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Nachts von Esther Spinner

Text des Monats Mai 2011 (Thema: Heimat)

Autor/in:

Nachts

Arthur? Arthur?

Schläft. Legt sich hin und schläft ein. Einmal möchte ich das auch, Kopf aufs Kissen und weg. Schäfchen zählen nützt mir gar nichts, vor lauter Zahlen werde ich immer wacher. Den Tag nochmals durchgehen, heisst es – also gut. Halb sieben aufgestanden, Kaffee aufgesetzt, Zähne geputzt, Zeitung, ein Joghurt, um halb acht war ich auf dem Markt, kaufte Eier und Pilze und sah die Blumen, Astern und Dahlien in allen Farben, rot und gelb
– Astern aufs Grab, die Blumen, alle die gelben Blumen, die Blu –

Was war das? Das kam von nebenan. Was tut der? Möbel schieben? Arthur, hörst du das, Arthur? Möbel schieben, das Bett schiebt er herum, viel mehr ist ja nicht drin in diesem Zimmerchen, ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, kein Schrank, nicht mal ein Schrank. Schiebt der doch das Bett vor die Tür, was soll das denn, also bitte, nachts um eins das Bett vor die Tür, schieben und zerren und rumms, der verbarrikadiert sich, schiebt das Bett vor die Tür, damit niemand rein kann. Reisst das Bett über den Boden, wie Silvia, weisst du noch? Wenn sie ihr Zimmer neu einrichten wollte, alle paar Monate, nicht warten konnte bis jemand nach Hause kam, einfach zog und zerrte, die Striche am Boden, die auch mit Wichse nicht mehr wegzukriegen waren, und einmal der Kratzer, tief im Parkett, und den Schrank in die Wand, rumms, wie der da drüben, rumms, ein Stück Tapete weg, und du hast geschimpft, Arthur, schlimm geschimpft.
Der hat Angst, ich kann sie spüren durch die Wand hindurch, der hat Angst. Bisher war er ruhig, seit er hier ist war er ruhig, seit  zwei Monaten, drei? Immer ruhig, nichts hörte ich von ihm, schlich sich an mir vorbei im Treppenhaus, was der sich vorstellt, wie ich schlafen soll bei diesem Geschiebe und Gerummse? Hat mir nie in die Augen gesehen im Treppenhaus, immer weggeschaut, zu Boden geschaut, und gegrüsst auch nie, versteht wohl kein Wort deutsch, aus dem Balkan irgendwo, da, wo die alle aufeinander losgegangen sind, von da kommt er her, sagt Müller, jung ist er auch nicht mehr, schlägt
mit der Hand gegen die Wand, die Hand wird er sich brechen, wenn er so schlägt, ob bei denen zu Hause – wie das wohl aussieht, zu Hause, da wo er herkommt? Blaue Läden, ein Zitronenbaum vor dem Haus, nein, das ist Griechenland, Postkarten-Griechenland, ob in seiner Heimat Zitronen wachsen? Alles zerbombt, Schutthaufen, sein Haus eine Ruine, Ziegel über Ziegel, eine Wand, die noch steht, ein Stück Decke und eine baumelnde Lampe, die noch brennt, erstaunlicherweise noch brennt, alles Schutt, und wer darunter liegt – der schlägt noch das Haus zusammen, so wie seines da unten, der schlägt das Haus zu Schutt, unheimlich ist das, der schlägt alles  –
