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Nach Italien von Stefanie Sourlier

Text des Monats Oktober 2007 (Thema: Reiseberichte)

Autor/in:


 

Nach Italien

 

Wir hatten im Dorf unten gewohnt, erzählte der Onkel Reinhard, unten im Dorf, aber das Dorf gibt es nicht mehr. Es wurde am 28. Oktober 1938 überflutet. Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern. Es gibt andere Stauseen und andere versunkene Dörfer, deren Kirchturmspitzen aus dem Wasser ragen und auf die Künstlichkeit des Sees hinweisen. Von unserem Dorf aber zerschnitt nicht einmal beim tiefsten Wasserstand die winzigste Kirchturmspitze die spiegelglänzende Wasseroberfläche und erinnerte an die versunkene Welt, an eine zwar kleinräumige, aber doch immerhin einst vorhandene Welt. <?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

Der Onkel Reinhard und ich saßen auf der Couch im Wohnzimmer des Onkel Reinhard. Ich blätterte in einem dicken, in rosa Blümchenpapier eingefassten Fotoalbum. Das Wohnzimmer des Onkel Reinhard, das gleichzeitig sein Schlafzimmer war, bestand aus einem großen Holztisch mit einigen Stühlen, einem braunen Sofa, das man zu einem Bett ausziehen konnte, und einer sogenannten Wohnwand, aus mit brauner Holzmaserungsimitation beklebtem Sperrholz,  welche einen alten Fernseher, einige wahllos aufgestellte Gegenstände, Holzelefanten und Nippes, aber auch ein großes Fernrohr, ein altes Telefongerät und sehr viele Bücher enthielt; vor allem Bildbände, die man früher mit den auf Lebensmittelverpackungen befindlichen Silva-Punkten kaufen konnte und deren Bilder von Schneeleoparden, Urvölkern in Afrika und Himalayaexpeditionen der Onkel Reinhard säuberlich auf die dafür vorgesehenen Seiten eingeklebt hatte. Über dem Sofa hing ein eingerahmtes Werbeplakat eines Reisebüros, mit dem Foto einer mir unbekannten Gegend in Süditalien, und dem schnörkeligen Schriftzug: Das Land, in dem die Zitronen blühen.

 

Ich kann mich nicht an den Tag der Überflutung erinnern, sagte der Onkel Reinhard, und auch meine Erinnerung an die alte Welt, die nun unter Wasser liegt, besteht nur aus einer Mischung aus alten Fotos und allerlei Erzählungen meiner älteren Schwestern und all der Älteren und Ältesten im Dorf. Die fantastischen Geschichten, die sich um das Dorf unter Wasser rankten, wurden zu meiner eigenen Erinnerung, auch weil sie bunter und realer waren als die verdeckte und verwässerte Erinnerung an das Leben vor der Überflutung. Seltsamerweise habe ich mir dieses vorherige Leben im versunkenen Dorf tatsächlich unter Wasser vorgestellt, und unsere Familie und all die anderen Dorfbewohner als Wasser atmende, unter Wasser lebende Wesen, sagte der Onkel Reinhard. Dies wurde verstärkt durch die leicht verschwommenen Konturen der nachkolorierten Gesichtszüge der Mädchen, welche mir viel schönere, um nicht zu sagen wässrigere Schwestern zu sein schienen, als die jetzigen, trockenen.

 

Der Onkel Reinhard und ich assen einen Apfelkuchen, den der Onkel Reinhard frisch von der Gourmessa gekauft hatte, wie er sagte. Ich mag diese Apfelkuchen lieber als die selbst gebackenen, weil sie diese glibberige, durchsichtige Schicht obenauf haben, sagte der Onkel Reinhard.

Der Onkel Reinhard war riesig, über zwei Meter groß und dürr wie ein alter Baum. Er war leicht behindert, vor allem körperlich. Er war zu spät zur Welt gekommen, ganze zwei Wochen, und durch die fehlende Sauerstoffzufuhr in der Gebärmutter war ein Teil seines Hirns nicht genügend durchblutet worden. Deshalb hatte er leichte motorische Defekte, beispielsweise konnten seine Hände keine exakten Bewegungen ausführen. Er konnte keine Schnürsenkel zubinden und trug deshalb riesige, farbige Turnschuhe mit Klettverschlüssen. Die Merkwürdigkeiten, die durch seine Behinderung verursacht waren, wurden jedoch übertroffen durch die Eigenheiten, die er sich selbst zulegte, bewusst oder unbewusst aneignete, und um seine Person rankten sich einige Mythen und Geschichten, die er in den verschiedensten Versionen erzählte. Im Walfischbauch ist es weich und warm, dachte Jonas, der zu faul war, um nach Ninive zu laufen, zu faul sogar, um vom Wal ausgespuckt zu werden. Was soll ich auf dieser Welt, dachte Jonas, wenn es so viel schöner ist im Walfischbauch. Also ass er und ass, alles was der Wal nicht verdaut hatte, und er wurde dicker und dicker und wollte nicht mehr heraus. Doch der Wal spuckte Jonas hinaus in die Welt, wo es kalt war und düster. Und Jonas ging los, nach Ninive und weiter und nur manchmal sehnte er sich zurück nach der Wärme im Innern des Wals.

 

Meine Erinnerung an die Zeit vor der Überflutung, erzählte der Onkel Reinhard weiter, meine Erinnerung ist also keine Erinnerung, sondern eine Geschichte, die ich mir später aus all den Geschichten, die mir erzählt oder zugetragen wurden, zusammensetzte. Die Menschen waren mit ihrem gesamten Hab und Gut frühzeitig in das Ersatzdorf am Hang gezogen, und das alte Dorf war leer, als die Sirenen die Überflutung ankündigten. Vom früher üblichen Brauch des Verbrennens der Häuser und Bäume wurde abgesehen.

