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Oktopus/drei Herzen/ von Keiko Saile

Text des Monats Juni 2006 (Thema: Bildbeschreibung)

Autor/in:

Oktopus/drei Herzen/

(inspiriert von Paul Cézanne, «Une moderne Olympia»)

Die Nacht wölbt sich über die Stadt. Ich lehne am offenen Küchenfenster, die Rauchfäden der Zigarette kräuseln sich in der Dunkelheit, lösen sich auf. Die Küche jedoch wird den satten Duft der Fischsuppe umschlossen halten. Ich blicke hinab in den Hof, den ein einziges Licht erhellt, eine bewegungsempfindliche Lampe über dem Fahrradständer. In der Mitte, nicht ganz der Mitte des Hofes der dunkle Punkt des Gullideckels, eingebettet in das Filigran von Kopfsteinpflaster, der dunkle Punkt gegen den orange glühenden zwischen meinen Fingern. Die Lampe im Hof erlischt. Ich werde ein paar Löffel Suppe in einen Teller schöpfen und hinüber zu Finn gehen.

Am Nachmittag habe ich die Gefriertruhen im Hause meiner Mutter geleert, meine Mutter auf Reisen und endlich Zeit, die Gefriertruhen zu enteisen, eine Sache, die sie nie macht. Sie bringt es nicht übers Herz, Essen zu vernichten, aufzugeben, wie sie es nennt, Erbsen mit Gefrierbrand, eingetütete Soßen, koreanische Seealgen, die sie wie Baumkuchen in die Bäuche der Truhen stapelt und schließlich vergisst, je tiefer die Schicht. Das meiste habe ich sofort weggeschmissen, das meiste, bis auf acht, neun Fische und einen ganzen Oktopus. Die Fische waren laut Haltbarkeitsdatum noch in Ordnung, der Oktopus lag in der aufgeschäumten Schale hinter Plastik, festgefroren zu einem vorwurfsvollen Klumpen. Ich habe die Gefriertruhen ausgeräumt, alle drei, und das Eis mit einem Messer weggeschlagen, während draußen zum ersten Mal im Jahr die Sonne schien.
«Sie wird sich freuen», sagte Finn, «wenn sie nach Hause kommt», und ich dachte, sie würde wütend auf mich sein, weil sie sich schämte für die bunten Lagen aus Gemüse und Fisch in ihren Truhen.

Ich taute den Oktopus im Garten auf, er schmolz in seiner violetten Schale, die Spitzen der Arme reichten bis ins saftige Gras. Ich setzte mich daneben, beobachtete, wie der Oktopus weicher wurde, während drinnen die Türen der Gefriertruhen offen standen und Finn vor dem Fernseher Maracuja-Eis löffelte. Er brüllte, als die Niederlande ein Tor schossen, und ich hatte plötzlich Lust, einen Diwan in den Garten zu stellen, ein weißes, wallendes Laken darüber, und den Oktopus in den Schatten darunter.

Vor der zweiten Halbzeit des letzten Spiels am Abend packte ich den Oktopus, die Makrelen und den Lachs in eine Tüte. Finn trug die Fischtüte zum Auto, wir verließen Mutters Haus, um wieder in die Stadt zu fahren.

«Unsinn, das ist völliger Unsinn», sagte Finn.
«Du hörst überhaupt nicht zu.»
«Ich höre zu, aber warum fängst du jetzt damit an?»
«Warum nicht jetzt? Schließlich bin ich in einem Monat weg.»
«Weg», rief Finn und hielt mir die Autotür auf, «weg», murmelte er, «du ziehst nach Zürich, vier Stunden von hier, nur vier Stunden, was soll das.»
Ich stieg in den Wagen, stellte die Fischtüte auf den Boden, Finn ging ums Auto, setzte sich ans Steuer und legte mir die Hand aufs Knie.
«Du verstehst gar nichts», sagte ich und starrte auf die Ausbuchtung der Tüte.
«Ich fand das Wochenende schön.» Finn zog seine Hand zurück und legte den Rückwärtsgang ein.
Du hast ja auch WM geschaut, dachte ich, während ich das Eis aus den Truhen gekratzt und den Versuch einer Oktopus-Wiederbelebung unternommen habe. Aber ich behielt es für mich. Finn konnte nichts dafür, dass ihm Zürich auf Anhieb gefallen hatte, eine Sache, um die ich ihn beneidete.

