lacht er und zeigt mir eine Frostbeule, verheilt bis zur Hochzeit. Ich lache zusammen mit meinem Grossvater und frage Vater und Mutter, warum sie nicht mit uns lachen, mit meinem Grossvater und mir. Dann lachen auch Vater und Mutter, aber ihr Lachen klingt so, dass ich traurig werde und mein Gesicht ins Nachthemd meines Grossvaters drücke.