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Schmetterlingsflügel von Irène Dudle

Text des Monats September 2013

Autor/in:

Wörter des Monats September: versnobt, überholen, ringen, dreist, übereinkommen

 

Schmetterlingsflügel

Ich sitze im Zug und spüre, wie meine Schweissdrüsen in den Achselhöhlen quellen, platzen und Unterhemd und dünnes Strickjäckchen nässen. Ich spreize die Ellbogen ab, wenige Zentimeter, das Abteil füllt sich, die Reisenden drängen mit Aktenkoffern, Rucksäcken durch den Mittelgang, „darf ich?“, „ist der Platz noch frei?“ Ich drücke die Knie zusammen, schiebe die Beine unter das Tischchen, starre aus dem Fenster, die Augen suchen die Bahnhofsuhr. „Fünf Arbeitstage dauerts. Dann sind die Laborwerte bekannt. Sie können mich anrufen.“ Ich presse die Stirn gegen die Fensterscheibe, schliesse die Augen, rolle mit der Wange über das kühle Glas. Fünf Arbeitstage, und heute ist Donnerstag, morgen Freitag, dann kommt das Wochenende, danach Montag, Dienstag, Mittwoch, bis Mitte nächste Woche also, oder zählt das Heute nicht dazu, und wenn das Labor fünf Arbeitstage braucht, soll ich am Abend des fünften oder erst am Morgen des sechsten Tages anrufen? Mein Strickjäckchen klebt unter den Achseln, ich spreize die Ellbogen weiter ab, öffne die Augen, wische mit dem Handrücken über die Stirn, die Jeans, schlage das rechte Bein über den dunklen Stoffstreifen auf dem linken, öffne den Reissverschluss des Jäckchens, während ich den Geschäftsmann mit Krawatte auf dem Sitz gegenüber mustere. “Kommen wir überein, ein Befund ist da“, hat der Arzt gesagt. Neutral, feststellend. „Und Ihre Chancen sind von gut, bis, na ja, nicht so gut, da ist alles möglich.“ „Das heisst, es könnte auch sein, dass ...“ Der Arzt hat den Bleistift zwischen den Fingern gedreht, den Blick auf die Bilder des Computertomographen geheftet und gesagt, „Prognosen zu machen, wäre unseriös“, und ich habe genickt, und meine Zehen wippten auf, ab, die Zeigefinger umkreisten die Daumen, mein Alter spricht zwar gegen die Krankheit, und die Symptome sind auch nicht typisch, aber eine Tante mütterlicherseits ist vor Jahren daran gestorben, meine Chance also fünfzig zu fünfzig, oder etwa grösser, oder vielleicht doch kleiner, weil ich kaum Sport treibe, gelegentlich rauche, die Pille nehme, bitte, ein kleiner Tipp, ein Hinweis, ein beruhigendes Wort, oder dann heraus mit der Wahrheit, aber nicht dieses fünfzig zu fünfzig, fünf Arbeitstage lang plus ein ganzes Wochenende, aber ich habe mich nicht getraut, dies dem Arzt zu sagen, sondern mich vom Stuhl erhoben und bin quer über den Hirschengraben zum Bahnhof geeilt.

