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Morsche Knochen von Sibylle Zimmermann

Text des Monats April 2019 (Thema: Zahlen)

Autor/in:

Thema des Schreibwettbewerbs 2019 sind Zahlen, die Zahl im April: Million.

 

Morsche Knochen

 

Hans ging einfach weiter.

Spürte weder sein Knie, das sich meist anfühlte, als wäre es voll mit scharfkantigen kleinen Steinen, noch seinen rechten Arm, der immer schmerzte, wenn er sich auf den Stock stützte. Nach ein paar Schritten blieb er stehen. Verlagerte das Gewicht von rechts nach links und wieder nach rechts.

Er war es!

Es gab keinen Zweifel.

Drinnen im Café das warme Licht. Heimelig. Einladend. Er draussen im frühen Dunkel des hereinbrechenden Herbstabends. Geruch nach fauligem Laub in der Luft. Er sah ihn von schräg vorne. Eine massig wirkende Gestalt. Sass am Tisch gegenüber dem Fenster, hob gerade den Arm um zu zahlen. Hatte Wülste bekommen, Wülste unter den Augenbrauen, unter den Augen, unter den Wangen, dem Kinn.

Aber Hans erkannte ihn sofort. Das lange Gesicht, die Augen, die seltsam weit auseinander standen. Manche Menschen verloren mit den Wülsten die Besonderheit ihrer Physiognomie. Er nicht. Aber die letzte Sicherheit fand sein bestürzt hin und her huschender Blick am Ohr. Sein linkes. Es fehlte zum Teil. Wahrscheinlich ein Streifschuss. Oder der Splitter einer Granate, der die untere Hälfte des Ohres weg gefetzt hatte. Ausserdem die Narbe am Hals. Die hatte Hans auch damals bemerkt und er erinnerte sich, dass er sich gefragt hatte, warum Gott diesem Mann das Leben gerettet hatte. Ein Streifschuss am Hals und das ohne die Schlagader zu treffen, das war millimetergenaue Massarbeit.

Nachdem er Gott seine Verzweiflung still ins Gesicht geschrien hatte, jahrelang, Nacht für Nacht, beschloss er irgendwann, nicht mehr an ihn zu glauben, ihn zu ignorieren. Elli hingegen war ihr Leben lang gläubig geblieben. Trotz allem. Er verstand das nicht. Aber es wurde nie zum Problem zwischen ihnen. Es gab überhaupt kaum Probleme in ihrer 38-jährigen Ehe. Sie waren sich beide, ohne es je ausgesprochen zu haben, darüber im Klaren, dass sie füreinander nur Nachrücker waren. Nachrücker aus der zweiten Reihe, bemüht, beim anderen eine Lücke zu schliessen, die nicht zu schliessen war.

Hans tauchte wieder auf aus dem kalten schwarzen Wasser der Erinnerung.

Das Ohr.

Er war es.

 

Später am Abend setzte er sich vorsichtig auf die Couch. Alles tat ihm weh. Er war 94 Jahre alt und überall spürte er scharfkantige Steinchen.

Der andere war ebenfalls alt. Er ging ein bisschen gebückter als Hans, aber ohne Stock, schneller, und als er das Café verlassen hatte, war es für Hans anstrengend, ihn nicht zu verlieren. Zum Glück wohnte er ganz in der Nähe. Nur zwei Querstrassen. In einem überraschend modernen Haus zwischen all den herrschaftlichen Altbauten. Hans wartete draussen. Sah, welche Fenster nach Kurzem oben aufflammten. Ging zur Haustür und brachte ein Namensschild mit dem erleuchteten Fenster in Verbindung. Dielmann hiess er.

Die Hausnummer war 23.

Danach hatte Hans sich auf den Rückweg gemacht. Die Energie, die in ihm brennend heiss aufgelodert war, als er vor dem Café stand, war aufgebraucht. Als er ein Taxi sah, winkte er es heran und liess sich nach Hause bringen.

Dielmann also. Das Schicksal hatte endlich einen Namen.

Er dachte an Zarahs Arm.

Wie viele Jahre war er schon nicht mehr gläubig?

Und nun dies. Ein Zufall konnte das nicht sein. Da konnte nur Gott dahinter stecken. Der ihm diesen Mann auf einem hell erleuchteten Tablett präsentierte. Ein letztes Präsent zum Abschluss seines Lebens. Hatte Gott vielleicht doch manchmal ein schlechtes Gewissen? In seinen ruhigen Momenten? Vielleicht ging es ihm auch wie Hans und er wurde alt. Und die Vergangenheit quälte ihn. Quoll hervor wie giftiger Rauch zwischen den Ritzen gut vernagelter Latten.

