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Räuber von Heike Henzmann

Text des Monats Februar 2012 (Thema: Familie)

Autor/in:

Räuber

Wie jeden Morgen nach dem Erwachen holte Ayumi als Erstes ihr Blatt Papier aus dem Nachttisch. Mit der kleinsten Schrift, die ihr möglich war, trug sie die neuen Zahlen ein. Sieben Jahre, drei Monate und zwölf Tage, so alt war sie heute. Seit ihrem siebten Geburtstag führte sie nun schon Buch. 
Die Vorderseite war in sechs gleich große Kästchen aufgeteilt, die Rückseite in fünf. Und jedes dieser Kästchen war wiederum unterteilt in drei Spalten und vier Zeilen. Im ersten Monat hatte sie das Kästchen viel zu groß beschrieben und so war es passiert, dass sie sich Platz vom zweiten Monat ausleihen musste. Beim zweiten Monat hatte es besser geklappt und sie hatte nur noch ein kleines Eckchen vom dritten gebraucht. Im dritten Monat hatte ihr der Platz gereicht, sogar trotz des fehlenden Eckchens.
Als sie mit dem Aufschreiben fertig war, schob sie ihr Blatt zurück in die durchsichtige Plastiktasche, in der sie es aufhob. Schliesslich musste es noch lange halten, zehn Jahre, acht Monate und achtzehn Tage, um genau zu sein. 
Ayumi stand auf, wusch sich an dem kleinen Waschbecken ihres Zimmers, kämmte ihre langen Haare und zog sich die graue, etwas knappe Stoffhose an und den grünen Wollpulli dazu, dessen Farbe so gut zu ihren roten Haaren passte. 
Sie musste dringend auf die Toilette, doch es war noch nicht Zeit. Wenn sie jetzt klopfte, dann war das vielleicht nicht gut. Aber vielleicht machte es auch nichts. Es war immer ein wenig anders. Wartete sie, bis Zeit war, dann passierte nichts. Jedenfalls fast immer nichts. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Das war zu lang. 
Ganz vorsichtig hob Ayumi ihren Hocker, der neben dem Bett stand, an, damit er kein Geräusch machte. Dann trug sie ihn zum Waschbecken und stellte ihn ebenso geräuschlos wieder ab. Sie kletterte darauf, zog ihre Hose herunter und pinkelte in das kleine Becken. Auch wenn sie es nicht gern machte. Gar nicht gerne. Es ekelte sie immer hinterher beim Saubermachen. Und das Zimmer roch, denn sie konnte es nicht lüften, bis Zeit war. 
Als sie schließlich fertig war, seufzte sie erleichtert, zog die Hose hoch und stieg vom Hocker. Sie räumte ihn wieder an seinen Platz, dann ließ sie Wasser in einen Becher laufen und verteilte es im Waschbecken, bis keine gelben Flecken mehr zu sehen waren. Auf dem Abflussrohr des Waschbeckens hing ein kleiner Lappen. Sie befeuchtete ihn und wischte das Becken damit aus. Dann wusch sie das Tuch und putzte das Becken erneut aus, diesmal mit ein wenig Seife und beim dritten Mal wieder mit klarem Wasser. Zum Schluss wrang sie das Tuch ganz fest aus und wischte das saubere Waschbecken trocken, so gut es ging. Die Seife, die sie im Moment benutzte, war besser als die letzte. Sie roch nach Vanille und es stank nach dem Saubermachen nicht so schlimm wie sonst.
Ayumi ging zu dem Nachttischchen neben ihrem Bett, das bei Tag ihr Tisch für die Hausaufgaben war. Darunter stand eine Plastiktüte mit ihren Schulsachen. Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass der Aufsatz, den sie für heute schreiben musste, auch wirklich gut war, nahm sie die Tasche in die Hand und wartete vor der Tür.
Wenig später drehte sich der Schlüssel im Schloss.
„Es ist Zeit“, sagte ihre Mutter, als die Tür ganz offen stand. Während sie zum Fenster ging und die Schlösser an den Rollläden und die Fenster öffnete, ging Ayumi nach draußen.
„Das stinkt vielleicht hier“, sagte die Mutter und Ayumi war sich einen kurzen Moment unsicher, ob sie vorhin richtig entschieden hatte. Einmal hatte die Mutter gerochen, was sie getan hatte. Doch diesmal passierte nichts.
Ayumi nahm den Apfel, den ihre Mutter ihr für die Frühstückspause hingelegt hatte, und machte sich auf den Weg in die Schule. Manchmal gab es auch ein Brot, aber das war selten. Seit der Lehrer sie dafür gelobt hatte, wie vernünftig sie sich ernährte, hatte sie aufgehört, die Mutter darum zu bitten. Auch wenn sie nach dem Apfel fast immer noch hungrig war.

Es versprach ein guter Tag zu werden, denn der Unterricht begann mit Deutsch, Ayumis Lieblingsfach. 
„Wer möchte seinen Aufsatz vorlesen?“, fragte der Lehrer und Ayumis Finger schnellte nach oben. 
„Ja, Ayumi, bitte.“ Der Lehrer ließ sich hinter seinem Pult auf den Stuhl sinken. 
Ayumi erhob sich von ihrem Stuhl und nahm ihr Heft in die Hand. 
„Die Räuber“, begann sie langsam und deutlich vorzulesen. So lautete das Thema. „Ich mag Räuber nicht. Überhaupt nicht. Räuber sind böse, sagt meine Mutter. Sie bestehlen andere Menschen und manchmal stehlen sie sogar Kinder, aber nur rothaarige.“ 
Erfreut hörte Ayumi, dass ihre Klassenkameraden lachten.
„Und deshalb ist es so wichtig, dass man sich vor Räubern schützt“, fuhr sie fort. „Ich bin sehr froh, dass meine Mutter so gut auf mich aufpasst. Nach der Schule gehe ich immer ohne Umweg nach Hause, so wie sie es mir gesagt hat. Meistens ist mein Zimmer dann schon vorbereitet. Die Jalousien sind unten und die Schlösser daran abgeschlossen. Auf meinem Tisch steht etwas zu essen. Meine Mutter schließt hinter mir immer gut ab, so dass kein Dieb zu mir hereinkommen kann. Wenn ich etwas brauche, klopfe ich, und meistens kommt dann meine Mutter und gibt es mir. 
Am schlimmsten ist es, wenn die Räuber in der Nähe sind. Dann bindet mich meine Mutter zur Sicherheit an der Kleiderstange in meinem Kleiderschrank fest. Da können sie mich nicht finden, sagt sie, und selbst wenn sie mich finden, können sie mich nicht mitnehmen.
Wenn ich achtzehn bin, muss ich keine Angst mehr haben vor den Räubern, denn dann bin ich kein Kind mehr. Aber es ist noch so lang bis dahin. Ganz genau noch zehn Jahre, acht Monate und achtzehn Tage.“
Erwartungsvoll sah Ayumi von ihrem Heft auf. Doch niemand lachte mehr.