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Prallrote Kirschen von Max Weber

Text des Monats Juni 2013

Autor/in:

Wörter des Monats Juni: Opfer, knirschend kauen, Dyspnoe, Punze, versperrt.

 

Prallrote Kirschen

Es ist sieben in der Früh, Jost sitzt in seinem Liegestuhl auf dem Rasen, hart an der Grundstückgrenze, dick vermummt, es ist zwölf Grad, die Sonne zeigt sich noch nicht. Seit vier Uhr hat er wachgelegen, um sechs gefrühstückt und nachher mühsam den Liegestuhl durch den Garten geschleppt, tief gebückt, in der rechten Hand den Stock und links den Stuhl über den Boden nachgezogen, Schritt, Halt, Schritt, Halt, zwanzig Minuten lang, atemlos, durchgeschwitzt. Nebenan sind vier Gärtner und ein Bagger aufgefahren, es wird gegraben, gepflanzt und angesät.

Jost fixiert den Kirschbaum des Nachbarn, der vorderste Ast ist voll prallroter Kirschen, die Leiter angelehnt, Balz wird kommen, irgendwann, und wenn es auf allen vieren wäre, die Früchte sind zu süss. Nur ruhig sitzen bleiben bis zum Abend und wenn nötig wieder am nächsten und am übernächsten Tag, schön versteckt hinter dem Fliederbusch und voll Vorfreude auf das Zuschauen.

Als wäre es gestern gewesen, ist alles noch ganz klar in seinem Kopf, wie der Vermessungsgehilfe das eine Schnurende in der Hand gehalten hatte und Balz das andere, die Schnur knapp über dem Boden straff angezogen, vom Grenzstein hinüber zur Wiesenecke, und wie dann der Geometer scharf durch den Theodoliten guckte und mit der rechten Hand Zeichen gab, ein bisschen mehr nach links, dann wieder nach rechts und dann bedeutungsvoll nickte. Der Kirschbaum war knapp hinter der Schnurgrenze, auf Balzland, der Gehilfe notierte, Balz unterschrieb das Protokoll, die Landvermesser verabschiedeten sich. Jost hatte vom Mansardenfenster aus durch den Feldstecher alles mitbekommen, er muss nur die Augen schliessen, und er sieht noch alles genau vor sich, seinen wunderschönen Baum hinter der Schnur und das Grinsen von Balz, selbstsicher, süffisant. 

Die prallroten Kirschen sind immer wieder reif geworden, Jahr für Jahr, genau hinter dem Grenzstein, und Balz ist hinaufgestiegen, den Kratten um den Bauch, als wäre der Stein schon immer an diesem Ort eingegraben gewesen. Jetzt sind die Gärtner da und der Bagger, alles ist versperrt, die Zeit drängt, für Jost und Balz und den Baum, doch Balz wird es schaffen, bis zu der Leiter und zu den Kirschen, irgendwann. Jost schleppt sich zum Haus zurück. Er schläft die ganze Nacht durch, in freudiger Erwartung.

Alles hatte vielleicht schon mit Marianne begonnen, er weiss es nicht mehr, aber eines ist sicher, ein versetzter Grenzstein und Kratten um Kratten voll gestohlener Kirschen sind übriggeblieben und ein Baum, der sich nicht wehren kann, alles andere spielt keine Rolle mehr.

Am nächsten Tag liegt Jost wieder im Liegestuhl hinter dem Fliederbusch, zweimal ist er hingefallen, zwischen dem Haus und der Grenze, über der rechten Braue klafft eine Schürfwunde und das linke Handgelenk ist blau angeschwollen, morgen wird er die Kraft nicht mehr haben, aber Balz wird sicher noch heute erscheinen, die Kirschen sind überreif. Auf welche Seite kommt das Opfer wohl zu liegen im freien Fall aus der Baumkrone, man könnte wetten darauf, und bei links zwei Gläschen Grappa Stravecchia geniessen und bei rechts wäre es eben nur eines. Passieren kann nichts, Jost sitzt blessiert im Liegestuhl und es ist der andere, der auf einen Baum steigen wird, alterszittrig. Alles ist bereit, die Zeit drängt.