«Du brauchst einen Plan», sagte er laut in die Einsamkeit seines Wohnzimmers hinein. Er war alleine in dem alten Haus. Elli hatte es geerbt, ein grosser Kasten. Kinder hätten seine Wände mit viel Geschrei und Getobe erzittern lassen sollen.

Hans fasste einen Plan. Er hatte früher viele Pläne gefasst und durchgeführt. Da waren sie noch eine Gruppe. Verteilt in der ganzen Welt. Jung, rachebereit, sie waren keine Opfer. Vor allem das: keine Opfer. Keine, die nur erduldet hatten, ohne später zu handeln. Sie nicht. Sagten sie sich. Und trafen sich nach dem Krieg zig Male. Tauchten auf, führten es durch, tauchten wieder ab. Jedesmal ein Stein weniger, der schwer auf ihrem Herz lastete. Etwa eine Million direkt Beteiligte hatte es gegeben. Die persönlich mit Hand angelegt hatten. Die selber gefoltert, sterilisiert, geschossen, gehöhnt und Gashähne aufgedreht hatten. Eine Million.

Elf wurden nach dem Krieg hingerichtet.

Elf.

Elf von einer Million.

Heute war alles vorbei, viele Jahre schon. Sie waren der Rache irgendwann müde geworden. Hatten erreicht, dass sie weiter leben konnten ohne davon erstickt zu werden.

Das war schon viel.

Inzwischen waren die anderen gestorben. Er war der Letzte.

Und jetzt Dielmann.

Hans schlurfte zum Telefon. «Wenn Sie morgen könnten», sagte er zu dem Studenten, der ihm immer im Garten half, «ich möchte unbedingt ein paar neue Sträucher pflanzen.»

Dann das Schwierigste: Den Brief schreiben an Dielmann, ihn einladen. Zum Glück verriet Hans‘ Nachname nichts. Weber, ein Name wie jeder andere. Er musste ihn nach dem Krieg nicht ändern wie so viele Freunde, die aus einem Rosenbaum ein Baum machten und so weiter. Kommunisten wurden nicht durch ihre Namen verraten damals, nur durch ihre Nachbarn. Weber, ein Name wie jeder andere. Unauffällig.

Als es klingelt, geht er zur Tür. Etwas in seinem Kopf scheint zu platzen. Ein Schlaganfall? Nein, nur kurzer Schwindel. Er sieht den Schatten von Dielmanns Kopf durch die Milchglasscheibe der Haustür. Er fokussiert sich auf seine Aufgabe, er ist darin geübt. Und doch kollabiert er fast, als er den knorpelig welligen Rand sieht, wo einst ein Ohrläppchen war.

Er hört sich sprechen.

Seinen Gast herein bitten.

Sieht sich selbst dabei zu, wie er seinen Mantel aufhängt. Ihm fällt auf, wie klobig Dielmann wirkt. Hat an Gewicht mindestens 40 Kilo zugelegt seit damals.

Der andere fängt auch schon an zu reden, kommt gleich auf den Brief zu sprechen, was das zu bedeuten habe, und Hans habe ja geschrieben, er wolle das Geheimnis lüften.

Hans nickt, stimmt zu, erklärt, es sei wichtig, dazu in den Garten zu gehen. Führt ihn dorthin. Da stehen die düsteren zwei Tannen und direkt daneben, von den Nachbarn aus nicht einsehbar: das grosse Loch im Boden. Vom Studenten ausgehoben für die neuen Sträucher.

«Einen Moment», sagt Hans und geht zum Schuppen, der am Haus, gleich hinter dem Loch ist. Vier, fünf Schritte, Tür auf. Sie hängt schräg in den Angeln und kratzt immer ein bisschen am Boden. Er hat das Gewehr aus dem Keller geholt. Es mit viel Umsicht gereinigt, zärtlich fast. Erst als er sicher war, dass es noch funktionierte, schrieb er den Brief, in dem er den anderen zu sich bat. Alte Zeiten, ich wette, Sie wissen nicht mehr wer ich bin … darf ich Sie zum Kaffee zu mir einladen, ich würde Ihnen gerne etwas zeigen ...

