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Rotkohlkochen ist auch Kultur von Melanie Tayebbeh Khoshmashrab

Text des Monats Oktober 2015 (Thema: Zitat)

Autor/in:

Das Zitat für die Monate Oktober bis Dezember ist: «Doch bis dahin leb ich weiterhin im Spannungsfeld, das sich zwischen Bild und Wirklichkeit aufrecht erhält.» (aus dem Song "Bild" von Dagobert)

 

Rotkohlkochen ist auch Kultur

 

Ilse. Du hast

das kleine graue

Buch

bei mir vergessen

Auf dem Tisch

Ich las es

beim Essen

die Geschichte ist grau und rau

wie der Einband

ich schämte mich oder hätte es sollen

als ich fingerdick den Emmentaler schnitt

als mir saure Gurken, Radieschen

Graubrot mit Teewurst

Gelee

am Gaumen doll wie Naschereien rollen

fettige Finger

dunkel vorm Fenster

der Junge auf Papier

ist ein Gefangener, ein Russe oder Ungar, ich weiss es nicht

du kennst ihn ja

er sammelt Krumen unterm Kopfkissen

formt in den brotkargen Nächten

eine klebrige Kugel

gelbgraue Nägel

das Brotbällchen tauscht er gegen Brotball

wenngleich die Grösse nur täuscht

an Salz und Zucker mangelt es

hinter Gittern, hinter Mauern, hinter Land

ich mag meine Tomaten gut gesalzen

den Senf süss auf der Wurst

auf dem Tellerrand

mit jeder Buchseite, jedem Schlucken

wächst meine Schaulust oder sollte nicht

der Junge in Grau, oder ist es ein Mann, ich weiss es nicht

du kennst ihn ja

ist nah dran sich vorm Tode zu ducken

um den trockenen Gaumen zu ölen, leckt er an Türklinken

klopft an Türen, saugt an Baumblättern

ab und zu wiegt er die schiefe Hüfte der Erna über den Hof

bei Gewitter

der Saum ihrer Schürze schleift übers Pflaster

hart wie Eierkarton

grau wie der Einband dieser Geschichte

er, der Russenungar, sieht nicht, wie ihre Mundwinkel zucken

sie singt ein Lied

das er nicht hören kann

Strophen von winkenden Seemännern, von der Ernte der Birnbäume

von dort wo sie herkommt, die Erna

wo sie nie wieder hingeht, die Erna

wohin er sie nie begleitet

die Zeit bis zum nächsten Brotkrumen

ist eine Festung

die stille Gier im Tanze füllen

die Lust am Geniessen ist längst gegangen

keinem Warten gewichen

einer Hülle

einem Ausharren

einem Sein ohne Sinn

er denkt an Kartoffelknödel

wenn er die Erna von rechts nach links wiegt

hinterm Ohr riecht sie nach Bratensosse

so herzhaft, nach Lorbeer

zusammen, gleichsam einsam

singen und riechen sie

nach der Seeluft, nach geschmorten Birnen

lösen sich auf

im Tanz

ganz

 

 

Ilse. du hast das kleine graue Buch vergessen

auf diesem Tisch

ohne dich ist es wortlos

die Zeilen zittern, die Seiten schaudern

dieses Buch ist so grau

wie mein Herz, wie mein Gefühl

für den Jungen

wann kommst du wieder

Ich sitze verschämt

gleichsam schamlos

nach diesen Seiten

im grauen Band

wann drehst du dich

in meiner Küche

wann ziehst du aus

um zum Markt zu gehen

hol sie ab

diese Brotkugel-Geschichte

füll uns den Gaumen

mit Schmalzbroten

deinem samtigen Rotkohl

in mir ein unerträgliches Fluchen

ich sollte dich suchen

doch ich kann nicht

fühle mich gefangen

wie der Russe oder Ungar

sag mir, kennst du ihn

ich sehne mich

nach deinen Haaren, die am Rand des Kochtopfs kleben

nach Kartoffelknödeln im Saft

nach deinen stillen Liedern

nach deinen Fingern

die meine Hose am Bund nach oben ziehen

eine Festung

wieso hast du den grauen Jungen gelassen

wo er ist

den Russen oder den Ungar

wieso hast du mich sitzenlassen

der Emmentaler schmeckt sauer

die Gurken sind spröde geworden

die Radieschen noch schärfer

die Leberwurst bröckelt

mir fehlt Salz und Zucker

wann holst du uns ab

wann färbst du grau

zu hellblau

oder fliederfarben

betrügst du uns etwa

mit andrem Fleisch

weil ich dir nicht reich

Frau

ich habe Hunger

nach dir

du hast

das kleine graue

Buch

vergessen. Ilse.