Das reicht, Mami, höre ich  Koni sagen, die Fantasie geht mit dir durch. Zahlen, Daten, Fakten, ich weiss, Koni, objektiv messbar, das ist deine Welt. Wenn der nur nicht aus dem Fenster springt. Hört das denn niemand ausser mir? Arthur? Jemand sollte etwas tun, ich sollte etwas tun, aber mich sieht er ja nicht an, dreht den Kopf weg, gestern auf der Treppe drückte er sich an mir vorbei ohne zu grüssen, und kaum aus der Tür rannte er über den Vorplatz, wie wenn sie hinter ihm her wären, schwang sich auf das Rad, und ich schaute ihm nach, wem wohl das Fahrrad, jedenfalls fuhr er davon wie gehetzt, auf und weg, auch Müller schüttelte den Kopf. Komischer Kauz. Soll ja übel zu und her gegangen sein in diesem Krieg, so viele Tote, so viel Gewalt, wenn der sich nur wieder erholt.
Schlägt mit der flachen Hand gegen die Wand, schreit, schreit. Den ganzen Tag eingesperrt in diesem Kämmerchen, in dieser Zelle, Tisch, Stuhl, Bett, ich würde verrückt, wahnsinnig, keine drei Meter von Wand zu Wand, aber er kann ja raus, nicht wie Silvia, wochenlang auf dem Meer, der Blick übers Wasser so weit, aber unten, in der Kabine, so eng, ein Bullauge gerade über der Wasserlinie, das Bett festgeschraubt und der Blick auf diese Linie, auf und ab und auf und ab, ein Wiegen und Schaukeln, die Wiege schaukeln, das Kind, auf und ab, auf und –
Das war das Fenster. Arthur, hörst du das, Arthur? Ob er sich geschnitten hat? Warum kommt denn niemand, sollte ich – aber wie, ich kann doch nicht einfach anklopfen, er versteht ja nichts, und wenn ich klopfe, der erschreckt sich zu Tode, vielleicht schlägt er zu, kann man ja nie wissen, armer Kerl, hat zu viel erlebt, zu viel verloren, die Heimat, die Sprache, die Liebsten, nein, ich will es mir nicht vorstellen, will es gar nicht so genau wissen, was es heisst, zu leben in einer belagerten Stadt, zwischen Häusern, die wie kaputte Zähne da stehen, mit Löchern und abgebrochenen Wänden. Was kann ich dafür, dass ich ein warmes Bett habe und eine Decke. Das zieht jetzt bei ihm drüben, zieht durch das eingeschlagene Fenster, das zieht, und wie, Ende Oktober –
die Tulpenzwiebeln müssen rein, gleich morgen, die Sorte, die mir Silvia geschickt hat mit mehreren Blüten pro Stiel, ein ganzes Beet voller Tulpen will ich haben im Frühjahr, die kleinen zuerst, die rot blühen, und dann die späteren, hohen, die sich wiegen im Wind, ein gelbes Beet, gelbe Tulpen im Frühjahr, im Herbst gelbe Dahlien, gelbe Astern, gelb aufs Grab – vielleicht, ich hätte ihn einmal einladen sollen zum Nachtessen, aber ob Arthur, egal, ich hätte ihn einladen sollen, oder ihm eine Suppe bringen, kochen kann er ja nicht da drüben, in diesem Gefängnis, nein, das ist jetzt übertrieben, er kann kommen und gehen wie er will, nicht im Zimmer eingesperrt, gefangen in seinen Erinnerungen, drinnen wie draussen – wenn er Täter wäre, und nicht Opfer? Ob ihn die Bilder verfolgen der Ermordeten, ob ihn die Rache verfolgt? Das genügt, höre ich Koni, was weisst du denn. Stimmt, nichts weiss ich, kenne seine Geschichte nicht und nicht seine Sprache.
 