Gross, vollbusig und schwarzhaarig war sie gewesen, die Marianne, das weiss Jost noch ganz genau, aber an das Gesicht erinnert er sich nicht mehr, irgendwie hübsch, das ist alles, was ihm in den Sinn kommt. Gebrochen deutsch hatte sie gesprochen, mit einem französischen Akzent, auch das ist im Kopf geblieben, und dass er sie Balz einmal ausgespannt hatte mit achtzehn Jahren; keine Ahnung was aus ihr geworden ist, wahrscheinlich ins Welschland zurückgekehrt, was soll es. Aber den Grenzstein, den hat er versetzt, der Balz, die Erde war noch aufgewühlt, einen Meter daneben war er vorher vergraben gewesen, auf Jostseite, man hat es der Stelle noch lange angesehen, aber Landvermesser merken so etwas nicht. Nun drängt die Zeit.

Auf dem Balzland nähern sich zwei Männer der Grenze, der Vordere könnte Balz sein, gross und schwerfällig. Der Hintere ist viel jünger und trägt ein längliches Werkzeug, aber  der wird doch nicht auf den Baum steigen, das Warten wäre für nichts gewesen. Jost hält den Atem an, Balz ist zu allem fähig. Der ältere der Männer geht auf die Leiter zu und legt sie auf den Boden. Der Jüngere kommt mit der Motorsäge und beginnt den Stamm anzufräsen. Der Wipfel wankt. Jost schreit auf, klettert mühsam aus dem Liegestuhl, stolpert über den Wurzelstock des Fliederbusches, sein Kopf schlägt auf eine Gartenplatte, zwei Meter neben dem Grenzstein.

Der Baum liegt am Boden, ganz mit Efeu überwachsen, ein einziger Ast ist voll prallroter Kirschen, der Rest ist tot. Die Gärtner haben den Schrei gehört und Jost ins Spital gebracht. Er ist am gleichen Abend im Alter von 94 Jahren, sechs Monaten und drei Tagen verstorben, Dyspnoe, lebensbeendende Atemnot, die Diagnose.

Es sind nicht mehr viele Leute zu seiner Beerdigung gekommen, eine Handvoll entfernter Verwandter, der Besitzer des Nachbargrundstückes und einige Alte aus dem Dorf, darunter ein seit langem pensionierter Lehrer. Ein Grossneffe kümmert sich um die Erbschaft, er hat die kleine Trauergemeinde zu einem Imbiss in den Hirschen geladen, den Grossonkel hat er kaum gekannt.

Der alte Lehrer erzählt aus Josts Leben, das wenige, das er davon weiss. Jost habe die letzten Jahrzehnte allein in seinem Haus gewohnt und sei im Alter ziemlich seltsam geworden. Tagelang sei er im Liegestuhl in seinem Garten gesessen, habe den knapp hinter der Grenze liegenden alten Kirschbaum auf der Nachbarswiese angestarrt, und von Zeit zu Zeit über den ursprünglichen Baumbesitzer, der vor langer Zeit gestorben ist, fürchterlich geflucht. Balz habe der geheissen, ein Nachbarbub, sei mit dem Jost in die Schule gegangen, durch dick und dünn hätten sie zusammengehalten, und man erzählt, sie hätten sogar die Freundinnen geteilt. Irgendwann sei es dann zu einem Grenzstreit zwischen den beiden gekommen, um den Kirschbaum ist es gegangen und wohl auch um eine Frau, wurde gemunkelt. Und dann verunfallte der Balz tödlich, vom Kirschbaum gefallen, die Leiter defekt, Jost habe von seiner Seite her zugesehen, es wurde viel geredet, zu beweisen gab es nichts. Die Abergläubischen haben immer behauptet, das sei die Strafe für die Verschiebung eines Grenzsteines gewesen. Aber all dies ist sehr lange her, und die Wahrheit ist wohl etwas strapaziert worden.

Im Herbst ist auf jeder Seite der Grenze ein neuer Baum gepflanzt worden, je etwa fünf Meter vom Grenzstein entfernt. Der Besitzer des Balzlandes und Josts Grossneffe haben die Kosten geteilt und hoffen auf einen gnädigen Schattenwurf. Beides sind Kirschbäume, einer mit roten und einer mit schwarzen Früchten, damit man darüber streiten kann, welche Farbe schöner ist. Es sind alte Sorten, prallrund die Früchte, strahlend wie spiegelgeschliffene Edelsteine eines Ohrgeschmeides, und mit der Lupe könnte man beim Stielansatz eine winzige Kerbe entdecken, fein ziseliert wie die Punze eines Goldschmiedes. Man meint ein „B“  darin zu erkennen, „B“ wie Balz. Jost wird im Jenseits zähneknirschend daran zu kauen haben.