Der älteste Sohn der Zinslis ist am selben Tag verschwunden. Er hatte angeblich auf dem Küchentisch der Zinsli-Familie einen Zettel hinterlassen, auf dem geschrieben stand: Ich bin nach Italien gegangen. Trotz oder gerade wegen dieses Briefs und weil er genau am Tag der Überflutung verschwand, munkelte man im Dorf, er hätte vielleicht, seinen Rausch ausschlafend, das genaue Datum der Überflutung verpasst. Was man weiter munkelte, dass der älteste Zinsli-Sohn mit großen, fischartig aufgerissenen Augen im leeren Dorf unter Wasser weiterlebte, wurde für mich eine fixe Idee, die mir leicht Schauder verursachte, wenn wir jeweils am Stausee standen und die flachen Steine über das seichte Wasser hüpfen ließen.

Ich weiß nicht, ob es wegen dem Zinsli-Sohn war, sagte der Onkel Reinhard, weshalb wir dachten, auf der anderen Seite des Stausees wäre Italien. Dies stimmte natürlich nicht, denn auf der anderen Seite des Sees waren genau dieselben Innerschweizer Dörfer wie auf unserer Seite und Italien war woanders. Wir aber standen vor den frisch verputzten Häusern des neuen Dorfes, das den Einwohnern der überfluteten Gebiete von der Gemeinde als Ersatz zur Verfügung gestellt, ja sozusagen geschenkt worden war, und blickten über den See nach Italien. Mit dem Feldstecher suchten wir die Häuser und Bäume nach Unterschieden zu den hiesigen ab und befanden sie für typisch italienisch. Außerdem hielt sich das Gerücht, man könne über die große steinerne Staumauer am Ende des Sees auf dem direktesten Weg nach Italien laufen und dieser Weg nach Italien war die Mutprobe der Jungen im Dorf. Nicht die meine natürlich, meinte der Onkel Reinhard, und lachte ohne Bitterkeit, ich war ja der Krüppel und konnte ja nicht einmal auf einer breiten Strasse einen Fuß gerade vor den anderen setzen, geschweige denn überlegte ich, über die schmale Staumauer zu gehen, von welcher man je nach Höhe des Wassers drei bis zehn Meter tief in den See springen konnte, auf deren anderer Seite jedoch ein über sechzig Meter tiefer Abgrund lag. Der jüngere Zinsli-Sohn stürzte denn auch eines Nachts von der Mauer und lag mit zersplitterten Knochen und gespaltenen Schädel auf der anderen Seite. Weshalb er, im Moment des Gleichgewichtsverlustes, nicht in den See gesprungen ist, der zu dieser Frühlingszeit Hochwasser hatte, so dass einem geübten Schwimmer wie dem jungen Zinsli bei einem Sprung bestimmt nichts Schlimmeres geschehen wäre, blieb ein Rätsel. Meine Schwestern sagten, dies sei etwas Ähnliches, wie wenn einem ein Honigbrot runterfällt, welches immer und ohne Ausnahme auf die bestrichene, klebrige Seite fällt, ein physikalisches Gesetz sozusagen. Ich hatte an dieser Theorie meine Zweifel. Doch die Kinder und Jugendlichen unseres Dorfes und die Nachbardörfer liefen nach dem Tod des jüngeren Zinsli-Sohnes nicht mehr nachts über die große Staumauer nach Italien. Und von den Zinslis, denen beide Söhne auf derart schreckliche Weise abhanden gekommen waren, sprach man im Dorf nur noch im flüsternden Tonfall.

 

Sorgfältig blätterte ich die dicken Seiten um und betrachtete die zwischen den sich fast auflösenden gelblichen Seidenpapieren eingeklebten Bilder. Es gab Serie um Serie der vier Mädchen, der älteren Schwestern Onkel Reinhards, in einer der Größe nach treppenartig geordneten Reihe. Die Mädchen trugen alle dieselben, streng an die Kopfhaut geflochtenen Zöpfe, knielange gestreifte Kleider in verschiedenen Größen und weiße Kniestrümpfe und Lackschuhe. Sie lächelten entrückt, nur die zweitälteste, welche meine Mutter war, blickte entschlossen, fast trotzig in die Kamera. Auf den früheren Mädchenbildern  war auch die Mutter der Mädchen mit auf dem Bild, sie hatte ein gutmütiges pausbäckiges Gesicht und wässrige Augen. Der Vater war nur auf zwei Bildern zu sehen, er trug einen Anzug aus braunem oder grauem Cordstoff und lächelte gezwungen.

Ich blätterte einige Seiten weiter, die Größe der Mädchen wuchs mit den fortschreitenden Seiten und die Pausbacken verschwanden. Es war Krieg. Auf einem Bild war auch der Onkel Reinhard zu sehen. Er musste mindestens fünf Jahre alt sein, was hieß, dass er auf den vorherigen Mädchenbildern aus unerklärlichen Gründen weggelassen worden war. Der Onkel Reinhard saß mit gekreuzten Beinen schräg vor den stehenden Mädchen, wahrscheinlich ein Trick des Fotografen, die Reihe der Mädchen nicht durch den viel zu groß gewachsenen kleinen Bruder zu stören. Der Onkel Reinhard blickte weder trotzig in die Kamera, noch lächelte er. Er blickte zur Seite, zum Bild hinaus.