Hin und her jetzt, drei Meter hin, drei zurück, der ist in zwei Schritten von einer Wand an der anderen. Jetzt reicht es mir, jetzt drehe ich mich um und schlafe, ganz vernünftig bin ich jetzt, zwei Uhr, warum sollte ich nicht schlafen, wenn der nur nicht, das Fenster, kalt muss ihm sein, das zieht doch durch das zerbrochene Glas –
vielleicht, wenn ich an Silvia denke auf der anderen Seite, wo sie zu Hause ist, grad gegenüber, wenn ich unter meinem Bett ein Loch graben würde, tiefer und tiefer und als Maulwurf bei ihr herauskäme, bei ihr wird es wärmer und bei uns kälter, ich stecke Tulpenzwiebeln und bei ihr schiessen sie, so weit weg mein Kind, heimatlos wir beide, sie hat meine Heimat mitgenommen, wie spät es bei ihr ist?  Nie weiss ich ob es früher oder später, egal, sie bäckt einen Kuchen, von mir habe sie das, sagt sie, alle Rezepte von mir, sie rührt das Germanistikstudium in den Mohnkuchen, wer will gute Kuchen backen, Eier und Mehl, Safran macht den Kuchen geel, sieben Sachen, Stecklinge schickt sie, ein Stück Silvia im Schrebergarten, nächstes Jahr fliege ich zu ihr, aber sicher, ich steige ins Flugzeug, ich schliesse die Augen, ich schliesse die Augen... ich –
Rumms. Das war der Kopf. Gegen die Wand. Der will sich die Bilder aus dem Kopf schlagen, ich sollte die Polizei anrufen oder die Krisenintervention oder irgend etwas müsste man tun. Wie mit dem, den ich aus dem Busch zog, und Arthur ging weiter und wollte nichts damit zu tun haben, aber ich ging hin und zog ihn raus, zerkratzt war er, das ganze Gesicht ein einziger Kratzer und besoffen, und ich zog ihn raus, ich sollte vielleicht, oder jemand, warum hört das denn niemand, das kann man doch nicht einfach, zuhören, wie der sich den Kopf an die Wand, der muss ja in einem Zustand sein, gut, man soll sich nicht überall einmischen, aber trotzdem, wenn der nur nicht, ich stopf mir die Finger in die Ohren, weil schliesslich, was soll ich, wer soll denn –
Müde bin ich, geh zur Ruh, Silvia und Koni, abends beim Zubettgehen, gläubig bin ich nicht, und trotzdem, beruhigend, geh zur Ruh, deine Gnad und dein Huld, was ist Huld, Mami – Silvia – es reimt sich auf Schuld – Koni. Der da drüben hat weder Gnade noch Huld, keinen Gott, der ihn beschützt, ich weiss nicht, ob er betet, in welcher Sprache, zu welchem Gott, aber heute Nacht antwortet niemand auf sein Rufen, Huld Schuld, Kopf Tropf, der arme Kerl, schlafen möchte ich, schlafen, schlafen. Morgen ist alles vorbei, morgen sage ich, es war ein Albtraum, mein ganz persönlicher Albtraum.
Wenn er schnarchen würde, der da drüben, was für ein Ärger, ich würde aufstehen und an die Wand schlagen, und rufen würde ich, Ruhe, Ruhe, und an die Wand, und er im Bett
mit dem Kissen über dem Kopf. Sein Albtraum, mein Albtraum, Träume, so viele Träume, Reiseträume, ich allein mit einem leichten Koffer in den Zug und weg, irgendwo aussteigen, irgendwo ankommen und wieder einsteigen, fahren, fahren, Bäume, Träume, alles zieht vorüber, ich ziehe vorüber und Musik im Kopf, ich fahre in meinem eigenen Film mit diesem kleinen Gerät, auf das Koni die Musik geladen hat. Ich fahre, und das Klavier klettert die Hügel hinauf, die Trompete rauscht den Fluss hinunter, ich allein, niemand, der sagt, fragt, will, ich ganz still, ich für mich, und abends ein Zimmer, ein Bett –
drei Meter von einer Wand zur anderen. Müllers Stimme, endlich, ein Klopfen, ein Rufen, endlich, seine Sache, er will schliesslich aus jedem Kämmerchen Gewinn, was geht mich das, hören sie auf, schreit Müller, drei Uhr früh. Jetzt wird Ruhe sein, der wird das begreifen, dass das nicht geht in einem Mietshaus um diese Zeit, Müller schlägt an die Tür, hinter der das Bett steht, und der da drüben gibt Ruhe, endlich. Müllers Schritte auf der Treppe und Ruhe. Wenn ich schon früher, aber was hätte ich sollen, ich als Frau, vielleicht hätte er ganz anders reagiert auf mich als auf Müller, wäre ruhig geworden oder
grob, wer weiss, Koni, das weiss niemand, wie er regiert hätte, natürlich, zuerst sorgfältige

Klärung, das ist deine Devise, und dann, ganz objektiv, natürlich, objektiv waren Schreie zu hören, Rufen, lautes Lärmen. Wie objektiv ist Angst? Ich rieche sie, Koni, ich rieche seine Angst, da kannst du sagen, was du – und morgen, gleich morgen bringe ich ihm eine Suppe, und eine Decke vielleicht, wer weiss ob ihm Müller genügend Decken, jetzt, wo es kalt wird und das Fenster kaputt, eine gute Rinderbrühe, nach dieser Nacht –
Sirenen. Immer näher, Krankenwagen, Polizei, vor unser Haus fahren sie, das blaue Licht über der Decke, das rote Licht, Arthur, die stehen vor dem Haus, die Polizei, der Krankenwagen, jetzt ist der – Arthur, hörst du das, Arthur?