Partner:   Stadt Zürich Kultur      Zürcher Kantonalbank

Schreib mir! von Alexandra Holenstein

Text des Monats Februar 2015 (Thema: Zitat)

Autor/in:

Das Zitat für die Monate Januar - März: "Der Mensch ist einer, der etwas stattdessen tut." (Odo Marquard)

Schreib mir!

 

Seesicht sollte es sein. Unbedingt Seesicht. Vielleicht sogar mit den Brissago Inseln, aber das war reines Wunschdenken. „Wünschen darf man ja noch“, hatte Käthe immer gesagt und dann gelacht. Ihr kehliges, kratziges Lachen, das dann immer öfter ins Husten überging. Sie hatten sich viele Wohnungen angesehen, einige, die sie sich leisten konnten, andere, die unerschwinglich waren. Für letztere wählten sie sich Makler, die sie zuvor noch nicht aufgesucht hatten und taten so, als wäre der Preis nicht so wichtig. Schon möglich, dass die ihre Zweifel hatten, aber woher wollten sie wissen, wie ernst es ihm und Käthe tatsächlich war?

Sie zogen sich bei solchen Besichtigungen besonders gut an. Er den dunkelblauen Seidenblouson, den er schon seit zwanzig Jahren hatte und nur zu besonderen Gelegenheiten trug, Käthe den blassrosa Hosenanzug, den sie für Annas Hochzeit erstanden hatte. Die lag nun auch schon wieder fünfzehn Jahre zurück.

„Du darfst heute nicht mitkommen“, sagten sie zu Moritz, der sie dann wissend anschaute und aufgeregt mit dem Schwanz wedelte, ein Komplize im konspirativen Arrangement.

Ach, war das herrlich auf der Terrasse einer 5-Zimmer-Attikawohnung zu stehen, den Blick schweifen zu lassen, vielleicht bis ganz nach Italien runter. Dann taten sie so, als würden sie unter sich über das Für und Wider der Wohnung diskutieren, bauten vielleicht einen kleinen Zwist ein, mäkelten an einem unbedeutenden Detail, liessen sich Getränke reichen und verabschiedeten sich mit der Zusicherung, sich das Ganze gründlich durch den Kopf gehen zu lassen oder noch mit diesem oder jenem besprechen zu müssen. Die Blicke der Makler oder Besitzer blieben undurchsichtig höflich. Es war nicht anzunehmen, dass sie die ersten Interessenten waren, die sich so den Tag vertrieben.

Schliesslich hatten sie dann etwas Erschwingliches für sich gefunden. Ohne Seesicht. Der Verkäufer hatte betont, dass es nur zehn Minuten zu Fuss zur Promenade wären, was für Käthe und ihn allerdings nicht stimmte. So einen zügigen Schritt hatten sie schon lange nicht mehr.

Zwei Zimmer, eine kleine Küche, ein winziges Bad und ein Balkon, mehr hatte nicht drin gelegen. Vom Balkon aus sah man auf ein Haus gleicher Bauart, dessen Bewohner sich das Glück, ein wenig Wasserblau erhaschen zu dürfen, noch teurer erkauft hatten.

Selbst diese bescheidene Wohnung hatte alles verschlungen, was der Verkauf ihres Hauses im Thurgau eingebracht hatte. Das war ein adrettes Haus gewesen. Tadellos gepflegt, dafür hatte er gesorgt. Gemüsebeete,   ein Gartenhäuschen, ein Teich mit Steinfiguren. Fünfunddreissig Jahre hatten sie in diesem Haus verbracht.

Aber was war das schon gegen die Palmen an der Seepromenade, die roten Bänke vor den üppigen Blumenbeeten, den Blick aufs glitzernde Blau des Lago Maggiore, wenn sie mit Moritz an der Leine am Ufer schlenderten.

Sie hatten vorsorglich einen Italienischkurs der Volkshochschule besucht. Schliesslich wollten sie nicht zu den Heerscharen von Rentnern zählen, die auf der Piazza ihren Nachmittagskaffee tranken und noch nach Jahren keinen richtigen Satz auf Italienisch hervorbrachten. 

Käthe war dann doch nicht mitgekommen. Und Moritz auch nicht. „Schreib mir“, hatte sie gesagt, als er bei ihr am Bett sass. Sie hatte zu dem Zeitpunkt schon sehr matt geklungen. „Jeden Tag!“ Dabei drückte sie ihm die Hand, so fest es eben noch ging.

Wusste sie denn nicht, dass er gar nicht so gerne schrieb?

Heute war wieder so ein Tag, wo ihm nicht recht einfiel, was er ihr erzählen sollte. Wäre Moritz wenigstens noch da gewesen, dann hätte es bestimmt etwas Lustiges zu berichten gegeben. Der hatte auch früher immer für Gesprächsstoff gesorgt. Oder sie hatten einfach mit ihm gesprochen. „Pass auf, Moritz, gleich geht’s raus. Spazieren. Merkst du’s schon, dass es gleich soweit ist?“ Und dann hatten sie sich gefreut, weil er sich so freute. Nervös zur Tür trippelte, zurück zu ihnen an den Frühstückstisch und wieder an die Tür.

Dass es schon den dritten Tag regnete, ununterbrochen, das konnte er ihr schreiben. Dass er immer noch von der Gemüsesuppe ass, die er sich am Sonntag gekocht hatte, obwohl er nun wirklich genug davon hatte. Oder dass er mit Claudio, dem Hausmeister, ein paar Worte gewechselt hatte. Auf Italienisch. Es hatte ganz gut geklappt. Claudio war ein Freundlicher, nicht so einer, der immer was zu nörgeln hatte. Käthe hätte ihn auch nett gefunden.

Er sass vor dem noch fast leeren Blatt. „Liebe Käthe“ stand schon mal da. „Du fehlst mir“. „Sehr“, fügte er noch hinzu. Dann faltete er das Blatt zusammen. Heute mochte er nicht mehr schreiben. Er ging zu dem grossen Karton, den er neben dem Fernseher stehen hatte und legte das Blatt zu all den anderen. Er musste daran denken einen neuen Karton zu besorgen. Der hier war voll.