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Mutters Kopf, Vater und ich von Doris Wirth

Text des Monats Januar 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Mutters Kopf, Vater und ich

Ich sammle Blätter auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. Am Boden liegen sie verteilt, gelbe und orange. Manche haben rote Adern. Ich bringe Dir Blätter, Mutter. Ich pflück Dir einen Strauss.

Vater sagt, Mutter ist da beim Drücken was geplatzt. Mutter soll jetzt nie mehr drücken, sonst platzt dann wieder was. Mutter hat auf dem Klo gesessen und gedrückt. Und dann ist im Kopf drin was zerplatzt.

Eine Ader war das, vorne, in der Stirn. Da liegt jetzt roter Nebel. Und Mutter mitten drin.

An den Tischen der Cafeteria sehen alle gleich aus. Ich sehe Patienten und Besucher. Runde Tische und Kaffeetassen. Ein Nachmittag, der in der Luft hängt, als hätte jemand auf Pause gedrückt.

Mit dem Kopf war das schon immer ein Problem. Der Kopf, sagte Mutter manchmal, und dann verschwand sie in einem dunklen Zimmer. Zuerst schmerzte die linke Schädelhälfte, dann die Mitte, dann kam die rechte Seite. Manchmal musste ich ihr Eisbeutel bringen oder meine Stirn an ihre drücken. Manchmal halfen auch Kekse. Wenn ich esse, ist es erträglicher, sagte Mutter. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei.

Wenn wir wandern gingen, hatten Mutter und ich beide Kopfschmerzen. Alles zog sich innen zusammen. Ein Druck, als würde jemand bei einem Gartenschlauch das Ventil vorne zuhalten. Und Vaters Fingerkuppen, die weich sind, haben unsere Schläfen berührt und der Nebel ist nicht gewichen über den Bergketten.

Plötzlich sehe ich sie: Sie winken mir zu im trüben Nachmittagslicht. Vaters hochgereckter Arm zwischen den Tischen und Tassen. Noch immer sehen sie kaum anders aus als alle andern. Ich würde Mutter und Vater gerne anmalen. An ihrem Tisch wartet ein leerer Stuhl.

Mutter sagt, irgendetwas stimmt nicht mehr. Mutter schaut mich an. Mutter hat etwas verloren und jetzt schaut sie mich an. Vorher hat sie mich immer so angeschaut, als hätte ich etwas verloren oder sie in mir drin. Jetzt ist es außen, irgendetwas ist verschwunden und wie ein Berner Sennenhund schaut Mutter mich an.

Vater lächelt und sagt, ich bin stolz auf dich. Mit der flachen Hand reibt er über ihren Rücken. Ich höre, wie die Hand auf dem Stoff schabt, rauf und runter.

Sonst hat Mutter immer gesagt: Mir geht es gut. Mir geht es wunderbar. Mir fehlt es an nichts.

Ich sage: “Wie schön, dass du wieder sitzt!” 
Auf Mutters Bluse sind Querstreifen. Zwischen die Streifen sind Rosen gestreut. Mutters Augen sind klein. Sie scheint nicht richtig wach zu werden. Etwas von ihrer tastenden, mich durchleuchtenden Kontrolle ist gewichen aus ihrem Blick. In ihrer braunen Iris schwimmen drei gelbe Flecken.

Mutter sagt, dass sie sich noch immer gleich fühle, noch immer Schmerzen, trotz des Morphiums. Noch immer müde, müde, müde.

Vater sagt: 
“Es ist ihr wohl im Nichtstun. Sie sorgt sich nicht um das, was getan werden sollte. Sie hat keine Mühe damit, jetzt passiv zu sein.” 
Vaters Augen wirken blauer als sonst. Das Hemd lässt sie leuchten.

Vater sagt, er habe geputzt im Haus, das Bad habe er geputzt und das Klo, wo noch Spuren des Erbrechens sichtbar waren. Mutter hebt die Augenbrauen und gluckst. Vater lacht schallend los. Seine Schultern zucken dabei. Der Mund ist aufgerissen.

Dann erklärt mir Vater das weitere Vorgehen. Irgendwie wirkt er aufgeweckter als sonst. 
Vater sagt, Mutter wäre in eine Kur zu schicken, denn zu Hause würde sie bald die dreckigen Fenster sehen und sich keine Ruhe gönnen. 
Ich schaue Mutter an.
“Glaube ich kaum, dass dich die Fenster jetzt interessieren würden.“ 
Mutter schüttelt den Kopf: 
“Jetzt wohl nicht.” 
Vater sagt: 
“Oder dass du für mich kochen würdest.” 
Mutter sagt: 
“Nein, stell dir vor, das würde ich nicht.” 
Vater sagt: 
“Wenn sie in der Nähe wäre, könnte ich sie besuchen, aber du willst lieber ins Tessin, nicht wahr?” 
Er lacht und reibt wieder mit der Hand über ihren Rücken.

Vater stapelt die Tassen auf dem Tablett. Mein Glas ist leer. Mutter schaut uns fragend an.

In den Gängen des Krankenhauses hängen die Gesichter der Seelsorger. Ich stütze Mutter. Ihr Gang ist langsam und weich.