«Ich auch, ich fand's auch schön», murmelte ich, als wir schon auf der Autobahn waren und er sah mich an, überrascht, dass ich doch noch etwas sagte. Er hatte sich darauf eingestellt, mich auf der ganzen Fahrt schweigend neben sich zu haben. Er saß ganz ruhig, ein Profil wie ein Buddha, glatt und sanft, und ich wunderte mich, dass selbst, wenn er «Unsinn, völliger Unsinn» rief, dieses Gesicht so glatt und sanft blieb. Er hätte doch ein paar Kanten im Gesicht haben sollen, eine Narbe vielleicht, oder ein Muttermal.
«Warum gefällt dir Zürich?» fragte ich.
«Warum? Wie meinst du das, warum? Ich mag die Stadt eben. Ich bin hingefahren und mochte es.»
«Wie bei Menschen,» sagte ich leise, und Finn beugte den Kopf zu mir, ohne den Blick von der Fahrbahn zu wenden:
«Was?»
«Wie bei Menschen», wiederholte ich, «man begegnet ihnen und findet sie sympathisch - oder eben nicht. Städte sind wie Menschen.»
«Ich werde dich besuchen. Gib ihr eine Chance. Der Stadt, meine ich. Und den Job wolltest du doch unbedingt.»
«Du klingst wie meine Mutter.»
Finns Mund klappte zu. Wenn ein Buddha ratlos aussehen könnte, hätte er Finn in diesem Moment geähnelt.
Dann fragte er, ob ich zu mir wolle oder mit zu ihm. Die Straßenlaternen und die Räume dazwischen warfen Lichter und Schatten auf Finns Gesicht.
«Zu mir.»


Er fuhr direkt in die Hofeinfahrt des Hauses, in dem ich noch immer ein Zimmer hatte, obwohl ich die meiste Zeit bei ihm wohnte. Er kam selten zu mir, blieb nie. Es war wie eine Abmachung, die wir ungesagt getroffen hatten - wenn ich allein sein wollte, ging ich in meine Wohnung.
«Na dann», sagte er, aber ich bewegte mich nicht. «Was ist?»
«Ich habe es mir anders überlegt»?, gab ich zurück. «Kann ich die Suppe bei dir kochen?»
Finn lachte und küsste mich auf die Wange.

In der Wohnung schaltete Finn den Fernseher ein, die letzten Minuten des Spiels Angola gegen Portugal (oder war es Mexiko gegen Iran?). Ich ging in die Küche, die schmale Küche mit dem Fenster, aus dem man über vier Stockwerke hinab in den Hof spucken könnte. Ich packte den Oktopus aus und setzte ihn auf einen Teller. Ich stellte ihn neben das Glas mit dem Rest Rotwein, Wein vom vorigen Abend, oder dem Abend davor. Er schmeckte sauer, ich schüttete ihn in den Abguss, das Becken färbte sich, ich ließ Wasser darüber laufen. Zürich, vier Stunden. Ich hätte nicht damit anfangen sollen, als wir im Auto saßen. Aber selbst die Hitze, die den Geruch schmelzenden Teers durch die Lüftung in den Wagen trieb, konnte mich nicht ablenken. Zürich/vier/Stunden.

Finn klatschte, als das Spiel abgepfiffen wurde und kam in die Küche. Er warf einen kurzen Blick auf die Oktopusskulptur und fragte, ob er mir mit der Fischsuppe helfen könne. Ich wickelte die Makrelen aus der Tüte, samt Kopf und Kiemen, und die Lachsfilets.
«Du könntest die hier schneiden», sagte ich und deutete auf die Fischleiber. Er zögerte.
«Ok», sagte er schließlich und griff nach dem Messer. In der hinteren Ecke des Kühlschranks entdeckte ich Zitronengras und einige Chillies.
«Die Suppe ist für morgen, oder?» fragte Finn.
Ich goss Brühe in den Topf. «Und für den Rest der Woche.»
Finn hielt inne. «Nicht dein Ernst.»
«Klar doch.»
Ich ging aus der Küche, um meine Mutter anzurufen und sie wegen des Oktopusses zu fragen.
«Wenn sie sich nicht sofort daran erinnert, werfen wir ihn weg!»