Draussen im Garten schreit eine Krähe heiser. Das Gewehr liegt kühl in seiner Hand. Aber doch ist seine Handinnenfläche heiss, er spürt ihn wieder, den Holzstiel der Schaufel. Es war ein milder Abend. Auch Herbst, so wie jetzt. Der Geruch von Moder und Schimmel in der Luft, und der Duft nach Pfifferlingen. Das riesige Loch. Und er, Hans, privilegiert, weil er stark war. Noch nicht zur Last fiel wie die Schwachen, die Schwangeren, die Kranken. Deshalb musste er sich nicht in die Reihe derer stellen, die am Rande des grossen Grabes auf das Krachen der Schüsse warteten.

Hans durfte schaufeln.

Zarah stand auch da. Dielmann, blutjung, ging die Reihe mit den erbärmlichen Gestalten ab. Sie stand rechts an dritter Stelle. Zitterte, hielt die Arme schützend um ihren vorgewölbten Bauch, als Dielmann vor ihr Halt machte. Er sah in ihre feuchten Augen und pfiff.

Dieses Lied.

Nicht mit gespitzten Lippen, sondern auf eine lässige Art, die Zunge von innen an die Schneidezähne gedrückt, die Lippen breit wie ein Grinsen, pfiff so die Melodie von «Die morschen Knochen».

Stand da und pfiff die erste Strophe, deren Text sie alle kannten:

«Es zittern die morschen Knochen

der Welt vor dem roten Krieg.

Wir haben den Schrecken gebrochen,

für uns wars ein grosser Sieg.»

Er hob mit einer sanften Geste seiner Rechten ihr Kinn und zwang sie so, ihn direkt anzusehen. Dann pfiff er weiter, die zweite Strophe, wackelte dabei affektiert-fröhlich mit dem Kopf, so als würde er mit ihr flirten.

 

Als Hans aus dem Schuppen kommt, das Gewehr langsam hebt, auf Dielmann zielt, glimmt in dessen Augen eine Frage auf. Nur kurz. Dann sieht er sich um, mit einem Blick schnell wie ein Schlangenzüngeln, sieht das grosse Loch, sieht das auf ihn gerichtete Gewehr und weiss Bescheid.

«Soso», sagt er, «also überlebt.» Es ist nicht einmal Zynismus in seiner Stimme, nichts ist in seiner Stimme.

Hans erinnert sich an die anderen. In den Nachkriegsjahren führten sie diese Aktionen durch. Zehn oder zwanzig. Erledigten, was die Gerichte nicht taten. Verantwortliche wurden zur Verantwortung gezogen. Und das Überraschende war, dass keiner von ihnen, wie sie da am Rande ihres Grabes standen, sagte, ich habe ja nur Befehle ausgeführt. Keiner.

Auch Dielmann jetzt sagt einfach nichts.

Hans denkt an Zarahs Arm. Wie er einsam herausragte bis zuletzt. Bis endlich eine Schaufel feuchte krumige Erde ihn gnädig zudeckte.

Er sieht jetzt etwas in Dielmanns Augen. Es ist die scharfe Klinge der Angst.

 

Später in der Nacht legt er sich mit langsamen Bewegungen in das breite Bett. Tastet hinüber auf die Seite, wo Elli immer lag. Das Laken ist kalt an der Stelle seit fast zehn Jahren.

Er lässt seine Hand da. Seine Träume schleichen sich ins Jenseits zu Zarah. Nach einer Weile spürt er ihre Wärme. Er streichelt ihren glatten warmen Arm, riecht ihren süssen Duft.

«Zarah», sagt er, «ich habe es nicht getan dieses Mal, ausgerechnet dieses Mal habe ich es nicht getan.»

Und er hört ihre Stimme, die immer so fröhlich perlend war: «Ach Hans», sagt sie, «natürlich hast du es nicht getan, wir sind doch nicht so!»

«Ja», sagt er zu ihr und gönnt sich einen Moment lang die Lüge.

Ja.

Nein.

Er denkt an all die anderen Gruben zuvor. Sie mussten sie immer selber ausheben, bevor sie hineinfallen durften.

So wie damals.

Ihre Gruppe gab sich bei der Auswahl viel Mühe, sie trafen keine Unschuldigen, nie.

Und kurz bevor eine Ader in seinem Kopf platzt, ist er wieder einmal ratlos und wieder einmal nicht weise. All diese Jahre legten sich um das schmerzende Mark seiner Knochen wie die Jahresringe von Bäumen. Und schafften es doch nicht, den grausamen Schmerz in seinem Innern zu heilen oder wenigstens zu lindern.