Der Zug hat Verspätung. Er rollt mit einem Ruck an. Meine Stirn knallt gegen die Fensterscheibe. Der Geschäftsmann mir gegenüber blickt von seinem Tablet hoch, streckt sich, pumpt sich auf, greift nach seiner Gürtelschnalle, der Blick streift meine übereinandergeschlagenen Beine, bleibt dreist am offenen Strickjäckchen hängen, die Augenlider klappen zu, auf, wie in Zeitlupe. Du versnobter Chauvi, denke ich und erschrecke über meine plötzliche Dünnhäutigkeit, woher nimmst du diese Sicherheit, du bist ebenso sterblich wie ich, beide sitzen wir im selben Zug und der zuckelt gerade, parallel zu einer anderen Wagenkomposition, in Richtung Lorraineviadukt. Ich setze mich aufrecht hin, ziehe den Reissverschluss des Jäckchens über den Busen hoch, verschränke die Arme und beobachte im gegenüber fahrenden Zug eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. Das Kind presst die Nase an die Fensterscheibe, leckt mit der Zunge am Glas, die Mutter deutet mit dem Zeigefinger auf mich, winkt, der Kleine winkt ebenfalls, lacht, hüpft, ich winke zurück. Fünfzig zu fünfzig, denke ich, für uns alle, für den Snob, den Kleinen, seine Mutter und die nächsten fünf Tage auch immer noch für mich. Mein Herz pocht und hämmert, der Körper vibriert mit jedem Schlag. Und wer von uns erreicht am schnellsten das Ziel? Das Alter ist eine unzuverlässige Prognose, nicht die Reisenden bestimmen das Tempo des Zuges, es ist der Lokomotivführer, der bremst oder beschleunigt, ich drehe den Kopf Zentimeter um Zentimeter seitwärts, zurück, mein Zug kämpft sich Fenster um Fenster an der anderen Wagenkomposition vorbei, wird schneller, das Kind und die Mutter entfernen sich, ziehen sich zurück, verschwinden, aber mir eilt es doch nicht, denke ich, Himmel Herrgott, lass mir Zeit, und ich presse meinen Rücken in den Stoffsitz, stemme die Füsse gegen den Boden, und wenn jeder überholte Wagen zehn Prozent bedeutete, zehn Prozent weniger Lebenschance, dann blieben von den fünfzig Prozent minus zweieinhalb Waggons noch ein Viertel Hoffnung, ein Viertel Hoffnung hiesse aber an der Krankheit krepieren, nicht sofort, sondern nach einer Chemotherapie, Strahlentherapie, Seuchenbekämpfung für ein paar zusätzliche Lebensmonate, lächerlich, lächerlich diese Zeichendeuterei, purer Aberglaube, das hab ich schon als Kind gemacht, stürmte die Eingangstreppe hoch, zählte die Stufen, bis die Haustüre hinter mir zuknallte, jede Stufe bis zum Knall bedeutete einen Viertel Schulnote, eine Viertelnote in jenem Fach, das gerade geprüft worden war, Beruhigungsstrategie für Lernfaule, je weniger ich für die Prüfung gebüffelt hatte, desto schneller rannte ich, aber wenigstens konnte ich den Lauf meiner Zukunft selber entscheiden. Ich presse die Arme an den Leib, starre aus dem Fenster, der zweieinhalb-Wagen-Vorsprung auf die Zugkomposition mit dem Kleinen ist auf einen Wagen geschrumpft, ich atme kaum, fünfzig Prozent minus ein Waggon, das ergibt vierzig Prozent, wieviel gewonnener Lebenszeit entspricht dies?, und wenn der Bub mit seiner Mutter mich jetzt ganz aufholt, überholt, wird der Kleine dann vor mir sterben?, und vor dem Snob?, das wäre nicht gerecht, nicht das Kind, auch nicht die Mutter, um den Snob täte es mir weniger leid, aber was ist mit mir, und schon kann ich den Kleinen wieder ausmachen, er steht noch immer am Fenster, die Mutter wischt mit dem Ärmel über die Scheibe, entdeckt mich, sagt dem Kleinen etwas ins Ohr, und der Bub patscht mit den Händchen gegen das Glas, und die Züge donnern über ihre Gleise, gleiten aneinander vorbei, schieben sich vor, fallen zurück, ringen um Lebenszeit, verlieren Lebensmöglichkeit, und plötzlich ist der andere Zug weg. Verschwunden. Abgebogen in einer Rechtskurve beim Bahnhof Wankdorf Richtung Thun.

 

Ich spreize meine Ellbogen wieder vom Körper ab. Schmetterlinge trocknen ihre Flügel genau so.