Mutters Stimme überschlug sich vor Freude, sie hatte der Einweihung des neuen Tempels beigewohnt und die komplizierte Blumenverzierung selbst gesteckt, sie könne deswegen ihre Arme kaum noch bewegen, sie erzählte und lachte und ließ mich nicht zu Wort kommen.
«Und ihr», rief sie, «wie geht es euch?»
«Gut», sagte ich und fragte nach dem Oktopus.
«Welcher Oktopus?»
«Aus einer deiner Gefriertruhen.»
«Was wolltest du an meiner Gefriertruhe?»
«Nichts», sagte ich, «ich habe den Oktopus zufällig entdeckt, und ein paar Fische für eine Suppe. Wir haben das Wochenende in deinem Haus verbracht.»

Meine Mutter mochte es, wenn wir uns in ihrem Haus aufhielten, sie mochte es auch dann, wenn sie auf Reisen war. Sie stellte sich vor, wie wir auf ihren Sofas saßen und in ihrem Garten, aber an den Oktopus konnte sie sich nicht erinnern.
«Ich bin mir sicher, den habe ich vor ein paar Wochen gekauft», sagte sie. Ich ging zurück in die Küche und bedeutete Finn, den Oktopus wegzuwerfen. Er zuckte mit den Schultern und zerteilte weiter die Makrelen. Als er fertig war, legte er das Messer beiseite, goss Aloe-Vera-Spülmittel auf seine Hände und schrubbte sie im dampfenden Wasserstrahl. Ich war noch immer am Telefon, meine Mutter erzählte schnell, in rhythmischem Staccato, vermischte ihre beiden Muttersprachen, was ihr nur passierte, wenn sie in besonders euphorischer Stimmung war oder kreuzunglücklich. Ihr Wortschwall beruhigte mich, ihre Stimme klang nah, trotz der Entfernung, die zwei Kontinente und einen Ozean umspannte. Ich setzte mich auf den Küchenboden. Finns Finger waren rot vom heißen Wasser. Ich schlang einen Arm um Finns Bein, zog ihn zu mir her und küsste den Stoff seiner Hose an der Stelle, an der sich sein Knie abzeichnete. Er stemmte die roten Hände in die Seiten, schüttelte lächelnd den Kopf, dann nickte er, malte Kreise in die Luft und ich wusste, dass er in sein Zimmer gehen würde, um an einer Zeichnung zu arbeiten. Ich blieb auf dem Boden sitzen, auf dem Tisch die Makrelen, die Lachsstücke, die Stimme meiner Mutter an meinem Ohr.
«Du machst also Fischsuppe», stellte sie schließlich fest und ich wusste, dass meine Mutter nun alles erzählt hatte, jedenfalls für diesen Abend.
«Vergiss nicht die Chillies», sagte sie noch, «und benutz den Oktopus lieber nicht.»

Zitrone oder Kokosmilch, was fehlt noch? Ich lasse Finn probieren, einen Schluck aus der kleinen Schale, in der ich drei Löffel Suppe in sein Zimmer hinübergetragen habe, er schlürft und sagt, Zitrone, und ein bisschen schärfer vielleicht. Ich bin erschöpft, meine Arme schmerzen vom Eishacken an den Gefriertruhen, wozu braucht ein einziger Mensch drei Gefriertruhen, aber alles löst sich auf, zumindest für diesen Abend, der Zürichknoten, die Unlust, alles löst sich warm in einem Topf voll Suppe mit Zitronengras und Chillies, und Finn nimmt mich in den Arm und sagt, schön, dass du doch noch mitgekommen bist.

Den Oktopus werde ich nicht in den Mülleimer werfen. Er sitzt auf seinem Porzellan, im ganzen Stück, mit acht Tentakeln und seinen akkuraten Reihen von Saugnäpfen. Finn erzählt, Oktopusse hätten einen Lieblingsarm, den sie häufiger benutzten als ihre anderen Arme - und sie hätten drei Herzen. Ich frage mich, woher Finn das weiß. Ich werde den Oktopus draußen begraben, auch wenn Finn mich auslachen wird. Er wird sich auf die Schenkel klopfen vor Lachen, um mich herumtanzen und «Du spinnst» rufen, mit glattem, sanftem Buddhagesicht, ich sei verrückt, wird er rufen, einen Tintenfisch zu beerdigen, drei Herzen hin oder her.