Wie wir auf den Lift warten, sehe ich die Spiegelung in den Marmorfliesen. Umrisse von Mutter und Tochter. Körperlinien, nicht wegwischbar. Mutter ist größer als ich. Unsere Brüste und Bauch wölben sich fast gleich. Auch ich trage ein gestreiftes T-Shirt. Die Streifen markieren die Ausbuchtungen. Da, wo wir nicht flach sind, verlaufen die Linien nicht parallel.

Im Lift glänzt der Chromstahl. Ich mustere Vaters Bauch. Eine harte Trommel. Das Hemd straff gespannt. Vaters Bauch ist anders als unsere Bäuche.

Im Zimmer setze ich mich auf Mutters Bett. Vater nimmt sich einen Stuhl und bleibt am Fußende.

Weil es still ist, erzähle ich von dem Kind. Dass es mit mir geredet hat, während die Eltern an den Wänden des Schuppens an den Plastikgriffen kletterten. Bouldern heißt das, sage ich, wenn man ohne Sicherung klettert. Und wie das Kind den Vater gefragt hat: Papa, kletterst du jetzt mit mir. Und dass das doch schön wäre, ein Kind zu haben und Eltern zu sein, so, dass jeder seinen Leidenschaften nachgeht und die Kinder dennoch auch da sind.

Vater lächelt und erwähnt das Nachbarskind und wie es ihm einen Blumenstrauß gebracht habe. 
Dann sagt er: 
“Es ist ja kein Wunder in deinem Alter. Und als Frau sowieso. Frauen haben einfach diesen Drang.”

Hinter Vater ragen Äste in die Luft, gelbe und noch grüne Blätter. Ich halte mich an ihnen fest. Mein Körper fühlt sich jetzt an, als wäre da etwas Unanständiges drin. Als hörte er nicht da auf, wo er aufhören sollte. 
Ich straffe meinen Rücken und sage: 
„Männer doch auch.“

Auf dem Klo sehe ich meine Hüften. Der Spiegel ist schräg gestellt für Rollstuhlfahrer. Meine Hüfte ist schmaler als Mutters Hüfte, auch schmaler, als Mutters Hüfte war, als sie noch dünn war, auf diesen Fotos im Album, wo ihr Haar dick ist und lang. Mein Haar ist kurz und faserig und ich bin klein. Ich sage mir, dass ich ein wenig wie Großmutter bin, und dass ich blaue Augen habe. Ich öffne die Tür und trete ins Zimmer.

Vater lehnt sich vor. Mutter lächelt noch immer selig. Wie vor ein paar Tagen, als ich sie gefunden habe. Im Schlafzimmer, im Dunkeln. Wie früher. Ich habe mich auf ihr Bett gesetzt, im Zimmer roch es nach ihrem Atem. Ich wollte ihr etwas vorbeibringen. Mutter war nackt unter der Decke. Sie lächelte mich an, lächelte, sie hörte nicht auf zu lächeln. Die Medikamente, dachte ich. Dass es was anderes sein könnte, dachte ich erst, als ich Vater am Sonntag anrief. Wie geht es Mutter, fragte ich. Noch immer nicht gut, sagte er. Und dass sie nicht mehr aufgestanden sei.

Wenn die Blutung sich ausgebreitet hätte, wäre Mutter jetzt tot. Der Druck im Kopf wäre zu groß geworden. Ich nehme ihre Hand. Sie ist kalt, nicht warm wie sonst. Ich reibe sie zwischen meinen Handflächen.

Ich sage: 
“Wie schön, dass Emma dich besuchen kam”. 
Wo sich die Schwestern sonst kaum sehen. 
Vater sagt: 
„Das ist wegen der Distanz.“ 
Es sei auch, weil Emma sehen könne, dass Mutter und die andere Schwester einen größeren Komfort im Leben erreicht hätten. Emma, sagt Vater, wasche noch immer von Hand. Und die Küche sei auch nie fertig geworden. Das habe sie gebrochen. 
„Aber da ist doch noch mehr“ sage ich. 
Und dass diese Schwere im Körper bestimmt von den Medikamenten komme. Dieser Rücken, der sie wie eine Festung umgibt. Der Blick, der verstummte Mund.

Mutter sagt, wenn sie zu zweit seien, sei sie anders: 
“Dann kommt sie aus sich heraus.” 

Mutters Füße sind trocken. Kleine Risse und weiße Linien umspinnen ihre Fußsohlen.

Vater erklärt uns Emma. Vielleicht würde er sein Projekt gerne ausbauen, denke ich. Pläne für Emma schmieden. Ich frage mich nicht, warum er so viel spricht. Warum er alles besser weiß.

Mutter ist nur ein bisschen ver-rückt. Hin und wieder stellt sie eine komische Frage. Weiß keine Antwort, mitten am Tag. Macht einen Fehler beim Denken. Wenn man sie korrigiert, lacht sie und reibt sich die Stirn. Ganz vernebelt, sagt sie, das Morphium. Dann schaut sie wartend vor sich hin.

Zum Abschied frage ich Vater, ob er Hilfe brauche. Vater sagt, er komme zurecht mit seinem momentanen Ein-Personen-Haushalt. Er setzt dazu ein Lächeln auf und zieht einen Mundwinkel höher als den andern.
“Wie ich” sage ich und umarme ihn kurz.

Dann lächle ich Mutter zu und drücke ihren Arm. Sie schaut mir wieder in die Augen und sucht etwas. Als ich mich vorlehne, um sie zu küssen, spitzt sie den Mund wie ein Vogel.